Der Techniker machte Daniel ein Zeichen: Weiterreden, das Gespräch fortsetzen, so lange wie möglich!
Daniel sagte: »Ich will mit Frau Olivera sprechen.« »Das ist ausgeschlossen.«
»Woher weiß ich, daß sie noch lebt?«
»Sie lebt. Es geht ihr gut. Sie müssen mir glauben! Sprechen Sie mit Ihren Freunden und dem Vorsitzenden des Rundfunkrates und bleiben Sie in der Nähe des Telefons!«
»Wir werden ...«
Klick. Der Anrufer hatte aufgelegt. Daniel fluchte. Der zweite Techniker stoppte das Band, ließ es zurücklaufen
und startete es wieder. Alle hörten den Dialog zwischen Daniel und dem Unbekannten.
Das zweite Telefon läutete.
Der erste Techniker hob ab. »Ja?«
»Zu kurz«, sagte eine Stimme. »Wir konnten nicht feststellen, woher der Anruf kam.«
»Er wird wieder anrufen«, sagte der erste Techniker. »Ja, sicherlich«, sagte sein Kollege in einer der großen
Telefonzentralen der Stadt Frankfurt am Main. »Ich muß mit dem Vorsitzenden sprechen«, sagte Kleinhals.
»Sind Sie wahnsinnig geworden?« fragte Colledo. »Wollen Sie auf eine Drohung hin ohne ein Lebenszeichen von Frau Olivera die Forderungen dieses Lumpen erfüllen?«
»Natürlich nicht!« sagte Kleinhals wütend. »Aber der Vorsitzende muß informiert sein darüber, was geschehen ist.«
»Nehmen Sie diesen Apparat«, sagte der erste Techniker. »Die Leitung von Herrn Ross bleibt frei.«
Daniel saß reglos.
Reglos hörte er dem Gespräch von Kleinhals zu. Der sagte, nachdem er wieder aufgelegt hatte: »Wir müssen den Kerl hinhalten, so lange es nur geht. Jetzt läuft die größte Fahndung, die es seit der Schleyer-Entführung gegeben hat. Und wenn es Tage dauert. Wir müssen ihn hinhalten. Lebenszeichen verlangen. Wenn wir die haben, über Einzelheiten sprechen. Ross muß dann zurückfragen. Und so weiter. Professor Klammer kommt schnellstens hierher.«
Professor Klammer war der Vorsitzende des Rundfunkrates. »Was machen wir jetzt?« fragte Colledo.
»Warten, bis der Hund wieder anruft«, sagte Kleinhals. »Kommen zwei Beamte«, sagte der Kommissar Hollgand, ein kleiner, stiller Mann mit Brille. »Bringen einen großen Thermosbehälter mit Kaffee und Sandwiches für alle. Schon veranlaßt. Wir werden verpflegt. Gearbeitet wird in drei Acht-Stunden-Schichten. Für Sie gilt das leider nicht, Herr Ross.«
»Ich werde mein Bett hierher schieben«, sagte der. Er fuhr plötzlich auf, stöhnte aber sofort, denn sein Schädel reagierte auf die schnelle Bewegung mit noch größerem Schmerz.
»Was hast du, Danny?«
»Das Tagebuch!«
Daniel ging schon in Richtung Schlafzimmer. »Was für ein Tagebuch?«
»Das von Mercedes. Sie führte eines. Und es ist mir eben etwas eingefallen ...« Er verschwand im Schlafzimmer und kehrte gleich darauf mit einem in rotes Leder gebundenen Band zurück. Dazu sagte er: »Mercedes hat mir einmal gesagt: ›Wenn mir etwas passieren sollte – wir haben ja erlebt, wozu diese Leute fähig sind –, wenn also etwas mit mir geschieht, dann sieh in meinem Tagebuch nach. Es liegt ein Brief für dich darin. Lies ihn! Aber nur dann!‹« Daniel blätterte in dem rotledernen Band. Ein Kuvert fiel zu Boden. Er hob es auf. Nun war es sehr still geworden.
Daniel öffnete den Umschlag. Mehrere Bogen Papier, bedeckt mit Mercedes Handschrift, waren darin. Daniel setzte sich und las.
Danny, mein geliebter Danny, wenn Du diese Worte liest, bin ich schon tot. Bitte, verzeih mir, was ich getan habe. Ich liebe Dich so sehr. Ich hätte so gerne glücklich mit Dir gelebt. Aber das ist nun unmöglich geworden. Du weißt, mit wem wir es zu tun haben. Du weißt, daß die Kreaturen dieser Leute – sie selber
machen sich nicht die Finger schmutzig – vor nichts zurückschrecken, um eine Ausstrahlung unseres Films zu verhindern. Von Anfang an war das so. Es wird immer ärger werden, je mehr Material wir zusammentragen. Der Gegenseite ist bekannt, wieviel wir besitzen. Dafür sorgt ein Verräter. Ich rechne täglich damit, entführt zu werden. Weil es bei uns nicht üblich ist, sofort ein Menschenleben zu opfern, wird man also versuchen, den Sender zu erpressen. Mein Leben gegen alles Material und eine bindende Zusage von höchster Stelle, den Film nie zu zeigen etwa. Ich weiß natürlich nicht genau, wie sie vorgehen werden.
Die Zerstörung der Welt droht. Wir haben den Beweis dafür. So gibt es vielleicht noch eine kleine Chance. Für alle Menschen. Darum bin ich fest entschlossen: Wenn man mich entführt, werde ich mich bei der ersten Gelegenheit vergiften. Giftkapseln habe ich von meinem Stiefvater. Er bekam sie einmal von Goebbels, Du erinnerst Dich. Der sagte ihm, daß das Gift in den zugeschmolzenen Kapseln sich nicht zersetzt. Ich trage das Gift ständig bei mir. Ich werde mich töten, damit man keine Gelegenheit hat, Dich oder Conny oder ganz einfach den Sender zu erpressen. Glaube also, wenn es zu meiner Entführung kommt, unter keinen Umständen irgendwelche Lügengeschichten, die sie dann erzählen werden, um ihr Ziel zu erreichen, denn ich werde dann gewiß bereits tot sein.
Sollte ich in einem solchen Fall noch gefunden werden, möchte ich nirgends aufgebahrt werden. An meinem Grab soll nicht gesprochen und nicht gebetet werden. Auch Musik, Blumen oder Kränze soll es nicht geben. Ich möchte, daß außer Dir, Liebster, und den Totengräbern niemand an meinem Grab steht. Beerdigt werden möchte ich auf einem Friedhof, der nahe dem Ort liegt, an dem Du lebst.
Du hast mich immer eine Fanatikerin genannt, Liebster. Nun, ich bin es. Laß uns hoffen, daß Du diesen Brief nie lesen mußt.
Ich umarme Dich in Liebe. Mercedes
Darunter stand ein Datum: 10. März 1984. Der Brief war vor mehr als zwei Wochen geschrieben worden.
Daniel reichte die Bogen Colledo. Dann stützte er den schmerzenden Kopf in beide Hände und begann zu weinen. Das Weinen schüttelte seinen Körper wie ein schwerer Krampf.
Zwei Stunden später traten in Wiesbaden Vertreter der verschiedenen bundesdeutschen Sicherheitsorganisationen im Gebäude des BKA zu einem Krisenstab zusammen. Die Anti-Terror-Gruppe GSG-9 wurde eingesetzt. Ihre Spezialisten wichen nun nicht mehr von der Seite der Gefährdeten, zu denen neben anderen Daniel Ross, Conrad Colledo, seine Frau Lisa, der Chefredakteur Kleinhals und dessen Familie gehörten. Alle verfügbaren Kräfte der Polizei und Einheiten des Bundesgrenzschutzes und der Bundeswehr suchten im ganzen Land nach Mercedes Olivera.
Ein Telefongespräch.
»Mister Morley, hier ist Herdegen. Hyde rief eben an. Die Bundesrepublik ist ...«
»In Alarmzustand. Wissen wir. Auch, daß alle in Frage kommenden Personen bewacht werden.«
»Unter diesen Umständen sieht Hyde keine Möglichkeit, Frau Colledo zu entführen.«
»Was heißt das: keine Möglichkeit? Es gibt immer eine Möglichkeit! Wir haben ihm inzwischen drei ausgezeichnete Leute zur Verfügung gestellt – oder? Verflucht, er wird hoch genug bezahlt für das, was er tut! Und er hat zu tun, was wir anordnen. Sagen Sie ihm das! Guten Tag, Doktor Herdegen!«
Es war 3 Uhr 41 früh am 29. März 1984, als das Telefon wieder schrillte. Daniel schlief in seinem Bett, das nun neben dem Schreibtisch mit den Apparaturen der Techniker stand. Eine andere Schicht tat Dienst. Colledo war anwesend. Er hatte in einem Sessel gedöst. Nun rüttelte er den Freund.
»Danny! Danny, wach auf!«
Daniel ächzte. Er setzte sich im Bett auf und legte eine Hand auf den Hörer seines Apparates. Ein Techniker legte die Hand auf den Hörer des zweiten Telefons und zählte laut von drei zurück. Gemeinsam hoben sie ab. Die Tonbandspulen begannen wieder zu kreisen.
Es erklang die metallisch verzerrte Stimme, die Daniel schon kannte: »Haben Sie mit Ihren Leuten gesprochen, Herr Ross?« Daniel rieb sich die brennenden Augen. Das Licht der Schreibtischlampe war grell, die Luft im Raum verbraucht und schlecht. »Ja«, sagte er mit belegter Stimme. Er räusperte sich.