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»Weißt du, hinter was wir her sind, Pit?«

»Natürlich, Chef.«

»Dann mosere nicht herum!«

»Wie Sie befehlen, Chef. Werden wir eben alle noch meschugge.«

»Werdet ihr eben alle noch meschugge. Oder ihr findet die richtigen Männer.«

»Nie, Chef, nie! Wenn wir – Gott behüte – nahe genug an die rangekommen sind, haben die auch Autounfälle. Haben sie vielleicht schon gehabt. Oder eine Waffe ist ihnen beim Reinigen losgegangen. Oder ...«

»Pit?«

»Ja, Chef?«

»Halt’s Maul. Tu, was ich sage! Und bleib’ in Verbindung! Gute Nacht!«

Colledo legte auf und stützte den Kopf in die Hände. Also auch nichts, dachte er. Nichts und nichts. Überallhin habe ich meine besten Leute geschickt. Ins Institut für Zeitgeschichte nach München, ins Landesarchiv nach Berlin. In Koblenz, ja, da hätten wir beinahe Glück gehabt. Beinahe. Sie haben den armen Hund aus dem Dokumentationszentrum erschossen und das Arbeitsjournal verschwinden lassen. Sonst? Sonst nichts. Überhaupt nichts. Nichts im British War Museum in London. Nichts im Archive de la Seconde Guerre mondiale in Paris und in allen anderen Archiven. Nichts in den Archiven von Washington. Nichts, nichts, nichts. Danny hat angerufen. Aus Wien. Wenigstens er hat jemanden ausfindig gemacht: den Gutachter des Geheimprotokolls. Fliegt heute nach Berlin. Ich habe schon ein Team raufgejagt. Das BKA ist verständigt. Vielleicht ...

»Conny!« Er sah auf. Lisa, seine kleine, zarte Frau, war in den Raum gekommen – barfuß und im Nachthemd. Ihr blondes Haar war zerzaust. »Willst du die ganze Nacht arbeiten? Es ist halb drei.«

Sie war zu ihm getreten und legte die Arme um seine Schultern. Er küßte ihre zerschnittenen Handgelenke.

»Ich komme schon«, sagte er.

»Ist es diese Geschichte, von der du mir nichts erzählen willst?«

»Ich kann nicht, Lisa, ich kann nicht.«

Die kleine Frau begann plötzlich zu weinen. Er versuchte, sie zu trösten und zu beruhigen, aber es dauerte lange, bis es ihm halbwegs gelungen war. Sie gingen zu Bett. Lisa war bald eingeschlafen. Conrad Colledo lag mit offenen Augen neben ihr und lauschte den regelmäßigen Atemzügen seiner Frau. Er fand keine Minute Schlaf in dieser Nacht.

Mercedes und Daniel mieteten am Flughafen Tegel einen Leihwagen und kamen gegen 16 Uhr 30 in das Hotel KEMPINSKI am Kurfürstendamm. Der Haupteingang befand sich in der Fasanenstraße. Daniel, der mit dem Volvo von der Hardenbergstraße her kam, parkte ihn und betrat mit Mercedes die große Hotelhalle. Hausdiener kümmerten sich um ihr Gepäck. Der Chefportier Willi Ruof, ein besonders freundlicher und hilfsbereiter Riese, der aus Bayern stammte, begrüßte Daniel herzlich. Die beiden kannten einander seit vielen Jahren, denn wo immer möglich, stieg Daniel stets in denselben Hotels ab. Auch im KEMPINSKI hatte Daniel sein ständiges Appartement: sechshundertsechs/sieben.

Er machte Mercedes mit Ruof bekannt, und sie plauderten ein paar Minuten. Tags zuvor war eine polnische Verkehrsmaschine der staatlichen Gesellschaft LOT von drei Männern nach Westberlin entführt worden und auf dem Flughafen Tempelhof gelandet. Die Maschine hatte sich auf einem Inlandflug befunden. Als die Passagiere begriffen, wo sie sich befanden, entschlossen sich elf von ihnen, gleich den drei Entführern im Westen zu bleiben und um politisches Asyl nachzusuchen. Wie bei allen derartigen Zwischenfällen, und wenn es die schlimmsten waren, gab es natürlich sofort einen witzigen Kommentar der Berliner.

»Wissen Sie, was LOT heißt, Herr Ross?« fragte Chefportier Ruof. »Landet ooch Tempelhof ... Und eine Nachricht für Sie!« Ruof übergab Daniel ein Kuvert und wünschte einen angenehmen Aufenthalt.

Im Lift riß Ross den Umschlag auf und las die Nachricht. »Was ist?« fragte Mercedes.

Daniel sah auf den jungen Mann, der sie nach oben brachte, und reichte Mercedes den Bogen.

»Team abrufbereit im Hotel STEIGENBERGER«, las sie und danach einen ihr unbekannten Namen und eine Telefonnummer. Das Appartement in Berlin gefiel Mercedes besonders gut. Es war noch genügend Zeit. Daniel bestellte Tee. Während sie ihn tranken, suchte er auf einem Stadtplan den besten Weg hinaus zum Wannsee. Er kannte sich gut in der Stadt aus, doch es war noch früh im Jahr und schon zeitig dunkel.

Mercedes wurde immer unruhiger. Sie hatte eingesehen, daß sie Daniel nicht begleiten konnte. Jede Erklärung hätte Professor Kant nur unsicher gemacht und beunruhigt. Er erwartete eine Person: den Sohn des Mannes, mit dem er im Krieg zusammengearbeitet hatte. Daniel hatte vorgegeben, erfahren zu wollen, was Kant über das Schicksal seines Vaters wußte. Da war es unmöglich, dem Professor eine argentinische Stieftochter zu präsentieren. Man hätte ihm dann gleich von Anfang an die Wahrheit sagen müssen. Und eben das wollten beide nicht. »Keine Angst«, sagte Daniel beim Abschied. »Es passiert nichts. Da draußen ist alles voller Polizei, das hat Conny veranlaßt. Die greifen ein beim geringsten Verdacht, daß etwas nicht stimmt. Und das Team kommt auch gleich, wenn ich mit dem Professor über das Grundsätzliche gesprochen habe.«

»Ich habe trotzdem Angst, Danny, schreckliche Angst ...« Sie klammerte sich an ihn. Er küßte sie und machte sich behutsam frei. »Du bist doch meine tapfere Mercedes.«

»Ich bin überhaupt nicht tapfer!«

»Doch, du bist tapfer, und du liebst mich und weißt, daß ich allein fahren muß, und weil du mich liebst, machst du mir jetzt nicht das Herz schwer, sondern hörst sofort auf damit und sagst, daß du gar keine Angst hast.«

Sie schluchzte und schluckte ein paarmal, fuhr sich über die Augen und sagte: »Ich habe gar keine Angst.«

»Das ist mein Mädchen!« Er umarmte sie noch einmal, dann ging er schnell aus dem Appartement und zum Lift.

Im Salon war Mercedes auf einen Stuhl gesunken. Tränen stiegen in ihre Augen und sie flüsterte: »O Gott, wenn ich doch bloß keine so furchtbare Angst hätte!«

Ein Wagenmeister begleitete Daniel zu dem Mietvolvo. Es war kälter geworden.

»Vorsichtig fahren, Herr Ross! Es gibt Glatteis. Ich danke sehr.« Er steckte das Fünfmarkstück ein und warf die Tür hinter Daniel zu.

Der Kurfürstendamm war verstopft vom Abendverkehr. Am Rathenauplatz bog Daniel in die Halenseestraße ein. In nördlicher Richtung fuhr er diese Straße, auf der es schon viel ruhiger war, bis zum Messegelände. Vor sich sah er den Funkturm mit seinen roten Positionslichtern, dann war er auf der Avus. Halb sieben vorbei.

Daniel gab Gas und fuhr nun erheblich schneller über die eisfreie Autobahn südwestlich. Nur wenige Autos kamen ihm entgegen. Auf der Höhe der S-Bahn-Station Nikolassee benützte er die Ausfahrt, überquerte den Kronprinzessinnenweg und bog in den nach Nordwesten führenden langen Wannseebadweg ein. Aus vielen Villen in den Gärten fiel Licht, andere schienen nicht bewohnt zu sein. Daniel kam dem Wasser immer näher. Plötzlich war er im Dunst, gleich danach im Nebel. Den Nebel trieb Westwind vor sich her. Daniel konnte schlecht sehen und fuhr nun sehr langsam. Er wußte, vor ihm lag die Inselstraße, die über einen kurzen Damm zur kleinen Insel Schwanenwerder hinüberführte. Knapp bevor die Straße anfing, bemerkte er drei geparkte Wagen. Er hatte mit Conrad Colledo telefonisch ein Zeichen vereinbart, wie er erkennen konnte, daß die Polizei ihre Stellung bezogen hatte. Im Schrittempo fahrend, blendete Daniel dreimal kurz hintereinander die Scheinwerfer auf. Die Fernlichter der drei Wagen wurden dreimal hintereinander kurz hell. Von der Inselstraße zum Schwanenwerderweg waren es nur ein paar Meter, und gleich in der Nähe lag das Haus dreihundertsiebenundzwanzig. Noch in der Inselstraße parkte ein vierter Wagen, der gleichfalls auf das Lichtzeichen Daniels reagierte. In weniger als einer Minute wären die im Haus, dachte Daniel.

Er bog noch einmal rechts ab und hielt gleich darauf. Hier draußen gab es keine Straßenbeleuchtung. Der Nebel war dichter geworden, man sah nur wenige Meter weit. Ganz nahe mußte der Wannsee sein, Daniel roch das Wasser. Die Villa des Professors war zweigeschossig und hatte ein mächtiges, steiles Ziegeldach mit großen Luken. Wilder Wein bedeckte die Mauern und rankte sich an breiten Holzlatten hoch. Das nächste Haus war gewiß hundert Meter entfernt.