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Während ich mit den Vorbereitungen begann, beobachtete ich die Frau und ihren Sohn. Die beiden wirkten wie Gleichaltrige. Sie rannten in die Wüste, lachten, bewarfen sich mit Sand, legten sich auf den Boden, rollten die Dünen herunter. Ein Reiseführer kam mit drei deutschen Touristen, die aßen und dazu Bier bestellten. Ich mußte ihnen erklären, daß meine Religion es mir verbiete, ihnen alkoholische Getränke zu servieren. Ich lud die Frau und ihren Sohn zum Abendessen ein, und einer der Deutschen war begeistert von der unerwarteten weiblichen Gesellschaft. Er meinte, er wolle Grundstücke kaufen, er hätte

ein großes Vermögen angehäuft und glaubte an die Zukunft der Region.

»Großartig«, sagte sie. »Das tue ich auch.«

»Könnten wir nicht woanders zu Abend essen, um uns besser unterhalten zu können und …«

»Nein«, unterbrach sie ihn. »Wenn Sie möchten, können Sie mich in meiner Agentur aufsuchen.«

Als die Touristen gegangen waren, setzten Athena und ich uns vor das Zelt. Das Kind schlief gleich auf ihrem Schoß ein. Ich holte Decken für uns alle, und wir saßen dort und blickten zum Sternenhimmel hinauf. Schließlich brach sie das Schweigen.

»Warum sagt Hamid, daß Sie ein weiser Mann sind?«

»Vielleicht, weil ich mehr Geduld habe als er. Es gab eine Zeit, in der ich versucht habe, ihm meine Kunst beizubringen, aber Hamid schien mehr daran interessiert, Geld zu verdienen. Heute wird er davon überzeugt sein, weiser zu sein als ich. Er hat eine Wohnung, ein Schiff, während ich hier mitten in der Wüste sitze und für die wenigen Touristen koche, die hier vorbeikommen. Er versteht nicht, daß ich mit dem, was ich mache, zufrieden bin.«

»Er versteht es sehr wohl, denn er erzählt allen voller Respekt von Ihnen. Was aber ist Ihre Kunst?«

»Ich habe Sie heute tanzen sehen. Ich mache das Gleiche, nur statt meines Körpers tanzen die Buchstaben.«

Sie wirkte überrascht.

»Meine Art, mich Allah – sein Name sei gepriesen – zu nähern, ist durch die Kalligraphie, durch die Suche nach dem vollkommenen Sinn eines jeden Wortes. Jeder Buchstabe verlangt, daß wir die Kraft in ihm freisetzen, die in ihm angelegt ist, indem wir unsere Kraft hineinlegen, als würden wir seine Bedeutung herausarbeiten, ziselieren. So werden die heiligen Texte geschrieben, in ihnen ist die Seele des Menschen, der als Werkzeug dafür gedient hat, um sie in der Welt zu verbreiten.

Und nicht nur die heiligen Texte, sondern alles, was wir zu Papier bringen. Denn die

Hand, die die Linien zeichnet, spiegelt die Seele dessen wider, der sie schreibt.«

»Würden Sie mir Ihre Kunst beibringen?«

»Erstens glaube ich nicht, daß ein Mensch, der so voller Energie steckt wie Sie, die Geduld aufbringt, sie zu erlernen. Außerdem gehört meine Kunst nicht in Ihre Welt, in der die Dinge gedruckt werden und über das, was veröffentlicht wird, nicht viel nachgedacht wird, wenn Sie mir diese Bemerkung erlauben.«

»Ich würde es gern versuchen.«

Und mehr als sechs Monate lang ist diese Frau, die ich für aufgeregt, überdreht und unfähig gehalten hatte, auch nur einen Augenblick stillzusitzen, jeden Freitag zu mir gekommen. Ihr Sohn setzte sich in eine Ecke, nahm Papier und Pinsel und versuchte ebenfalls in seinen Zeichnungen das zu offenbaren, was der Himmel bestimmte.

Ich sah, wie ungeheuer schwer es ihr fiel, stillzuhalten, die richtige Haltung einzunehmen, und fragte sie: »Fänden Sie es nicht besser, etwas anderes zu suchen, um sich die Zeit zu vertreiben?« Sie antwortete: »Ich brauche dies hier, meine Seele muß ruhiger werden, und ich habe noch nicht alles gelernt, was Sie mir beibringen können. Das Licht des Scheitelpunkts hat mir gesagt, ich solle weitergehen.« Ich habe sie nie gefragt, was dieser Scheitelpunkt war, es interessierte mich nicht.

Die erste Lektion, wahrscheinlich die schwierigste, war Geduld.

Schreiben war nicht nur eine Tätigkeit, mit der ein Gedanke ausgedrückt wurde, sondern auch Nachdenken über die Bedeutung eines jeden Wortes. Wir haben anfangs zusammen an Texten eines arabischen Dichters gearbeitet, denn ich glaube nicht, daß der Koran für einen in einem anderen Glauben erzogenen Menschen ein passender Text gewesen wäre.

Ich diktierte jeden Buchstaben, und so konzentrierte sie sich auf das, was Sie tat, und wollte nicht gleich die Bedeutung des Wortes, des Satzes oder des Verses wissen.

»Mir hat einmal jemand gesagt, daß die Musik von Gott geschaffen wurde und daß die schnelle Bewegung im Tanz notwendig sei, damit die Menschen in Kontakt mit sich selber gelangen«, sagte Athena an einem der gemeinsam verbrachten Nachmittage.

»Jahrelang schien das zu stimmen, und jetzt werde ich gezwungen, das für mich Schwierigste zu tun: meine Schritte zu verlangsamen. Warum ist Geduld so wichtig ?«

»Weil sie uns aufmerksam werden läßt.«

»Aber wenn ich tanze, zwingt mich meine Seele, mich auf etwas Höheres als mich selbst zu konzentrieren, und erlaubt mir, mit Gott in Kontakt zu treten – wenn ich das Wort gebrauchen darf. Das hat mir schon geholfen, viele Dinge zu verändern, auch meine Arbeit. Ist denn die Seele nicht das Wichtigste?«

»Selbstverständlich. Aber wenn es Ihrer Seele gelänge, mit Ihrem Gehirn zu kommunizieren, könnten Sie noch viel mehr verändern.«

Wir arbeiteten gemeinsam weiter. Ich wußte, daß ich ihr irgendwann etwas sagen mußte, das zu hören sie vielleicht noch nicht bereit war. Daher versuchte ich jede Minute zu nutzen, ihren Geist vorzubereiten. Ich erklärte ihr, daß vor den Worten der Gedanke da ist. Und vor dem Gedanken der göttliche Funke, der ihn dorthin gesetzt hat. Alles, wirklich alles auf dieser Welt, hat seinen Sinn, und man muß auf die geringsten Dinge achten.

»Ich habe meinen Körper dazu erzogen, die Gefühle meiner Seele ganz und gar zu offenbaren«, sagte sie.

»Jetzt erziehen Sie einfach nur Ihre Finger, damit sie die Gefühle Ihres Körpers ganz und gar offenbaren. So wird Ihre ungeheure Kraft konzentriert.«

»Sie sind ein Meister.«

»Was ist ein Meister? Meine Antwort ist: Ein Meister ist nicht derjenige, der etwas lehrt, sondern derjenige, der den Schüler dazu inspiriert, das Beste von sich zu geben, um herauszufinden, was er schon weiß.«

Ich hatte das Gefühl, daß Athena diese Erfahrung schon gemacht hatte, obwohl sie noch sehr jung war. Da die Schrift die Persönlichkeit eines Menschen offenbart, bemerkte ich, daß sie sich geliebt fühlte, nicht nur von ihrem Sohn, sondern von ihrer Familie und möglicherweise von einem Mann. Ich fand heraus, daß sie geheimnisvolle Gaben hatte, diese aber verbergen wollte. Denn diese Gaben konnten eine Begegnung mit Gott herbeiführen, aber auch ihr Verderben bedeuten.

Ich beschränkte mich nicht darauf, ihr nur die Technik zu zeigen, sondern ihr auch die Philosophie der Kalligraphen zu vermitteln.

»Die Feder, mit der Sie jetzt schreiben, ist nur ein Werkzeug. Sie hat kein Bewußtsein, sie folgt dem Willen dessen, der sie hält. Und darin ist sie dem ähnlich, was wir >Leben< nennen. Viele Menschen erfüllen auf dieser Welt nur eine Rolle, ohne zu wissen, daß eine unsichtbare Hand sie lenkt.

In diesem Augenblick liegen in Ihrer Hand, in der Feder, die jeden Buchstaben zeichnet, alle Absichten Ihrer Seele. Versuchen Sie, das zu begreifen.«

»Ich begreife es, denn ich sehe, daß es wichtig ist, eine bestimmte Anmut zu wahren. Weil Sie von mir verlangen, daß ich mich zuerst in einer bestimmten Position hinsetze und das Material ehre, das ich benutze, und erst dann zu schreiben beginne.«

Selbstverständlich. In dem Maße, wie sie die Feder achtete, würde sie herausfinden, daß es notwendig war, gelassen zu sein und Anmut zu wahren, um schreiben zu lernen. Und die Gelassenheit kommt aus der Seele.

»Die Anmut ist nichts Oberflächliches, sondern ein Mittel, mit dem der Mensch das Leben und die Arbeit ehren kann. Lassen Sie sich daher nicht irritieren, wenn die Schrift auf sie falsch oder künstlich wirkt. Sie ist echt, weilsie schwierig ist. sie führt dazu, daß sowohl das papier als auch die Feder stolz auf Ihre Bemühungen sind. Das Papier hört auf, nur eine plane, farblose Oberfläche zu sein, es erhält die Tiefe der Dinge, die dorthin gesetzt werden.