Aber ich will die andere Hälfte des Geldes haben. Als ich den Wein an den Tisch bringe, frage ich sie nach dem Hotel, in dem sie abgestiegen ist, und sage ihr, daß ich am nächsten Morgen um zehn Uhr dort sein werde.
Heron Ryan, Journalist
Gleich beim ersten Glas Wein erzählte sie mir, obwohl ich sie selbstverständlich nicht danach gefragt hatte, daß sie einen Freund habe, der Inspektor bei Scotland Yard sei. Das war natürlich gelogen: Sie mußte meine Blicke gedeutet haben und versuchte nur, mich von sich fernzuhalten.
Ich entgegnete, ich hätte eine Freundin, und damit stand es zwischen uns beiden unentschieden.
Zehn Minuten, nachdem die Musik angefangen hatte, stand Athena vom Tisch auf. Wir hatten wenig miteinander geredet – nicht über meine Forschungen über Vampire, nur Allgemeines, Eindrücke von der Stadt, Klagen zum Zustand der Straßen. Aber ganz unvermittelt sah ich – und alle im Restaurant mit mir – eine Göttin, die sich in ihrer ganzen Herrlichkeit zeigte, eine Priesterin, die Engel und Dämonen herauf beschwor.
Sie hatte die Augen geschlossen und schien nicht mehr zu wissen, wer sie war, wo sie war, was sie auf der Welt suchte. Es war, als schwebte sie und riefe dabei ihre Vergangenheit herbei, als offenbarte sie ihre Gegenwart und sagte die Zukunft voraus. Sie verband Erotik und Keuschheit, Pornographie und Erleuchtung, sie war zugleich Anbetung Gottes und der Natur.
Die Leute hörten auf zu essen und sahen ihr zu. Sie folgte nicht mehr der Musik, jetzt versuchten die Musiker ihre Schritte zu begleiten, und das Restaurant im Keller eines alten Gebäudes in Sibiu wurde zu einem dieser ägyptischen Tempel, in denen sich die Jüngerinnen von Isis zu ihren Fruchtbarkeitsritualen versammelten. Der Geruch nach gegrilltem Fleisch und Wein verwandelte sich in den Duft von Weihrauch, der uns in die gleiche Trance versetzte, uns die Erfahrung vermittelte, aus der Welt heraus in eine unbekannte Dimension zu gelangen.
Die Saiten-und Blasinstrumente hatten aufgehört zu spielen, nur die Schlaginstrumente machten weiter. Athena tanzte entrückt, Schweiß rann ihr übers Gesicht, die nackten Füße stampften auf den Holzboden. Eine Frau erhob sich und band ihr sanft ein Tuch um Hals und Brüste, denn Athenas Bluse drohte ständig von der Schulter herunterzurutschen. Sie schien es nicht zu bemerken, sie war in anderen Sphären, drang in Welten vor, die unsere Welt fast berühren, uns aber immer verschlossen bleiben.
Die Leute im Restaurant begannen im Takt der Schlaginstrumente zu klatschen, und Athena tanzte schneller, nahm die Energie des Händeklatschens in sich auf, drehte sich um sich selbst, hielt sich in der Leere im Gleichgewicht, riß alles mit sich, was wir, die armen Sterblichen, der höchsten Gottheit darbieten sollten.
Und plötzlich blieb sie stehen. Alle hielten inne, auch die Musiker an den Perkussionsinstrumenten. Athena hielt ihre Augen weiterhin geschlossen. Tränen rollten ihr übers Gesicht. Sie hob die Arme zum Himmel und rief:
»Wenn ich sterbe, begrabt mich aufrecht, denn ich habe mein ganzes Leben lang auf Knien verbracht.«
Keiner sagte etwas. Sie öffnete die Augen, als würde sie aus einem tiefen Schlaf erwachen, und kam zum Tisch zurück, als wäre nichts geschehen. Das Orchester spielte wieder, Paare gingen auf die Tanzfläche und versuchten sich zu amüsieren, doch die Stimmung im Lokal hatte sich vollkommen verändert. Die Leute zahlten bald und begannen das Restaurant zu verlassen.
»Ist alles in Ordnung ?«, fragte ich, als ich sah, daß Athena sich von der körperlichen Anstrengung erholte.
»Ich habe Angst. Ich habe den Ort gefunden, den ich gesucht habe, doch ich habe Angst, dorthin zu gehen.«
»Möchten Sie, daß ich Sie begleite?«
Sie schüttelte den Kopf. Aber sie fragte, in welchem Hotel ich sei. Ich gab ihr die Adresse.
In den darauffolgenden Tagen beendete ich die Recherchen zu meinem Film. Ich schickte meinen Dolmetscher mit dem Mietwagen nach Bukarest zurück und blieb nur in Sibiu, weil ich Athena noch einmal sehen wollte. Obwohl ich jemand bin, der sich immer vom Verstand leiten läßt, jemand, der weiß, daß man Liebe nicht nur einfach entdecken, sondern auch allmählich aufbauen kann, war mir klar, daß ich, wenn ich sie nicht wiedersehe, einen wichtigen Teil meines Lebens für immer in Transsylvanien lassen würde. Wie wichtig dieser Teil war, wurde mir allerdings erst sehr viel später klar. Ich quälte mich durch endlose, gleichförmige Stunden des Wartens, ging mehr als einmal zum Busbahnhof, um die Abfahrtszeiten der Busse nach Bukarest herauszufinden, gab für Telefongespräche mit der BBC und meiner Freundin mehr aus, als mein kleines Budget als freier Produzent erlaubte. Ich sagte, daß das Material noch nicht fertig sei, daß die Rumänen so kompliziert seien, sich immer aufregten, wenn jemand das schöne Transsylvanien mit der grauenhaften Geschichte von Dracula in Verbindung brachte. Am Ende konnte ich die Produzenten überzeugen, und sie ließen mich länger als ursprünglich geplant dort bleiben.
Athena und ich waren im gleichen Hotel untergebracht. Eines Tages erschien sie dann endlich in der Lobby, und unsere erste Begegnung schien ihr wieder einzufallen. Diesmal lud sie mich ein, mit ihr auszugehen, und ich versuchte meine Freude zu verbergen. Vielleicht spielte ich ja auch in ihrem Leben eine wichtige Rolle.
Später fand ich heraus, daß der Satz, den sie am Ende ihres Tanzes ausgerufen hatte, ein altes Zigeunersprichwort war.
Liliana, Schneiderin, Alter und Nachname unbekannt
Der einzige Stammesbrauch, den ich nicht befolgt habe, war, daß ich, als mein Kind geboren wurde, nicht meinen Mann an meiner Seite hatte. Aber die Hebammen sind gekommen, obwohl sie wußten, daß ich mit einem gadjo,einem Fremden, geschlafen hatte. Sie lösten mein Haar, trennten die Nabelschnur durch, gaben mir das Kind. In diesem Augenblick sollte, so verlangte es die Tradition, das Kind in ein Kleidungsstück seines Vaters gewickelt werden. Er hatte ein Tuch zurückgelassen, das mich an seinen Duft erinnerte und in das ich hin und wieder die Nase steckte, um ihn bei mir zu fühlen. Jetzt würde ich den Duft aber für immer verlieren.
Ich wickelte meine Tochter in das Tuch und legte sie auf den Boden, damit sie die Energie der Erde empfing. Ich saß bei ihr und wußte nicht, was ich fühlen, was ich denken sollte. Mein Entschluß war bereits gefaßt.
Die Hebammen sagten, ich müsse einen Namen für sie wählen, ihn aber niemandem sagen. Er dürfe erst ausgesprochen werden, nachdem sie getauft war. Sie gaben mir geweihtes Öl und die Amulette, die ich ihr zwei Wochen später um den Hals binden sollte. Eine der Hebammen sagte, ich solle mir keine Sorgen machen, der ganze Stamm sei für mein Kind verantwortlich und ich müsse mich nur an die Kritik der anderen gewöhnen – sie würden schon irgendwann wieder damit aufhören. Sie rieten mir auch, das Haus nicht zwischen Abend-und Morgendämmerung zu verlassen, da die tsinvari– die bösen Geister
– uns in dieser Zeit angreifen und Besitz von uns ergreifen würden und unser Leben in eine einzige Tragödie verwandeln würden.
Eine Woche später bin ich direkt nach Sonnenaufgang zu einem Adoptionszentrum in Sibiu gegangen, um meine Tochter dort auf die Schwelle zu legen in der Hoffnung, eine barmherzige Hand werde sie dort aufsammeln. Als ich es gerade tun wollte, packte mich eine Krankenschwester am Arm und zog mich hinein. Sie beschimpfte mich, sagte mir, es würde immer jemand aufpassen, ob eine wie ich käme. Ich könne mich meiner Verantwortung, ein Kind auf die Welt gebracht zu haben, nicht einfach so entledigen. »Selbstverständlich war von einer Zigeunerin nichts anderes zu erwarten! «
Sie zwang mich, eine Karteikarte mit allen Angaben auszufüllen, und da ich nicht schreiben konnte, sagte sie noch einmaclass="underline" »Selbstverständlich war von einer Zigeunerin nichts anderes zu erwarten! Und versuch bloß nicht, falsche Angaben zu machen, du kommst sonst ins Gefängnis.« Aus Angst habe ich am Ende die Wahrheit erzählt.