Daniel sagte: »Und wenn es einen solchen Vertrag zwischen der Sowjetunion und Amerika wirklich gab – und noch gibt?«
»Ach!« Damiani winkte müde ab. »Dann gibt es ihn eben, lieber Freund. Vom wissenschaftlichen Standpunkt aus ist das sogar durchaus denkbar. Denn es läge in der Natur der Welt, nicht wahr? Betrug, Betrug ... So ist diese Welt eben! Was meinen Sie, was passieren würde, wenn sich herausstellte, daß es einen solchen Vertrag tatsächlich gibt? Nichts, lieber Freund, nicht das geringste! Glauben Sie mir: Es würde keinen Menschen interessieren. Weil wir doch andauernd betrogen werden ...« Damiani sank in sich zusammen. Er lächelte irre. Es folgte eine lange Pause, die erfüllt war vom Toben des Sturms draußen. Endlich fragte Daniel vorsichtig: »Und ... lebt Ihr Freund noch, Herr Professor?«
Damiani sah langsam auf.
»Welcher Freund?« Er war weit, weit weg gewesen mit seinen Gedanken, in einer anderen Welt, in seiner Welt.
»Der, von dem Sie mir gerade erzählt haben. Der von meinem Vater dieses Dokument zur Prüfung erhielt. Dieser Professor Emil Kant.«
»Oh, Emil meinen Sie!« Damiani hatte plötzlich den Gesichtsausdruck eines Kindes. »Neunzehnhundertsiebzig lebte er noch. Da erschien mein Buch, und er gratulierte mir. Wir hatten seit dem Krieg jeden Kontakt verloren, wissen Sie. Aber als mein Buch in Italien und unter Fachkollegen gewaltiges, ja, das muß man sagen, gewaltiges Aufsehen erregte, da machte sich Emil die Mühe, meine Adresse in Rom ausfindig zu machen. Ich wohnte damals in der Via Cortina d’Ampezzo. Wir begannen einen regen Briefwechsel, und Ende einundsiebzig besuchte er mich sogar. Er war damals – lassen Sie mich überlegen – vierundsechzig. Ja, Jahrgang neunzehnhundertsieben. Als neunzehnhundertdreiundsiebzig die deutsche Übersetzung von ›Inter caetera divinae‹ erschien, lud mich die Völkerrechtliche Fakultät der Freien Universität Berlin ein und verlieh mir eine Auszeichnung. Die Laudatio hielt mein alter Freund Emil. Es war sehr ergreifend. Oktober dreiundsiebzig, ja. Da sah ich ihn zum letztenmal. Danach war ich dauernd auf Vortragsreisen mit diesem Buch und hatte wahnsinnig viel zu tun. Unser Kontakt brach wieder ab. Ob Emil also heute noch lebt, das weiß ich nicht. Ich habe nie wieder von ihm gehört. Allerdings habe ich auch nie vernommen, daß er gestorben ist. Siebenundsiebzig wäre er heute. Damals, als ich in Berlin geehrt wurde, lebte er mit einer Haushälterin in einer Villa am Schwanenwerderweg beim Wannsee, da in dieser kleinen Bucht. Kennen Sie Berlin?«
»Ja.«
»Schwanenwerderweg. Das ist noch Westsektor. Idyllisch da draußen. Dreihundertfünfundzwanzig, glaube ich. Irgendwas mit dreihundertzwanzig. Warum? Wollen Sie Emil sprechen?«
»Ja, Herr Professor. Sie sind im Mai vierundvierzig aus der Stadt fortgezogen. Unsere Verbindung mit meinem Vater brach im März fünfundvierzig ab. Vielleicht weiß Ihr Freund, was aus ihm geworden ist und ob er wirklich fünfundvierzig starb und
wie und wo.«
»Sie haben recht«, sagte Damiani. »Emil müßte es wissen. Und auch, was aus der Teheran-Sache geworden ist. Seltsam, wir haben nicht einmal darüber geredet, als ich dreiundsiebzig in Berlin war. Würde mich interessieren. Grüßen Sie ihn herzlich! Er soll mir wieder schreiben. Erzählen Sie ihm ruhig, wie wir uns kennengelernt haben und daß es mir nicht so ganz gut geht, leider. daß ich diese gräßlichen Scherereien mit Alexander und Isabella und Ferdinand habe. Erzählen Sie ihm alles. Er wird Ihnen auch alles über Ihren Vater erzählen. Wenn er noch lebt ...«
Die Stehgeigerin Franzi müssen Sie gehört haben! Mit diesen Worten begann der Innentext eines in den Farben
Dunkelrosa, Grau und Weiß gehaltenen Prospekts, der auf dem Umschlag eine junge, Geige spielende Frau zeigte. Ihr Kleid im Stil der Jahrhundertwende war tief ausgeschnitten. Rot waren Haare und angedeutetes Gesicht, rot war die Geige, rot das Dekollete. Der Maler Reznicek hat solche Frauen vor dem Ersten Weltkrieg dargestellt, dachte Daniel Ross. Ich habe viele in alten Bänden des SIMPLICISSIMUS gesehen. Welcher Charme. ..
»... ja, Fräulein, richtig!« Er telefonierte am Schreibtisch im Salon des Appartements vierhundertneunzehn/zwanzig im Hotel RITZ, nahe dem Schwarzenbergplatz, und sah zu den Lichtern des flutenden Abendverkehrs auf der breiten Wiener Ringstraße hinab. Das Appartement war mit Stilmöbeln eingerichtet. Eine Vase voll Blumen der Direktion und eine zweite, kleinere voller Mimosen standen auf dem Schreibtisch. Nebenan im Schlafzimmer hörte Daniel Mercedes hin und her gehen. Sie waren vor einer Stunde angekommen. Daniel sprach mit einer Telefonistin des Hotels. »Professor Doktor Emil Kant, Berlin-West, Schwanenwerderweg, die Hausnummer um dreihundertzwanzig herum ...«
Wiener Jause mit den Säßen Wiener Mädeln« im Cafe Ritz täglich von 17 bis 19 Uhr, stand über der Zeichnung. Daniel wohnte immer im RITZ, wenn er in Wien zu tun hatte, er liebte dieses Hotel und kannte es seit vielen Jahren ebenso wie das berühmte angeschlossene Kaffeehaus, für welches der Prospekt warb.
»Sie rufen zurück, danke sehr!« Er legte den Hörer auf, faltete den Prospekt wieder auseinander und las noch einmal abwesend: Die Stehgeigerin Franzi müssen Sie gehört haben! Und die temperamentvolle Tschinellen-Fifi ...
Es war Freitag, der 9. März 1984, gegen 20 Uhr. Vor zwei Stunden hatte Daniel mit Mercedes das Sanatorium Kingston bei Heiligenkreuz verlassen und vielen Menschen für ihre Mühe und Hilfe gedankt: Ärztinnen, Ärzten, Schwestern, Pflegern, der dicken Oberschwester Magdalena, dem bleichgesichtigen Doktor Herdegen. Zuletzt standen Mercedes, er, Sibylle und Werner vor dem Eingang der Klinik neben einem Taxi im Schnee.
»Dir danke ich natürlich am allermeisten, Sibylle. Du hast mich wieder hingekriegt. Du bist wunderbar. Es gibt keinen besseren Arzt für mich ...«
»Du wirst keinen Arzt brauchen, wenn du einmal hältst, was du versprichst, und nicht mehr als zwei Tabletten Amadam täglich nimmst. Ich warne dich, mein Lieber! Ewig kann das nicht so weitergehen mit deiner Tablettenschluckerei. Diesmal warst du schon arg kaputt, ich sage dir die Wahrheit.«
... Zusammen mit den anderen Stars der legendären Wiener Damenkapelle bezaubern die beiden Sie mit einem Melodienreigen von Strauß bis Lanner, Ziehrer, Stolz und Lehar ...
»Ich werde aufpassen, Sibylle«, sagte Mercedes. Sie redeten immer weiter, um den endgültigen Abschied hinauszuzögern. Alle vier waren in einer wehmütigen, sentimentalen Stimmung. »Das ist lieb von Ihnen, Mercedes, aber das können Sie nicht. Das kann nur dieser Haderlump allein, und das weiß er. Hat er immer gewußt ...«
Daniel umarmte Sibylle und küßte sie auf beide Wangen. Sie schlug ein Kreuz über seiner Stirn.
»Was soll das?« fragte er. »Ich ...«
»Du glaubst nicht an Ihn, ich weiß«, sagte Sibylle. »Aber ich glaube an Ihn. Er soll dich beschützen. Vor zwölf Jahren standen wir auch so voreinander – allein. Spät nachts vor dem Wohnturm beim Allgemeinen Krankenhaus. Da hast du ein Kreuz über meiner Stirn geschlagen und gesagt, Er soll mich beschützen, und ich habe gesagt: ›Was soll das? Du glaubst doch nicht an Ihn!‹ Und du hast geantwortet: ›Ich nicht, aber du.‹ Erinnerst du dich?«
»Ja, Sibylle«, sagte er. »Genau erinnere ich mich.« »Laß nicht wieder zwölf Jahre vergehen!« sagte Werner.
»Mercedes, wir machen Sie verantwortlich dafür, daß der Kerl sich von jetzt an immer wieder meldet – mit Ihnen! Ruft an, bitte! Wo ihr auch seid! Wir machen uns doch Sorgen um euch!«
»Ja, Werner«, sagte Mercedes.
»Bleibt gesund! Bleibt glücklich! Bleibt zusammen! Und verliert nie den Mut in dieser beschissenen Zeit!« sagte Daniel und sah dabei Sibylle an.
Die schloß kurz die Augen. »Du auch nicht, Danny. Und paß auf dich auf, bitte!«