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Einer Boulevardzeitung gelang es, Lukas Jessen-Petersen zu finden, der allerdings kein Interview geben wollte. Er drohte aber zu allem bereit zu sein, falls die Presse Viorel in ihren Artikeln auch nur mit einem Wort erwähnte.

Am nächsten Tag druckte diese Zeitung die Schlagzeile: >Ex-Mann der Hexe von Portobello sagt: Für meinen Sohn bin ich bereit zu töten.<

Am selben Nachmittag wurden noch zwei weitere auf den Children Act von 1989 gestützte Anzeigen bei Gericht eingereicht. Diesmal wurde der Staat gebeten, die Verantwortung für das Wohlergehen des Kindes zu übernehmen.

Es gab keine weiteren Versammlungen, obwohl Anhänger wie auch Gegner Athenas vor der Tür randalierten. Uniformierte Sicherheitskräfte versuchten, die Menschen zu beruhigen. Das Gleiche geschah in der Woche darauf. Diesmal waren sowohl die Gruppen kleiner als auch weniger Polizisten anwesend.

In der dritten Woche gab es nur noch ein paar Blumen vor dem Speicher, und jemand wollte an mögliche Besucher Fotos verteilen.«

Dann verschwand die Angelegenheit aus den Londoner Tageszeitungen. Als Reverend lan Buck beschlossen habe, seine Anzeige wegen Verleumdung und übler Nachrede zurückzuziehen, und sich dabei auf >den christlichen Geist< berief, >den wir denjenigen entgegenbringen sollten, die ihr Handeln bereuen, gab es in der Presse schon kein Interesse mehr, und der Reverend konnte seinen Text noch gerade als Leserbrief in einer Stadtteilzeitung unterbringen.

Soweit ich weiß, hat das Thema nie landesweites Interesse gefunden. Es blieb auf die Lokalseiten beschränkt. Einen Monat nachdem die Treffen ein Ende gefunden hatten, habe ich auf einer Fahrt nach Brighton das Thema mit Freunden angesprochen, aber niemand hatte je etwas davon gehört.

Ryan hatte alle Möglichkeiten und Informationen, um Klarheit in die Angelegenheit zu bringen. Was seine Zeitung geschrieben hätte, wäre von den meisten Presseorganen aufgegriffen worden. Aber zu meiner Überraschung veröffentlichte er nie eine Zeile über Sherine Khalil.

Meiner Meinung nach hat das Verbrechen, das kurz darauf geschah, nichts mit den Vorkommnissen in der Portobello Road zu tun. Dabei handelt es sich nur um einen ma­kabren Zufall.

Heron Ryan, Journalist

Athena bat mich, mein Aufnahmegerät einzuschalten. Sie hatte auch eines bei sich. Ein Modell, das ich noch nie gesehen hatte, technisch äußerst raffiniert und winzig.

»Erstens möchte ich sagen, daß ich mit dem Tod bedroht wurde. Zweitens möchte ich Sie bitten, daß Sie, wenn ich sterben sollte, fünf Tage verstreichen lassen, bis jemand dieses Band hört. Spätestens dann werden die Leute unterscheiden können, was unrichtig und was wahr ist.

Sagen Sie laut und deutlich, daß Sie einverstanden sind – denn so schließen wir eine rechtlich wirksame Übereinkunft.«

»Ich bin einverstanden. Aber ich denke, daß …«

»Denken Sie nichts! Falls ich tot aufgefunden werde, wird diese Aufnahme unter der Voraussetzung, daß, was ich jetzt sagen werde, niemand vorher hört, mein Testament.«

Ich schaltete das Aufnahmegerät aus.

»Sie haben nichts zu befürchten. Ich habe Freunde in höchsten Regierungskreisen. Leute, die mir einen Gefallen schulden, die mich brauchen oder mich brauchen werden. Wir können…«

»Ich habe Ihnen, glaube ich, schon gesagt, daß mein Freund bei Scotland Yard arbeitet, nicht wahr?«

Jetzt kam sie wieder mit dieser Geschichte. Wenn es ihn gab, warum war er dann nicht da, als wir alle seine Hilfe brauchten, als Athena und Viorel Gefahr liefen, von der Menge angegriffen zu werden?

Fragen schwirrten durch meinen Kopf: Wollte sie mich testen? Was ging im Kopf dieser Frau vor sich? War sie unausgeglichen, unbeständig? Wieso wollte sie mal an meiner Seite sein und erzählte dann wieder etwas von einem Mann, den es nicht gab?

»Schalten Sie bitte Ihr Aufnahmegerät wieder ein«, bat sie.

Ich fühlte mich grauenhaft. Ich fing an zu glauben, daß sie mich immer nur ausgenutzt hatte. Ich hätte ihr in diesem Augenblick am liebsten gesagt: »Gehen Sie, verschwinden Sie ganz aus meinem Leben, seit ich Sie kennengelernt habe, ist mein Leben zur Hölle geworden. Ich warte ständig darauf, daß Sie mich endlich umarmen, mich küssen, mich bitten, an meiner Seite bleiben zu können. Aber das geschieht nie.«

»Stimmt etwas nicht?«

Sie wußte, daß etwas nicht stimmte. Besser gesagt, sie mußte genau wissen, was ich für sie empfand, denn ich hatte die ganze Zeit nichts anderes getan, als ihr meine Gefühle zu zeigen, obwohl ich nur einmal über sie gesprochen hatte.

Aber ich sagte alle Verabredungen ab, um sie zu treffen, war immer bei ihr, wenn sie mich darum bat, versuchte mich mit ihrem Sohn anzufreunden, weil ich dachte, er könnte mich eines Tages Vater nennen. Niemals habe ich sie darum gebeten aufzugeben, was sie tat. Ich habe ihr Leben, ihre Entscheidungen akzeptiert, litt schweigend mit ihr, freute mich über ihre Siege, war stolz auf ihre Entschlossenheit.

»Warum haben Sie das Aufnahmegerät ausgeschaltet?«

In dieser Sekunde schwebte ich zwischen Himmel und Hölle, zwischen plötzlichem Aufbegehren und Unterwerfung, zwischen kühler Überlegung und zerstörerischer Wut. Am Ende gelang es mir unter Aufbietung aller meiner Kräfte, mich zu beherrschen.

Ich drückte auf den Aufnahmeknopf.

»Lassen Sie uns weitermachen.«

»Ich habe gesagt, daß ich mit dem Tod bedroht werde. Leute rufen mich an, ohne ihren Namen zu nennen. Sie beschimpfen mich. Sie sagen, ich sei eine Gefahr für die Welt, ich wolle die Herrschaft Satans zurückbringen und das könnten sie nicht zulassen.«

»Haben Sie mit der Polizei gesprochen?«

Ich erwähnte ihren Freund extra nicht und wollte ihr damit zeigen, daß ich ihr die Geschichte nie geglaubt hatte.

»Ja, das habe ich. Die Anrufe werden aufgenommen. Sie kommen aus Telefonzellen. Doch die Polizei sagt, ich solle mir keine Sorgen machen. Meine Wohnung werde beobachtet. Eine dieser Personen hat sie schon festnehmen können. Es ist ein Geistesgestörter, der glaubt, die Reinkarnation eines Apostels zu sein, und der Meinung ist, daß >dieses Mal gekämpft werden muß, damit Christus nicht wieder verstoßen wird<. Er ist jetzt in einer psychiatrischen Anstalt. Die Polizei hat erklärt, er sei schon vorher festgenommen worden, weil er andere Menschen auf die gleiche Weise bedroht hätte. «

»Wenn sie aufpassen, sind unsere Polizeibeamten die besten der Welt. Dann gibt es tatsächlich keinen Grund zur Sorge.«

»Ich habe keine Angst vor dem Tod. Wenn mein Leben heute zu Ende wäre, könnte ich sagen, ich habe Augenblicke erlebt, die nur wenige Menschen in meinem Alter erleben durften. Wovor ich mich fürchte, und daher habe ich Sie gebeten, unser heutiges Gespräch aufzunehmen, ist, selber zu töten.«

»Töten ?«

»Sie wissen, daß ein paar Prozesse anhängig sind, mit denen versucht wird, mir das Sorgerecht für Viorel zu entziehen. Freunde von mir wollen mir helfen, aber niemand kann etwas tun. Ihnen zufolge werden diese Fanatiker erreichen, was sie wollen, was allerdings letztlich vom Richter abhängt. Daher habe ich eine Waffe gekauft.

Ich weiß, was es bedeutet, wenn ein Kind von seiner Mutter getrennt wird. Ich habe es selber erlebt. Daher werde ich schießen, sobald der erste Gerichtsdiener zu mir kommt. Und ich werde bis zur letzten Patrone weiterschießen. Wenn sie mich nicht vorher getroffen haben, kämpfe ich mit den Messern aus meinem Haushalt weiter. Wenn sie mir die Messer wegnehmen, werde ich meine Fingernägel und meine Zähne benutzen. Aber niemandem wird es gelingen, Viorel von mir zu trennen, nur über meine Leiche. Haben Sie das aufgenommen?«