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Aber mich interessieren diese individuellen Wege nicht mehr. Meiner Tradition zufolge brauche ich die Hilfe von – hören Sie mir überhaupt zu?«

»Nein.«

Sie war mitten auf der Straße stehengeblieben und schaute auf ein Mädchen, das verlassen wirkte. Sofort griff sie in ihre Tasche.

»Tun Sie das nicht«, sagte ich. »Schauen Sie auf die andere Straßenseite. Dort steht eine Frau mit bösem Blick. Sie hat dieses Kind dorthin gestellt, damit es …«

»Das ist mir egal.«

Die junge Frau holte ein paar Münzen aus der Tasche. Ich hielt ihre Hand fest.

»Lassen Sie uns das Mädchen zum Essen einladen. Das ist nützlicher.«

Ich lud das Kind ein, mit zu einem Imbiß zu kommen. Dort kaufte ich ihm ein Sandwich und gab es ihm. Das Mädchen lächelte und bedankte sich: Die Augen der Frau auf der anderen Straßenseite schienen vor Hass zu funkeln. Doch die grauen Augen der jungen Frau, die neben mir ging, verrieten Bewunderung für das, was ich eben getan hatte.

»Was haben Sie gerade gesagt?«

»Das ist nicht weiter wichtig. Wissen Sie übrigens, was vor ein paar Minuten passiert ist? Sie sind in die gleiche Trance gefallen, die der Tanz hervorruft«

»Sie irren sich.«

»Ich irre mich keineswegs. Etwas hat Ihr Unterbewußtsein berührt. Vielleicht haben Sie sich selber gesehen. Wären Sie nicht adoptiert worden, hätten Sie auf dieser Straße gebettelt. In diesem Augenblick hat Ihr Gehirn nicht mehr reagiert. Ihr Geist ist aus Ihnen herausgetreten und ist in die Hölle gereist, ist dort den Dämonen Ihrer Vergangenheit begegnet. Deshalb haben Sie die Frau auf der anderen Straßenseite nicht bemerkt – Sie waren in Trance. In einer spontanen Trance, die Sie dazu trieb, etwas zu tun, was theoretisch gut, aber praktisch unnütz gewesen wäre. Als befänden Sie sich…«

»In einem der weißen Zwischenräume zwischen den Buchstaben. In dem Augenblick, in dem ein Ton verklingt und der nächste noch nicht begonnen hat.«

»Genau. Aber eine derartige Trance kann gefährlich sein.«

Ich hätte beinahe gesagt: »Diese Art von Trance wird von Angst hervorgerufen: Sie lähmt den Menschen, nimmt ihm seine Reaktionsfähigkeit, der Körper antwortet nicht, seine Seele ist nicht mehr da. Sie waren voller Schrecken angesichts all dessen, was hätte geschehen können, hätte das Schicksal Ihnen nicht Ihre Eltern geschenkt.« Aber sie hatte derweil die Koffer abgestellt und schaute mir ins Gesicht.

»Wer sind Sie? Warum sagen Sie mir das alles ?«

»Mein bürgerlicher Name ist Deidre O’Neill. Angenehm. Und wie heißen Sie?«

»Athena. Aber in meinem Paß steht Sherine Khalil.«

»Wer hat Ihnen diesen Namen gegeben?«

»Niemand, der wichtig wäre. Aber ich habe nicht nach Ihrem Namen gefragt, ich habe gefragt, wer Sie sind. Ich wüßte auch gern, warum Sie mich angesprochen haben und warum ich ebenfalls den Wunsch verspürt habe, mit Ihnen zu reden. Liegt es daran, daß wir beide die einzigen Frauen in der Hotellobby waren? Ich glaube nicht: Sie sagen mir Dinge, die in meinem Leben einen Sinn ergeben.«

Sie nahm wieder ihre Koffer, und wir gingen weiter Richtung Bahnhof.

»Ich habe auch einen zweiten Namen. Edda. Aber er wurde nicht zufällig gewählt. Ebenso wenig wie ich glaube, daß uns der Zufall zusammengeführt hat.«

Vor uns lag der Eingang zum Bahnhof mit seinem regen Treiben: Militärs in Uniform, Bauern, hübsche Frauen, die aber gekleidet waren wie vor fünfzig Jahren, strömten heraus und hinein.

»Wenn uns nicht der Zufall zusammengeführt hat, was dann?«

Bis zur Abfahrt ihres Busses war es noch eine halbe Stunde, und ich hätte antworten können: die Große Mutter. Es gibt einige auserwählte Menschen, von denen ein ganz besonderes Leuchten ausgeht. Es ist ihnen bestimmt, einander zu begegnen. Sie – Sherine oder Athena – gehören dazu, allerdings müssen Sie noch viel an sich arbeiten, bis Sie die Energie, die Ihnen gegeben wurde, für sich nutzen können.

Ich hätte ihr erklären können, daß sie den klassischen Weg einer Hexe ging, deren Suche nach der höheren oder der niederen Welt durch das bestimmt wird, was ihre Persönlichkeit ausmacht. Am Ende aber zerstört sie fast immer ihr eigenes Leben – sie dient, gibt Energie weiter, bekommt aber keine zurück.

Ich hätte ihr erklären können, daß die Wege zwar ganz persönlich sind, es aber immer eine Wegstrecke gibt, in der Menschen sich zusammentun, zusammen feiern, ihre Schwierigkeiten besprechen und sich auf die Wiedergeburt der Großen Mutter vorbereiten.

Daß die Verbindung mit dem Göttlichen Licht die größte Wirklichkeit ist, die ein Mensch je erfahren kann, und daß diese Verbindung dennoch der Tradition zufolge, der ich angehöre, nie ganz allein gelebt werden darf, weil es Jahre, Jahrhunderte der Verfolgung gab, die uns viel gelehrt haben.

»Wir könnten, bis der Bus abfährt, noch einen Kaffee zusammen trinken.«

Nein, das wollte ich nicht. Ich würde am Ende Dinge sagen, die zu diesem Zeitpunkt falsch verstanden werden würden.

»Bestimmte Menschen waren sehr wichtig für mein Leben«, fuhr Athena fort. »Mein Vermieter in London beispielsweise. Oder ein Kalligraph, den ich in der Wüste in der Nähe von Dubai kennengelernt habe. Wer weiß, vielleicht haben Sie mir Dinge zu sagen, die ich mit den beiden teilen kann, um alles das zu entgelten, was sie mich gelehrt haben.«

Sie hatte also bereits Meister gehabt: großartig! Ihr Geist war reif. Sie mußte nur weiterlernen, sonst würde sie am Ende verlieren, was sie schon erreicht hatte. Aber war ich der richtige Mensch dafür?

Ich bat die Große Mutter darum, mich zu inspirieren, zu mir zu sprechen. Ich bekam keine Antwort – was mich nicht überraschte, weil sie mich immer so behandelte, wenn es darauf ankam, daß ich selber die Verantwortung für eine Entscheidung übernahm.

Ich reichte ihr meine Visitenkarte und bat sie um ihre. Sie gab mir eine Adresse in Dubai.

Ich beschloß, sie noch etwas auf die Probe zu stellen. »Ist es nicht ein Zufall, daß sich drei Engländer in einer Hotellobby in Bukarest treffen?«

»Ihrem Namen nach zu urteilen, sind Sie Schottin. Der Mann, der mich angesprochen hat, scheint in England zu arbeiten, aber ich weiß nichts über ihn.«

Sie atmete tief ein.

»Und ich bin… Rumänin.«

Ich ging nicht darauf ein, meinte aber, es sei jetzt Zeit für mich, ins Hotel zurückzukehren und meine Koffer zu packen.

Jetzt wußte sie, wo sie mich finden konnte, und wenn es vorherbestimmt war, würden wir uns wiedersehen. Man muß dem Schicksal Gelegenheit geben, in unser Leben einzugreifen und zu entscheiden, was für alle das Beste ist.

Vosho »Bushalo«, 65 Jahre alt, Restaurantbesitzer

Diese Westeuropäer kommen hier an und meinen, sie wüßten alles, meinen, sie hätten Anspruch auf eine bessere Behandlung, das Recht, uns mit Fragen zu bombardieren, und wir hätten gefälligst zu antworten. Und dann glauben sie noch, daß sie die Vergangenheit wiedergutmachen können, indem sie unseren Namen in »Volk der Reisenden« oder »die Roma« ändern.

Warum nennen sie uns nicht einfach weiter Zigeuner und hören mit diesen Legenden auf, die uns vor aller Welt immer als niederträchtige Menschen darstellen? Sie behaupten, wir seien aus der unerlaubten Verbindung einer Frau mit dem Dämon selbst hervorgegangen. Sie sagen, daß einer von uns die Nägel geschmiedet habe, mit denen Christus ans Kreuz geschlagen wurde, daß Mütter auf ihre Kinder achtgeben müßten, weil wir sie rauben und versklaven.

Damit haben sie die im Laufe der Geschichte an uns begangenen Massaker gerechtfertigt

– im Mittelalter wurden wir wie die Hexen gejagt, jahrhundertelang wurde unsere Zeugenaussage vor deutschen Gerichten nicht angenommen. Als die Nazis Europa überfielen, war ich schon geboren und habe zusehen müssen, wie mein Vater das erniedrigende Symbol eines schwarzen Dreiecks auf seiner Kleidung tragen mußte und in ein Konzentrationslager in Polen deportiert wurde. Von den Hunderttausenden zur Sklavenarbeit geschickten Zigeuner haben ganze 5000 überlebt, um die Geschichte zu erzählen.