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»Ja«, sagte Ragai. »Es hat funktioniert. Ich setzte noch am neunundzwanzigsten November einen langen Funkspruch nach Berlin ab. Ross antwortete am gleichen Tag. Er hatte mit Ribbentrop gesprochen. Die fünf Millionen waren in der Schweiz einbezahlt worden auf das von William Mackenzie angegebene Konto ...«

»Unsere Reporter haben übrigens in San Diego einen Kameramann namens William Mackenzie gefunden, der nach Angabe von Bekannten damals in Teheran dabei war«, sagte Daniel. »Ja?« Ragai sah schnell auf. Seine müden Augen leuchteten plötzlich. »Sehen Sie! Und was sagt er?«

»Nichts, Herr Ragai. Er ist vor drei Monaten gestorben. Herzinfarkt.«

»Mein Gott!«

»Ja, großes Pech. Obwohl ...« Daniel brach ab. »Obwohl?« »Obwohl er natürlich niemals zugegeben hätte, fünf Millionen

Dollar von den Nazis bekommen und dafür die Kopie dieses Films geliefert zu haben.«

»Aber meine Aussage würde ihn schwerstens belasten.« »Ja, gewiß. Allerdings ...«

»Was, allerdings?« Ragai regte sich auf.

»Ruhig, bleiben Sie ruhig! Erlauben Sie mir eine Frage: Dieser Agent CX einundzwanzig – kann es sein, daß er ein doppeltes Spiel gespielt hat?«

»Ich verstehe nicht ...«

»Also ganz brutaclass="underline" Kann es sein, daß CX einundzwanzig – ich habe gute Gründe, das zu fragen, Herr Ragai –, kann es sein, daß CX einundzwanzig von einem anderen deutschen Geheimdienst, beispielsweise von Kaltenbrunners SD, bestochen war und Ihnen Theater vorgespielt hat?«

»Das verstehe ich nun wirklich nicht, Herr Ross.« »Ich will es Ihnen erklären. Wir haben einen Zeugen, der

behauptet, den Film im Auftrag des SD mit von diesem geliefertem Rohmaterial, also Teheraner Aufnahmen und Filmteilen, zusammen mit anderen Häftlingen im Konzentrationslager Sachsenhausen gefälscht zu haben.«

»Das ist absolut unmöglich. Der Mann lügt.« »Warten Sie, Herr Ragai, warten Sie! Das alles ist reine

Theorie natürlich ... Aber wäre es möglich – ich weiß, es klingt phantastisch, doch was ist nicht phantastisch an dieser ganzen Affäre?, wäre es möglich, daß der SD Ihren Agenten bestochen hat, um zu erreichen, daß er diesen Film, den er von Mackenzie oder irgendeinem anderen Menschen in Teilen, aber ohne das abgefilmte Geheimprotokoll bekam, in Teheran zuerst SD-Leuten übergab? Diese konnten dann alle Teile nach Deutschland befördern und im Konzentrationslager Sachsenhausen unter Verwendung eines in Deutschland hergestellten Geheimprotokolls eine ungeheuerliche Fälschung herstellen lassen, wie dieser Zeuge behauptet ...«

»Völlig ausgeschlossen!«

»Bitte, unterbrechen Sie mich nicht, Herr Ragai! Ausgeschlossen ist das nicht. Theoretisch – als Gedankenspiel – wäre es durchaus möglich, daß es sich so verhielt. Sie konnten keine Ahnung davon haben, ja, Sie durften keine Ahnung davon haben. Es ist denkbar, Herr Ragai, es ist denkbar, daß der Film auf diese Weise gefälscht und dann nach Teheran

zurückgebracht wurde, wo man ihn Ihnen, Herr Ragai, wie zwischen CX einundzwanzig und diesem William Mackenzie besprochen, Ende März vierundvierzig als den angekündigten Film übergab. Der erwähnte Zeuge sagt, er und seine Mithäftlinge wären mit dem gefälschten Film Anfang März vierundvierzig fertig gewesen. Kaltenbrunner und zwei andere Männer kamen persönlich in das KZ – so der Zeuge –, sahen sich die Fälschung in einer Filmvorführung an, beglückwünschten die Häftlinge und fuhren mit der Fälschung davon. Es wäre also – Hypothese alles, alles Hypothese! – noch Zeit genug geblieben, den Film nach Teheran zurück zu befördern und Ihnen als gewünschte Kopie zu übergeben. Ich sage nicht, daß es so war, Herr Ragai. Ich sage nicht, daß CX einundzwanzig sich tatsächlich vom SD bestechen ließ. Ich sage nur, wir verfügen über einen Zeugen, der behauptet, den Film mit anderen Häftlingen gefälscht zu haben. Ich sage: Es wäre möglich, daß er die Wahrheit sagt. Es wäre möglich, daß alles so ablief, wie ich es eben skizzierte. Ich sage nicht, daß es so war. Ich frage: Hätte es nicht so sein können?«

Ragai schwieg.

»Herr Ragai! Bitte! Ich habe Sie etwas gefragt!« »Ich habe darüber nachgedacht«, sagte der alte Mann.

»Theoretisch wäre so etwas – wenigstens zeitlich – möglich gewesen. Wie Sie sagen: Das ist reine Gedankenspielerei. Ich halte es für absolut ausgeschlossen, daß es so war. Ich erhielt von CX einundzwanzig die Filmkopie am siebenundzwanzigsten März. Das weiß ich noch genau. Ich weiß noch genau, daß CX einundzwanzig mit dieser Kopie am achtundzwanzigsten März über die neutrale Türkei nach Berlin flog. Und ich weiß genau, daß ich seine Ankunft nach Berlin funkte und auch, wo die Filmkopie von Georg Ross abzuholen war.«

»Nämlich wo?« fragte Daniel.

»Sie wissen es doch! Aber bitte: In der Gepäckaufbewahrung des Bahnhofs Zoo. Den Aufgabeschein, funkte ich, würde CX einundzwanzig in einem Kuvert an die Privatadresse von Georg Ross schicken. Da in Dahlem. Der Film lag in einem Koffer mit Nummernschlössern. Ich funkte auch die Nummern. Am einunddreißigsten März kam ein Funkspruch von Ross: Er hatte den Film selber im Bahnhof Zoo abgeholt und dankte. Das ist alles, was ich zu sagen habe.«

»Und Sie bleiben dabei: Was Ross da erhielt, war eine Kopie der echten amerikanischen Fassung, die in Teheran hergestellt wurde!«

»Jawohl, dabei bleibe ich. Dieser andere Zeuge lügt. Er muß seine Gründe haben, zu lügen. Er war im KZ, sagen Sie?«

»Ja.«

»Jude?«

»Ja.«

»Nun, dann ist sein Beweggrund zu lügen vielleicht der Wunsch oder der Auftrag, durch die Behauptung, der Film sei eine Fälschung, Amerika zu entlasten. Israel ist abhängig von Amerika. Hier hätten wir ein sehr starkes Motiv, nicht wahr?«

Daniel sagte: »Herr Ragai, ich bitte Sie dringend, nicht empfindlich zu reagieren: Khomeini und die iranischen Regierungsmitglieder hassen Amerika über alles. Liegt hier nicht ein ebenso starkes Motiv für die Behauptung, der Film sei keine Fälschung, sondern echt?«

Ragai nickte ungerührt. »Sie haben zwei Zeugen. Beide Zeugen haben sehr starke Motive. ›Man traue keinem erhabenen Motiv für eine Handlung, wenn sich auch ein niedriges finden läßt‹, sagt Edward Gibbon.«

»Wer ist das?«

»Ein englischer Historiker aus dem achtzehnten Jahrhundert. Zwei Zeugen, ja. Einer von den beiden muß lügen. Suchen Sie es sich aus!«

»Herr Ragai«, sagte Daniel, »wir danken Ihnen für dieses Gespräch.« Er wartete ein paar Sekunden, dann rief er: »Schluß!« Ragais Aussage war zu Ende. Die Techniker begannen ihre Apparaturen abzubauen, sie öffneten Vorhänge

und Fenster, um die heiße, verbrauchte Luft durch frische zu ersetzen. Der alte Mann hatte sich auf seinem Sessel umgedreht und saß nun vor dem mit Unterlagen überhäuften Schreibtisch. Erschöpft, aber zufrieden betrachtete er im Garten hinter dem Haus die blühenden Krokusse und an den Zweigen der alten Bäume die Knospen junger Blätter.

Mercedes und Daniel traten zu ihm.

»Ich mache noch Tee für alle«, sagte Mercedes. »Für das Team, die Polizisten und uns. Trinken Sie auch Tee, Herr Ragai?«

»Gerne, Madame«, sagte der alte Mann. Mercedes ging in die Küche. Die Techniker sprachen leise miteinander, desgleichen die beiden Polizisten.

Chan Ragai betrachtete die kleine Silberplatte mit den Worten Bertrand Russells. Er las halblaut: »›Die Welt, in der wir leben, läßt sich als das Ergebnis von Wirrwarr und Zufall verstehen. Wenn sie jedoch das Ergebnis einer Absicht ist, muß es die Absicht eines Teufels gewesen sein. Ich halte den Zufall für eine weniger peinliche und zugleich plausiblere Erklärung.‹ ... Wunderbar!« sagte er. Er seufzte tief. Sein Blick glitt über etwa ein Dutzend verschiedene alte Fotografien, die einen Mann in verschiedenen Lebensaltern zeigten und die auf dem Schreibtisch lagen. Er neigte sich vor. Er griff nach einigen der Fotos. Seine Stimme war plötzlich heiser und atemlos: »Wer ist das?«