»Ganz klar, Herr von Karrelis, ganz klar«, sagte Morley. Wenn du den wirklichen Grund kennen würdest, dachte der Intendant bebend. Ich muß verschwinden. Wann kommt endlich der verfluchte Wagen, der mich nach Oval Green bringt? »Was ich von Ihnen nur noch wissen muß: Wer brachte Sie darauf, daß dieses Komplott gegen Sie existierte? Wer sagte Ihnen, daß Chan Ragai nicht in La Roquette sur Siagne war, sondern nach Frankfurt gebracht wurde?«
Karrelis begann wie verrückt zu lachen. »Bitte!« sagte Morley.
»Ein Mädchen von der iranischen Fluggesellschaft«, sagte Karrelis, immer noch hysterisch lachend. »Ein Mädchen vom Flughafenschalter der IRANIAN AIR.«
»Verstehe ich nicht.«
»Das Mädchen rief im Sender an und verlangte Daniel Ross. Der war nicht da. Das Mädchen hatte eine wichtige Nachricht für ihn, sagte sie einer Telefonistin in unserer Zentrale. Die Telefonistin wollte sie mit Kleinhals verbinden, dem Chefredakteur. Der war nicht in seinem Büro. Die Ground-Hosteß drängte. Es sei wirklich dringend. Da verband die liebe, gute Telefonistin – Gott segne sie – das Mädchen mit meiner Sekretärin, weil es sich in der Zentrale herumgesprochen hatte, daß bei uns im Sender etwas Wichtiges lief. Nun ja, und so kam das Gespräch dann zu mir, und das Mädchen sagte, was so wichtig war.«
»Nämlich?«
»Nämlich, daß die Maschine nach Teheran, die heute abend fliegt, ausgebucht sei. Auf der Warteliste stünden sechs Menschen. Und Daniel Ross habe die Tickets für Herrn Chan Ragai und zwei Begleiter zwar gebucht, aber versprochen, noch mitzuteilen, ob Herr Chan Ragai tatsächlich mit dieser Maschine fliegen werde. Das Mädchen erzählte mir, Herr Ross habe gesagt, es hänge davon ab, ob Herr Ragai hier in Frankfurt mit seiner Arbeit rechtzeitig fertig wird. Die Reservierung war also noch offen. Und weil doch sechs Leute auf der Warteliste standen, wollte das Mädchen nun wissen, ob die drei Plätze gebraucht werden oder nicht.« Karrelis fügte hinzu: »Vermutlich wollte Ross das aus Sicherheitsgründen so lange wie möglich offenlassen.«
»Warum rief das Mädchen nicht bei Ross zu Hause an?« »Das hatte sie schon getan. Vermutlich war der Hörer
schlecht aufgelegt, meinte sie. Jedenfalls kam immer nur das Besetztzeichen. In Wahrheit wird Ross den Hörer abgehoben und eine einzelne Nummer gewählt haben, damit er für niemanden zu erreichen war, solange sich Chan Ragai bei ihm aufhielt – besonders nicht während des Interviews.«
»Vielleicht eine verrückte Geschichte! Und was sagten Sie dem Mädchen?«
»Ich sagte, ich würde mich bemühen, Herrn Ross schnellstens zu erreichen und ihn veranlassen, sie anzurufen. Warten Sie, es kommt noch verrückter! Natürlich konnte ich nach diesem Anruf zunächst eine Zeitlang keinen klaren Gedanken fassen.«
»Natürlich nicht.«
»Ich war in Panik. In meinem Kopf drehte sich alles. Und da, vielleicht fünf Minuten später, stellte die Telefonistin das Mädchen von den IRANIAN AIR noch einmal zu mir durch. Und das Mädchen sagte, Ross habe soeben angerufen und die Reservierung bestätigt. Chan Ragai und die beiden Begleiter fliegen also heute abend mit dieser Maschine. Irre, wie? Absolut irre! Wenn er das Mädchen ein paar Minuten früher angerufen hätte!« Karrelis begann wieder zu lachen. »Ich hätte nichts erfahren. Ich hätte nicht geahnt, was gegen mich im Gange ist. Ein paar Minuten! O Gott, o Gott, o Gott!«
»Schluß! « sagte der kleine Anwalt mit völlig unerwarteter Schärfe. »Hören Sie auf damit!«
Der Intendant sah ihn erschrocken an. Er verstummte. »Fehlt uns noch, daß Sie jetzt durchdrehen«, sagte Morley.
»Entschuldigen Sie meinen Ton! Aber daß das mit Chan Ragai schiefging, daß er nun die Echtheit des Films belegt, ist schon ... sehr unangenehm für meine Bekannten, sehr unangenehm, in der Tat. Und jetzt auch noch der Skandal, der durch Ihr Verschwinden ausgelöst wird. Wirklich kein Grund zum Lachen!«
»Was werden Ihre Bekannten tun?«
»Das weiß ich nicht. Ich bin nicht in meiner Kanzlei, wo sie mit mir sprechen könnten. Auch unser bester Mann vermag mich im Moment nicht zu erreichen. Er versucht es gewiß. Ich denke, Herr von Karrelis, meine Bekannten werden jetzt zu dem äußersten Mittel greifen, das ihnen noch zur Verfügung steht, um zu verhindern, daß dieser Film gesendet wird.«
»Was für ein äußerstes Mittel steht ihnen noch zur Verfügung?«
»Das braucht Sie nicht zu kümmern, Herr von Karrelis. Sie sind alle Sorgen los. Sie gibt es bald nicht mehr.«
Die beiden Männer kamen an einem Kreis von Kindern vorüber, in dessen Mitte ein Junge stand und mit dem Finger auf einen nach dem anderen deutete, während er folgende Worte als Abzählreim sprach:
»Humpty Dumpty sat an a wall. Humpty Dumpty had a great fall. All the King’s horses and all the King’s men Couldn’t put Humpty Dumpty together again.«
»Alice im Wunderland««, sagte Karrelis.
»Fast«, sagte Morley. »Humpty Dumpty kommt im zweiten Buch von Lewis Carroll vor, in ›Durch den Spiegel‹.«
Am Brunswick Square hatte ein gelber Lieferwagen gehalten. Die hinteren Türen des geschlossenen Lasters öffneten sich, und zwei Männer in grauen Flanellanzügen sprangen auf die Straße.
»Sie sind da«, sagte Morley.
»Gott sei Dank!« sagte von Karrelis. »Endlich!« Er verließ mit dem Anwalt den Spielplatz. Die Begrüßung der
vier Männer war kurz und förmlich.
»Wir müssen uns beeilen, Sir«, sagte einer der Männer im grauen Flanell. »Die Maschine ist startbereit. Man sagte uns, Sie wünschten, so schnell wie möglich abzufliegen.«
»Das stimmt«, sagte von Karrelis. »Was ist das für eine Maschine?«
»Ein B-zweiundfünfzig-Langstreckenbomber.« »Wir danken Ihnen für alles, was Sie für uns getan haben«,
sagte Morley. Er schüttelte Karrelis die Hand. »Ich danke auch Ihnen. Es tut mir leid, daß alles so
gekommen ist.«
»Nicht Ihre Schuld, Herr von Karrelis«, sagte Morley. »Der Mann hinter dem Steuer hupte. Er trug einen blauen
Overall und eine Schirmmütze. Der Abendverkehr war sehr dicht. Viele Autos schoben sich langsam über den Brunswick Square. Es war jetzt laut hier.
Der zweite Mann im Flanell sagte: »Kommen Sie bitte, Sir! Wir sind mitten in der Rush-Hour.«
Die Männer sprachen Englisch mit amerikanischem Akzent. »Gott schütze Sie!« sagte Morley zu Karrelis.
»Was ist mit Ihnen?« fragte der den ersten Mann im grauen Flanellanzug. »Kommen Sie nicht mit?«
»Nein, Sie werden von meinem Kollegen begleitet, Sir. Ich bringe Mister Morley neue Instruktionen. Wir haben viel zu besprechen. Gute Reise!«
»Danke«, sagte Karrelis. Mit dem zweiten Mann ging er zu dem geschlossenen Lieferwagen, dessen Laderaum auf jeder Seite ein kleines Fenster hatte. Der zweite Mann half Karrelis durch die geöffneten Türen in den Laderaum. Auch er stieg ein. Die Türen schlossen sich hinter ihm. Der Lieferwagen fuhr an. In der Guilford Street, die vor ihnen lag, steigerte sich der Verkehrslärm zu einem gewaltigen Brausen. Im Halbdunkel des Lieferwagens sah Karrelis einen dritten Mann, ebenfalls in grauem Flanell. Der nickte und bedeutete ihm, sich auf eine seitliche Bank zu setzen. Als Karrelis das getan hatte, zog der dritte Mann eine Pistole mit langem Lauf aus der Brusttasche, hielt sie Emanuel von Karrelis an die linke Schläfe und drückte ab. Die Explosion des Schusses war im Straßenlärm nicht zu hören. Karrelis kippte seitlich. Noch ehe Blut aus der Schußwunde den Wagen beschmutzen konnte, hatte der zweite Mann dem Intendanten eine große Plastiktüte über den Kopf gezogen, die er nun um den Hals des Toten festband. Der Lieferwagen fuhr in südlicher Richtung durch die Lumb’s Conduit Street weiter, der breiten Theobald Road entgegen.