»Unser Intendant«, sagte Daniel, dem die Erregung des alten Mannes entging. »Herr von Karrelis. Feiert in zwei Monaten sein fünfzehnjähriges Dienstjubiläum. Ist dann dreimal fünf Jahre lang Intendant. Wir bereiten eine kleine Festschrift vor. Das heißt, ich soll sie vorbereiten. Um diese Aufnahmen hat ihn unsere Presseabteilung gebeten ... Weshalb? Kennen Sie ihn?«
»Ja«, sagte der alte Mann. Er hielt jetzt eine leicht vergilbte Fotografie in der zitternden Hand, die einen jungen, gutaussehenden Mann mit schmalem, sensiblem Gesicht, braunen Augen und schön geschwungenen Lippen zeigte. Der junge Mann saß auf einer Gartenbank. Er trug einen dunklen Anzug, hatte die Beine übereinandergeschlagen und blickte nachdenklich den Betrachter an.
»Was haben Sie, Herr Ragai?« Jetzt war Daniel alarmiert. »Das ist er«, sagte Chan Ragai. »Da bin ich absolut sicher, das ist er.«
»Ist wer?«
»Der Agent CX einundzwanzig«, sagte der alte Mann. Coram Fields ist der größte Kinderspielplatz von London. Am
Nachmittag des 23. März 1984 – die Sonne schien, Blumen blühten und die Luft war lind – spazierten zwei Männer zwischen den vielen kleinen Jungen und Mädchen hin und her, die durcheinanderrannten, auf bunten Stahlgerüsten turnten, über Rutschbahnen sausten, schrien und lachten. Sie hatten sich um 17 Uhr verabredet. In Daniels Wohnung beendete Chan Ragai gerade seine Aussage. Zwischen Frankfurt und London lag eine Stunde Zeitunterschied.
»Wann kommt der Wagen?« fragte Emanuel von Karrelis. Sein übersensibles schmales Gesicht war bleich, in den warmen braunen Augen lagen Schatten der Furcht. Er trug einen Kamelhaarmantel, einen braunen Anzug, braune Wildlederschuhe und einen braunen Hut.
»Um halb sechs«, antwortete der kleine, rundliche Anwalt Rogen Morley. »Seien Sie ganz ohne Sorge. Alles klappt wie am Schnürchen. War nicht in Frankfurt ein Lear-Jet bereit, nachdem Sie mich anriefen?«
»Natürlich, ja.«
»Als Sie in Heathrow landeten, war da nicht ein Kurier zur Stelle, der Sie hierher brachte und Ihr Gepäck schon nach Oval Green?«
»Gewiß doch.« Oval Green war ein amerikanischer Luftwaffenstützpunkt südlich der Hauptstadt. »Entschuldigen Sie, ich bin nervös.«
»Völlig verständlich, Herr von Karrelis, völlig verständlich. Ginge mir an Ihrer Stelle ebenso.« Morley war etwas außer Atem. Er trippelte neben dem großen Intendanten her. Von Zeit zu Zeit stießen Kinder mit ihnen zusammen. Morley strich dann jedesmal zärtlich über ihr Haar und hatte stets ein Scherzwort bereit. »Aber ruhig, ganz ruhig! Selbstverständlich stehen meine amerikanischen Bekannten zu ihrem Wort. Bei einem Mann, der ihnen derart wertvolle Dienste erwiesen hat! Klar, wir hätten einander auch erst in Oval Green treffen können, aber meine Bekannten wünschten das nicht. Hier, unter den Kindern, fallen wir keinem Menschen auf, es sind auch so viele Mütter und Väter da. Niemand sucht Sie in Coram Fields. Deshalb wurde dieser Spielplatz meiner Kanzlei vorgezogen für unsere letzte Besprechung.«
»Besprechung? Sie haben schon am Telefon dieses Wort benützt. Was gibt es noch zu besprechen?«
»Nun, Herr von Karrelis ...« Der kleine Anwalt wurde plötzlich abgelenkt. Er wies mit seiner rosigen Hand auf ein Haus, das vor ihnen am Rande des riesenhaften Spielgeländes lag. »Dieser Platz für Kinder ist nach Thomas Coram benannt, der siebzehnhundertfünfundvierzig hier ein bekanntes Findelheim gründete. Neunzehnhundertsechsundzwanzig hat man es abgerissen und an seiner Stelle, am Brunswick Square vierzig, ein kleines Museum errichtet, welches die Geschichte dieser Institution schildert. Wissen Sie, daß jenes Findelheim von einem Ihrer größten Komponisten sehr unterstützt wurde?«
»Nein. Ich frage, was es noch ...«
»Von Georg Friedrich Händel! Lieben Sie seine Musik auch so sehr? Oh, ich liebe einfach alles von ihm. Die Orgelkonzerte, die Concerti grossi, natürlich die Wasser- und die Feuerwerksmusik. Und die Oratorien!«
»Was gibt ...«
»In diesem kleinen Museum da vor uns wird auch eine Originalpartitur des ›Messias‹-Oratoriums aufbewahrt. Denken Sie doch! Händel leitete den Kinderchor des Findelheimes. Er lebte seit siebzehnhundertzwölf in London, nicht wahr. Wollen wir vielleicht einen Sprung – nein, ich sehe schon, Sie möchten lieber nicht. Obwohl es wirklich sehenswert ist. Aber ganz wie Sie wünschen ...«
»Mister Morley, was gibt es noch zu besprechen?« »Wie? Was meinen ... Ach so! Nun, Sie haben mir noch nicht
erzählt – am Telefon waren Sie in solcher Eile –, wie man Ihnen auf die Spur gekommen ist, lieber Herr von Karrelis ...«
Ein Transatlantikgespräch. »Vater!«
»Mercedes! Welche Freude! Wo bist du?«
»In Frankfurt. Auf der Hauptpost.«
»Du klingst ganz atemlos. Ist etwas ...«
»Ja.«
»Was?«
»Wir haben gerade Chan Ragai interviewt.« »Oh.« Pause. »Vater!«
»Ja.«
»Ich habe gesagt ...«
»Ich habe es gehört. Nun, und? Sagt er, der Film ist echt?« »Ja.«
»Na, bitte!«
»Er hat uns auch gesagt, wer Agent CX einundzwanzig ist.« Lange Pause.
» Vater!«
»Ja, ich bin da. Sehr überrascht. Wie konnte er das sagen?« »Es lagen Fotos von Karrelis auf Dannys Schreibtisch – für
eine Festschrift. Auch Jugendfotos. Chan Ragai hat ihn wiedererkannt – mit absoluter Sicherheit.«
»Hm.«
»Was heißt hm?«
»Was sagt Karrelis zu dieser Behauptung?« »Nichts! Er ist verschwunden.«
»Oh.«
»Vater, Karrelis wurde von dir nach Teheran geschickt, sagt Chan Ragai. Unter einem falschen Namen. Mit falschen Papieren. Er nannte sich Werner Kalmann. Du hast ihm das Kürzel CX einundzwanzig gegeben. So etwas kam vor, sagte Chan Ragai. In besonderen Fällen. Wenn es zum Beispiel der Chef des Dienstes wollte. Warum hast du es gewollt, Vater?«
»Ich ... Ich habe meine Aussage gemacht. Ausführlich. Für mich ist die Sache erledigt.«
»Aber nicht für uns. Was glaubst du, was es jetzt hier für einen Skandal geben wird? Wir müssen die Wahrheit wissen. Sag sie mir, Vater! Wenn du sie nicht sagst, werden wir auch deine Weigerung in die Dokumentation aufnehmen.«
»Hör mal, du kannst mit mir nicht so ...! Ich verbitte mir das.« »Ich bin sehr aufgeregt. Entschuldige! Und beantworte meine
Frage!«
Lange Pause. »Vater!«
»Ich kann nicht, Mercedes ...«
»Du mußt!«
Wieder eine Pause.
»Also gut ... Ich habe euch von Dora Holm erzählt ... der jungen Schauspielerin in Berlin, die ich so sehr liebte und die dann bei einem Luftangriff auf so schreckliche Weise ums Leben kam ... Du erinnerst dich, Mercedes? Dora Holm, sie spielte schon große Rollen bei der UFA ...«
»Ich erinnere mich, Vater.«
»Nun, siehst du ... Dora Holm war ihr Filmname ...« »Sie hieß in Wirklichkeit anders?«
»Ja.«
»Wie hieß sie in Wirklichkeit? Vater!«
»In Wirklichkeit ... in Wirklichkeit hieß sie Dora von Karrelis.«
»Und dieser CX einundzwanzig ...«
»... war ihr Bruder. Emanuel von Karrelis. Ich lernte ihn über Dora kennen ... Er war hyperintelligent ... genial. Ein Phänomen. Sprach mehrere Sprachen akzentfrei ... sogar Persisch. War als Kind ein paar Jahre im Iran ... mit seinem Vater, einem Ingenieur. War acht Jahre jünger als Dora ... Beim Militär hätten sie den sensiblen Jungen kaputtgemacht ... Dora liebte ihn abgöttisch ... Hatte furchtbare Angst um ihn ... Da nahm ich ihn in den Dienst Ribbentrop ... aus Liebe zu Dora ... Um Emanuel zu schützen ... Kannst du das verstehen, Mercedes?«
»Ja, ich kann es verstehen ... Aber es ist phantastisch, Vater. Absolut phantastisch. Der Intendant des Senders Frankfurt war einmal dein Agent in Teheran!«
»Und beschaffte mir den Film, ja, ja, ja.«
»Wer wußte damals davon? Ich meine, daß CX einundzwanzig von Karrelis hieß und als Agent arbeitete?«
»Nur zwei Männer im Amt und Dora.«
»Die Eltern nicht?«
»Die Eltern nicht. Er schrieb ihnen nach Hamburg, daß er Dolmetscher im Auswärtigen Amt sei. Auch Chan Ragai hatte keine Ahnung, keinen Verdacht, er wußte von nichts ...«