Colledo saß eine Viertelstunde am Bett seines toten Kindes und bemühte sich, ein letztes Mal in Gedanken mit ihm zu sprechen. Es war umsonst. Er hätte ebensogut von einer Statue Abschied nehmen können. Er erhob sich und ging fort. Als er in den Krankenhaushof mit seinen blühenden Blumen und Bäumen trat, glitt ein großer Wagen durch die Einfahrt und blieb dicht neben ihm stehen. Lisa und Karrelis sprangen ins Freie. Ihre Gesichter waren aschgrau.
»Conny!« Seine Frau lief auf ihn zu. Er wich zurück. Sie blieb stehen. »Conny, ich ... Frau Leisen hat angerufen ... gleich nach dir ... Wir sind sofort los ... Es war ein Privatflugzeug da ... Von Hamburg sind wir dann mit dem Wagen ...« Sie trat vor
und schlang die Arme um seinen Hals. »Bitte, verzeih mir!« rief sie verzweifelt.
Er packte ihre Hände und riß die Arme fort. »Lassen Sie mich alles erklären«, begann Karrelis. »Es ist
meine Schuld. Meine allein, ich habe ...«
Colledo machte eine Bewegung, als wolle er den Intendanten schlagen.
Der hob eine Hand.
»Kathi ist tot«, sagte Colledo mit einer Stimme, die ihm ganz fremd erschien. Er ließ die beiden stehen und ging zu seinem Wagen. Er ging, und bei jedem Schritt dröhnten die eigenen Worte in seinem Schädeclass="underline" Kathi ist tot ... Kathi ist tot ...
Er fuhr nach Hause, sehr vorsichtig, denn ihm war sehr schwindlig.
Die weinende Theres empfing ihn. »Hab’s schon gehört, gnä’ Herr. Sie haben angerufen aus dem Spital. Müssen S’ noch einmal kommen wegen die Papiere. So viele Papiere ...« Colledo schritt schweigend an der alten Frau vorbei. Er ging in sein Schlafzimmer und legte sich angezogen auf das Bett. Ein Fenster stand offen. Auch hier fiel Sonnenlicht in den Raum, und in den Bäumen des Gartens sangen viele Vögel. Colledo lag auf dem Rücken, starrte an die Decke und bewegte sich nicht. Später hörte er seine Frau kommen. Sie sprach kurz mit Theres. Dann hörte er, wie nebenan im Badezimmer Wasser in die Wanne eingelassen wurde. Er lag unbeweglich.
Nach einer halben Stunde vernahm er ein schwaches Stöhnen. Er sprang auf und wollte die Tür zum Badezimmer öffnen. Sie war verschlossen.
»Lisa!« schrie er.
Keine Antwort, nur das Stöhnen.
Er trat ein paar Schritte zurück, nahm Anlauf und warf sich mit einer Schulter gegen die Tür, die aufbrach. In der Wanne lag seine nackte Frau im dunkelroten Wasser. Lisas Augen waren weit geöffnet und ganz starr. Der Mund stand offen. In einer Hand hielt sie noch das Rasiermesser, mit dem sie sich tief in die Venen und Sehnen beider Handgelenke geschnitten hatte.
»Eine halbe Stunde später, und sie wäre tot gewesen«, sagte Mercedes neben Daniel im Wagen. Sie fuhren durch die nächtliche Stadt. Es war spät geworden bei den Colledos, halb zwei Uhr früh. Die Straßen lagen verlassen. Monoton blinkten an den Kreuzungen die Verkehrsampeln.
»Ja, sie hat großes Glück gehabt«, sagte Daniel. »Auch mit ihrem Mann«, sagte Mercedes. »Ein anständiger
Kerl ist Conny. Er hat ihr vergeben – sofort.« »Er liebt sie«, sagte Daniel. »Was blieb ihm übrig?« »Muß eine große Liebe sein.«
»O ja«, sagte Daniel. »Sehr groß.«
»Und trotzdem hat sie ihn betrogen – über ein Jahr lang. Verstehst du das?«
»Nein«, sagte Daniel. »Ich verstehe jetzt nur, warum Conny Karrelis so sehr haßt.«
»Eigentlich hätte er Lisa hassen müssen«, sagte Mercedes. »Sie hat ihn verraten und hintergangen. Karrelis hat nur seine Chance wahrgenommen.«
»Das stimmt«, sagte Daniel. »Aber wenn es sich um Liebe handelt, gibt es keine Logik mehr.«
»Was meinst du, warum Lisa uns unbedingt die ganze Geschichte erzählen wollte?«
»Als Freundschaftsbeweis, denke ich. Um zu zeigen, wie viel Vertrauen sie zu uns hat. Die beiden leben sehr zurückgezogen. Sicherlich hätten sie gerne gute Freunde.«
»Das warst du doch immer – ein guter Freund, Danny.« »Ja. Aber jetzt bist du dazugekommen. Wir vier – wir gehören
nun zusammen. Ich glaube, so hat das Lisa gemeint.« Daniel bog in die Sandhöfer Allee ein und parkte vor dem
Haus, in dem er wohnte. Hier war kein Mensch zu sehen. Er schaltete den Motor und die Scheinwerfer ab. Sie stiegen beide aus und gingen zum Eingang. Als sie nahe herangekommen waren, passierte alles sehr schnell. Ein großer, hagerer Mann sprang aus der dunklen Nische vor der Haustür und schlug Daniel mit dem Griff einer Pistole über den Schädel.
»Danny!« schrie Mercedes, die sah, wie er zu Boden stürzte. Im nächsten Moment preßte ihr der große Mann ein feuchtes Tuch vor Mund und Nase. Äther, dachte sie. Der Mann hielt sie jetzt umklammert. Sie wand sich. Gleich darauf sackte sie ohnmächtig zusammen.
Wayne Hyde hob Mercedes auf und trug sie zu einem Wagen, der ein Stück weiter die Allee hinunter parkte. Er öffnete den rechten vorderen Schlag, ließ die Bewußtlose auf den Sitz gleiten und gurtete sie an. Er lief um den Wagen herum und kroch hinter das Steuer. Aus dem Handschuhfach nahm er eine flache silberne Dose. In ihr lag eine kleine Injektionsspritze. Flüssigkeit war aufgezogen. Mit einem alkoholgetränkten Stück Watte aus der Dose rieb Hyde eine Stelle am linken Unterarm von Mercedes ab. Dann stieß er die Nadel der Spritze in ihre Haut und drückte den Kolben nieder. Das hält sie eine Weile ruhig, unter Garantie, dachte er. Sekunden später fuhr er bereits. Nicht zu schnell, dachte Hyde. Ganz normal. Nur nicht auffallen! Hat ja prima geklappt. Ein bißchen lange habe ich warten müssen. Alles im Preis inbegriffen.
Daniels Schädel schmerzte so sehr, daß er glaubte, es nicht ertragen zu können. Ganz langsam kam er wieder zu sich. Er merkte, daß er auf dem Gehsteig lag, das Gesicht in einer Pfütze. Mühsam griff er mit der linken Hand an den Kopf. Auch sein Haar war naß. Er führte die Hand dicht vor die Augen. Im Licht einer Straßenlampe sah er, daß die Hand rot war. Blut. Sein Blut. Auch in der Pfütze, in der er lag, war sein Blut. Er stöhnte. Er versuchte aufzustehen und fiel sofort wieder hin. Beim vierten Versuch gab er es auf und kroch auf allen vieren zur Haustür. Mit unendlicher Mühe zog er sich an einer Wand hoch, bis er die Klingeltafel mit der Gegensprechanlage erreicht hatte. Er drückte auf alle Knöpfe. Nach einer Weile meldeten sich eine zornige Frauenstimme und zwei zornige Männerstimmen. Sie sprachen durcheinander.
»Was ist los?«
»Sauerei, fast zwei Uhr früh! Wer ist das?«
»Besoffen, wie?«
»Ross«, sagte Daniel. »Hilfe ...« Er hatte keine Kraft mehr, sackte wieder zusammen und verlor das Bewußtsein.
Als er zu sich kam, lag er auf einem schmalen weißen Tisch unter einer sehr hellen Lampe. Zwei junge Ärzte und eine Krankenschwester verbanden gerade seinen Kopf. Es roch stark nach Desinfektionsmitteln.
»Wo bin ich?«
»Unfallstation. Uniklinik«, sagte der erste Arzt. »Massel gehabt«, sagte der zweite. »Nur eine große
Platzwunde am Hinterkopf. Schon genäht.« Daniel stöhnte. »Ja, natürlich tut das weh. Wird noch eine Weile weh tun. Gebrochen ist nichts. Wir haben gründlich geröntgt. Wahrscheinlich nicht mal Gehirnerschütterung. «
»Glauben Sie, Sie können sprechen?« fragte ein Funkstreifenpolizist. Er war plötzlich in Daniels Blickfeld getreten.
»Sie ...« begann Daniel. Die Zunge kam ihm viel zu groß für seinen Mund vor. »Sie haben mich hierhergebracht ...«
»Ja, Herr Ross. Hausbewohner riefen die Polizei. Sagen Sie mir bitte, was passiert ist.«
Daniel begann mühsam zu reden.
Elf Minuten später wurde von der Frankfurter Polizei die Ringfahndung nach Mercedes Olivera ausgelöst.
Eine Stunde zuvor war Wayne Hyde mit der immer noch bewußtlosen Mercedes in die Tiefgarage eines der Hochhäuser in der sogenannten Nordweststadt hinabgefahren. Viele tausend Menschen wohnten in dieser gewaltigen Trabantensiedlung. Sie kannten einander kaum. Sie kümmerten sich nicht umeinander. Die Anlage wurde auch »Schlafstadt« genannt, weil die meisten Bewohner hier nur die Abend- und Nachtstunden verbrachten und tagsüber in der City arbeiteten.
Hyde lenkte den Wagen auf einen freien Parkplatz und stellte den Motor ab. Er öffnete die rechte Vordertür, gurtete Mercedes los und zog sie aus ihrem Sitz. Sie lallte leise. Gut so, dachte Hyde. Wenn mir jemand begegnet, lallt sie hoffentlich auch. Macht dann einen hübsch besoffenen Eindruck. Er arbeitete systematisch, ohne jede Eile oder Erregung. Nachdem er einen Arm von Mercedes um seine Schultern geschlungen hatte, schleppte er sie, deren Füße nachschleiften, durch eine Kellertür in einen langen, schmalen Gang mit fünf Aufzugtüren zu den verschiedenen Blocks des Hochhauses. Vor der Tür des mittleren Lifts blieb er stehen und holte die Kabine durch Knopfdruck herunter. In seinem Schulterhalfter steckte die 9-Millimeter-SIG/Sauer-Pistole, die sein Frankfurter Freund Heinz Erkner ihm wieder besorgt hatte, als er, aus London kommend, vor drei Tagen in Frankfurt eingetroffen war. Das Sterling-Mk-9-Gewehr hatte er im Kofferraum gelassen.