Scheidung.«
»Ja«, sagte er verblüfft. »Natürlich.«
»Das muß er gewußt haben.«
»Das muß er ... Vielleicht war ich ihm auch völlig egal, und er spielte bloß Theater. Vielleicht hatte er einen ganz anderen Grund, nach Wien zu kommen.«
»Das könnte sein«, sagte sie. »Kennen Sie den Grund?« »Ja.«
»Nämlich?«
»Ihr Vater«, sagte Mercedes, »Ihr Vater wird Ihnen alles erzählen. Ihr Vater, nicht ich. Ich darf das nicht. Er hat es mir verboten.«
»Warum tun Sie das alles?«
»Weil ich ihn liebe«, sagte sie fest. »Er ist der wunderbarste Mensch, den ich kenne.«
»Dann muß es ein anderer Mann sein. Ein Doppelgänger. Verrückt! Ein Lump, ein gottverfluchter Lump ist mein Vater.«
»Der großartigste Mann der Welt«, sagte sie leidenschaftlich. Sie sahen einander stumm an.
Der Sturm heulte noch immer.
Mercedes reichte Ross eine Reihe vergilbter Blätter. »Briefe«, sagte er. »Briefe von mir an ihn.«
»Ja, Briefe von Ihnen. Er hat sie aufgehoben. Vierzig Jahre lang. Vor drei Tagen gab er sie mir. Sie konnten schon sehr früh gut lesen und schreiben, sagte er.«
Ross starrte ein altes Blatt Papier an, das mit der ungelenken Schrift eines Kindes bedeckt war.
Lieber Vati! Mutti hat gesagt, daß es dort, wo Du bist, eine große Schlacht gegeben hat. Hoffentlich ist Dir nichts zugestoßen. Bitte, schreib ganz schnell ... Ross drehte das Blatt um. Er las: 14. September 1943. Er nahm einen anderen Brief und überflog ein paar Zeilen. 21. Feber 1945 ... Es ist etwas ganz Schreckliches passiert. Am 18. Feber war wieder ein Angriff am Vormittag und diesmal auch auf unser Viertel. Unser Haus ist getroffen worden. Es ist alles ganz kaputt, und alle unsere schönen Sachen sind auch kaputt. Mutti weint immerzu, und ich muß auch weinen, denn das Laufradl ist hin, auch der Teddy. Wir waren in dem Bunker beim Apollo-Kino, Du weißt schon, sonst wären wir jetzt tot. Sie haben uns zu fremden Leuten eingewiesen. Mutti schreibt Dir genau, wo. Die fremden Leute sind ekelhaft zu uns ...
»Ja, wir wurden ausgebombt«, sagte er, »und verloren alles. Knapp vor Ende des Krieges. Jahrelang wohnten wir dann bei fremden Leuten in einem Zimmer ...« Er starrte die junge Frau an. »Das ist aber doch unmöglich.«
»Was?«
»Daß Sie mir jetzt diese Briefe bringen.« Er sagte laut: »Wo haben Sie sie her? Sagen Sie die Wahrheit! Für wen arbeiten Sie?« Sie erwiderte seinen Blick stumm.
Er murmelte: »Entschuldigen Sie ... Aber wenn Sie neununddreißig Jahre lang glauben würden, daß Ihr Vater tot ist, und plötzlich kommt jemand, der sagt ... Es tut mir leid ... Bitte, verzeihen Sie!«
Sie nickte.
Er griff nach einem anderen Brief: 6. Jänner 1943 ... Lieber Vati! Zu Deinem Geburtstag wünsche ich Dir viel Glück und Gesundheit und daß Du gut zu uns zurückkommst. Mutti schreibt Dir auch einen Brief. Sie hat einen sehr schönen neuen Hut. Er ist aus Panama, hat sie gesagt, das ist so ein Stoff, der schaut aus wie Eierschalen. Er geht vorn in die Stirn und hinten ein bisserl runter und ist sehr klein und sehr lustig, und Mutti hat gesagt, er macht jung und er heißt Koletschhut ...
»Collegehut«, sagte Ross und starrte das alte Blatt Papier an. »Ich erinnere mich genau an ihn. ja, er macht jung, hat Mutter gesagt. Noch Jahre später sprachen wir über diesen Hut ...« Seine Stimme verlor sich. Er las: Zum Geburtstag habe ich Dir viele Blumen gemalt ...
Er sah den Brief umrandet von bunten Zeichnungen. ... Die roten sind Tulpen und die blauen sind Glockenblumen
und die braunen Margeriten. Statt Gelb habe ich Braun genommen, denn ich habe keinen gelben Buntstift mehr, und es gibt auch keine. Und die beiden Herzen sind das von der Mutti und das von mir ... Dein lieber Daniel.
Er sah sie hilflos an. Seine Stimme klang flehend. »Was soll ich glauben? Wem soll ich glauben?«
»Mir«, sagte sie. »Ihr Vater lebt und muß Sie sofort sehen. Das ist die Wahrheit.«
»Warum erzählen Sie mir nicht, was das für eine Geschichte ist mit dem internationalen Geheimvertrag?«
»Weil er es Ihnen erzählen muß. Mir würden Sie nicht glauben. Es ist ein zu ungeheuerliches Abkommen. Sie müssen es lesen. Es geht um den Frieden. Und gibt es denn, um Gottes willen, etwas Wichtigeres? Wir alle müssen unser Äußerstes tun, damit es nicht zu einem Atomkrieg kommt.«
Er sah sie erstaunt an, denn ihre Stimme war plötzlich sehr laut geworden. In ihrem Gesicht zuckte es.
»Sie sind doch auch für den Frieden!«
»Nein«, sagte er. »Ich bin für den Krieg. Ich will, daß mir eine SS-Zwanzig direkt auf den Kopf fällt.«
Ihr Gesichtsausdruck wurde kalt.
»Was soll man auf eine solche Frage antworten?« fragte er Mercedes.
»Schon gut«, sagte sie. Aber sie war verletzt. »Hier.« Sie reichte ihm ein großes Farbfoto. »Habe ich vor einer Woche aufgenommen.«
Ross sah zwischen zwei alten, sehr großen Palmen einen Mann in hellem Anzug und weißen Schuhen. Er stand auf dem kurzgeschnittenen Rasen vor einem weißen, zweistöckigen Haus mit Flachdach. Das Haus lag in einem Park voll exotischer Bäume und hatte hohe französische Fenster. Man konnte kiesbestreute Wege, präzise geschnittene Hecken und große Blumenbeete er kennen, die in allen Farben leuchteten. Der Mann sah direkt in die Kamera. Er lachte. Er hatte gute, kräftige Zähne. Er war schlank und besaß ein schmales Gesicht mit grauen Augen und einem dünnlippigen Mund. Sein Haar war wie das von Ross schlohweiß und noch sehr dicht. An der rechten Schläfe verlief senkrecht, was von einer tiefen Narbe übriggeblieben war: ein heller Strich in der sonnengebräunten Haut.
»Erkennen Sie Ihren Vater?«
»Vielleicht«, sagte er, und er fühlte, wie jene unbestimmte Angst, die Angst, die man nicht beschreiben konnte und die er seit so vielen Jahren so gut kannte, in ihm aufstieg, langsam noch, ganz langsam. »Ja, das ist er. Die Narbe an der Schläfe ... Er hatte einen schweren Motorradunfall als junger Mann. Beinahe wäre er dabei ums Leben gekommen. Die Narbe ... Das ist das Haus, in dem er lebt?«
»Ja.«
»Scheint ihm sehr gut zu gehen. Woher hat Herr Olivera soviel Geld?«
»Bitte, Daniel ... Er hat sehr schwer gearbeitet ... sein Leben lang.«
»Ja? Als was?«
»Er war Bankier.«
» War?«
»Er ist siebenundsiebzig!« Sie gab Ross ein weiteres Foto. »Das habe ich sehr nah aufgenommen. Beachten Sie das Datum der Zeitung in seiner Hand!«
Der Mann hielt auf diesem Foto eine Zeitung so, daß man genau den Titel und die Zeilen darunter lesen konnte. Die Zeitung hieß LA PRENSA. »Das Datum«, sagte Mercedes noch einmal. Er las: 3. Febrero 1984.
»Glauben Sie jetzt, daß er lebt?«
»Er lebt ...« Seine Stimme war nur ein Flüstern. »Der Schuft lebt ...« Und da war die Angst, die namenlose Angst in ihm, noch fern, doch sie kam näher, näher, näher. »Verflucht«, sagte er und sah Mercedes an, »warum haben Sie mich nicht sterben lassen!«
Anstatt zu antworten reichte sie ihm ein verschlossenes Kuvert.
Er riß es auf und entfaltete den mit winziger, aber klarer, exakter Handschrift bedeckten Bogen, der links oben, erhaben gedruckt, die Adresse des Absenders aufwies.
EDUARDO OLIVERA CESPEDES 1006 BUENOS AIRES
8. Februar 1984
Mein lieber Sohn Daniel, diesen Brief überbringt Dir Deine Stiefschwester Mercedes. Gewiß ist es ein Schock für Dich zu erfahren, daß ich noch am Leben bin, aber für mich gab es 1945 keine andere Möglichkeit als die, offiziell tot zu sein. Es ist eine lange und abenteuerliche Geschichte, die ich Dir nur erzählen kann, wenn Du mir gegenübersitzt. Dann vermag ich Dir auch zu erklären, warum ich mich erst jetzt, nach so vielen Jahren, melde, und warum ich es früher nicht getan habe.
Ich bitte Dich inständig, sofort mit Mercedes zu mir zu kommen, denn ich bin im Besitz eines geheimen Dokuments, dessen Bekanntwerden in der Öffentlichkeit den Machthabern der beiden Supermächte einen tödlichen Schlag versetzen und die schreckliche Gefahr eines atomaren Krieges bannen wird.
Ich weiß, daß Du in Frankfurt beim Fernsehen arbeitest. Was ich Dir zu geben habe, würde Dir und Deinem Sender zu einer Riesensensation verhelfen, welche die Welt verändert. Du wirst verstehen, daß ich auch hierüber mit Dir persönlich sprechen muß. Wenn ich Dir alles erzählt habe, wirst Du auch alles verstehen, was geschehen ist- und Du wirst mir vergeben, ich weiß es. Ich bin siebenundsiebzig Jahre alt. Ich will meinen Frieden mit Dir machen, Daniel, – und ich will noch erleben, wie das, was ich Dir zu geben habe, die Menschen aller Nationen erkennen läßt, welch teuflisches Spiel mit ihnen getrieben wird. Bitte, halte mich nicht für einen Phantasten. Und. Ich bin zu alt, um zu lügen. Ich flehe Dich an, mein Sohn, komm zu mir!