Es dürfte interessant werden zu sehen, wie die Höheren Magier damit umgehen. Regin wird es gewiss in den Fingern jucken zu erfahren, was entschieden wird. Ich vermute, dass er mir heute Abend einen Besuch abstatten wird, um die Einzelheiten zu hören.
Sie stellte fest, dass die Aussicht auf seinen Besuch ihr nicht allzu sehr zu schaffen machte. Obwohl sie sich in Regins Gesellschaft niemals ganz entspannen konnte, schien er ehrlich besorgt zu sein wegen der neuen Regel und ihrer Auswirkung auf das Wohlergehen von Magiern. Und er war natürlich erpicht darauf, mehr über die wilde Magierin zu erfahren. Aber er ritt nicht darauf herum, wie einige Magier es vielleicht getan hätten, und er blieb niemals länger, als er willkommen war.
Weil er ein Mann ist, der lieber zur Tat schreiten würde, als sich in Gejammer zu verlieren.
Sie verharrte überrascht. Hatte sie gerade etwas Bewundernswertes an Regins Charakter entdeckt? Gewiss nicht.
Über die wilde Magierin hatte es keine Neuigkeiten gegeben. In den meisten Nächten arbeitete Sonea im selben Hospital auf der Nordseite, da sie wusste, dass ein Bote von Cery sie dort am einfachsten würde finden können. Aber seit er sie persönlich aufgesucht hatte, um ihr mitzuteilen, dass er sich die Hilfe eines anderen Diebes gesichert habe, hatte es keine Nachrichten von ihm gegeben.
Unter ihr wandte Administrator Osen sich den Höheren Magiern zu.
»Lady Talie wird angeklagt, die neue Regel gebrochen zu haben, nach der es einem Magier verboten ist, Anteil zu haben an verbrecherischem Tun oder davon zu profitieren«, begann er. »Wir müssen entscheiden, ob dies der Wahrheit entspricht und wenn ja, wie sie bestraft werden soll.« Er wandte sich zwei Magiern zu, die an einer Seite des Raums standen. »Ich rufe Lord Jawen als Zeugen auf.«
Einer der beiden, ein Heiler in mittleren Jahren, trat vor. Er runzelte die Stirn, und sein Bemühen, Lady Talie nicht anzusehen, machte offenbar, dass es ihm Unbehagen bereitete, die Stimme gegen sie zu erheben.
»Erzählt uns bitte, was Ihr gehört habt«, forderte Osen den Mann auf.
Der Heiler nickte. »Eines Abends vor einigen Tagen holte ich Heilmittel aus einem Lagerraum, als ich im hinteren Teil des Raums Stimmen hörte. Eine der Stimmen gehörte Lady Talie. Ich hörte sie ziemlich deutlich sagen, dass das, was sich in einigen Kisten befände, illegal sei. Nun, das erregte meine Aufmerksamkeit, und ich hielt inne, um zu lauschen. Sie sagte ferner, dass sie nicht wissen wolle, was sich in diesen Kisten befände. Dass sie sie transportiert und einen Mann geheilt habe, bevor sie nach Hause ging.« Die Falte zwischen seinen Brauen vertiefte sich. »Und dass irgendjemand dumm sei zu denken, ein einziger Mann könne etwas so Schweres und Großes von der Stelle bekommen.«
»Was habt Ihr danach getan?«, fragte Osen.
Jawen verzog das Gesicht. »Ich verließ den Raum und machte mich wieder an die Arbeit. Ich brauchte Zeit, um darüber nachzudenken, was ich tun sollte. Einige Stunden später kam ich zu dem Schluss, dass ich Lady Vinara mitteilen müsse, was ich gehört hatte.«
»Das ist alles, was Ihr gehört habt?«
»Ja.«
»Dann soll uns das für den Augenblick genügen.« Als der Mann zu seinem früheren Platz zurückkehrte, wandte Osen sich der jungen Heilerin zu. »Lady Talie, tretet bitte vor.«
Sie gehorchte. Ihr Mund war zu einer dünnen Linie zusammengepresst, und zwischen ihren Augenbrauen stand eine Falte.
»Erklärt uns bitte, was Lord Jawen da mitangehört hat.«
Talie holte tief Luft und stieß den Atem wieder aus, bevor sie antwortete. »Er hat das Wesentliche verstanden«, erklärte sie. »Ich habe tatsächlich gewissermaßen eine Kiste transportiert, die vermutlich voller illegaler Waren war – obwohl ich das nicht mit Bestimmtheit weiß. Als Lord Jawen mich belauschte, machte ich mir Sorgen, ob das bedeutete, dass ich gegen eine Regel oder ein Gesetz verstoßen hatte, und fragte eine Freundin nach ihrer Meinung.«
»Wie seid Ihr in eine Situation gelangt, in der Ihr die Legalität Eures Tuns hinterfragen musstet?«
Sie blickte zu Boden. »Ich wurde überlistet. Nun, nicht überlistet… aber ich hatte das Gefühl, als könnte ich nicht nein sagen.« Sie schüttelte den Kopf. »Was ich meine, ist, dass jemand, von dem ich wünschte, ich würde ihn nicht kennen, mich an den Ort brachte, an dem die Kisten waren; er hatte gesagt, jemand sei verletzt und brauche meine Hilfe. Er hat nicht wirklich gelogen. Es war tatsächlich jemand verletzt. Eine der Kisten war auf einen Mann gefallen, und sein Oberschenkelknochen war zerquetscht worden. Ich musste die Kiste von ihm herunterheben, damit ich ihn heilen konnte. Sobald ich das getan hatte, brachten sie mich wieder nach Hause.«
Ein Stich des Mitgefühls durchzuckte Sonea. Die junge Frau hätte den verletzten Mann unmöglich sich selbst überlassen können. Natürlich hätte sie erst gar nicht mit dem Schmuggler mitgehen dürfen, aber sie war nicht aufgefordert worden, etwas Kriminelles zu tun. Doch obwohl das Heilen kein kriminelles Tun ist, könnte das Bewegen einer Kiste mit illegalen Waren als ein solches betrachtet werden.
»Eure einzige Tat bestand also darin, eine Kiste zu versetzen und einen Mann zu heilen?«, hakte Osen nach.
»Ja.«
»Und Ihr wisst nicht mit Bestimmtheit, ob die Waren darin illegal waren.«
Sie verzog das Gesicht und schüttelte den Kopf. »Nein.«
»Habt Ihr eine Entlohnung für Eure Hilfe bekommen?«
»Er versuchte, mir etwas zu geben, aber ich habe mich geweigert, es zu nehmen.«
»Ist das alles, was Ihr uns sagen könnt?«
Sie hielt inne, dann warf sie Lady Vinara einen unsicheren Blick zu. »Ich hätte diesen Mann auf jeden Fall geheilt. Und die Kiste von ihm heruntergenommen. Ich hätte ihn nicht so liegen lassen können.«
Osen nickte, dann wandte er sich an die Höheren Magier. »Habt Ihr irgendwelche Fragen an Lady Talie oder Lord Jawen?«
»Ich habe eine Frage an Lady Talie. Hat dieser Mann Euch schon früher um Gefälligkeiten oder Dienstleistungen gebeten?«, meldete Lord Garrel sich zu Wort.
»Nein.«
»In welcher Verbindung steht Ihr dann zu ihm?«
Talie sah Osen an und biss sich auf die Unterlippe. »Er hat für meine Familie gearbeitet und ihr gelegentlich Gefälligkeiten erwiesen, was allerdings Jahre zurückliegt. Es war, bevor irgendjemand wusste, dass er in illegale Geschäfte verstrickt war.«
»Könntet Ihr jemanden zu dem Gebäude bringen, in dem diese Waren gelagert wurden?«
»Nein. Er hat dafür gesorgt, dass die Fenster der Kutsche verhängt waren. Als wir ankamen, befand sich die Kutsche in einem großen Raum. Und selbst wenn ich wüsste, wo es war, ich bezweifle, dass die Waren noch dort sind.«
Bei dieser Bemerkung musste Sonea lächeln. Die junge Heilerin hatte wahrscheinlich recht. Aber indem sie das sagte, hatte sie auch angedeutet, dass sie mehr über Schmuggelgeschäfte wusste, als eine Magierin aus einem der Häuser wissen sollte.
Es kamen keine weiteren Fragen, daher schickte Osen Lord Jawen und Lady Talie aus der Halle. Als sie fort waren, stieß Lord Telano einen Seufzer aus.
»Das ist doch lächerlich«, sagte er. »Sie hat nur getan, was alle Heiler tun sollten. Dafür sollte sie nicht bestraft werden.«
»Sie wurde nicht bezahlt«, ergänzte Garrel. »Sie hat nicht davon profitiert. Ich sehe hier kein Unrecht.«
»Die Regel verbietet eine Beteiligung an kriminellen Taten ebenso wie den Profit daraus«, bemerkte Vinara. »Aber ich gebe Euch recht. Das Umsetzen einer Kiste kann man kaum als Beteiligung an einem Verbrechen bezeichnen.«
»Trotzdem sollten wir Magier nicht ermutigen, sich mit solchen Leuten einzulassen«, sagte Lord Peakin.
»Was, wie wir jüngst festgestellt haben, zu schwierig ist, um es zu erzwingen, und anscheinend ungerecht gegenüber einigen Mitgliedern der Gilde«, rief Garrel ihm ins Gedächtnis.