Ich schaute meine Tochter ein letztes Mal an und brachte nur heraus: »Mädchen ohne Namen, mögest du Liebe, sehr viel Liebe in deinem Leben finden.«
Ich verließ das Waisenhaus und ging viele Stunden lang durch den Wald. Ich erinnerte mich dabei an die Nächte meiner Schwangerschaft, in denen ich das Kind und den Mann, der es in meinen Leib gepflanzt hatte, liebte und haßte.
Wie jede Frau hatte ich immer davon geträumt, meinem Märchenprinzen zu begegnen, zu heiraten, mein Haus mit Kindern zu füllen, für meine Familie zu sorgen. Wie viele Frauen verliebte ich mich schließlich in einen Mann, der mir das nicht geben konnte – aber mit dem ich unvergeßliche Augenblicke erlebte. Augenblicke, die ich dem Kind nicht würde verständlich machen können. Es würde immer innerhalb des Stammes stigmatisiert bleiben, eine gadjound ein mädchen ohne vater. Ichhätte es ertragen, aber ich wollte nicht, daß sie das gleiche Leid erfuhr, das ich erfahren hatte, seit ich wußte, daß ich schwanger war.
Ich hatte geweint und mich selber bis aufs Blut gekratzt, weil ich dachte, daß der Schmerz mich vielleicht ins Leben zurückbrächte, mich weniger grübeln und mich die Verachtung des Stammes aushalten ließe: Jemand würde sich um mein kleines Mädchen kümmern, und ich würde in der Hoffnung weiterleben, es einmal wiederzusehen, wenn es erwachsen war.
Ich setzte mich neben einen Baum auf den Boden und klammerte mich an den Stamm. Ich konnte nicht aufhören zu weinen. Doch als meine Tränen und das Blut meiner Wunden seine Borke berührten, ergriff mich eine eigenartige Ruhe. Mir war, als hörte ich eine Stimme, die mir sagte, daß ich mich nicht sorgen solle, daß mein Blut und meine Tränen mein Kind geläutert und mein eigenes Leid gelindert hätten. Seither erinnere ich mich immer an diese Stimme, wenn ich verzweifle, und werde wieder ruhig.
Daher war ich nicht überrascht, als ich mein Kind mit dem Rom Baro unseres Stammes kommen sah – der um einen Kaffee oder sonst etwas zu trinken bat, vielsagend lächelte und gleich wieder ging. Die Stimme hatte mir auch gesagt, mein Kind werde eines Tages wiederkommen. Und da stand sie vor mir. Ich sehe es jetzt, als würde es in diesem Augenblick geschehen. Sie ist hübsch, sieht ihrem Vater ähnlich. Ich weiß nicht, was sie für mich empfindet – vielleicht Hass, weil ich sie einst verlassen habe. Es bringt nichts, zu erklären, warum ich es getan habe. Niemand auf der Welt würde es verstehen.
Wir schauen einander eine Ewigkeit lang wortlos an – ohne zu lächeln, ohne zu weinen, einfach so. Ich spüre, wie ich von Liebe erfüllt werde, und weiß doch nicht, ob sie wissen will, was ich fühle.
»Hast du Hunger? Möchtest du etwas essen?«
Sie nickt.
»Du sprichst ja Englisch.«
Ich will schon sagen, »das war dein Vater«, halte mich aber zurück.
Wir treten in das kleine Zimmer, in dem ich lebe, das zugleich Wohn-, Schlafzimmer, Küche und Nähstube ist. Sie schaut sich entsetzt um, doch ich tue so, als bemerke ich es nicht. Ich gehe zum Herd, komme mit zwei Tellern dicker Gemüsesuppe wieder zurück. Wir essen schweigend, und während die Zeit vergeht, kommt mir alles vertraut vor: ich sitze da mit meiner Tochter, sie ist durch die Welt gewandert und ist nun zurückgekommen. Sie hat andere Wege kennengelernt und ist nach Hause zurückgekehrt. Ich weiß, daß dies eine Illusion ist, aber das Leben hat mir so viele Augenblicke harter Wirklichkeit geschenkt, daß Träumen wohltut. Anschließend mache ich einen starken Kaffee, und als ich gerade Zucker hineintun will, sagt sie:
»Ohne Zucker, bitte.«
Sie deutet auf ein Bild an der Wand. »Wer ist diese Heilige ?«
»Die heilige Sara, die Schutzpatronin der Zigeuner. Ich hätte so gern ihre Kirche in Frankreich besucht, aber wir dürfen hier nicht weg. Ich würde keinen Paß bekommen, keine Erlaubnis …«
Fast hätte ich gesagt: »Selbst wenn ich einen Paß bekommen könnte, hätte ich kein Geld, um…« Doch ich breche den Satz ab. Sie könnte glauben, ich wolle etwas von ihr erbitten.
»… und meine Arbeit läßt mir keine Zeit.«
Wieder Schweigen. Sie zündet eine Zigarette an, trinkt ihren Kaffee. Ihr Blick drückt nichts aus, kein Gefühl.
»Hast du geglaubt, daß du mich eines Tages wiedersehen würdest?«
Ich sage ja. Außerdem hatte ich gestern vom Rom Baro erfahren, daß sie in seinem Restaurant war.
»Ein Unwetter naht. Möchtest du etwas ausruhen?«
»Nein, ich möchte lieber reden. Aber wieso soll ein Unwetter aufziehen. Der Wind ist doch nicht stärker oder schwächer als vorher?«
»… aber du wirst sicher müde sein«, fahre ich fort und tue so, als hätte ich ihren Einwurf nicht gehört. »Ruhe dich aus, bis das Unwetter vorüber ist. Es wird bald hier sein. Ich kenne mich damit aus. Und wie jedes Unwetter bringt es Zerstörung. Zugleich aber wässert es die Felder, und mit dem Regen kommt die Weisheit des Himmels auf die Erde herab. Doch wie jedes andere Unwetter wird es vorübergehen. Je heftiger es ist, umso rascher.«
Unwetter machen mir keine Angst. Und als hätte die heilige Sara mich erhört, fallen die ersten Tropfen auf das Wellblechdach. Als die junge Frau ihre Zigarette aufgeraucht hat, nehme ich sie bei der Hand und führe sie ins Schlafzimmer. Sie legt sich hin und schließt die Augen.
Ich weiß nicht, wie lange sie geschlafen hat. Ich habe sie angeschaut und dabei an nichts gedacht, und die Stimme, die ich einst im Wald gehört hatte, sagte mir, daß alles gut sei, daß ich mir keine Sorgen machen solle, daß die Veränderungen, die das Schicksal den Menschen bringt, von Nutzen sein können, sofern wir sie zu entschlüsseln vermögen.
Ich weiß nicht, wer sie aus dem Waisenhaus geholt und aufgezogen und zu der unabhängigen Frau gemacht hat, die sie zu sein scheint. Ich sprach ein Gebet für diese Familie, die dafür gesorgt hatte, daß meine Tochter überlebte und ein besseres Leben hatte als ich. Während ich betete, überkamen mich Eifersucht, Verzweiflung, Reue, und ich hörte auf, mit der heiligen Sara zu sprechen. War es gut, daß meine Tochter zurückgekommen war? Dort, auf meinem Bett, lag alles, was ich verloren hatte und niemals wieder zurückerlangen würde.
Dort lag meine Tochter, das Ergebnis meiner Liebe. Ich war unwissend, und zugleich wurde mir alles offenbart. Ich durchlebte noch einmal die Augenblicke, in denen ich an Selbstmord gedacht, eine Abtreibung erwogen, mir vorgestellt hatte, diesen Winkel der Welt zu verlassen und zu Fuß dorthin zu gehen, wohin meine Füße mich tragen würden. Ich durchlebte noch einmal den Augenblick, in dem ich mein Blut und meine Tränen am Baum gesehen hatte, das Gespräch mit der Natur, das seither immer intensiver geworden war und niemals aufgehört hatte, wovon aber wenige aus meinem Stamm wußten. Mein Beschützer, der mich fand, als ich durch den Wald irrte, verstand das alles.
»Das Licht ist unbeständig, der Wind bringt es zum Erlöschen, der Blitz entzündet es, es ist nicht immer da – aber es lohnt sich, darum zu kämpfen«, hatte er gesagt.
Er war der Einzige, der mich akzeptierte und den Stamm davon überzeugte, daß ich weiterhin Teil ihrer Welt sein durfte. Der Einzige, der genügend moralische Autorität besaß, um zu verhindern, daß ich verstoßen wurde. Und der Einzige, der leider meine Tochter nicht kennenlernen würde, weil er gestorben ist. Ich habe um ihn geweint, während meine Tochter reglos auf meinem armseligen Bett lag, sie, die alle Bequemlichkeiten der Welt gewohnt sein dürfte. All die tausend Fragen waren wieder da: Wer waren ihre Adoptiveltern, wo lebte sie, hatte sie studiert, liebte sie jemanden, was waren ihre Pläne? Nicht ich war durch die Welt gereist, um sie zu finden, sondern sie. Daher stand es mir nicht zu, ihr Fragen zu stellen, sondern nur, ihre Fragen zu beantworten.