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So viel hängt davon ab für mich, Sibylle.«

Der blasse, schwarzhaarige Mann, dessen Augenbrauen zusammengewachsen waren, schrieb auf den Block:

ER muß NACH B. A. UNBEDINGT!

»Und woher auch nicht?«

»Doch, das schon. Das muß ich sagen. Das ist mein Problem. Ich soll dorthin. Die Nachricht kam aus Buenos Aires ...«

»Woher?«

»Aus Buenos Aires.«

Sibylle sagte: »Ich verstehe, was das für dich bedeutet, Danny in deiner Lage. Du mußt selbstverständlich hinüber.« Das Beben ihrer Stimme vernahm Ross nicht.

»Nicht wahr, Sibylle, nicht wahr?«

Sie hörte ihn kurz und befreit lachen. Der Arzt hörte das Lachen auch. Er schrieb auf den Block:

BUENOS AIRES

ABER DANN SOFORT HIERHER! SOFORT! schrieb der bleiche Arzt auf den Block. Dann blickte er wieder in den verschneiten Park hinaus. Die beiden Männer trugen dicke Mäntel und Pelzkappen. Es war bitterkalt draußen, obwohl heller Sonnenschein in den weißen Raum fiel.«

»Und«, erklang Ross’ Stimme, »ich weiß nicht, ob ich den weiten Flug aushalte. Ich habe dir meine Symptome geschildert was das Nobilam bei mir angerichtet hat. Ich meine: Was ich mit dem Nobilam angerichtet habe. Und nun noch der Selbstmordversuch.«

»Bist du sehr geschwächt?«

»Ganz hübsch. Drüben in Buenos Aires ist jetzt die heißeste Jahreszeit, Sibylle.«

»Ich weiß.«

Auf dem Schreibtisch, zwischen Aktenbergen, Büchern und Medikamentenpackungen, stand ein großes Farbfoto in einem breiten Rahmen. Es zeigte einen etwa vierzigjährigen Mann mit braunen Augen und braunem Haar. Der Mann lachte. Er hatte große Ähnlichkeit mit Sibylle.

»Aber ich muß hinüber!« fuhr Ross fort.

Das letzte Wort unterstrich er. Anschließend klopfte er mit dem Bleistift auf den Block.

Sibylle sah ihn an. Maßloser Haß mischte sich in ihrem Blick mit maßloser Ohnmacht. Sie sagte: »Dann kommst du aber sofort zu mir, Danny! Das mußt du mir versprechen! Ich habe dich zweimal hingekriegt. Ich kriege dich ein drittes Mal hin. Unter keinen Umständen darfst du jetzt zu einem Arzt, der dich nicht so gut kennt wie ich!«

»Natürlich komme ich dann sofort zu dir. Aber ich sage dir doch, ich weiß nicht, ob ich es überhaupt schaffe hinüberzufliegen. Kannst du mir da helfen – ich hab’ keine Ahnung, wie?« Der schwarzhaarige Mann schrieb:

REINSTEIN! ABER REINSTEIN muß IHN GENAU UNTERSUCHEN! WIR BRAUCHEN DEN MANN LEBEND – UND DIE FRAU!

Sibylle zögerte. Sie sah den Arzt flehend an. Seine seltsamen Augen erwiderten den Blick – jetzt nur eiskalt, nicht auch traurig, nur eiskalt.

»Sibylle! Bist du noch da?«

Mit einer brutalen Bewegung stellte der blasse Mann das große Farbfoto des jungen lachenden Mannes direkt vor Sibylle. Sie zuckte zusammen.

»Ja«, sagte sie. »Ja, Danny ...«

»Was war denn?«

»War denn was?«

»Warum hast du nicht geantwortet? Hört da doch jemand mit?«

»Ob da jemand ... Danny! Ich habe dir gesagt, ich bin allein!« Der Mann an ihrer Seite lächelte zum erstenmal. Er war amüsiert. Und ungeheuer erregt. Aber er beherrschte sich vollkommen. Sie hatten ihn in fünf Jahren Spezialausbildung dazu erzogen, sich in jeder Situation vollkommen zu beherrschen.

»Du bist wirklich allein?«

»Danny!« sagte Sibylle, und Verzweiflung klang mit in ihrer Stimme, Verzweiflung, die er nicht wahrnahm. »Glaubst du, ich lüge dich an? Glaubst du das, ja?«

Seine Worte kamen überstürzt: »Nicht ... nicht ... bitte! Ich habe das nicht so gemeint. Da siehst du, wie es um mich steht. Kannst du ... kannst du mir irgendwie helfen?«

Der Arzt klopfte mit dem Bleistift auf ein Wort, das er geschrieben hatte, das Wort REINSTEIN.

Mit aller Kraft um Beherrschung kämpfend, sagte Sibylle: »Schon gut, Danny. Du mußt beruhigt sein, wenn du fliegst. Ja, ich glaube, ich kann dir helfen.«

»Ach, Sibylle!«

»Jetzt, wo du einen neuen Job in Aussicht hast, wirst du doch nicht etwa noch einmal versuchen, dich umzubringen?«

»Bestimmt nicht. Warum?«

»Ich dachte gerade daran, dich an die Psychiatrie in Frankfurt zu schicken und dort einen Arzt anzurufen, der mit mir in Wien an der Klinik gearbeitet hat.«

»Nein, keine Psychiatrie! Die behalten mich wochenlang, monatelang. Das muß jetzt schnell gehen, Sibylle, so schnell wie möglich.«

»Eben. Auch daran dachte ich gerade. Es genügt im Grunde, wenn man dich internistisch untersucht. Herz, Kreislauf, Blutwerte, Lungenröntgen – nach dem Suizidversuch. Nieren und so weiter. Ein kompletter Checkup. Ich habe einen alten Freund. Großartiger Arzt. An der Ersten Medizinischen Uni Klinik.«

»Ich wohne gleich daneben.«

Der Arzt, der neben Sibylle stand, nickte zufrieden. »Reinstein heißt der Mann. Doktor Ernst Reinstein. Ich rufe ihn sofort an. Bis morgen müßtest du wieder laufen können. Diesem Reinstein darfst du dich vollkommen anvertrauen. Du kannst dir vorstellen, was Ärzte manchmal zu vertreten haben, in was für Lagen sie kommen, nicht wahr? Ich habe Reinstein oft geholfen und Reinstein mir. Er wird uns genau sagen, was mit dir los ist. Alle Werte telefoniert er mir durch. Wenn wir beide sagen, du darfst nach Buenos Aires fliegen, bevor du zu mir kommst, kannst du ohne Sorgen fliegen.«

»Ich danke dir, Sibylle!«

»Danke für gar nichts«, sagte sie klanglos.

NAME UND ADRESSE DES MANNES IN B. A. schrieb der große, blasse Mann mit den absonderlichen Augen auf den Block.

»Wie lange werden die Untersuchungen dauern?« kam Ross’ Stimme.

»Einen ganzen Tag. Von morgens bis abends. Da wirst du aber durch die Mühle gedreht! Das tut Reinstein nur für mich. Sonst dauert es viel länger. Blutabnahme ganz früh. mußt du absolut nüchtern sein. Ohne Nobilam! Unter keinen Umständen Nobilam vor der Blutabnahme! Du hast genug im Körper – leider. Dann kannst du es wieder nehmen. Die kurze Zeit spielt nun auch keine Rolle mehr. Sobald du dich schlecht fühlst, los, alter Tablettenschmeißer, du! Ich werde das mit Reinstein besprechen. Wo wohnt dieser Mann?«

»In Buenos Aires. Habe ich doch gesagt, Sibylle.« Der Arzt hob das Foto mit dem breiten Rahmen hoch und

hielt es dann direkt vor Sibylles Gesicht. Ihr ganzer Körper bebte jetzt.

»Buenos Aires – wo?«

»Tut mir leid.«

»Du willst mir die Adresse nicht geben?«

»Ich darf nicht. Auch nicht den Namen. Das ist auch gar nicht wichtig.«

»Natürlich nicht. Es wäre bloß eine Vorsichtsmaßnahme gewesen. Falls doch etwas passiert.« Sibylle sah den schwarzhaarigen Mann an, wieder stand ein Ausdruck des Triumphes in seinem Gesicht. Armseliger, elender Triumph. Der Arzt hob gelassen die Schultern und ließ sie wieder fallen. »Jetzt gib mir deine Nummer! Ich rufe sofort Reinstein an und dann wieder dich.« Er nannte seinen Anschluß.

»Bis gleich, Danny!«

»Ich warte.«

Sie legte auf und sank in einen weißen Sessel. Ihr Atem kam stoßweise.

Sie preßte beide Hände gegen die Wangen.

»Na los, Frau Primaria!« sagte der große, blasse Arzt. Er nahm den Telefonhörer vom Apparat und hielt ihn ihr hin. »Vorwärts! Rufen Sie Reinstein an!«

»Ich ... kann ... nicht.«

»Natürlich können Sie!« Mit der anderen Hand hielt er ihr wieder die Fotografie des lachenden jungen Mannes vor das Gesicht. »Denken Sie an ihn!«

»Ich denke ja an ihn ...«

»Dann los jetzt! Ich wähle die Nummer.« Er tat es schon. »Reden müssen Sie!«

Sibylle nahm den Hörer. Sie hörte die Zahlen einrasten. Dann ertönte das Signal. Danach eine Frauenstimme: »Universitätskliniken.«

»Bitte ... Herrn ... Doktor ... Reinstein!« Sibylle hatte Mühe, genug Atemluft zu bekommen.

In Frankfurt sagte Ross zu Mercedes: »Sie ist großartig, was?«

»Ja«, sagte Mercedes, und ihre leuchtendblauen Augen waren ganz flach. »Wirklich großartig.«

Er ging in die Küche und holte ein Glas Wasser. Dann nahm er ein Röhrchen Nobilam und spülte fünf Tabletten mit Wasser hinunter.

»Jetzt ist es egal, hat Sibylle gesagt. Jetzt kann ich das Zeug nehmen, sobald mir schwummrig wird. Mir ist ein bißchen schwummrig. Kunststück!«