»Nichts zu danken. Grüß Gott!« Er legte den Hörer auf. Mercedes setzte sich in einen Fauteuil neben dem
Schreibtisch. »Sonderbar.« Er starrte die Silberplatte an. »Daß sie anderswo arbeitet? Was ist daran sonderbar?« »Sie war so gern an dieser Klinik. Sie konnte sich nicht
vorstellen, jemals von dort wegzugehen.« Er hob die Schultern und drückte die Vorwahl für Österreich – 0043 –, danach jene für Heiligenkreuz und zuletzt die Nummer des Sanatoriums.
Es wurde sofort abgehoben.
Eine Männerstimme: »Sanatorium Kingston, guten Tag.« »Guten Tag. Ich möchte Frau Doktor Mannholz sprechen.
Dies ist ein Ferngespräch aus Frankfurt.«
»Ich verbinde mit dem Sekretariat.«
»Danke.«
Eine Frauenstimme: »Sekretariat Frau Primaria Mannholz.« Er wiederholte seine Bitte.
»Wie ist der Name?«
»Ross. Daniel Ross aus Frankfurt.«
»Einen Moment, bittschön. Ich muß die Frau Primaria auspiepsen lassen. Sie ist nicht in ihrem Zimmer. Müssen S’ ein bisserl warten, ja?«
»Ja.«
»Was ist?« fragte Mercedes.
»Ich muß ein bisserl warten. Die Frau Primaria wird ausgepiepst. Sie ist nicht in ihrem Zimmer. Libanon im Todeskampf.«
»Wie?«
Er wies auf ein TIME-Heft. »Steht da.«
»Hören Sie, Daniel, man kann auch übertreiben. Ihre Freundin hat Ihren Anruf schließlich nicht erwartet.«
»Schon gut. Schon gut.« Er fuhr sich mit der Hand durch das weiße Haar.
»Hallo, Herr Ross?«
»Ist sie jetzt da?«
»Wir haben die Frau Primaria ausgepiepst. Sie kommt. Noch einen Moment, bittschön.«
»Aber gewiß.« Er begann zu pfeifen. »Danny!« Er zuckte wie in einem Schock zusammen, als sie seinen
Namen rief ... Sibylle! »Endlich. Was bin ich froh, deine Stimme zu hören.«
»Und ich, Danny! Und ich! Mein Gott, du hast nie mehr etwas von dir hören lassen seit damals.« Die Stimme stockte. »Fast dreizehn Jahre, Danny.«
»Du hast dich doch auch nicht gemeldet«, sagte er mühsam. »Das haben wir so besprochen. Du hast gesagt, es muß sein. Wir dürfen keinen Kontakt haben, nie mehr. Erinnere dich!«
»Ich erinnere mich genau. Wir haben uns beide an die Übereinkunft gehalten.«
»Ja, das haben wir.« Seine Augen brannten plötzlich. »Ich habe auf einmal ganz brennende Augen«, kam die
Stimme, die er so sehr geliebt hatte, aus Österreich an sein Ohr. »Was ist los, Danny? Ist was passiert? Geht’s dir schlecht?«
»Ja«, sagte er.
»Das Nobilam. Wieder zu viel davon?«
»Viel zu viel.«
»Du nimmst das nächste Flugzeug und kommst nach Wien! Heiligenkreuz liegt neunundzwanzig Kilometer südlich. Setz dich in ein Taxi! Warum hast du nicht längst angerufen?«
»Ich habe mich so geschämt vor dir, Sibylle. Wegen meiner Schwäche, meiner Sucht. Sie hat uns auseinandergebracht ...«
»Das ist nicht wahr!«
»Doch ist es wahr!« Ross sprach jetzt lauter. Er schien vergessen zu haben, daß Mercedes zuhörte. »Wir hatten unsere Zeit. Eine so wunderbare Zeit. Aber es konnte nicht gutgehen mit uns ... Mit einem Kerl wie mir ... der feige ist und unsicher und voller Angst ... der jammert und nicht leben kann ohne die elenden Tabletten ... Immer andere ... Immer neue ...«
»Danny! Danny! Sprich nicht so! Du bist jetzt down, du bist jetzt out. Deshalb kommst du sofort her! Du bist der großartigste Mann der Welt, wenn du dich nicht gerade wieder mal so kaputtgemacht hast ...«
»Ein Dreck bin ich. Überstarke Mutterbindung nebbich! Doch auch nur eine Ausrede fürs Tablettenfressen. Gute Ausrede. Gute Entschuldigung, Sibylle ... Du hast mir auch Oxazepam gegeben, und sofort habe ich zuviel von dem Zeug genommen – wie vorher vom Valium –, und wieder bin ich auf die Schnauze gefallen, und die liebe Frau Doktor mußte mir helfen ... einmal, zweimal ... Das hat doch die größte Liebe geschafft! Das ist doch sogar der guten Sibylle, die alles versteht, schließlich zum Kotzen gewesen.«
Mercedes sah ihn erschrocken an. Er weiß nicht mehr, daß ich hier bin, dachte sie. Er liebt diese Frau natürlich noch immer. Und sie?
IN GROSSER LIEBE, SIBYLLE.
»Danny!« hatte Sibylle mittlerweile gesagt. »Bitte! Du weißt, daß es nicht so war.«
»Genauso war es. Hör zu! Witz. Kleiner Junge kommt aus der Schule und heult: ›Mami, Mami, der Herr Lehrer hat einem anderen Herrn Lehrer gesagt, ich hab’ einen Ödipuskomplex!‹ Sagt die Mami: ›Das ist doch Unsinn! Da mußt du überhaupt nicht hinhören, Schatz. Solange du nur deine Mami lieb hast!‹« Er lachte schallend, und Tränen liefen über seine Wangen. Mercedes sah ihn besorgt an. »Du lachst ja nicht, Sibylle! Nicht komisch?«
»Nein. Und nun ist Schluß. Wann bist du hier?« »Das ist es ja. Darum rufe ich an. Ich kann nicht kommen.« »Warum kannst du nicht kommen?«
»Das darf ich dir nicht sagen.«
»Danny, was soll der Unsinn?«
»Das ist kein Unsinn, Sibylle. Ich muß davon ausgehen, daß unsere Anschlüsse abgehört werden. Deiner vielleicht nicht. Meiner sehr wahrscheinlich. Sie haben Zeit genug gehabt, seit ...« Er brach ab.
»Seit was? Danny, mach kein Theater!«
»Bitte, bitte, glaub mir! Bei dir hört niemand mit, nein?« »Nein.«
»Bestimmt nicht?«
»Ganz bestimmt nicht, Danny. Du beleidigst mich.« »Verzeih! Das wollte ich nicht. Also bestimmt niemand?« » Nein!« schrie sie unbeherrscht.
Etwa sechshundert Kilometer Luftlinie entfernt von Daniel stand die Dozentin Dr. Sibylle Mannholz in ihrem großen, ganz in Weiß gehaltenen Besprechungszimmer vor dem Schreibtisch. Sie hielt den Telefonhörer ans Ohr. Die braunen Augen waren vor Aufregung geweitet. Sie strich mit der Hand über das kurzgeschnittene kastanienbraune Haar. Neben ihr stand ein großer Mann. Der große Mann trug wie sie einen weißen Ärztekittel, sein ebenmäßiges, sehr blasses Gesicht war unbewegt, und er hielt eine zweite Hörmuschel des Telefonapparates ans Ohr. Auf diese Weise vernahm er jedes Wort, das Daniel sprach, ebenso deutlich wie die Ärztin. Der große, blasse Mann hatte dichtes schwarzes Haar, das straff nach hinten gekämmt war, und Augen, die dem Betrachter eine seltsame Kombination von Eigenschaften verrieten: Eiseskälte und Traurigkeit.
»Gut, gut, ich glaube dir ja! Ich muß jetzt nur so achtgeben. So sehr achtgeben ... Ich erzähle dir alles, was ich erzählen darf.«.
Er berichtete, daß er seine Stellung im Sender verloren hatte und warum, daß er wochenlang vergebens neue Arbeit gesucht hatte. Er schilderte die Nebenwirkungen des Nobilams, seine Verzweiflung, seinen vereitelten Selbstmordversuch. Er erzählte von der Frau, die ihm das Leben gerettet hatte. Sibylle und der große blasse Mann lauschten. Der Arzt sah in einen tiefverschneiten Park hinaus, der von hohen Mauern umgeben war. Ein Pfleger und ein Patient stapften durch den Schnee.
»... ja, und das wär’s«, erklang Ross’ Stimme aus beiden Hörmuscheln.
»Was heißt ›das wär’s‹? Wieso kannst du dann nicht sofort zu mir kommen?«
Der große schwarzhaarige und bleiche Mann schrieb auf einen Block:
WER IST DIE FRAU? WAS WILL SIE?
»Weil ich vorher noch etwas erledigen muß, Sibylle. muß! Unbedingt!«
»Hängt das mit dieser Frau zusammen?« Pause, dann: »Ja.« »Wer ist diese Frau, Danny? Wie konnte sie dir das Leben
retten?«
»Es tut mir leid, das darf ich nicht sagen.«
»Und was sie von dir will, auch nicht?«
»Sie hat mir eine Nachricht überbracht.«
»Nachricht? Von wem?«
»Nicht am Telefon.«
Sibylle sah den Arzt an. Ein Ausdruck von verrücktem Triumph stand in ihrem Gesicht. Auch er sah sie an – traurig und eiskalt. Er schrieb auf den Block:
WOHER?
»Warum?«
»Dort ist ein Mann, der hat Arbeit für mich.« »Was für Arbeit?«
»Meine. Nachrichten. Eine Story. Ich bin doch rausgeflogen, Sibylle. Mir gibt doch kein Hund mehr ein Stück Brot. Das ist die letzte Chance. Der Mann verschafft mir wieder einen Job. Einen großartigen Job, Sibylle.«
»Kann er das nicht tun, nachdem du bei mir warst?« »Nein, eben nicht. Ich muß zu ihm, so schnell wie möglich.