»Was ist mir ihr?« schrie Colledo.
»Gestern war alles noch in Ordnung, gnä’ Herr. In der Nacht hat sie Bauchweh gekriegt ... Ich hab geglaubt, es ist, weil sie Obst gegessen hat und Wasser getrunken ... aber in der Früh war das Bauchweh noch schlimmer ... und zu Mittag hat sie Fieber gekriegt. Fast neununddreißig, o Gott, o Gott ...«
»Theres!«
»Hab ich den Herrn Doktor Eglin gerufen ... Hat er gesagt, Blinddarmentzündung, sie muß ins Spital ... Die Rettung ist gekommen ... Sie haben die Kleine ins Clementine-Kinderkrankenhaus in der Theobald-Christ-Straße gebracht und sofort operiert ... Die Ärzte haben dann alle sehr ernste Gesichter gemacht ...« Colledo stöhnte. »Blinddarmdurchbruch, haben sie gesagt ... Unsere Kathi liegt jetzt auf der Intensivstation ... Es geht ihr schlecht, gnä’ Herr ...«
»Ich nehme die nächste Maschine!« rief Colledo. »Was ist mit meiner Frau? Haben Sie die erreicht?«
»Noch nicht ... ich versuch es dauernd ... über Seefunk ... Sie ist doch auf diesem Schiff, gnä’ Herr ...«
»Versuchen Sie es weiter, Theres! Ich komme, so schnell ich kann.«
Colledo legte auf. Er rief den Portier an. Dieser reservierte ihm einen Platz in einer Morgenmaschine. Um 19 Uhr traf Colledo in Frankfurt ein. Mit einem Taxi fuhr er sofort zum Clementine-Kinderkrankenhaus. Der Pförtner erklärte ihm den Weg. Auf einer Bank vor der Intensivstation der Chirurgie saß die alte Theres. Ihr Gesicht war weiß, die Augen vom vielen Weinen verschwollen und entzündet. Colledo umarmte sie. Die alte Frau stammelte: »Der Herr Professor hat gesagt ... ich soll beten ... Ich bet die ganze Zeit, gnä’ Herr, die ganze Zeit tu ich nix wie beten für meinen kleinen Liebling ...«
»Haben Sie meine Frau erreicht?«
»Noch immer nicht, gnä’ Herr ...«
»Aber das ist doch unmöglich!«
»Ja, ich verstehe es auch nicht Die Leute vom Seefunk sagen, die Jacht meldet sich nicht ...«
»So etwas gibt es doch nicht! Sie muß sich melden!« »Ja, hab ich auch gesagt ... Aber wenn sie sich doch nicht
melden tut, gnä’ Herr ...«
Aus einer Schleuse der Intensivstation trat ein älterer Mann mit grauem Haar und müden, dunklen Augen. Er trug einen Ärztekittel.
»Das ist der Herr Professor!« rief die Köchin. Colledo trat ihm in den Weg.
Der Arzt sah auf. »Ja, bitte? Oh, Sie sind Herr Colledo?« »Gerade gelandet. Wie sieht es aus, Herr Professor ...« »Goldberg.«
»Wie sieht es aus, Herr Professor Goldberg?« Der Arzt mit den müden Augen und den schweren Lidern
blickte Colledo schweigend an. Dann legte er ihm einen Arm um die Schulter und ging an seiner Seite den langen Gang hinunter. Vor einer Fensternische blieb er stehen.
»Ihrer kleinen Tochter geht es sehr schlecht, Herr Colledo. Ich sage Ihnen die Wahrheit.«
»Bitte! Alles andere hat keinen Sinn.«
»Eben. Also: Es ist nun leider eine schwere Peritonitis dazugekommen, eine Bauchfellentzündung.« Colledo fühlte plötzlich, wie er am ganzen Körper zu zittern begann. Er ballte die Hände zu Fäusten. Er preßte die Kiefer aufeinander. Das Zittern ließ sich nicht unter Kontrolle bringen. »Wir haben mehrere Drains zur Bauchhöhle gelegt, Herr Colledo. Wir spülen immer wieder, um sie sauber zu bekommen. Mit Antibiotica natürlich, massenhaft Antibiotica. Aber es hilft nichts. Die Kleine hat immer noch hohes Fieber. An die vierzig Grad ...«
»Darf ich zu ihr?« Der Arzt zögerte. »Bitte, Herr Professor! Ich bitte Sie, lassen Sie mich zu Kathi!« Fünf Minuten später trat Colledo in Schutzkleidung an das Bett seiner Tochter. Sie hing an vielen Schläuchen und einem Tropf. Ihr Gesicht erschien Colledo so klein, so klein. Kathi hatte die Augen geschlossen. Sie atmete mühsam. Er sprach sie an. Erst nach einer Weile öffnete sie die milchig trüben Augen. Jetzt ging ihr Atem rasselnd.
»Kathi! Ich bin es, Vati!«
»Tauben«, sagte das Kind, »so viele Tauben ... ganz viele Tauben ...« Die Augen schlossen sich wieder. Colledo blieb zehn Minuten neben dem Bett sitzen, dann hielt er es nicht mehr aus. Er verließ die Station und schickte Theres heim. Er blieb im Krankenhaus. Wieder und wieder versuchte er, über Seefunk Kontakt mit der Jacht »Jasmin II« zu bekommen – vergebens. »Jasmin II« antwortet nicht, sagte man ihm. Um neun Uhr abends rief Colledo in Kiel die Mutter der Schulfreundin seiner Frau an. Die Nummer hatte er durch die Auskunft erhalten. Frau Clara Leisen war außerordentlich verlegen, nachdem Colledo ihr berichtet hatte, was geschehen war und daß sich keine Verbindung zu der Jacht herstellen ließ, auf der seine Frau Lisa mit Frau Leisens Tochter Hanni und deren Verlobten irgendwo in der Ostsee kreuzte. Zuletzt sagte sie: »Herr Colledo, das Ganze ist schrecklich für mich. Was soll ich bloß tun?«
»Sie sollen mir die Wahrheit sagen«, sagte Colledo. »Irgend etwas stimmt doch nicht. Was ist es?«
Frau Leisen seufzte.
»Ihre Frau ist nicht mit Hanni unterwegs, Herr Colledo. Das hat sie Ihnen nur erzählt.«
»Sie ist nicht auf der Jacht?«
»Nein, Herr Colledo ... Ach, ist das schrecklich ...« »Wo ist sie dann? Frau Leisen, ich bitte Sie, mir zu sagen,
was Sie wissen! Unsere kleine Tochter liegt im Sterben. Ich muß erfahren, wo meine Frau ist. Bitte! Wenn Sie eine Ahnung haben, sagen Sie es mir! Ich flehe Sie an!«
Sehr leise kam die Stimme aus Kieclass="underline" »Ihre Frau ist auf Sylt, Herr Colledo.«
»Auf Sylt?«
»Aber wieso ...«
»Herr Colledo, ich weiß nicht, was ich sagen soll ... sagen darf ...«
»Die Wahrheit!« schrie er.
»Die Wahrheit ... Ihre Frau hat Hanni gebeten, ihr zu helfen ...«
»Zu helfen? Mir zu sagen, sie würde mit Ihrer Tochter und deren Verlobten zusammen sein?«
»Ja. Aber in Wirklichkeit ist Ihre Frau auf Sylt.« »Wo auf Sylt?«
»Das weiß ich nicht. Sie hat Hanni eine Telefonnummer gegeben, schon vor einem Jahr etwa ... für alle Fälle ... Die beiden sind alte Freundinnen ...«
»Haben Sie diese Nummer?«
»Ich ... Also wirklich ...«
»Haben Sie diese Nummer? Im Telefonverzeichnis Ihrer Tochter vielleicht?«
»Ja, da steht sie, Herr Colledo. Aber ich weiß nicht ...« »Geben Sie mir die Nummer, Frau Leisen! Unser Kind
stirbt!« Sie gab ihm die Nummer. Frau Leisen war sehr betrübt. Colledo wählte die Nummer auf Sylt. Das Signal ertönte lange, dann meldete sich eine Männerstimme, »Karrelis!«
Colledo wäre um ein Haar der Hörer aus der Hand geglitten. Er schwieg.
»Hallo!« rief die Stimme seines Intendanten. Er erkannte sie genau. »Hallo! Wer ist da? Melden Sie sich, verflucht! Zum Teufel, melden Sie sich!«
Conrad Colledo legte den Hörer auf.
Gegen sechs Uhr früh am folgenden Morgen begann das Leben Kathis zu verlöschen. Ihr Blutdruck sank, der Puls wurde immer schwächer. Sie atmete jetzt nur noch ganz kurz und flach. Colledo hatte die ganze Nacht an ihrem Bett gesessen. Auch Professor Goldberg war auf der Station geblieben. Nun stand er neben Colledo. Das erste Licht der Morgensonne schien in den Raum. Ein Computerschirm, auf dem grünleuchtende Zacken die Herztätigkeit Kathis anzeigten, war über dem Bett angebracht. Die Spur wurde immer unregelmäßiger. Colledo fühlte, wie ihm Tränen über die Wangen liefen. Plötzlich schlug das Kind die Augen auf. In der letzten Minute ihres Lebens war Kathi wieder völlig klar. Sie lächelte, als sie Colledo sah.
»Vati!« Ihr Blick irrte umher. »Wo ist ...?« Den Satz sprach sie nicht zu Ende. Die Augen schlossen sich. Kathi lag reglos. Sie atmete nicht mehr. Ein sehr schwaches Zucken ging durch den Körper. Danach waren auch die wirren Zacken auf dem Monitor verschwunden. Dort verlief jetzt eine gerade Linie.
»Es ist vorüber«, sagte Goldberg. Er trat dicht neben Colledo und legte ihm eine Hand auf die Schulter. »Es tut mir so leid für Sie. Wir haben getan, was wir konnten. Aber es war von Anfang an aussichtslos. Kommen Sie jetzt!«
»Ich möchte noch etwas bei ihr bleiben, bitte«, sagte Colledo. Goldberg nickte und verließ das Zimmer.