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»Eben«, sagt CX21. »Was eben?«

»Eben das hat er getan.«

»Er hat seine Mission verraten? Ihnen?«

»Ja, Chef.«

»In dieser Nacht?«

»In dieser Nacht. Er hat noch viel mehr getan. Ich komme sofort darauf zurück. Ich wollte nur sagen: Natürlich wurde er durchleuchtet. Daraufhin sprach ich ihn auch sofort an. Er sagte, keiner weiß etwas von seinen furchtbaren Schulden – er hat es sehr geschickt angefangen, hat Wechsel unterschrieben, seine Gläubiger sitzen in Los Angeles, die Army hat nichts rausgefunden. Aber mein neuer Freund Bill hat auch einen Wechsel gefälscht und dazu zwei Schecks, und wenn das auffliegt und alle x-mal prolongierten anderen Wechsel fällig werden, dann geht Bill für mindestens zehn Jahre in den Knast. Na, ich sage, das täte mir ganz furchtbar leid, und wenn ich ihm doch nur helfen könnte, ich liebe die Amerikaner, seit ich drüben war, und da sagt er mir, ja, ich könnte ihm helfen, da ist er sicher, es ist nur, ob ich auch will. Ich frage ihn, woran er denkt, und er verrät mir diese›top secret mission‹.«

»Also, Moment mal, ja?« sagt Ragai. »Das ist doch wohl nicht Ihr werter Ernst.«

»Was, bitte?«

»Daß dieser Mackenzie Sie gestern abend bat, auf sein Zimmer zu kommen.«

»Natürlich ist das mein Ernst.«

»Hören Sie! Die Amerikaner fliegen zwei Kameraleute in einer ›top secret mission‹ hierher, und einer von ihnen kann Sie einfach so anquatschen und ausfragen und mit aufs Zimmer schleppen und sich bei Ihnen ausjammern – und Sie sind nicht umgehend von Sicherheitsleuten geschnappt und hochkantig rausgeschmissen worden? Das soll ich Ihnen glauben, Mensch?«

»Das müssen Sie mir glauben, Chef!«

»Verflucht, aber so was von Schlamperei gibt es doch nicht! Die Amerikaner sind doch keine Idioten! Die werden doch noch auf zwei so wichtige Männer aufpassen!«

»Das taten sie ja auch – zu Beginn. Dann kam dieses Gerücht von dem geplanten Attentat auf Roosevelt, und alles geriet in Panik. Chef, Sie können sich nicht vorstellen, wie es jetzt zugeht in der amerikanischen Gesandtschaft! Die scheißen sich einfach alle in die Hosen. Das ist eine einzige Hysterie und ein Herumgerenne und eine totale Kopflosigkeit. Die Sicherheitsleute können einem leid tun. Jede Minute ein neues Gerücht. Natürlich hätte Mackenzie unter normalen Umständen niemals so mit mir reden können. Aber bei diesem Tohuwabohu ... Glück ... wir haben einfach Glück, Chef!«

Ragai steht auf, drückt die Zigarette aus und beginnt im Zimmer auf und ab zu gehen.

»Also«, sagt er.

»Also: Mackenzie und Rosen sind hier, um einen Film zu drehen, einen ganz besonderen Film. Nach langem Herumgerede kam Mackenzie damit raus. Es soll so eine Art Dokumentarfilm werden: die Ankunft der Delegationen, der Weg vom Flughafen in die Stadt, die Hauptpersonen, die Sitzungen und Treffen, die Arbeitsessen, alles nach einem genauen Plan. Die Ankunft und die ersten Sachen haben sie schon gedreht, sagte er, das Wichtigste kommt noch.«

»Das Wichtigste?«

»Besser, Sie setzen sich wieder, Chef, es kann Sie sonst leicht umhauen. Also, mein Freund Bill behauptet, daß die Amerikaner und die Russen entschlossen sind, hier in Teheran während der Konferenz ein beidseitiges Geheimabkommen zu treffen. Einen Vertrag zu schließen, von dem die Engländer nichts wissen dürfen. Diesen Vertrag wird angeblich Roosevelts Berater Harry Hopkins mit Stalins Berater General Woroschilow ausarbeiten, und Stalin und Roosevelt werden ihn dann unterzeichnen. Und das alles soll Bill mit Rosen filmen wie sich Hopkins und Woroschilow treffen, heimlich, wie sie den Vertrag ausarbeiten, wie er dann unterschrieben wird –, und, jetzt kommt es, Chef, und außerdem sollen sie den ganzen Vertrag abfilmen, Seite um Seite, ganz langsam, damit man jedes Wort lesen kann, einmal in englischer, einmal in russischer Sprache.«

»Warum das?«

»Warum was?«

»Warum den Vertrag abfilmen?«

»Das habe ich auch gefragt. Antwort: Dieser Vertrag muß unter allen Umständen geheim bleiben. Der jeweilige Originalvertrag soll deshalb nach der Ablichtung in Gegenwart der Unterzeichner verbrannt werden. Jede der Mächte erhält eine Filmkopie. Diese ist so zu verwahren, daß sie für alle Zeit gegen ein Bekanntwerden, insbesondere durch die Öffnung der Staatsarchive, gesichert ist. Und einen Film mit allen Beteiligten im Bild kann man nicht ableugnen, wenn auch der Partner so einen Film hat. Leuchtet ein, wie?«

»Verflucht, was ist das für ein Vertrag, Mensch? »Das weiß Bill natürlich nicht. Das haben sie ihm nicht gesagt. Aber er und Rosenwissen jedenfalls, daß es ein Geheimvertrag zwischen Rußland und Amerika sein muß, von dem die Engländer und niemand anderer etwas erfahren dürfen. Bill und auch Rosen sind davon überzeugt, daß die Amerikaner und Russen, die Mächtigsten auf der Welt, sich hier und in dem Vertrag darüber einigen wollen, wie sie nach dem Krieg die Welt unter sich aufteilen.«

»Das hat dieser Bill Ihrem Agenten gesagt? Nach zweitägiger Bekanntschaft?«

»Die Welt unter sich aufteilen – so hat es William Mackenzie tatsächlich formuliert?«

»Das ist doch undenkbar!«

»Sind Sie sicher, daß Ihr großartiger CX einundzwanzig das zu Ihnen gesagt hat? Sind Sie sicher, daß er kein doppeltes Spiel trieb, Herr Ragai?«

Mercedes und Daniel sprachen durcheinander. Mercedes war aufgesprungen.

Der alte, kranke Mann vor der Kamera nickte. Er sagte grimmig: »Sehr verständlich, Ihre Erregung. Habe ich erwartet. Ich war genauso erregt. Ich habe zu CX einundzwanzig gesagt: »Machen Sie keine blöden Witze mit mir, Mensch ...«

»... Das hat Ihnen Ihr besoffener Bill nie im Leben erzählt!« sagt Chan Ragai in der Nacht zum 29. November 1943 in seiner Wohnung in Teheran. Er sagt es aufgebracht und wütend. Und sehr laut.

»Okay, dann nicht. Dann vergessen Sie die Sache! Wiedersehen, Chef!« CX21 steht auf.

»Was ist los?« fragt Ragai.

»Ich gehe nach Hause. Ich lasse mich von Ihnen doch nicht anschreien. Machen Sie sich Ihren Dreck alleine!«

Ragai beschleicht ein unheimliches Gefühl. Und wenn der junge Mann die Wahrheit spricht? Er ist offensichtlich ein Schützling des allmächtigen Georg Ross. Wenn CX21 sich direkt an Ross wendet und beschwert ... Ragai sagt hastig: »Ich habe nicht geschrien.«

»Doch haben Sie geschrien!«

»Nein. Ich habe nur laut geredet. Vor Verblüffung. Seien Sie nicht so empfindlich! Sie müssen mich doch verstehen. Das ... das ist ungeheuerlich, wenn Ihr Amerikaner das wirklich gesagt hat. Finden Sie es denn nicht ungeheuerlich?«

»Natürlich finde ich es ungeheuerlich. Genauso wie Sie, Chef. Darum komme ich ja mitten in der Nacht zu Ihnen. Ich bin fassungslos. Ich bin überwältigt. Wir haben da den dicksten Brocken, das Phantastischste an der Hand, was es bislang in diesem Krieg gegeben hat. Ach was, in diesem Krieg! In diesem

Jahrhundert! In den letzten Jahrhunderten!« Jetzt redet CX21 sehr laut. Sein Gesicht läuft rot an. »Ich bin so außer mir wie Sie.

Aber genau das hat Bill gesagt. Genau das! Sie kennen ihn nicht. Sie kennen nicht das Ausmaß seiner Angst, wegen dieser Geldaffären ins Gefängnis zu kommen. Der Mann ist verzweifelt, absolut verzweifelt, zu allem fähig, zu jedem Verbrechen, jedem Verrat ... dazu fast sinnlos besoffen ... und dann, denken Sie bitte daran, sprach er mit mir, einem Mann, in den er alle seine Hoffnung gesetzt hat, nachdem ich ihm sagte, ich würde wohl einige wichtige deutsche Agenten in Teheran kennen ... gut kennen ... Noch einmal, Chef: Ich bin für diesen Bill, der vor Furcht nicht mehr klar denken kann, die letzte Hoffnung. Die allerletzte.«

»Setzen Sie sich endlich wieder! Was heißt das, die allerletzte Hoffnung?«

»Er hofft, daß deutsche Agenten ihm für eine Kopie dieses Films viel Geld bieten werden, wenn sie hören, was für ein Film das ist.«

»Das hat er gesagt?«

»Gesagt? Angefleht hat er mich, eine Verbindung herzustellen zu deutschen Agenten. Ich weiß gar nicht mehr, was für Versprechungen er mir im Suff gemacht hat, wenn ich es fertigbringe, daß deutsche Agenten ihm Geld geben für so eine Kopie. Er ist doch ganz stark in seiner Bewegungsfreiheit eingeengt. Er braucht einen Mittelsmann. Den hat er gefunden. Mich. Auf den Knien hat er vor mir gelegen und mich angefleht, ihm zu helfen, Chef. Auf den Knien!« CX21 atmet jetzt hastig. Er zieht seine Jacke aus. Er hat zu schwitzen begonnen. Er reißt den Knoten der Krawatte herunter, er öffnet den Kragenknopf des weißen Hemds.