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Zwischen ihnen lag die FRANKFURTER ALLGEMEINE vom Tage. Frau Glanzer hatte sie mitgebracht. Sein Blick fiel auf die Schlagzeile.

»Andropow ist tot!«

»Er starb am Donnerstag. Haben Sie das nicht gewußt?« Ross schüttelte den Kopf.

»Ach so«, sagte sie. »Die Russen haben es erst am Freitag abend bekanntgegeben. Am Samstag stand es in den Zeitungen. Ich sah die Schlagzeilen, als ich in Zürich gelandet war.«

»Am Samstag habe ich keine Zeitungen mehr ...« Er brach ab, nahm die Zeitung und begann zu lesen.

Jurij Andropow war in der Tat am vergangenen Donnerstag im Alter von neunundsechzig Jahren um 16 Uhr 50 Ortszeit nach langer Krankheit und kurzer Dienstzeit in Moskau gestorben: Vierhundertvierundfünfzig Tage zuvor, am 12. November 1982, hatte das Zentralkomitee ihn zum Generalsekretär gewählt, et was später zum Partei- und Staatschef. Die letzten einhundertvierundsiebzig Tage war Andropow, Nachfolger von Leonid Breschnew, dem Blick der Öffentlichkeit entzogen gewesen – seit dem 18. August 1983.

»Morgen wird er begraben«, sagte Ross, die Zeitung in den Händen. »Seinen Nachfolger bestimmen sie heute. Man rechnet damit, daß es Konstantin Tschernenko sein wird, ein Bauernsohn aus Sibirien, zweiundsiebzig. Nie von ihm gehört.«

»Wir schon«, sagte Mercedes. »Wer wir?«

»Vater und ich. Tschernenko ist der älteste Funktionär, der je Parteichef wurde, er ist nur ein Jahr jünger, als Stalin nach fast dreißigjähriger Herrschaft bei seinem Tode war.«

»Das wissen Sie?«

»Ich habe Politologie studiert, Daniel. Ich arbeite und denke politisch, seit ich richtig denken gelernt habe.«

»Was heißt das: Sie arbeiten?« Er sah sie über die Zeitung hinweg an.

»In der internationalen Friedensbewegung.« Sie sprach jetzt lauter, ihre Augen glänzten.

»Ach, du herzliebstes Herr Jesulein«, sagte er. »Internationale Friedensbewegung! Frieden schaffen ohne Waffen! Vier Komma sechs Milliarden Menschen wollen sich nicht von zweihundert alten Männern in den Atomtod jagen lassen! Schwerter zu Pflugscharen ...« Er brach verblüfft ab, denn Mercedes hatte etwas ausgerufen. Ihr Gesicht war vollkommen verändert. Die Muskeln zuckten, die Brauen hatten sich zusammengezogen, ein Ausdruck von verrückter Leidenschaft stand in ihren Augen. »Schweigen Sie!« hatte Mercedes gerufen. Und sie fuhr fort: »Sie machen sich lustig über die Friedensbewegung? Sie finden uns naiv und versponnen und moskauhörig, wie? Träumer und Sektierer, ja?«

»Aber nein ...«

»Doch! Aber Sie täuschen sich, Herr Ross! Jetzt, gerade jetzt, wenn Sie das Dokument sehen, werden Sie erkennen, daß die Friedensbewegung und noch dazu mit dem Material, das mein Vater hat – die wichtigste Bewegung der Welt überhaupt ist. In Argentinien haben wir uns bis vor kurzem schwer getan. Sehr schwer. Acht Jahre Militärdiktatur! Aber dann kam die Wahl am

dreißigsten Oktober. Seitdem ist Argentinien eine Demokratie. Schon am dreizehnten Dezember, drei Tage nach seiner Vereidigung, erließ Präsident Alfonsin neue Gesetze. Am fünfzehnten schickte er achtundvierzig hohe Offiziere in den vorzeitigen Ruhestand. Am neunundzwanzigsten begann schon der Monster-Prozeß gegen Mitglieder der drei Militärjuntas. Nun ist alles leichter. Nun können wir endlich richtig arbeiten.« Sie sah sein erschrockenes Gesicht. »Entschuldigen Sie diesen Ausbruch, aber ...«

»Sie sind eine Fanatikerin, Mercedes.«

»Für den Frieden, ja. Für den Frieden alles. Mein Leben – sofort! –, wenn das den Frieden erhalten hilft.«

»Es tut mir leid«, sagte er, während er dachte: Nicht nur ihr Leben vermutlich. Auch jedes andere. Großer Gott, in was für eine Sache gleite ich da hinein?

Sie sagte, wieder ruhig: »Tschernenko ist ein Bilderbuch-Apparatschik. Er hat allerdings niemals ein Staatsunternehmen geleitet oder ein Staatsamt verwaltet. Kein Mensch weiß, was er nun, nachdem er an der Macht ist, tun wird. Ist er wirklich an der Macht? Sind es die Männer hinter ihm? Ist er nur eine Übergangslösung! Andropow war neunundsechzig, Tschernenko ist schon jetzt zweiundsiebzig. Das böse Wort, die Partei sei ein Begräbnisinstitut, macht in Moskau die Runde.«

»Und Reagan?« sagte er. »Der ist dreiundsiebzig!« »Und Amerika wählt heuer.« Mercedes hatte nun wieder den

wildentschlossenen Ausdruck im Gesicht. »Sie können mich nicht verstehen, weil Sie nicht wissen, was Sie in Buenos Aires erwartet. Aber Sie werden mich verstehen. Deshalb bin ich doch herübergekommen – um Sie zu holen, so schnell wie möglich. Mein Gott, unsere Uhr läuft ab! Unsere Uhr läuft ab!«

»Sie sind mir unheimlich«, sagte er.

»Nicht ich bin unheimlich.« Mercedes schüttelte den Kopf. »Die Regierungen der Supermächte sind es! Und werden es mehr und mehr. Immer unheimlicher. Immer unberechenbarer – durch dieses Abkommen. Sie müssen es lesen! Das kann man nicht erklären. Alte Männer! Alte Männer, die ihr Leben gelebt haben. Wissen Sie, daß in zweiundzwanzig von den sechsundsechzig Jahren seines Bestehens Kranke an der Spitze des Sowjetstaates standen?«

Ross sagte: »George Orwell hat in ›Neunzehnhundertvierundachtzig‹ geschrieben: ›Ob der Große Bruder lebt, ist unwichtig.‹«

»Orwell! Wenn Orwell Vater begegnet wäre, hätte er das nicht geschrieben.«

Er beobachtete sie gebannt. Diese Frau ist wirklich besessen, dachte er. Besessen von ihrer Überzeugung, daß sie und mein Lump von Vater den Frieden der Welt in Händen halten, die Welt bewahren können vor einem furchtbaren Krieg, der das Ende dieser Welt brächte. In rasender Eile ist sie. Angst hat sie,

daß unsere Uhr abläuft.

Mercedes rief: »Das ganze Buch hätte Orwell nicht geschrieben, diesen harmlosen, freundlichen Unterhaltungsroman – verglichen mit der Wahrheit von neunzehnhundertvierundachtzig.« Ihre Lippen zitterten. »Sie werden sie kennenlernen, diese Wahrheit«, sagte Mercedes Olivera. »Jetzt werden Sie sie kennenlernen.«

»Allgemeines Krankenhaus.«

»Puh! Endlich.«

»Bitte?«

»Nichts, nichts. Ich spreche aus Frankfurt. Bitte Frau Doktor Mannholz von der Psychiatrie.«

»Nicht bei uns.«

»Unsinn. Natürlich ist sie bei Ihnen. Sie hat mich behandelt.« »Und ich sage Ihnen, wir haben keine Frau Doktor

Mannholz.«

»Liebes Fräulein, ich bin ganz sicher, daß Sie eine Frau Doktor Mannholz haben. An der Psychiatrischen Universitätsklinik.« Er hörte das Stimmendurcheinander der Mädchen in der Telefonzentrale. »Sie sind überlastet. Natürlich. Es ist sehr wichtig. Vielleicht arbeiten Sie noch nicht lange auf diesem Posten. Dürfte ich Sie bitten, eine Kollegin zu fragen?«

»Ich arbeite seit elf Jahren in der Zentrale. Aber schön ... Moment ...« Er hörte, wie die Telefonistin undeutlich mit einer Kollegin sprach.

»Etwas nicht in Ordnung?« fragte Mercedes. Sie stand dicht neben Ross an seinem Schreibtisch, auf dem noch die aufgebrochenen Nembutal-Packungen lagen. Zwischen einem Glas voll schalem Whisky und der Chivas-Flasche blinkte die glänzende Silbertafel mit den Worten Bertrand Russells, die Sibylle ihm geschenkt hatte – 1974 vor dreizehn Jahren. Mercedes las den eingravierten Text, während seine Finger nervös auf die Schreibtischplatte trommelten.

»Das ist großartig.«

»Was? Hallo! Hallo, Fräulein ... Was ist großartig?« Mercedes wies mit dem Kinn auf die Tafel. »Auch wenn man

nicht der gleichen Meinung ist«, sagte sie. »War es Sibylle?« »Was?«

»War sie der gleichen Meinung wie Russell?« »Nein. Sie glaubte an ... Hallo! Ja, Fräulein?« »Wir haben sie jetzt gefunden«, kam die Stimme aus Wien.

»Na, fein.«

»Frau Doktor Mannholz ist seit acht Jahren nicht mehr hier.« »Nicht mehr im Allgemeinen Krankenhaus?« »Nein. Sie arbeitet woanders. Ich kann Ihnen Adresse und

Telefonnummer geben.«

»O ja, bitte!« Er griff nach einem Bleistift.

»Also: Privatsanatorium Kingston bei Heiligenkreuz, Telefon. neundreivier. Vorwahl. nullzwo, zwofünf, acht. Haben Sie?«

»Ja. Ich danke Ihnen sehr, liebes Fräulein.«