Mercedes neigte sich über ihn. Er atmete tief. Er war eingeschlafen. Die junge Frau zog die Decke zurecht. Dann saß sie wieder aufrecht und sah Ross an. Ihr Gesicht war sehr ernst.
Sibylle hatte sich erhoben und stand nun, mit dem Rücken zu ihm, an ihrem Schreibtisch. Sibylle war sechsunddreißig Jahre alt, mittelgroß und schlank. Sie hatte kastanienbraunes Haar und besonders große Augen derselben Farbe. Ihr Mund war breit, die Lippen waren sanft geschwungen und zum Lachen geschaffen. Daniel war dreiunddreißig Jahre alt, und sein Haar war noch blond. Er sah erholt und gesund aus. Es war still in Sibylles großem Behandlungszimmer im ersten Stock der Klinik für Psychiatrie und Neurologie im riesigen Areal des Allgemeinen Krankenhauses zu Wien.
»Wir sind also dahintergekommen, daß Ihre Valiumsucht – Ihr Suchtverhalten überhaupt – kaum mit Streß oder Ihrem verrückten Beruf zu tun hat, sondern vielmehr mit Faktoren der Kindheitsentwicklung und einer überstarken Mutterbindung.« Ross erhob sich gleichfalls. »Frau Doktor ...«
»Ja?« Sie drehte sich um.
Er stand dicht vor ihr. Er sagte: »Da wäre noch eine Komplikation, über die ich zu berichten habe.«
»Welche?«
»Ich liebe Sie, Sibylle. Seit ich Sie kenne. Ich bete Sie an.« Ihre Augen waren plötzlich riesengroß. Er schlang die Arme
um sie und preßte seinen Körper an den ihren. Sie wehrte sich vergeblich. Die Lippen trafen aufeinander. Er küßte sie hart, und hart blieb ihr Mund. Dann öffneten sich ihre Lippen und wurden weich und wunderbar. Der Kuß dauerte lange. Zuletzt legte sie
den Kopf an seine Schulter, ihre Wange an die seine. Sie flüsterte: »Ich verstehe dich, Daniel ...« Ihre Arme
umklammerten ihn. Sie küßten sich wieder. Danach sahen sie einander in die Augen.
»Für alle Zeit«, sagte er. »Für alle Zeit«, erwiderte sie. Sibylle lächelte plötzlich. »Was ist?«
»Nichts, Liebster.«
»Doch! Warum hast du gelächelt?«
»Bitte nicht.«
»Bitte ja! Woran hast du gedacht?«
»Ich habe gedacht: Mutterbindung! Natürlich bin ich älter«, sagte Sibylle und lächelte wieder.
Er fror plötzlich und erwachte abrupt.
Mercedes saß an seinem Bettrand. Sie trug einen schwarzen, glänzenden Pyjama.
»Was ist ... Wieso ...« Er war noch sehr benommen. Die Sonne schien ins Schlafzimmer. »Ich bin wieder eingeschlafen, ja?« Sie nickte.
»Ich wollte Ihnen doch erzählen, in was für einer Lage ich bin. Warum ich nicht nach Wien kann ... aber müßte ... Habe ich das erzählt?«
»Sie waren einfach noch zu schwach.«
Er sah zu dem Musikwecker auf dem Tischchen neben dem Bett. »Halb zehn. Wieder zehn Stunden geschlafen.«
»Dreizehn. Wie fühlen Sie sich heute, an diesem wunderschönen Montag?«
»Gut«, sagte er. »Aber Sie ... Wo haben Sie geschlafen?« »Neben Ihnen.«
»Was?«
Sie zuckte mit den Achseln. »Wenn es eine Couch in Ihrer Wohnung geben würde ... Aber es gibt nur dieses Bett. Dieses sehr breite Bett. Mit zweiter Decke und zusätzlichen Kissen. Also habe ich mir auch einen Pyjama angezogen und mich neben Sie gelegt. Sind Sie schockiert?«
»Nein.« Er sah sie an. Eine Sonnenbahn traf ihr schwarzes Haar und ließ es mit rötlichem Schimmer leuchten.
»Die Dame war es auch nicht.«
»Was für eine Dame?«
»Ich kenne sie nicht. Kam Punkt neun. Ältere Dame. Lodenmantel und Jägerhut. Und eine sehr große Einkaufstasche voll Lebensmittel.«
»Das war Frau Glanzer. Meine Haushälterin.« »Ja, das dachte ich mir gleich. Sehr energisch. Trägt
Gesundheitsschuhe.«
»Woher wissen ... Ach so, die machen viel Krach, wenn sie geht.«
»Ich wachte jedenfalls davon auf.«
»Was hat sie gesagt?«
»›Schon wieder eine Neue.‹«
»Sehr ungehörig.«
»Wieso? Ich lag mit Ihnen im Bett. Sie scheinen ein bewegtes Privatleben zu haben.«
»Mercedes, wirklich ...« Sehr verlegen sagte er: »Manchmal halte ich das Alleinsein nicht aus. Die Angst. Ich habe doch vor allem Angst. Vor Menschen. Wetterumschwüngen. Dem Leben. Angst vor der Angst. Seit einer Ewigkeit wache ich nachts auf und fühle mich grauenhaft ... Und wenn dann jemand neben mir liegt ... ein Mädchen ... junges, festes, warmes Fleisch, an das ich mich schmiegen kann, ohne das Mädchen zu wecken ... Nur zu wissen: Da ist Leben, Sorglosigkeit, Gesundheit ... dann ...«
»Dann?«
»... dann glaube ich zuletzt doch immer wieder, daß ich nicht sterben muß.«
»Wenn Sie nachts aufwachen, glauben Sie, sterben zu müssen?«
»Sehr oft. Ja.«
»Woran sterben zu müssen?«
»Das weiß ich nicht. Die Nächte sind schlimmer als die Tage ... Darum die Mädchen ... Sie lächeln ...«
»Aber nein!«
»Aber ja!« Er setzte sich auf. »Bitte lächeln Sie nicht. Ich bin erledigt, Mercedes. Der Sender hat mir gekündigt, da ist etwas passiert. Kein anderer Sender nimmt mich. Die Produktionsgesellschaft, bei der ich mich beworben habe, gibt es nicht mehr ...« Er neigte sich vor. »Ich habe noch etwas Geld auf der Bank. Dieser Dreckskerl von einem Vater! Aber was er schreibt ... und was Sie sagen über dieses Abkommen ... Wenn Sie behaupten, daß da eine Sensation liegt ... Das könnte doch meine Chance sein ... Also muß ich zu meinem Vater fliegen ...« Er unterbrach sich. »Fein haben Sie das hingekriegt. Meinen Glückwunsch!«
Sie strahlte ihn an.
»Aber ich bin so down ... Was ist, wenn ich den Flug nicht mehr aushalte ... wenn ich drüben umkippe ...«
»Rufen Sie doch Ihre Sibylle an. Anrufen ist nicht zu ihr kommen. Anrufen – das werden Sie doch noch fertigbringen! Wenn sie der einzige Arzt ist, zu dem Sie Vertrauen haben. Ihr können Sie alles erzählen – über Ihren Zustand natürlich nur. Sonst bloß das absolut Notwendige. Ein Wort zuviel wäre Selbstmord. Sagen Sie ihr, Sie werden abgehört.«
Er unterbrach nervös: »Ich bin kein Idiot.«
»Entschuldigen Sie! Aber es geht um so viel. Unter anderem um unser Leben. Sie machen das schon richtig, ich weiß. Sibylle wird Sie beraten, wird einen Ausweg finden. Los, kommen Sie!«
»Wohin?«
»Zum Telefon. Sibylle anrufen.« Sie sah, daß sein Gesicht sich verzerrte. »Daniel! Sie dürfen auch nicht zu verrückt spielen, wissen Sie?«
»Will ich ja nicht. Ich rufe an. Bestimmt. Mir ist nur so ... Ich brauche Kaffee. Nach dem Frühstück rufe ich an.«
»Ehrenwort, Heidenkind!«
»Ehrenwort.«
Sie hielt Ross die rechte Hand hin, er schüttelte sie. Etwas fiel ihm ein.
»Wie ist Frau Glanzer in die Wohnung gekommen? Ich habe doch abgesperrt und die Kette vorgelegt.«
»Und ich habe alles wieder geöffnet, nachdem ich durch das Küchenfenster eingestiegen war. Meine Koffer standen doch auf der Straße. So, ich mache Frühstück. Sie müssen etwas in den Magen bekommen. Können Sie sich allein waschen und rasieren?«
Er stand auf. Seine Knie zitterten nur noch ganz leicht. »Ja«, sagte er. »Aber Frau Glanzer ...«
»Ich habe gesagt, Sie hätten etwas Schlechtes gegessen und eine kleine Vergiftung hinter sich. Ich würde mich um Sie kümmern. Der Arzt sei auch schon dagewesen. Ruhe. Absolute Ruhe.«
»Und das hat sie Ihnen geglaubt?«
»Jedes Wort. Sie kommt erst am Mittwoch wieder. Ich bin sehr überzeugend, wissen Sie. So, los ins Bad!«
Die Sonne schien blendend ins Zimmer, ein Flugzeug flog tief über das Haus, und alles erschien ihm unwirklich, absolut unwirklich.
Sie frühstückten in der Küche.
Beide trugen Morgenmäntel. Vor die eingeschlagene Fensterscheibe hatte Mercedes einen großen Karton geklemmt. Es gab Kaffee, Orangensaft, frische Brötchen, Butter, Schinken, weiche Eier, Käse und Marmelade. Ross hatte plötzlich enormen Appetit. Darüber freute sich Mercedes.