Dein Vater
Er ließ den Brief sinken.
»Was ist?« Mercedes sah ihn erschrocken an. »Sie sind ganz blaß. Sie zittern, Daniel.«
»Würden Sie ...« Er schluckte mühsam. »Würden Sie bitte ins Badezimmer gehen... Da hängt eine Hausapotheke ...«
»Ja, ja, und?«
»In der Apotheke finden Sie ein Medikament, das Nobilam heißt ...«
»Nobilam.«
»Ja ... bitte ... bringen ... Sie ... mir ... eine ... Packung ... Schnell!«
Jetzt schoß die Angst in ihm hoch gleich einem Springbrunnen. Er fühlte, wie er schwindlig wurde. Er ließ sich im Bett zurückfallen. In seiner Brust pochte etwas, das er nicht lokalisieren, nicht benennen konnte – wie schon so oft, so oft.
Zu lange nichts genommen ... zu viel gesprochen ... mich zu sehr aufgeregt, dachte er.
Mercedes kam mit der Packung und einem Glas voll Wasser zurück. Sie riß die Packung auf, sie zog den Plastikverschluß aus dem Glasröhrchen. Er hielt ihr die bebende hohle Hand entgegen. »Wieviel?«
»Fünf ... sechs ... acht ...«
Die Tabletten fielen aus dem Röhrchen. Er warf sie in den Mund. Mit Wasser spülte er sie hinunter.
Mercedes sah ihn entsetzt an. »Was ist?«
»Deswegen ... wollte ich mich ... umbringen.« Das Sprechen strengte ihn maßlos an. »Warten Sie ... eine halbe Stunde ... Dann wirkt das Zeug ... Dann will ich Ihnen alles erzählen ... alles ... Die ganze verfluchte Geschichte ...«
Niemand sprach.
Draußen tobte der Sturm. Ross lag still auf dem Rücken und hielt die Augen geschlossen. Wie eine starke Luftblase pochte die Angst an sein Brustbein, auf der Höhe des Herzens. Er kannte das. Es war immer aufs neue unheimlich. Plop. Plop. Plop. Danach wieder Minuten lang Ruhe. Und dann im Hals. Plop. Plop. Plop. Er schluckte dauernd. Das Pochen konnte er nicht hinunterschlucken. Muskeln in seinen Armen und Beinen zuckten. Das war auch so ein Zeichen. Komisch, dachte er, wenn es ganz schlimm ist, schwitze ich nicht. Da war der Schwindel wieder. Er sah Mercedes an. Er brauchte einen Punkt, den er fixieren konnte.
»Sehr schlimm?« Er nickte.
Er hob seine Hände und spreizte die Finger. Sie bebten heftig. Hübscher, grobschlägiger Tremor, dachte er. Aber er konnte es nicht sagen. Er hätte jetzt keine Silbe herausgebracht. In seinem Mund sammelte sich Speichel. Er schluckte ihn mit größter Mühe hinunter. Es war, als hätte er überhaupt keine Muskeln mehr. »Sind Sie süchtig?«
Nicken.
Da war die Luftblase. Plop, plop, plop.
Er ließ die Hände auf die Bettdecke fallen. Mercedes strich mit kühlen, glatten Fingern darüber, sehr behutsam, sehr vorsichtig. Sie lächelte. Das Klopfen der Luftblase, die es nicht gab, da war es wieder, in seiner Kehle. Er wollte etwas sagen.
»Nicht sprechen«, sagte sie.
Er wand sich im Bett. Seine Zehen verkrampften sich. Er rutschte hin und her. Er ließ ihr Gesicht nicht aus den Augen.
»Es wird vorübergehen«, sagte sie. »Ich werde beten, daß es vorübergeht.«
In seine Augen trat ein Ausdruck des Staunens, als er sah, daß sie den Kopf senkte.
Nach einer langen Weile blickte sie wieder auf. »Besser?« Er wollte den Kopf schütteln, doch dann nickte er und grinste
wie ein armer Idiot. Es ging ihm tatsächlich besser. Die imaginäre Luftblase klopfte nicht mehr. Die Angst, die imaginäre Angst, zog sich zurück. Zehn Minuten später war alles vorbei.
»Sie haben wieder Farbe im Gesicht.«
»Ich danke Ihnen fürs Beten.«
»Beten Sie nie?«
»Ich?« Auf einmal war alles wieder in Ordnung, auf einmal konnte er wieder fließend sprechen. »Ich bin ein armes Heidenkind, das nicht zu seinem Heiland find’t.«
»Trotzdem. Betet nicht auch das arme Heidenkind in einem solchen Zustand?«
Er starrte sie an. »Was ist?«
»Sie sind großartig.«
»Weil ich es erraten habe?«
»Ja.«
»Das war nicht schwer. Sie hatten große Angst, nicht wahr?« Er nickte.
»Wer betet da nicht?«
»Sicherlich«, sagte er. »Aber bei mir hat es noch nie funktioniert.« Ross dachte: Wie kann etwas funktionieren, das es nicht gibt? Er sagte: »Also, hören Sie, Mercedes ...«
Sie unterbrach ihn. »Wollen Sie mir nicht alles morgen erzählen? Ihr Gesicht ist ganz spitz. Sie brauchen Schlaf.«
»Nein ... Ich ... ich will jetzt erzählen. Ich bin nicht müde. Das Nobilam hat geholfen ... Ich meine: Ihr Gebet.«
»Es war schon das Nobilam.«
Er sagte: »Wenn ich mir was wünschen dürfte ...« »Bitte?«
»Als Sie mich anriefen, aus der Bar am Flughafen, da hörte ich die Dietrich dieses Lied singen. Sie sagten mir, der Mixer habe eine Kassette in das Stereogerät gelegt. Ich war schon benommen von Nembutal und Whisky. Aber als ich die Melodie hörte, erschrak ich richtig ... ›Wenn ich mir was wünschen dürfte...‹ Marlene Dietrich hat dieses Lied weltberühmt gemacht ... Eine wunderbare Frau ... Ich verehre sie ... Wissen Sie, was Hemingway über sie geschrieben hat?«
»Hemingway?«
»›Selbst wenn sie nichts anderes hätte als ihre Stimme, könnte sie dir damit das Herz brechen ...‹« zitierte er.
»Ja«, sagte Mercedes. »Ja, das stimmt.«
»›... aber sie hat dazu noch diesen schönen Körper und die zeitlose Schönheit ihres Gesichts‹«, fuhr er fort. »›Einerlei, womit sie dir das Herz bricht, wenn sie nur da ist, um es wieder zusammenzustücken ...‹ Das ist großartig, wie?«
»Großartig, ja«, sagte Mercedes.
»Und wahr«, sagte er. »Jeder muß so empfinden. Ich wünschte, ich hätte die Dietrich einmal kennengelernt. Oder nur gesprochen – am Telefon.« Wieder benützte er Hemingways Worte: »›Ich weiß, daß ich Marlene niemals sehen konnte, ohne daß sie etwas mit meinem Herzen tat und ohne daß sie mich glücklich machte. Falls sie dadurch geheimnisvoll wird, so ist es ein schönes Geheimnis ...‹ Ein schönes Geheimnis«, wiederholte er. »Ja, das ist Marlene Dietrich!«
»Sie reden zuviel«, sagte Mercedes.
»›Wenn ich mir was wünschen dürfte!‹ Sehen Sie, neunzehnhunderteinunddreißig, in einem UFA-Film – ›Der Mann, der seinen Mörder sucht‹ hieß er, Regie Robert Siodmak –, da hat eine andere zum erstenmal dieses Lied gesungen ... eine andere ... Wir sammelten alte Platten, achtundsiebziger, verstehen Sie. Und gerade von dieser Schellackplatte waren die beiden Aufkleber ganz abgekratzt. Trotzdem bekamen diese Frau und ich das damals alles heraus – nur nicht, wer das Lied gesungen hat. Wir haben in Wien die Besitzerin des Bellaria-Kinos gefragt. Das spielt regelmäßig Reprisen ganz alter Filme. Gesungen hat ein Mädchen, sagte die Dame. An den Namen erinnerte sie sich nicht mehr ... Ganz seltsam war das. Wir haben den Namen niemals erfahren ... So lange ist das nun schon her ... So viele Jahre ... Und dann hörte ich dieses Lied wieder ... Das muß eine Bedeutung haben – oder?
»Sind Sie abergläubisch, Daniel?«
»Wenn einer nicht glauben kann, ist er abergläubisch.« Er wiederholte: »›Wenn ich mir was wünschen dürfte ...‹« Er lächelte. »Sie haben einander sehr geliebt«, sagte sie leise.
»Ja, sehr. Sie war die Frau, die mich ... gerettet hat.« Seine Stimme wurde immer langsamer. Er schloß die Augen. »Immer wieder gerettet ... Ich würde längst nicht mehr leben ohne sie ... Leben und Liebe ... hat sie mir gegeben ... so viel Liebe ... ›Wenn ich mir was wünschen ...‹ unser Lied ... in Wien. Und jetzt hörte ich es wieder ... bei Ihrem Anruf ... seltsam ... nicht wahr? Sibylle kennt mich wie niemand anderer. Aber ich kann nicht zu Sibylle. Ich kann nicht ... Zuletzt ... zuletzt haben wir einander getötet ...« Er war jetzt kaum noch zu verstehen. »Man tötet immer das, was man liebt ...«