Pokorny war ein kräftiger, großer Mann, der allein lebte. Seine Frau hatte er vor langer Zeit verloren, die Kinder waren groß und schon verheiratet. Pokorny sprang gerne für erkrankte Kollegen ein. Nicht wegen des Geldes. Er hatte zu lange in
großen Hotels gearbeitet. Ihre seltsame Faszination hielt ihn für immer gefangen.
Gegen ein Uhr morgens leerten sich Halle und Bar. Die Gäste gingen auf ihre Zimmer. Viele nahmen Ausgaben der Morgenzeitungen mit, die Träger gebracht hatten. Um zwei Uhr war es totenstill geworden. Ein Hausdiener döste bei den Gepäcklifts in einem Sessel. Pokorny, der die großen gläsernen Flügel der Eingangstür versperrt hatte, saß in der kleinen Telefonzentrale hinter dem langen Tresen des Empfangs und las in einem Buch mit ausgewählten Briefen von Ernest Hemingway gerade den Satz: »Die Welt ist so voll von vielen Dingen, daß ich sicher bin, wir sollten alle glücklich wie die Könige sein. Wie glücklich sind Könige?« Da schrillte die Eingangsglocke.
Pokorny erhob sich, ging durch die Halle und sah vor der Glastür einen Mann stehen, der einen pelzgefütterten Dufflecoat trug. Hinter ihm parkte ein Wagen auf der Seitenfahrbahn der Ringstraße. Der Mann war groß und hager, sein blondes Haar kurz geschnitten. Nun lächelte er, während Pokorny die eine Hälfte des gläsernen Eingangs öffnete und ihn eintreten ließ. »Guten Abend, mein Herr.«
»Abend«, sagte Wayne Hyde. »Endlich! Großer Gott, was für eine Nacht! Ich habe schon gedacht, ich komme nie mehr nach Wien.«
»Was ist denn passiert?« fragte Pokorny.
»Rechter Hinterreifen geplatzt. Auf der Autobahn. Bei hundertzwanzig.«
»Jessas«, sagte Pokorny. »Da haben der Herr vielleicht ein Massel gehabt.«
»Kann man sagen. Und keinen Reservereifen. Und bis der Wagen abgeschleppt war!«
»Wo ist es denn passiert?«
»Vor Sankt Pölten.«
»Jessas«, sagte Pokorny. »Müssen todmüd sein, der Herr.« »Bin ich, ja. Sie haben doch hoffentlich ein Zimmer für
mich?«
»So viele Sie wollen. Wenn Sie mir folgen, bittschön ...« Pokorny ging voraus. Wayne Hyde zog ein Taschentuch aus dem Dufflecoat und eine kleine Flasche, öffnete sie geschickt und tränkte das Tuch kräftig mit Äther. Er trat rasch dicht hinter Pokorny und preßte ihm das Tuch mit abgewinkeltem Arm auf Nase und Mund. Der alte Portier wehrte sich kurz, dann sackte er zusammen. Hyde ließ ihn auf den Teppich der Halle gleiten. Von den Gepäcklifts her kam der verschlafene Hausdiener, den die Nachtglocke geweckt hatte. Er rieb sich die Augen.
»Was soll ...« Weiter kam er nicht. Hyde preßte auch ihm schon das Tuch aufs Gesicht. Der Hausdiener machte ein paar heftige Armbewegungen, danach sank er wie Pokorny auf den Teppich und blieb bewußtlos liegen.
Hyde bewegte sich schnell und geschmeidig. Er huschte hinter den langen Tresen des Empfangs und ließ den Blick über die große schwarze Tafel mit den vielen verschiedenfarbigen Kärtchen schweifen, auf denen Namen standen. Es war der Zimmerbelegungsplan. Hyde fand, was er suchte.
419/20 – DANIEL ROSS.
Nun trat er in das Büro hinter der Schlüsselwand, schaltete das Neonlicht an und sah sich um. Da stand ein Computer. Auf dem Schreibtisch daneben erblickte Hyde einen Ablagekasten mit den Rechnungen der Gäste und den dazugehörenden Belegen. An dem Rechnungsblatt für das Appartement vierhundertneunzehn/zwanzig hingen nur zwei Belege: einer vom Etagenservice und ein vom Computer ausgedruckter Streifen mit Angaben über ein Telefongespräch, angewählte Nummer, Sprechdauer vier Minuten und die Gebühr. Hyde schrieb die Berliner Nummer schnell auf ein Stück Papier, das er einsteckte. Die Rechnung mit dem Computerstreifen legte er ordentlich in den Kasten zurück. Er drehte das Neonlicht aus, verließ das Büro und trat an die Schlüsselwand. Im Fach vierhundertneunzehn fehlte der Schlüssel, aber eine Karte steckte darin. Hyde nahm sie heraus und las, was darauf stand.
Er nickte zufrieden und schob die Karte wieder zurück. Danach verließ er das Hotel, wobei er umsichtig über den reglosen Pokorny stieg. Gleich darauf saß er neben dem Fahrer des Wagens, der noch immer vor dem Eingang parkte.
»Wohin?« fragte der bleiche Dr. Herdegen. »Rechte Wienzeile zehn«, sagte Hyde.
Zu dieser Zeit – es war 2 Uhr 15 früh am Samstag, dem 10. März telefonierte Conrad Colledo, Hauptabteilungsleiter für Politik und Zeitgeschehen beim Sender Frankfurt, im Arbeitszimmer der Villa in der Siesmayerstraße am großen Grüneburgpark zu Frankfurt gerade mit einem seiner Rechercheure in Los Angeles. Dort war es erst 17 Uhr 15, die Zeitdifferenz betrug neun Stunden. Colledo machte einen erschöpften Eindruck.
»Um also zusammenzufassen, Chef«, drang die Stimme eines jungen Mannes an Colledos Ohr: »In den letzten zwei Tagen waren wir dauernd zwischen Washington und Los Angeles unterwegs. Sieben Mann. Es gibt hier den C.C.A. und die A.C.A., den ›Club der Kameraleute Amerikas‹ und die ›Vereinigung amerikanischer Kameraleute‹. Nach langem Hin und Her haben sie uns ihre Mitgliederlisten aus dem Krieg gezeigt. Fast jeder Kameramann ist da drin, die guten sowieso. Na, und die Brüder in Teheran waren doch bestimmt erstklassig.«
»Bestimmt, Pit. Weiter!«
»Jetzt haben wir die komplette Übersicht. Am elften Dezember einundvierzig erklärten Italien und Deutschland Amerika den Krieg. Wir haben deshalb überprüft, wie viele und welche Mitglieder der beiden Vereinigungen zwischen einundvierzig und sechsundvierzig Militärdienst leisteten. Es waren zweitausendsechshundertsiebenundfünfzig. Ja, uns ist auch ganz schlecht geworden. Beim Verteidigungsministerium in Washington haben sie uns außerordentlich höflich behandelt, aber Einblick in die Stammrollen bekamen wir nicht. Wir versuchten wirklich jeden Trick, immer wieder. Einen alten Archivar haben wir schließlich so weit gekriegt, daß er wenigstens versuchen wollte, uns zu sagen, auf welchen Theatres of War, auf welchen Kriegsschauplätzen, oder zu welchen besonderen Aufgaben die Männer eingesetzt worden sind.«
»Und?«
»Der alte Herr hat einen Autounfall gehabt. Heute vormittag. Bevor er uns etwas sagen konnte. Wurde überfahren auf einem Zebrastreifen. Ein Wagen raste durch und erwischte ihn. War sofort tot.«
»Und der Wagen?«
»Fahrerflucht. Bis jetzt keine Spur, sagt die Polizei. Die Nummernschilder waren so verdreckt, daß Zeugen nichts erkennen konnten. Klarer Fall, wie?«
»Völlig klar«, sagte Colledo. »Scheiße.«
»Wir haben über alles eine Dokumentation gedreht. Dann haben wir herausbekommen, wie viele von den über zweitausendsechshundert Mitgliedern der beiden Vereinigungen, die damals eingetragen waren, heute noch leben. Eintausendneunhundertachtundneunzig. Arbeiten natürlich nicht mehr alle. Und die, die arbeiten, sind nicht alle in Hollywood, sondern auch an der Ostküste oder bei Fernsehstationen. Praktisch im ganzen Land. Die nicht mehr arbeiten, auch.«
»Versucht, sie alle zu finden!«
»Chef, ich habe gesagt, es gibt noch eintausendneunhundertachtundneunzig!«
»Hab’s gehört. Ihr sollt sie alle suchen.«
»Das dauert ewig!«
»Dann dauert’s eben ewig!«
Hinter Colledo hing ein Bild seiner kleinen Tochter Kathi, die im vergangenen Jahr gestorben war.
»Fast zweitausend Kameramänner! Wir sind sieben! Kommen auf jeden von uns rund dreihundert! Das ist unmöglich, das müssen Sie doch zugeben, großer Gott!«
»Ich schicke euch noch zehn Jungs rüber.«
»Aber das ist doch verrückt, Chef!«