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Schließlich stiegen sie dann sehr schnell ein. Das Taxi fuhr los. Daniel blickte zurück. Werner und Sibylle standen unter der Lampe des Eingangs und winkten.

Daniel hatte über Colledo ein Appartement im RITZ bestellen lassen: Vierhundertneunzehn/zwanzig. Er bekam stets vierhundertneunzehn/zwanzig, so lange er zurückdenken konnte. Es war »sein« Appartement geworden in der langen Zeit. Alle Portiers und Rezeptionisten begrüßten ihn jedesmal erfreut. Sie waren auch diesmal besonders zuvorkommend und hilfsbereit. Er schüttelte viele Hände und umarmte die einzige Dame der Rezeption, seine gute alte Freundin Edith. Sie kannten einander seit mehr als zwanzig Jahren. Edith, liebenswürdig wie stets, trug eines ihrer schwarzen, hochgeschlossenen Kleider und ihre schöne Türkiskette und war großartig frisiert und dezent geschminkt wie immer, und sie fuhr mit Mercedes und ihm in den vierten Stock empor, öffnete vierhundertneunzehn/zwanzig, drehte alle Lichter an und wünschte einen angenehmen Aufenthalt. Als sie gegangen war, hatte Daniel den Umschlag mit einem Willkommensgruß entdeckt, der an der kleinen Vase auf dem Schreibtisch lehnte. Die Mimosen waren eine Aufmerksamkeit Ediths. Sie freute sich so sehr, Daniel wiederzusehen, schrieb sie.

Das Telefon vor ihm schrillte. Schnell hob er ab. »Ja?«

»Hier ist die Zentrale, Herr Ross. Sie wollten die Nummer von diesem Professor Emil Kant ...«

»Haben Sie sie bekommen?«

»Ja, Herr Ross.« Das Mädchen nannte sie. Er notierte die Zahlen auf einen Block, der vor ihm lag. »Und die genaue Adresse ist Schwanenwerderweg dreihundertsiebenundzwanzig.«

»Danke vielmals, liebes Fräulein.« Daniel legte auf. Es war warm im Appartement. Er hatte sich gleich nach dem Eintreffen umgezogen. Nun trug er Pyjama und Morgenmantel.

»Ich hab ihn!« rief Daniel.

»Fein!« kam Mercedes’ Stimme aus dem Schlafzimmer. »Ruf gleich an! So schnell haben sie unser Telefon bestimmt noch nicht angezapft.«

Er wählte die Berliner Vorwahl und dann Kants Nummer. Es dauerte lange, bis jemand abhob. Eine weibliche Stimme meldete sich: »Hier bei Professor Kant!«

»Guten Abend! Ich spreche aus Wien. Mein Name ist Daniel Ross. Wäre es möglich, den Herrn Professor zu sprechen?«

»Ross, sagen Sie? Aus Wien?«

»Ja.«

»Einen Moment, bitte.« Ich komme weiter, dachte Daniel. Er fuhr sich aufgeregt durch das weiße Haar.

Eine Männerstimme: »Hier Kant.«

»Verzeihen Sie bitte die Störung am Abend, Herr Professor, es ist sehr wichtig für mich. Ich hoffe, von Ihnen Aufschluß über das Schicksal meines Vaters zu bekommen.«

»Wie war Ihr Name?«

»Ross. Daniel Ross. Mein Vater hieß Georg Ross und arbeitete im Krieg für den Dienst Ribbentrop. Sie kannten ihn ...«

»Wer sagt das?«

»Professor Damiani.«

»Umberto? Aber wieso ...« Daniel berichtete kurz von seinem Gespräch mit Damiani. »Erinnern Sie sich noch an diese Sache, Herr Professor?« Stille.

»Herr Professor!«

»Ja.«

»Ich fragte ...«

»Ich kenne Sie nicht, Herr Ross. Sie sagen, Sie sprechen aus Wien. Ich glaube nicht, daß wir das am Telefon ...«

»Natürlich nicht! Darf ich zu Ihnen nach Berlin kommen?« Wieder Stille.

Dann sagte Kant: »Wenn es für Sie so wichtig ist, Herr Ross ... bitte, kommen Sie!«

»Wann?«

»Wann Sie wollen. Ich habe Zeit.«

»Ginge es schon morgen? Ich bin in Eile. Morgen abend?« »Meinetwegen. Sagen wir um sieben?«

»Sieben ist wunderbar. Ich danke Ihnen sehr, Herr Professor!« Daniel verabschiedete sich und legte auf. Danach wählte er die Nummer der Portiers. Er kannte den, der sich melde, an der Stimme.

»Herr Albert, hier ist Ross.«

»Habe die Ehre, Herr Ross. Was kann ich für Sie tun?« »Ich brauche Tickets. Wir fliegen morgen nach Berlin.« »Da gehen mehrere Maschinen. Müssen Herr Ross in

München oder in Frankfurt umsteigen. Direktflüge gibt es nicht.«

»Weiß ich. Ich habe um sechs Uhr eine Verabredung.« »Momenterl, hier ist der Flugplan. Um sechs Uhr, sagen Sie?

Da würde ich vorschlagen, Sie nehmen die AUA um elf Uhr dreißig nach München. Besonders günstig wegen dem Anschluß. Sind Sie mit PAN AMERICAN schon um halb vier in Berlin-Tegel.«

»Ausgezeichnet. Aber jetzt ist es schon Abend. Das Stadtbüro der AUA ...«

»Hat geschlossen. Ich reserviere draußen am Flughafen. Herr Ross bezahlen die Tickets dann morgen.«

»Und wenn der Flug ausgebucht ist?«

»Nicht jetzt im Winter. Die Maschinen sind halb leer. Können Herr Ross ganz beruhigt sein. Einmal für Sie und einmal für die gnädige Frau. Ich kümmere mich sofort darum.«

»Danke, Herr Albert!« Daniel erhob sich ein wenig taumelig. Wenn ich jetzt Glück habe, dachte er ... Wenn ich jetzt Glück habe ...

Er ging durch den Salon und öffnete die Tür zum Schlafzimmer. Hier brannte nur eine Nachttischlampe. Mercedes lag nackt auf dem Bett. Er sah ihren braungebrannten Körper, die großen, schönen Brüste, die langen Beine, den flachen Bauch und das dunkle Dreieck der Scham.

»Komm, Danny!« sagte Mercedes. »Komm zu mir! So lange habe ich mich danach gesehnt.«

Später.

»Es war wunderbar. Es war so wunderbar und so stark wie noch nie.«

»Für mich auch, Mercedes.«

»Bei den meisten Menschen ist das erste Mal gar nicht wunderbar. Weil sie sich noch nicht richtig kennen. Darum ist es gut, daß wir so lange warten mußten, Danny. In dieser Zeit haben wir einander genau kennengelernt. Deshalb war es so großartig. Du bist sehr geliebt, weißt du das?«

»Und du erst, Mercedes. Und du erst.«

»Manchmal funktioniert es bei einem Mann zuerst überhaupt nicht, so sehr beide sich auch bemühen, hat mir eine Freundin gesagt. Die Frau kann dann besonders glücklich sein.«

»Aha.«

»Ja, weil das nämlich zeigt, daß der Mann sie ehrlich und wirklich liebt. Zu ehrlich und wirklich. Er will es zu sehr und zu heftig. Darum funktioniert es nicht. Das ist immer ein gutes Zeichen, habe ich gehört.«

»Da wärest du also auch bei mir besonders glücklich gewesen, wenn es nicht funktioniert hätte, Mercedes?«

»Ganz ungeheuer.«

»Tut mir leid, daß ich das nicht früher gewußt habe. Es hätte nur nichts genützt, fürchte ich.«

»Ja, das fürchte ich auch.«

»Aber, du glaubst mir, daß ich dich liebe, obwohl es funktioniert hat?«

»Ja«, sagte sie ernst. »Vielleicht reden das, was mir meine Freundin erzählt hat, manche Männer den Frauen auch nur ein. Als Ausrede. Und du hast dabei gar nicht an Sibylle denken müssen?«

»Nein, Mercedes.«

»Ich weiß es. Ich weiß es, Danny. Ich hätte es gemerkt, bestimmt. Es wäre nicht so wunderbar gewesen. Jetzt glaube ich, daß du mich wirklich liebst. Bis heute hatte ich Angst.«

»Angst wegen Sibylle?«

»Ja. Sie ist so großartig. Ich habe in den letzten Tagen immer gedacht, du mußt sie einfach noch lieben, was du auch sagst. Jetzt weiß ich, daß ich ruhig sein kann.«

»Ganz ruhig, Mercedes.« Er sah etwas auf dem Nachttisch. »Was soll ... Das ist doch die alte Platte!«

»Die uns Sibylle geschenkt hat, ja. Euer Lied einmal. Unser Lied jetzt. Es soll uns beschützen. Uns und unsere Liebe. Ich habe die Platte aus Aberglauben da hingelegt. Ich dachte, wenn dieses Lied so nahe ist und es wunderbar wird, dann liebst du mich ehrlich und wirklich.«

»Na, siehst du!«

»Aber ich wünsche uns nicht nur etwas Glück. Ich wünsche uns alles Glück, das wir kriegen können. Ich kann nie gar zu glücklich werden. Und Heimweh nach dem Traurigsein hätte ich auch nie ...«

»Weißt du, die Worte sind aber so schön.«

»Ja, das stimmt natürlich ...« Sie neigte sich über ihn und umarmte ihn wild. »O Danny, Liebster, komm wieder zu mir ...«

Um 23 Uhr löste der Nachtportier Felix Pokorny die Vorgänger von der Nachmittagsschicht ab. Zu dieser Zeit saßen noch viele Gäste in der Bar und in der großen hinteren Halle. Felix Pokorny war seit Jahren in Pension. Er hatte sehr lange im RITZ gearbeitet. Nun wurde er von seinen früheren Kollegen im RITZ und in den anderen Ringstraßen-Hotels immer gerufen, wenn einer der festangestellten Nachtportiers krank geworden war. Dann sprang Pokorny für ihn ein. Seit drei Nächten vertrat er im RITZ die beiden Kollegen, die stets gemeinsam die letzte Schicht hatten, nun aber mit schwerer Grippe zu Bett lagen.