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Daniel klingelte am Gartentor, an dem die Hausnummer angebracht war. Aus der Sprechanlage erklang eine verzerrte Frauenstimme: »Wer ist da?«

Er neigte sich vor und sprach in die Mikrofonlöcher: »Daniel Ross. Ich bin mit dem Herrn Professor verabredet.«

»Einen Moment!«

Das Tor sprang auf, über dem Hauseingang ging eine Lampe an. Daniel schritt durch den nebelgrauen Garten. Die Haustür öffnete sich. Daniel sah eine ältere, korpulente Frau. »Guten Abend«, sagte er.

»Abend«, sagte die Frau. »Haben Sie Ihren Paß?« »Ja.«

»Geben Sie ihn mir!« Daniel gab ihn ihr. »Moment.« Die Tür fiel zu, Daniel hörte Schritte, die sich entfernten. Er

wartete. Die Schritte kehrten zurück. Die Tür ging wieder auf. Die ältere Frau reichte ihm seinen Paß und sagte: »Treten Sie ein, Herr Ross. Sie müssen entschuldigen! Aber man kann nicht vorsichtig genug sein.« Sie standen in einem kleinen Vorraum. »Ihren Mantel, bitte!«

Die Frau hängte ihn über einen Bügel. Dann öffnete sie eine andere Tür.

»Hier herein, bitte!«

Daniel trat vor und blieb erstaunt stehen. Er befand sich in einem sehr großen Raum, der wie eine mächtige Wohnhalle eingerichtet war. Teppiche bedeckten den Boden, fünf Stehlampen mit gelben Glockenschirmen brannten und verbreiteten warmes, helles Licht. Der Raum war außerordentlich geschickt in einen Wohn-, einen Eß- und einen Arbeitsteil untergliedert – einfach durch das Arrangement der Möbelstücke. Eine breite, freitragende Holztreppe führte in das Obergeschoß. Bücherregale bedeckten die Wände des Arbeitsteils. Lexika und Schriftstücke lagen unter einer starken Lampe auf einem Eichentisch, hinter dem sich jetzt ein großer, schlanker Mann in burgunderfarbener Hausjacke und Flanellhose erhob. Er trug ein weißes Seidenhalstuch. Mit jugendlichen Schritten kam er Daniel entgegen.

»Ich begrüße Sie, Herr Ross!«

»Guten Abend, Herr Professor!« Sie schüttelten einander die Hände. Professor Emil Kant hatte ein rundes, rosiges Gesicht, helle Augen und einen kleinen Mund. Sein Haupt war kahl, doch an den Seiten und hinten wuchsen noch lange braune Strähnen, die Kant in den Nacken gekämmt und mit einer Klammer zusammengehalten trug. Die Strähnen reichten bis auf die Schultern. Er sah aus wie ein alter Hippie.

»Wollen Sie Tee, Kaffee – oder lieber etwas Alkoholisches?« »Ein kleiner Whisky könnte nicht schaden.« »Kriegen Sie. Kriegen Sie.« Kant sagte zu der älteren Frau,

die gewartet hatte: »Es ist gut, Erna. Danke schön!« Erna verschwand hinter einer Tür im Hintergrund –

vermutlich in der Küche.

»Meine Haushälterin. Habe ich schon vierzehn Jahre. Großartige Person. Wie die für mich sorgt!« Kant ging mit Daniel in die Arbeitsecke der Halle und wies auf einen Ledersessel. »Nehmen Sie Platz!« Er neigte sich über einen Tisch voller Flaschen und Gläser und bereitete einen Drink. »Eis und Wasser?«

»Nur Eis, bitte!«

»Sehr gut. Werde ich mir auch einen genehmigen.« Kant brachte zwei Whiskys. Sie tranken einander zu. Dann

setzte sich der Professor.

»Hätte natürlich ein falscher Paß sein können, wie?« fragte er. Daniel wollte etwas sagen, aber Kant winkte ab.

»Hätte kein falscher Paß sein können. Sie nannten Ihrem Freund Colledo am Telefon die Paßnummer. Der gab sie der Polizei, und die gab sie mir.« Kant lachte kurz und meckernd.

»Ich bin Ihnen wirklich sehr dankbar dafür, daß Sie mich so schnell empfangen«, sagte Daniel und drehte das Glas in den Händen.

»Warum sollte ich nicht, wenn mein alter Freund Umberto Sie an mich verwiesen hat?« Kant wiegte den Kopf. »Schlimm, schlimm. Er ist sehr krank, wie?«

»Ich fürchte, Herr Professor.«

»Schizophrenie?«

»Ja.«

»Und keine Besserung zu erwarten?«

»Soweit ich verstanden habe, nein. Er ... er leidet sehr unter Stimmen, die ihn dauernd attackieren. Ich habe es selbst miterlebt ...« Daniel berichtete kurz von dem Streitgespräch Damianis mit Papst Alexander dem Sechsten, Ferdinand von Aragon und Isabella von Kastilien, dessen Zeuge er geworden war.

»Der arme Kerl ...« Kant schüttelte betrübt den Kopf. Die Hippie-Haarsträhnen im Nacken flogen hin und her. »Dieses Buch, das er schrieb, ›unter caetera divinae‹, hat seinerzeit ungeheueres Aufsehen unter Theologen und Völkerrechtlern erregt, wie Sie sich vorstellen können. Manche Theologen sind fast toll geworden vor Wut. Natürlich bekam Umberto auch mächtigen Zuspruch. Aber es war ein Weltskandal! Großer Gott, ist er damals mit Unrat überschüttet worden – bildlich gesprochen. Waren das Auseinandersetzungen! Waren das Kämpfe! Heute ist das Buch das Standardwerk zum Thema. Aber was hat der arme Umberto noch davon? Es war einfach zuviel für ihn an Aufregungen und Angriffen übelster Art. Man muß natürlich auch die Kirche verstehen. Umberto griff sie gnadenlos an. Und was wollen Sie« – Kant hob eine Hand – »Sie werden einen Schneemann niemals von der segensreichen Kraft der Frühlingssonne überzeugen können.« Er trank. »Ja, nun zu Ihnen, Herr Ross! Ich gestehe, diese Begegnung berührt mich tief. Immerhin ist es schon vierzig Jahre her, daß ich mit Ihrem Vater zusammengearbeitet habe. Ja, jetzt im März sind genau vierzig Jahre vergangen, seit er mir dieses Geheimprotokoll zur Prüfung gegeben hat, das der arme Umberto erwähnte. Ich hätte ihm natürlich nie davon erzählen dürfen. Das war eine ›Geheime Reichssache‹. Aber Sie wissen ja: Niemand ist so verschwätzt wie wir Wissenschaftler. Und wir waren auch innig miteinander befreundet. Trinken Sie aus! Ich hole die Flasche und das Eis her.«

»Ich muß Auto fahren, Herr Professor.«

»Ach was, so ein paar Schluck werden Sie nicht gleich umschmeißen.« Der alte Mann ging schon zum Tisch und brachte, was er brauchte. Er stellte eine Whiskyflasche und einen Thermosbehälter mit Eiswürfeln auf den niederen Tisch vor Daniel und machte neue Drinks.

»Sie haben den ganzen Krieg in Berlin erlebt, Herr Professor?«

»Bis zum bitteren Ende. Und das Ende war vielleicht bitter, mein Lieber! Hier, Ihr Glas. Zum Wohl!« Sie tranken wieder. »Bitter«, wiederholte Kant. Danach lachte er neuerlich sein seltsam meckerndes Lachen. »Die Welt soll zittern bei der Germanen Untergang, wie? Na ja! Teuflisch war es, teuflisch. Aber man hat überlebt. Man hat überlebt ...«

»Und mein Vater?« Daniel stellte sein Glas ab. »Verzeihen Sie, wenn ich sofort danach frage. Sie sind meine letzte Hoffnung. Nach Ihnen kommt nichts mehr.«

»Ihr Vater ist bei den Kämpfen gefallen«, sagte Kant. »Das habe ich fast erwartet«, sagte Daniel mit unbewegtem

Gesicht. »Ich wollte nur Gewißheit haben. Jetzt habe ich sie. Sie sind sich natürlich ganz sicher, Herr Professor, sonst würden Sie nicht eine solche Auskunft geben, nicht wahr?«

»Ganz sicher, Herr Ross. Goebbels selber hat es mir gesagt.« »Goebbels?«

»Ja. Er ließ mich rufen. In den Bunker unter der Reichskanzlei. Am zehnten April fünfundvierzig war das. Ich habe in meinem Tagebuch nachgesehen. Eine Odyssee, kann ich Ihnen sagen!

Die Stadt unter dauerndem Beschuß. Die Russen hatten schon die letzte Abwehrlinie an der Lausitzer Neiße durchbrochen. Zwei Wochen später kämpften sie sich bereits in Berlin von Haus zu Haus. Tiefflieger ...«

»Warum ließ Goebbels Sie rufen?«

»Um mir zu sagen, daß Ross tot war. Er wußte, ich hatte im Jahr zuvor das Dokument zur Prüfung erhalten – als ein vertrauenswürdiger Mitarbeiter Ihres Vaters. Der wurde in seinem Dahlemer Haus schon im März vierundvierzig ausgebombt. Seither wohnte er bei einem Bekannten am Bayerischen Platz, ich kannte das Haus. Goebbels verlangte nun, daß ich hinging und in der Wohnung alle Akten vernichtete, die Ihr Vater mit nach Hause genommen hatte. Das Auswärtige Amt war damals längst ausgelagert. Goebbels nahm zu Recht an, daß ich alle wichtigen Akten und Papiere erkennen würde. Was sollte ich tun? Ich arbeitete mich zum Bayerischen Platz durch – brauchte einen ganzen Tag dazu – und verbrannte stoßweise Papiere. Hatte Pech dabei.«