»Bevor wir darüber nachdenken, ob diese Regel verändert oder außer Kraft gesetzt werden sollte, bitten wir darum, dass alle sich daran erinnern mögen, warum sie geschaffen wurde. Nicht um gute Leute daran zu hindern, ihre Familie zu besuchen, und nicht einmal um das harmlose Vergnügen eines Abends zu verderben, sondern um Magier jedweder Herkunft oder Stellung daran zu hindern, sich in verbrecherische Machenschaften oder Geschäfte hineinziehen zu lassen. Die Regel ist ebenso sehr Abschreckungsmittel wie Leitlinie für das Verhalten. Wenn wir sie außer Kraft setzten, würden wir damit eine wertvolle Motivation für Magier verlieren, jenen zu widerstehen, die danach trachten, sie für ihre Zwecke anzuwerben oder zu bestechen.«
Während Regin fortfuhr, musterte Sonea ihn nachdenklich. Sie erinnerte sich an den jungen Novizen, der sein Leben aufs Spiel gesetzt hatte, um während der Invasion einen Ichani zu ködern. Seit jenem Tag hatte er ihr gegenüber nichts anderes als Respekt gezeigt, und gelegentlich hatte er sich sogar für eines ihrer Anliegen ausgesprochen.
Rothen denkt also, Regins Charakter habe sich verbessert, überlegte sie. Aber ich würde Regin immer noch nicht trauen, weil ich weiß, wie er als Novize war. Wenn er erführe, dass ich mich neulich mit einem Dieb getroffen habe, der sich auf das Gelände der Gilde geschlichen hat, wäre er gewiss der Erste, der mich wegen eines Verstoßes gegen diese Regel anzeigen würde.
»Es ist Sache der Höheren Magier festzulegen, ob eine Person ein Verbrecher ist oder in schlechtem Ruf steht, und wir sollten es dabei belassen«, sagte Regin. »Stattdessen sollten wir bei der Beleuchtung der Aktivitäten aller Novizen und Magier gründlicher und fairer sein.«
Das Ärgerliche ist, dass er nicht ganz unrecht hat, ging es ihr durch den Kopf. Eine Außerkraftsetzung der Regel wird es schwieriger machen, Magier davon abzuhalten, sich in Verschwörungen der Unterwelt zu verstricken. Aber die Gilde wendet die Regel nicht oft genug an, um viel zu bewirken. Sie ist als Abschreckungsmittel so gut wie nutzlos, weil die reichen Novizen wissen, dass sie in ihrem Fall nicht zur Anwendung gebracht werden wird. Wenn wir uns dieser Regel entledigen, werden wir aufhören, Zeit und Aufmerksamkeit an Novizen zu verschwenden, deren Mütter Huren sind, und dann werden wir uns vielleicht jene Magier gründlicher ansehen, deren reiche Familien Geschäfte mit Dieben machen.
Regin kam zum Ende und verneigte sich. Als er zu den Gegnern der Antragsteller zurückkehrte, fragte Sonea sich nicht zum ersten Mal, woran es lag, dass sie ihn nicht mehr so sehr hasste wie früher. Ich schätze, wir sind beide erwachsen geworden. Aber das bedeutet nicht, dass ich ihn mögen muss.
»Dies ist eine Angelegenheit, die einer gründlichen Erörterung bedarf«, erklärte Administrator Osen den versammelten Magiern. »Es ist überdies unklar, ob die Entscheidung durch die Höheren Magier oder durch eine allgemeine Abstimmung getroffen werden sollte. Daher werde ich eine Entscheidung aufschieben, bis ich mich davon überzeugt habe, welches Vorgehen das beste wäre, und all jenen, die Einblick und Informationen über die Angelegenheit wünschen, die Gelegenheit geben, ein Treffen mit mir zu verabreden.« Er verneigte sich. »Ich erkläre diese Anhörung für beendet.«
Sonea brauchte mehrere Minuten, um auf den Boden der Halle hinabzugelangen, da Lady Vinara beschloss, sie nach der Versorgung der Hospitäler zu befragen. Nachdem sie sich endlich von der Heilerin gelöst hatte, entdeckte sie Rothen in der Nähe. Als er auf sie zukam, verkrampfte sich ihr Herz. Er zeigte einen Gesichtsausdruck, den sie lange nicht mehr gesehen hatte, den sie jedoch sofort zu erkennen gelernt hatte. Es war der Gesichtsausdruck, den er zeigte, wenn Lorkin in Schwierigkeiten steckte.
»Was hat er jetzt wieder angestellt?«, murmelte sie und blickte sich um, um sich davon zu überzeugen, dass niemand nahe genug stand, um ihr Gespräch mit anzuhören.
»Ich habe soeben gehört, dass Lord Dannyl sich um die Position des Gildebotschafters in Sachaka beworben hat«, eröffnete ihr Rothen.
Das ist also alles. Erleichterung durchflutete sie. »Damit hätte ich nicht gerechnet. Andererseits ist es auch wieder keine so große Überraschung. Er war schon früher als Botschafter tätig. Hat er sein Buch beendet oder das Projekt aufgegeben?«
Rothen schüttelte den Kopf. »Weder das eine noch das andere, vermute ich. Er geht wahrscheinlich dorthin, um irgendeiner neuen Spur zu folgen.«
»Natürlich. Ich frage mich, ob er…« Sie brach ab, als ihr klar wurde, dass Rothen noch immer die Miene eines Menschen zur Schau trug, der drauf und dran war, schlechte Nachrichten zu übermitteln. »Was?«
Rothen verzog das Gesicht. »Lorkin hat sich freiwillig für das Amt seines Gehilfen gemeldet.«
Sonea erstarrte.
Lorkin.
In Sachaka.
Lorkin hatte sich erboten, nach Sachaka zu gehen.
Sie begriff, dass sie ihn mit offenem Mund angestarrt hatte, und presste die Lippen aufeinander. Ihr Herz hämmerte. Ihr war übel. Rothen fasste sie am Arm und führte sie aus der Gildehalle, fort von den Magiern, die in Grüppchen herumstanden, um über den Antrag zu diskutieren. Sie nahm sie kaum wahr.
Sachakaner und Lorkin. Sie werden ihn töten. Nein – sie würden es nicht wagen. Aber Familien sind verpflichtet, Todesfälle in ihren Reihen zu rächen. Selbst wenn es sich bei den Toten um Ausgestoßene handelt. Und wenn sie nicht an dem Mörder Rache nehmen können, dann an seinen Nachkommen…
Sie straffte sich entschlossen. Die Sachakaner würden ihrem Sohn kein Haar krümmen. Sie würden es nicht tun, weil sie Lorkin nicht gestatten würde, zu einer derart dummen und gefährlichen Unternehmung aufzubrechen.
»Osen wird dem niemals zustimmen«, stieß sie hervor.
»Warum sollte er nicht? Er kann Lorkins Ersuchen nicht lediglich aufgrund seiner Herkunft ablehnen.«
»Ich werde mich an die Höheren Magier wenden. Sie müssen wissen, dass ihm größere Gefahr drohen wird als jedem anderen Magier – und das bedeutet, dass er eine Belastung ist. Dannyl kann nicht all seine Zeit damit verbringen, Lorkin zu beschützen. Und die Sachakaner könnten sich weigern, mit Dannyl zu reden, wenn sie erst wissen, wer der Vater seines Gehilfen war.«
Rothen nickte. »Alles gute Argumente. Aber es könnte sein, dass Lorkin, wenn du gar nichts sagst, Zeit haben wird, über all die Dinge nachzudenken, die schiefgehen könnten, und dann vielleicht seine Meinung ändert. Je mehr du dich bemühst, Lorkin aufzuhalten, desto größer wird vermutlich seine Entschlossenheit werden, Dannyl zu begleiten.«
»Ich kann das Risiko nicht eingehen, dass er nicht zu Verstand kommen wird.« Sie sah ihn an. »Wie würdet Ihr Euch fühlen, wenn Ihr ihn ziehen ließet und ihm etwas zustieße?«
Rothen hielt kurz inne, dann verzog er das Gesicht. »Also schön. Ich schätze, dann haben wir einiges zu tun.«
Eine Welle der Zuneigung stieg in ihr auf, und sie lächelte. »Danke, Rothen.«
Dannyl sah sich im Speisezimmer um und seufzte anerkennend. Ein Vorteil des Verzichts auf sein Zimmer in der Gilde und des Umzugs in ein Haus im Inneren Ring war der plötzliche Reichtum an Raum gewesen. Obwohl er jetzt einen großen Teil seines Einkommens für die Miete brauchte, war der Luxus von eigenen Räumen es wert. Er hatte nicht nur seine eigene großzügige Amtsstube und dieses geschmackvoll eingerichtete Speisezimmer, sondern auch seine persönliche Bibliothek und Räume für Gäste. Nicht dass er häufig Gäste im Haus hatte – nur gelegentlich einmal einen Gelehrten, der sich für Dannyls Geschichte interessierte, oder Tayends elynische Freunde.