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»Es hat mir gefallen. Ob es mir immer gefallen würde, weiß ich nicht, aber es hat mich zugleich erschreckt und beglückt. «

»Sag mir, ob du erlebt hast, was du schon immer einmal erleben wolltest.«

Es ist eines, sich von einer Situation hinreißen zu lassen, aber etwas anderes, kühl darüber zu reden. Ich sagte nichts – obwohl ich keinen Zweifel daran hatte, daß sie die Antwort wußte.

»Nun ja«, meinte Andrea. »All das hatte ich in mir, wußte es aber nicht. Auch die Maske, die heute gefallen ist, als ich auf der Bühne stand. Hast du die Veränderung bemerkt?«

»Selbstverständlich. Du hast ein besonderes Licht ausgestrahlt. «

»Charisma: die göttliche Kraft, die sich im Mann und in der Frau offenbart. Die übernatürliche Macht, die wir niemandem zeigen müssen, weil alle sie bemerken, sogar die Menschen, die keinerlei Sensibilität besitzen. Aber sie offenbart sich erst, wenn wir nackt, für die Welt gestorben sind und für uns selber wiedergeboren werden. Gestern Abend bin ich gestorben. Heute, als ich die Bühne betrat und mir klar wurde, daß ich genau das tat, was ich mir ausgesucht hatte, bin ich aus meiner Asche neu erstanden.

Ich habe immer versucht, die zu sein, die ich war, aber es gelang mir nie. Ich versuchte immer, die anderen zu beeindrucken, führte intelligente Gespräche, ich tat, was meine Eltern erwarteten, aber benutzte alle Kunstgriffe, um die Sachen zu tun, die mir gefielen. Und ich habe mir meinen Weg immer mit Herzblut, Tränen und Willenskraft gebahnt – doch gestern habe ich herausgefunden, daß dieses das falsche Vorgehen war. Mein Traum verlangt das nicht, er will nur, daß ich mich ihm hingebe, meine Zähne zusammenbeiße, wenn ich finde, daß ich leide, denn das Leiden geht vorüber.«

»Warum sagst du mir das alles ?«

»Laß mich weiterreden. Auf diesem Weg, auf dem das Leiden die einzige Regel zu sein scheint, habe ich um Dinge gekämpft, um die zu kämpfen es nicht lohnte. Wie die Liebe, beispielsweise: entweder empfindet man sie – oder es gibt keine Kraft der Welt, die sie hervorrufen kann.

Wir können so tun, als liebten wir. Wir können uns aneinander gewöhnen. Wir können ein Leben lang in Freundschaft, innigem Einverständnis zusammenleben, eine Familie gründen, jede Nacht Sex miteinander und Orgasmen haben und dennoch fühlen, daß in allem eine armselige Leere liegt, daß etwas Wichtiges fehlt. Im Namen dessen, was ich über die Beziehungen zwischen Mann und Frau gelernt habe, versuchte ich, um Dinge zu kämpfen, die es nicht verdienen. Und das schließt dich beispielsweise mit ein.

Heute, als wir Liebe gemacht haben, als ich alles gab und merkte, daß auch du dein Bestes gabst, begriff ich, daß mich dein Bestes nicht mehr interessiert. Ich werde neben dir schlafen, und morgen gehe ich. Das Theater ist mein Ritual, dort kann ich ausdrücken und entwickeln, was ich will.«

Ich begann alles zu bereuen – daß ich nach Transsylvanien gefahren war, um dort einer Frau zu begegnen, die möglicherweise gerade mein ganzes Leben zerstörte, daß ich die erste >Gruppe< angeregt, in einem Restaurant meine Liebe erklärt hatte. In diesem Augenblick haßte ich Athena.

»Ich weiß, was du gerade denkst«, sagte Andrea. »Daß deine Freundin mich einer Gehirnwäsche unterzogen hat. Das stimmt aber nicht.«

»Ich bin ein Mann, auch wenn ich mich heute im Bett wie eine Frau benommen habe. Ich bin eine aussterbende Spezies, denn ich sehe um mich herum nicht mehr viele Männer. Wenige Menschen riskieren, was ich riskiere.«

»Dessen bin ich mir sicher, und deshalb bewundere ich dich auch. Aber willst du mich nicht fragen, wer ich bin, was ich will, was ich mir wünsche ?«

Ich fragte sie.

»Ich will alles. Ich will Wildheit und Zärtlichkeit. Ich will die Nachbarn stören und versuchen, sie zu beruhigen. Ich will keine Frauen im Bett, aber ich will Männer, wahre Männer – wie dich beispielsweise. Sollen sie mich lieben oder benutzen. Ich will frei lieben und will, daß die Menschen um mich herum dasselbe tun.

Und, um zum Schluß zu kommen: Mit Athena habe ich nur über einfache Dinge gesprochen, Dinge, die die unterdrückte Energie wecken. Wie beispielsweise Liebe machen. Oder durch die Straßen gehen und dabei immer wieder zu sagen: >Ich bin da, jetzt und hier.< Nichts Besonderes, kein geheimes Ritual. Das Einzige, was unsere Begegnung zu etwas relativ Ungewöhnlichem gemacht hat, war die Tatsache, daß wir beide nackt waren. Von jetzt an werden wir uns jeden Montag treffen, und wenn ich etwas zu sagen habe, werde ich das nur bei dem Treffen sagen – ich habe nicht das geringste Interesse daran, Athenas Freundin zu sein.

So wird sie, wenn sie den Wunsch hat, etwas mit jemandem zu teilen, nach Schottland fahren und mit dieser Edda reden, die du offenbar auch kennst, was du mir aber nie erzählt hast.«

»Aber ich erinnere mich nicht an sie!«

Ich spürte, daß sich Andrea allmählich beruhigte. Sie machte zwei Tassen Kaffee, die wir gemeinsam tranken. Dann lächelte sie wieder, fragte mich nach meiner Beförderung, sagte, daß sie sich wegen der Montagsversammlungen Sorgen mache, weil sie am Morgen erfahren hatte, daß Freunde von Freunden weitere Leute eingeladen hatten und der Versammlungsort zu klein wurde. Ich gab mir alle erdenkliche Mühe, so zu tun, als wäre alles nur eine Nervenkrise, eine prämenstruelle Spannung, ein Eifersuchtsanfall gewesen.

Ich umarmte sie, sie kuschelte sich an meine Schulter. Obwohl ich erschöpft war, wartete ich, bis sie einschlief. In jener Nacht träumte ich überhaupt nicht. Ich hatte keinerlei Vorahnungen.

Aber am nächsten Morgen, als ich aufwachte, sah ich, daß ihre Kleider nicht mehr da waren. Der Schlüssel lag auf dem Tisch – ohne ein Kärtchen zum Abschied.

Deidre O’Neill, bekannt als Edda

Die Menschen lesen jede Menge Geschichten über Hexen, Feen, Paranormale und über Kinder, die von bösen Geistern besessen sind. Sie schauen sich Filme an, in denen Rituale mit Pentagrammen, Schwertern, Anrufungen vorkommen. Dagegen ist nichts zu sagen. Es ist wichtig, die Phantasie zu entwickeln, diese Umwege gehören dazu. Wer sie aber hinter sich läßt, ohne irgendwelchem Betrug aufzusitzen, der wird am Ende auf die wahre Tradition treffen.

Diese Tradition ist durch Folgendes gekennzeichnet: Der Meister sagt seinem Schüler nie, was er zu tun hat. Beide sind nur Reisegefährten, die das schwer zu ertragende Gefühl von Fremdheit angesichts sich ständig verändernder Wahrnehmungen und neuer Horizonte miteinander teilen, die sich ihnen eröffnen, von Türen, die sich schließen, von Flüssen, die manchmal den Weg unterbrechen, doch die man nicht überschreiten, sondern denen man folgen sollte.

Der Unterschied zwischen Meister und Schüler besteht einzig darin, daß der Meister etwas weniger Angst hat als der Schüler. Daher schlägt der Erfahrenere, wenn beide sich an einen Tisch oder an ein Feuer setzen, um sich zu unterhalten, dem anderen vor: >Warum tust du nicht dieses oder jenes ?< Er sagt nie: >Geh dort entlang, und du wirst dorthin gelangen, wohin ich gelangt bin<, denn jeder Weg ist einzigartig und jedes Schicksal auch.

Der wahre Meister weckt im Schüler den Mut, die eigene Welt aus dem Gleichgewicht zu bringen, obwohl auch er die Dinge fürchtet, die er gefunden hat, und noch mehr Furcht vor dem hat, was ihn hinter der nächsten Wegbiegung erwartet.

Ich war eine junge, begeisterte Ärztin, die mit einem Austauschprogramm der englischen Regierung in die rumänische Provinz ging, um ihren Mitmenschen zu helfen. Als ich aufbrach, hatte ich Medikamente im Gepäck und jede Menge Vorurteile im Kopf: Ich hatte klare Vorstellungen davon, wie Menschen sich verhalten sollten, was man brauchte, um glücklich zu sein, welche Träume wir uns erhalten, wie die Beziehungen zwischen Menschen sich gestalten sollten. Ich war noch zu Zeiten der blutigen aberwitzigen Diktatur nach Rumänien gereist und im Rahmen eines Programms, das die Impfung der gesamten Bevölkerung Transsylvaniens vorsah, von Bukarest aus dorthin gefahren.