Выбрать главу

Dann erinnerte er sich an den Ausdruck auf dem Gesicht der Fremden, als sie Tyvara erblickte. »Aber …er muss sterben«, hatte sie gesagt. Das bestätigte, dass sie die Absicht gehabt hatte, ihn zu töten. »Du bist eine Verräterin an deinem Volk!«, hatte sie außerdem zu Tyvara gesagt. Bezog sich »an deinem Volk« auf das sachakanische Volk? Plötzlich erschienen ihm die Sorgen seiner Mutter allzu real. Zumindest scheint Tyvara mich am Leben lassen zu wollen. Wenn ich hierbleibe, wer weiß, was dann geschehen wird? Nun, Tyvara glaubt, dass jemand anderer versuchen wird, mich zu töten.

Er steckte in Schwierigkeiten. Aber er erinnerte sich an das, was er bei der Anhörung beschlossen hatte. In welche Schwierigkeiten er auch geraten sollte, er musste das Problem selbst lösen. Während er die Möglichkeiten abwog, die er hatte, entschied er sich für das, wovon er hoffte, es sei die beste dieser Möglichkeiten.

Er blickte sich im Raum um. Brauchte er sonst noch etwas? Nein. Er ging zu Tyvara hinüber.

»Ich habe alles, was ich brauche.«

Sie nickte, wandte sich der Tür zu und spähte in den Flur hinaus.

»Also, was sagtet Ihr noch, wer genau es war, dem mein Vater in die Quere gekommen sei?«, fragte er.

Sie verdrehte die Augen. »Wir haben keine Zeit für Erklärungen.«

»Ich wusste, dass Ihr das sagen würdet.«

»Aber ich werde es Euch später erklären.«

»Ich nehme das als Versprechen«, erwiderte er.

Sie runzelte die Stirn, legte eine Hand auf die Lippen, um ihn zum Schweigen zu ermahnen, dann bedeutete sie ihm, ihr zu folgen, und schlüpfte leise in die dunklen Flure des Gildehauses hinaus.

Früher hätte Cery sich ohne ein Licht durch die vertrauten Teile der Straße der Diebe bewegt. In der Dunkelheit war die Gefahr gering gewesen, einem Messer zu begegnen, da nur jene, die von den Dieben gebilligt wurden, das Netzwerk der Gänge unter der Stadt benutzt hatten, und der Waffenstillstand zwischen den Dieben hatte dafür gesorgt, dass nur von den Dieben gebilligte Mörder in den Tunneln anzutreffen gewesen waren.

Jetzt gab es keinen Waffenstillstand, und jeder, der es wagte, konnte die Straße benutzen. Es war schnell so gefährlich geworden, dass nur wenige es taten, was ironischerweise die verlassenen Teile umso sicherer machte. Und Geschichten über übergroße Nagetiere und Ungeheuer hielten alle bis auf die Kühnsten von Erkundungszügen ab.

Aber ich würde trotzdem nicht ohne ein Licht weitergehen, dachte Cery, als er eine Ecke umrundete. Sein Herz hatte, seit sie auf der Straße angekommen waren, unbehaglich schnell geschlagen. Er würde sich erst wieder entspannen, wenn sie sie verließen. Nachdem er um die Biegung geschaut hatte, hob er die Lampe, und eine neuerliche Welle der Erleichterung schlug über ihm zusammen, als er sah, dass sich niemand im Tunnel vor ihnen aufhielt. Dann wurde ihm klar, dass das, was er für die nächste Biegung gehalten hatte, tatsächlich Schutt war, der ihm den Weg versperrte. Seufzend drehte er sich zu Gol um.

»Eine weitere Blockade«, sagte er.

Gol zog die Augenbrauen hoch. »Die war letztes Mal nicht da.«

»Nein.« Cery blickte zur Decke auf. Als er den Riss dort sah, wo sich das Mauerwerk aus Ziegeln teilte, zuckte er zusammen. »Niemand kümmert sich heutzutage noch um die Wartung. Wir werden darum herumgehen müssen.«

Sie gingen ein Stück zurück, und Cery wählte einen nach rechts führenden Gang. Gol zögerte, bevor er ihm folgte.

»Kommen wir da nicht…?«, begann der große Mann.

»…der Schneckenstadt ziemlich nahe?«, beendete Cery seine Frage. »Ja. Wir sollten besser leise sein.«

Die Schnecken waren eine Gruppe von Straßenkindern gewesen, die Zuflucht in den unterirdischen Gängen gefunden hatten, nachdem ihre Gegend der Hüttenviertel neuen Straßen und Gebäuden hatte weichen müssen. Sie hatten sich unter der Erde eingerichtet und kamen nur nach oben, um Essen zu stehlen. Irgendwie hatten sie überlebt, waren erwachsen geworden und hatten in der Dunkelheit ihrerseits Kinder bekommen, und jetzt verteidigten sie ihr Territorium mit grimmiger Wildheit.

Der Dieb, der in dem Gebiet über der Schneckenstadt arbeitete, hatte einmal versucht, sie unter seine Kontrolle zu bringen. Sein Leichnam und die seiner Männer waren einige Tage später aus der Kanalisation gespült worden.

Danach hatten die Menschen, die über der Schneckenstadt lebten, begonnen, an bekannten Tunneleingängen Essen zurückzulassen, in der Hoffnung, sich die Schnecken gewogen zu halten.

An jedem Tunneleingang hob Cery seine Lampe und betrachtete das Steinwerk. Die Schnecken zeichneten an die Wände an den Grenzen ihres Territoriums stets ein Symbol. Erst als er und Gol die Domäne der Unterweltbürger hinter sich gelassen hatten, hörte er auf, nach Spuren von ihnen Ausschau zu halten. Unglücklicherweise stieß er wiederum auf eingestürzte Tunnel und Anzeichen von Verfall. Aber schon bald erreichten sie den alten Eingang zu den Gängen unter der Gilde.

Der Eingang war nach der Ichani-Invasion zerstört worden, aber Cery hatte dafür gesorgt, dass ein neuer Tunnel gegraben wurde. Als Vorsichtsmaßnahme hatte er falsche Eingänge und kluge Täuschungsmanöver eingerichtet, die mögliche Entdecker wieder in andere Richtungen führten. Jetzt hielt er inne, um zu lauschen und nach möglichen Beobachtern Ausschau zu halten, dann schlüpfte er, gefolgt von Gol, durch den richtigen Eingang.

»Viel Glück«, sagte Gol, als er neben der Nische stehen blieb, wo er normalerweise wartete, wenn Cery eine seiner Wanderungen unternahm, um sich mit Sonea zu treffen.

»Dir auch«, erwiderte Cery. »Und sprich nicht mit Fremden.«

Der große Mann stieß ein unverständliches Brummen aus und hob seine Lampe, um die Nische in Augenschein zu nehmen. Nachdem er einige Faren-Netze weggewischt hatte, setzte er sich auf den Vorsprung und gähnte. Cery wandte sich ab und machte sich auf den Weg in die Gänge unter dem Gelände der Gilde.

Wie große Teile der Straße der Diebe waren diese Tunnel verfallen. Sie waren ohnehin nie in gutem Zustand gewesen, außer an den Stellen, wo der Hohe Lord Akkarin Reparaturen vorgenommen hatte. Aber der heimlichtuerische Magier war nicht imstande gewesen, allzu viele Baumaterialien aufzutreiben, da ein solches Tun Verdacht erregt hätte, so dass er im Wesentlichen Ziegelsteine aus anderen Teilen des Labyrinths benutzt hatte, um die Wände auszubessern. Die tiefer liegenden Probleme von Feuchtigkeit und sich bewegender Erde waren nie gelöst worden.

Ich bin davon überzeugt, der Gilde wäre es lieber, sie würden zugeschüttet. Ich würde sie ja selbst in Ordnung bringen, aber wenn die Gilde einen Dieb dabei ertappte, wie er ihre unterirdischen Gänge reparierte, glaube ich nicht, dass sie allzu erfreut wären. Ich bezweifle, dass sie die Entschuldigung akzeptieren würden, dass ich lediglich die Möglichkeit haben will, mich ab und zu mit Sonea zu treffen.

Cerys Herz hämmerte noch immer, aber jetzt mehr vor Aufregung als vor Furcht. Es versetzte ihn stets in kindliche Erregung, wenn er sich in die Gilde schlich. Die Notwendigkeit, gefährliche Bereiche oder Tunneleinstürze zu meiden, zwang Cery zu einer komplizierteren Route, aber sobald er sich unter den Grundmauern der Universität befand, verbesserte sich die Situation. Am heikelsten war der Gang von der Universität zu den Magierquartieren, da dieser die einzige unterirdische Route zwischen den Gebäuden war. Seine Hauptfunktion war die eines Abwasserrohrs, an dessen Seite ein schmaler Gang für Wartungsarbeiten verlief. Aber er vermutete, dass hier seit Jahren nichts mehr getan worden war. Wasser floss aus Rissen in den Wänden und sickerte durch die Kuppeldecke.

Eines Tages wird es einen Einsturz geben, und sie werden feststellen, dass die Vernachlässigung ihrer Kanalisation einen ziemlich stark riechenden Nachteil hat.

Sobald er unter den Grundmauern der Magierquartiere angekommen war, wurde der Gang ein wenig breiter. Unter rechteckige Löcher in der Decke waren Zahlen eingemeißelt worden. Er fand das Loch, nach dem er suchte, stellte seine Lampe an einer trockenen Stelle ab und kletterte dann die Wand hinauf in die Öffnung.