Выбрать главу

»Und jetzt?« fragte der dritte Mann.

»Wie besprochen«, sagte der zweite. »Zu den Docks an der Themse. Dort warten wir bis zehn. Um zehn kommt Joey mit dem Betonfaß. Da ist kein Mensch mehr bei den Docks. In das Betonfaß mit dem Herrn, und das Betonfaß in die Themse.«

»Scheiße«, sagte der dritte Mann. »Kann ich also das Fußballspiel nicht sehen. Habe mich so gefreut darauf.«

»Kauf dir doch ein Videogerät wie ich! Einfach prima. Du stellst die Zeit ein, das Ding zeichnet auf, was du sehen willst, und du siehst es dir an, wenn du heimkommst.«

Roger Morley und der erste Mann im grauen Flanellanzug standen noch immer am Rande des Kinderspielplatzes.

»Wann passiert es?« fragte Morley. Er hatte dem Wagen nachgesehen.

»Es ist schon passiert«, sagte der Mann. »Man hat uns gesagt, wir müssen ihn gleich erledigen.«

»Er ruhe in Frieden!« sagte Morley ernst.

»Es mußte sein«, sagte der Mann im grauen Flanell. »Er wußte zu viel.«

»Oh, natürlich«, sagte Morley. »Nun, wie schrieb doch Chesterton: ›Der Mann, der zu viel wußte, weiß jetzt, was wert ist, gewußt zu werden!««

Am Abend des 27. März, einem Dienstag, saßen zwei Männer und zwei Frauen vor einem kalten Kamin unter dem Bildnis eines kleinen Mädchens. Conrad Colledo und seine zarte, kleine Frau Lisa mit dem blonden Haar und den blauen Augen hatten Daniel und Mercedes zum Essen in ihre Villa in der Siesmayerstraße am großen Grüneburgpark nahe dem Palmengarten eingeladen. Die alte Wiener Köchin Theres servierte und schnitt wieder das Fleisch für Lisa klein, die, wie Colledo Mercedes erzählt hatte, in einen Rasenmäher gestürzt war und sich dabei die Sehnen an beiden Handgelenken zerschnitten hatte. Das Essen war vorüber. Auch im Speisezimmer hingen wie im ganzen Haus Zeichnungen und Ölbilder des kleinen Mädchens, Colledos Tochter, die im Alter von nur dreizehn Jahren im Sommer 1983 gestorben war.

Natürlich kreiste das Gespräch um die Ereignisse der letzten Tage. Colledo hatte von seinen Erlebnissen an der Riviera und in La Roquette sur Siagne berichtet und Daniel von dem Interview mit Chan Ragai in Frankfurt. Der alte Mann war längst nach Teheran heimgekehrt. Colledo hatte inzwischen von der Sekretärin des Intendanten den Zwischenfall mit dem Anruf der IRANIAN AIR erfahren. Vor dem Kamin sprachen sie nun über Emanuel von Karrelis.

»Auf diesen Anruf hin ist er abgehauen«, sagte Colledo. »Er begriff schnell, wie stark wir ihn verdächtigten. daß es uns gelungen ist, die Aussage von Chan Ragai zu erhalten und daß es dank unserer Umsicht zu keinem Mordanschlag auf diesen kam, das bedeutete für Karrelis das Ende. Auch wenn er zu dem Zeitpunkt, zu dem er verschwand, noch nicht wissen konnte, daß Ragai ihn an Hand der Fotos als CX einundzwanzig wiedererkannt hat. Er mußte zumindest befürchten, von dem alten Mann entlarvt zu werden – auf die eine oder andere Weise. Er und dein Vater, Danny ... schon ein prächtiges Paar! Immer gewesen. Was war eigentlich in Buenos Aires los, Mercedes? Sie haben doch heute nachmittag mit Neumann telefoniert.« Neumann hieß der junge, ehrgeizige Redakteur, den Colledo mit einem Aufnahmeteam nach Argentinien geschickt hatte, um noch einmal Olivera zu besuchen und seine zusätzliche Aussage aufzunehmen.

»Alles gutgegangen«, sagte Mercedes. »Mein Stiefvater hat das zweite Interview gegeben und alles über seine Beziehung zu Karrelis erzählt, berichtete Neumann. Alles! Ich habe ihm freitags am Telefon aber auch mächtig angst gemacht. Ich habe gesagt, wenn er nicht redet, dann werde ich es tun – in der Dokumentation. Neumann sagt, mein Stiefvater habe die ganze Kumpanei auf das sentimentale Gleis seiner so großen Liebe zu der Schauspielerin Dora Holm geschoben. Wollte dem Bruder nur helfen und so weiter. Wollte nur Gutes tun. Ist natürlich völlig entsetzt darüber, daß Karrelis sich nun als der Verräter herausgestellt hat. Kann das immer noch nicht glauben. Muß es aber wohl – nach dem, was geschehen ist.«

»Könnt ihr euch noch erinnern, wie das war, als ich mit den beiden Kassetten von Buenos Aires im Sender ankam?« fragte Colledo. »Alle waren zuerst skeptisch, Brandt, der Justitiar, Kleinhals, der Chefredakteur – und von Karrelis! Der spielte seine Skepsis glänzend. Und wie elegant kriegte er dann den Bogen, alle für eine Ausstrahlung des Films zu gewinnen, indem er die große begleitende Dokumentation vorschlug!«

»Ob er damals schon vorhatte, alles zu verraten, damit Zeugen für die Echtheit des Films liquidiert werden konnten?« fragte Mercedes.

»Ganz gewiß«, sagte Daniel. »Daß er dabei politischen Motiven folgte, halte ich jedoch für ausgeschlossen. Karrelis hatte politisch an dem Film genausoviel Interesse wie mein Vater – nämlich überhaupt keines. Beiden ging es nur um Geld.«

»Richtig«, sagte Colledo.

Seine kleine, hübsche Frau fragte: »Wie geht es jetzt weiter, Conny?«

»Der Rundfunkrat hat beschlossen, daß bis zur Einsetzung eines neuen Intendanten Kleinhals den Sender leitet. Die Medien haben ihre Sensation, die Kollegen ihr Fressen, der Regierungssprecher redet von laufenden Ermittlungen, in die nicht eingegriffen werden darf. Der Mann hat’s auch nicht leicht. Was unsere Arbeit betrifft: Wir haben jetzt genügend Material. Der Film soll so schnell wie möglich fertiggestellt werden, damit wir ihn anderen Sendern anbieten können. Kleinhals verspricht sich eine Riesennachfrage.«

»Ich bin sehr glücklich darüber, daß wir schon so weit gekommen sind«, sagte Mercedes.

»Hör mal, Conny«, sagte seine Frau Lisa. »Danny und Mercedes sind doch unsere guten Freunde. Ich muß ihnen etwas erzählen.«

Colledo fuhr auf. »Bitte nicht, Lisa!«

»Doch, laß mich, Conny! Sie müssen es wissen!« Ihr Mann zuckte die Achseln.

»Letztes Jahr im Juni«, sagte Lisa leise, »gab es in New York diese internationale Konferenz für die verbesserte Zusammenarbeit der Fernsehanstalten. Sie begann am achten Juni und sollte zwei Wochen dauern. Es ging vor allem um den schnelleren und größeren Austausch von aktuellen Berichten über Weltereignisse und die Übertragung durch kommerzielle Satelliten. Conny mußte hin. Ich habe eine Schulfreundin in Kiel und sagte Conny, daß Hanni – so heißt sie – mit ihrem Verlobten eine Kreuzfahrt nach Schweden und Norwegen machen wolle und mich eingeladen habe. Hannis Verlobter besitzt eine wunderschöne große Hochseejacht mit drei Mann Besatzung. Ein reicher Mann. Ich sagte, ich würde gerne mitmachen – Conny mußte doch fort, und für Kathi war die Theres da. ›Natürlich‹, sagte Conny, ›mach die Kreuzfahrt mit und amüsier dich!‹ Am siebten Juni flog er nach New York ...«

Am 11. Juni 1983 kam Conrad Colledo gegen elf Uhr nachts in das Hotel REGENCY an der New Yorker Park Avenue zurück. Er hatte einen anstrengenden Tag hinter sich und war todmüde. Der Portier reichte ihm ein rotes Kuvert der Telefonzentrale. Colledo zog einen gefalteten Bogen Papier heraus. Er las: » 1 Uhr 32 p. m.: Mrs. Theres Poldinger aus Frankfurt am Main, Germany, ruft an. Bitte um Rückruf. Es ist sehr dringend.«

Colledo fuhr mit dem Lift in den zehnten Stock hinauf, rannte in sein Zimmer und wählte den Anschluß der Villa am Grüneburgpark. Hier ist es elf, in Europa schon fünf Uhr früh, dachte er. Was ist geschehen? Nach dem ersten Anläuten wurde in der Villa bereits der Hörer abgehoben. Die Stimme der alten Theres erklang: »Bei Colledo ...«

»Theres, hier ist ...«

Sie schrie auf: »Gott sei Dank! Endlich! Ich wart schon so lange ...«

»Was ist passiert, Theres?«

Er hörte sie schluchzen. »Kathi ...«

»Was ist mit Kathi?«

Über ein Weltmeer hinweg hörte er sie weinen, furchtbar weinen. »Theres!« schrie Colledo.

Theres konnte nur mit Mühe sprechen: »Das Unglück, gnä’ Herr, das große Unglück! Du lieber Gott im Himmel ... Meine kleine Kathi ...«