Der Lift kam an.
Hyde öffnete die Tür und schleppte Mercedes in die Kabine. Er fuhr zum vierzehnten Stock empor. Auf jeder Etage befanden sich drei Wohnungen. Mit leisem Summen hielt der Lift. Hyde trat, Mercedes’ Arm um seine Schultern geschlungen, auf den Vorplatz. Er nahm Schlüssel aus der Tasche und öffnete Schloß und Sicherheitsschloß der Wohnung rechts. In den beiden anderen Appartements war es still. Die Menschen hier schlafen längst, dachte Hyde.
Die Tür mit der Metallbuchstabennummer vierzehnnulldrei ging auf. Hyde keuchte jetzt. Mercedes war schwer. Er trat mit ihr in die dunkle Wohnung, die aus einem sehr großen und drei kleineren Zimmern, Bad sowie Küche bestand, und machte
überall Licht. Er hatte die Vorhänge zugezogen, als er zum letztenmal hier gewesen war. Die Schlüssel hatte ihm der Anwalt Morley in London gegeben. Es schien, daß er Schlüssel zu zahlreichen derartigen Wohnungen in verschiedenen Städten besaß. Bei der ersten Inspektion hatte Hyde alles kontrolliert. Es gab nur zwei Eisenbetten in einem der kleineren Zimmer, zwei Stühle und einen Tisch. Sonst waren die Räume leer. Er hatte in einem Supermarkt der Nordweststadt Lebensmittel gekauft und den Eisschrank und die Tiefkühltruhe in der Küche gefüllt. Er hatte Seife, Toilettenpapier, Zahnbürste und ähnliches gekauft, auch einen Eimer. Dazu erwarb er eine große Rolle breites Klebepflaster sowie eine Schere und eine Polaroid-Kamera. Hyde schleppte Mercedes, die jetzt lauter lallte, zu einem der beiden Eisenbetten, dessen Decken und Kissen frisch überzogen waren, und ließ sie daraufgleiten. Im nächsten Moment schlug Mercedes die Augen auf. Ihr Gesicht war weiß. Sie starrte Hyde an.
»Ich kenne Sie«, sagte Mercedes leise. »Ich habe Sie schon einmal gesehen ... in der Wohnung von Daniel Ross ... Sie heißen ... Corley ... Peter Corley ...«
»Maul halten!« sagte Hyde.
Er holte aus einer Tasche seines Dufflecoats einen kleinen Sony-Recorder, dann zog er den Mantel aus und warf ihn über einen der beiden Stühle. Den Recorder legte er auf den Tisch neben die Polaroid-Kamera.
»Wo bin ich?« fragte Mercedes. »Maul halten!« sagte Hyde. »Wo ist Herr Ross?«
»Halt dein Maul!«
Hyde nahm die große Rolle Klebepflaster vom Tisch. »Ruhig liegen, Mund zu!« befahl er. Danach zog er eine Bahn über Mercedes’ Mund. Er nahm die Schere vom Tisch, schnitt das Band ab und klebte eine zweite Bahn quer zur ersten. »So«, sagte er und erhob sich vom Bettrand. »Du wirst bald wieder reden können. Kleine Nachricht für Ross. Auf Kassette. Morgen
machen wir eine hübsche Aufnahme von dir mit der neuen BILD-Zeitung, so, daß man die Schlagzeile lesen kann. Tut mir leid, aber du mußt jetzt Handschellen kriegen. Am Bett festgemacht. Damit du auf keine blöden Ideen kommst.« Er ging zu dem Stuhl, über den er den Dufflecoat geworfen hatte, um ein Paar Handschellen aus der Innentasche zu nehmen. Dabei wandte er Mercedes den Rücken zu. Die Handschellen hatten sich im Futter der Tasche verhakt. Hyde zog und zerrte, bis der Stoff riß. Dann drehte er sich um und erstarrte mitten in der Bewegung. Auf dem Eisenbett wand sich Mercedes in grauenvollen Zuckungen. Sie hatte sich die Streifen vom Mund gerissen. Ihre Pupillen waren verdreht, das Gesicht lief violett an. Aus dem Mund quoll weißer Schaum. Der Körper bäumte sich auf. Plötzlich lag sie ganz still. Immer mehr Schaum quoll aus ihrem Mund. Ein kräftiger Geruch nach bitteren Mandeln verbreitete sich. Hyde sah Glassplitter auf den Lippen der jungen Frau. Er legte ein Ohr auf die Brust über ihrem Herzen. Er fühlte ihren Puls. Aber das alles tat er ohne Hoffnung. Er starrte die Tote an.
»O Jesus«, sagte Wayne Hyde. »Was für eine verfluchte Scheiße!«
Ein Telefongespräch.
»... Ich habe lange mit meinen Bekannten gesprochen, Doktor Herdegen. Wann ruft Mister Hyde Sie wieder an?«
»Um sechs Uhr früh, Mister Morley.«
»Gut. Sie sagen ihm, meine Bekannten wünschen, daß er so weiterarbeitet, als wäre nichts vorgefallen.«
»Das hat doch jetzt keinen Sinn mehr!«
»Wieso hat das keinen Sinn mehr, Doktor?« »Weil die Olivera tot ist. Er kann kein Foto von ihr machen,
keine Tonbandaufnahme, es ist doch alles viel zu schnell gegangen.«
»Er muß die Forderung trotzdem stellen.«
»Ohne ein Lebenszeichen von der Olivera werden sie auf nichts eingehen.«
»In letzter Konsequenz haben Sie recht. Aber was wir jetzt brauchen, ist Zeit. Sie können sicher sein, daß Ross und die andern die Verhandlungen keinesfalls sofort abbrechen – wenn Hyde es geschickt anfängt. Die haben doch keine Ahnung, daß die Olivera Selbstmord begangen hat. Woher hatte sie bloß die verfluchte Zyankalikapsel?«
»Hyde sagt, völlig unerklärlich. Hören Sie, Mister Morley, ich weiß, es steht mir nicht zu, Ihre Bekannten zu kritisieren, aber das ist doch Wahnsinn! Wie lange soll Hyde dieses Idiotenspiel spielen? Er muß sich doch jetzt auch noch vom letzten Hurensohn von einem Polizisten jagen lassen. Da läuft doch inzwischen eine Großfahndung.«
»Die wäre auf alle Fälle gelaufen. Das weiß Hyde. Sie müssen nicht an seiner Stelle Angst haben. Er hat keine. Und das ist kein Idiotenspiel, Doktor. Ich sagte, wir brauchen jetzt Zeit. Zeit, die Brüder weichzukochen, sie die Nerven verlieren zu lassen. Wenn dann noch jemand entführt wird – beispielsweise Frau Colledo –, dann werden sie nachgeben.«
»Sie wollen Hyde veranlassen, einen zweiten Menschen ...?« »Nun, selbstverständlich, Doktor. Colledo hängt genauso an
seiner Frau wie Ross an der Olivera. Hyde wird eben noch viel vorsichtiger sein beim zweitenmal. Das ist kein Vorwurf. Er konnte nicht ahnen, daß die Olivera ständig Gift mit sich herumtrug. Bei der Colledo wird er das als erstes kontrollieren.«
»Aber ...«
»Schluß jetzt! Ich habe genug von Ihrem ›Aber‹, Doktor. Sie geben Hyde den Befehl, weiterzumachen, als wäre nichts geschehen. Erzählen Sie ihm von der Colledo-Variante. Er bekommt schnellstens neue Instruktionen. Ende.«
Das Telefon auf Daniels Schreibtisch schrillte. Außer ihm waren mehrere Männer im Raum: Conrad Colledo,
der Chefredakteur Kleinhals, zwei Techniker der Polizei und ein älterer Kriminalkommissar namens Hollgand. Sofort, nachdem Daniel aus dem Krankenhaus heimgebracht worden war, hatten Techniker begonnen, eine Fangschaltung für seinen Telefonanschluß zu installieren. An den Apparat war auch ein großes Tonbandgerät angeschlossen, das alle Gespräche aufzeichnen sollte.
Das Telefon schrillte zum zweitenmal. Es war jetzt 6 Uhr 35 am 28. März 1984, einem Mittwoch. Der erste Techniker legte die
Hand auf den Hörer eines zweiten Telefons, das ebenfalls auf dem Schreibtisch stand.
»Vorsichtig«, sagte er und zählte. »Zwei, drei, eins – jetzt!« Gleichzeitig hoben er und Daniel ab. Im selben Moment schaltete sich auch das Tonbandgerät ein. Die Spulen kreisten. »Hallo?« sagte Daniel. Er litt unter starken Kopfschmerzen. Die Mittel, die man ihm gegeben hatte, halfen nicht.
»Wer ist ›hallo‹?« fragte eine metallisch verzerrte Männerstimme.
»Daniel Ross.«
»Herr Ross, Ihre Freundin befindet sich in unserer Gewalt. Sie bleibt es, bis der Vorsitzende des Rundfunkrates die schriftliche Erklärung abgegeben hat, daß der bewußte Film niemals ausgestrahlt werden wird und bis wir alle Unterlagen der Interviews mit Zeugen und all das Material in unserem Besitz haben, das wir Ihnen noch nennen werden.«