Eine Telefonnachricht.
»Mister Hyde, hier spricht Morley. Es ist elf Uhr dreiunddreißig, Freitag, sechster April. Meine Bekannten haben zur Kenntnis genommen, daß es Ihnen auch im Verein mit anderen unmöglich ist, erfolgreich eine weitere Entführung zu bewerkstelligen. Durch die Großfahndung ist Ihre Lage so prekär geworden, daß Sie dem Risiko, entdeckt zu werden, nicht länger ausgesetzt werden dürfen. Sie haben hervorragende Arbeit geleistet. Meine Bekannten sprechen Ihnen ihren Dank aus. Ich ersuche Sie, Deutschland schnellstens zu verlassen. Ihre Mission ist beendet. Die zweite Hälfte des Honorars wurde bereits auf das Konto bei der Schweizer Bankgesellschaft in Zürich überwiesen. Damit sind unsere Beziehungen beendet. Meine Bekannten und ich wünschen Ihnen alles Gute. Sollten Sie zu irgendeinem Zeitpunkt – jetzt oder in der Zukunft – in Schwierigkeiten mit Polizei oder Behörden geraten, werden weder meine Bekannten noch ich die geringste Ahnung haben, wer Sie sind. Sie würden sich dann vergeblich auf uns berufen und dürfen niemals damit rechnen, daß ich oder irgend jemand anderer Ihnen dann auch nur im geringsten hilft. So war das ja von Anfang an festgelegt. Leben Sie wohl, Mister Hyde! Gott schütze Sie! Das ist das Ende meiner letzten Nachricht für Sie.«
Zur Nordweststadt in Frankfurt gehört ein eigenes Polizeirevier.
Am Samstag, dem 7. April 1984, gegen 7 Uhr früh, erschien hier ein großer schlanker Mann von etwa vierzig Jahren. Er traf auf den Wachtmeister Josef Niedermoser, einen gebürtigen Münchner, der seit einem halben Jahr in Frankfurt Dienst tat, und wünschte ihm einen guten Morgen.
»Grüß Gott«, sagte Niedermoser, der gleichfalls groß, aber sehr kräftig war. Er hatte gerade den Bericht über einen Fall von Fahrerflucht in die Maschine getippt.
»Ich heiße Felix Zimmermann. Ich wohne hier am Gerhart-Hauptmann-Ring zwölf, Block C, vierzehnter Stock, Appartement vierzehnnulleins. Auf meinem Stockwerk gibt es noch zwei andere Wohnungen, vierzehnnullzwei und vierzehnnulldrei. Herr und Frau Esser von nullzwei sind vor drei Wochen verreist. Wir kennen sie flüchtig, meine Frau und ich. Wer in nulldrei wohnt, wissen wir nicht. Seit gestern kommt aus dieser Wohnung ein süßlicher Gestank. Heute ist er noch viel stärker. Meine Frau und ich haben nie gesehen, daß jemand in die Wohnung hineingegangen oder herausgekommen ist. Etwas stimmt da nicht. Vielleicht ist hier ein Mensch gestorben, und der Leichnam verwest. Meine Frau hat gesagt, daß ich Ihnen das unbedingt mitteilen muß, bevor ich in die Stadt fahre.«
Etwa eine Stunde später hielt ein Funkstreifenwagen vor dem Hochhaus Gerhart-Hauptmann-Ring zwölf in der Nordweststadt. Er parkte hinter einem Einsatzwagen der Feuerwehr. Aus dem Funkstreifenwagen stiegen Daniel Ross, die beiden Beamten, die ihn gerade bewachten, und – als einziger in Uniform – der Fahrer. Durch eine Gruppe von Neugierigen gingen die Männer zum Eingang des Hauses. Hier standen zwei weitere Uniformierte. Sie grüßten stumm. Daniel und sein Begleiter betraten eine sehr große und hohe Halle. Es gab fünf Aufzüge. Die Männer fuhren mit dem mittleren – Block C – in den vierzehnten Stock empor. Die Tür zur Wohnung vierzehnnulldrei war aufgebrochen worden. Die vier Männer begannen zu würgen. Der Gestank, der ihnen entgegenschlug, war sehr stark. Sie hielten sich Taschentücher vor den Mund und gingen in die Wohnung. Hier erwarteten sie drei Feuerwehrleute, die Gasmasken trugen. Alle Fenster der leeren Wohnung waren geöffnet. Ein Feuerwehrmann machte Daniel Zeichen, ihm zu folgen. Sie gingen durch ein großes Zimmer in ein kleineres, in dem ein Tisch, zwei Stühle und zwei Eisenbetten standen. Das eine war frisch überzogen. Auf dem anderen lag eine tote Frau. Ihr Gesicht war schwarz. Der Mund stand offen. Die Augen waren nur noch mit dunkler Flüssigkeit gefüllte Höhlen. Alle Männer sahen Daniel an, der zum Bett getreten war. Daniel nickte. Dann rannte er aus dem kleinen Raum in das nahe Badezimmer und übergab sich heftig.
Inzwischen bemühten sich andere Feuerwehrleute unten in der Halle, einen luftdicht verschließbaren, doppelwandigen Zinksarg in die Kabine des Lifts zu bringen, der zum Block C gehörte. Der Versuch erwies sich als aussichtslos. Die Kabine war zu klein. Als ungeeignet erwies sich auch die Feuertreppe hinter den Aufzügen. Sie war so schmal, daß die Männer den Sarg nicht um die engen Wendungen bringen konnten. Die Architekten dieses Hochhauses – und wohl aller anderen – hatten offensichtlich nicht daran gedacht, daß ein Mensch in einer der Wohnungen sterben könne. Zwei Wagen des Technischen Hilfswerks trafen ein. Zu diesem Zeitpunkt mußten zahlreiche Polizisten bereits eine Menschenmenge zurückdrängen, um die Fahrbahn freizuhalten. Ein Flaschenzug wurde an einem schweren Balken im Fenster des großen Zimmers im Appartement vierzehnnulldrei befestigt. Angeseilt glitt dann der Sarg in die Höhe. Mercedes’ Leichnam hatte sich bereits so zersetzt, daß es nur möglich war, ihn mitsamt dem besudelten Laken, auf dem er lag, in den Sarg zu heben. Als dieser, durch acht Schrauben fest verschlossen, dann an der Außenwand des Hochhauses wieder in die Tiefe gelassen wurde, war längst ein schwarzer Wagen der Städtischen Leichenbestattung eingetroffen. Feuerwehrmänner schoben den Sarg in ihn. Die Türen wurden verriegelt. Der Wagen fuhr sofort ab.
Um 15 Uhr klingelte nach langer Zeit wieder das Telefon auf Daniels Schreibtisch. In Abstimmung mit den beiden Technikern, die gerade ihre Schicht absaßen, hob Daniel den Hörer ab.
»Ross.«
»Danny, hier ist Sibylle«, meldete sich eine Frauenstimme. »Sibylle ...« Er fühlte, wie ihm am ganzen Körper der Schweiß ausbrach. »Einen Moment, bitte!« Zu den beiden Technikern und einem Kriminalkommissar sagte er: »Das ist ein privates Gespräch.«
Die drei nickten und gingen in die Diele hinaus. Sie schlossen die Tür hinter sich.
Daniel nahm wieder den Hörer. »Entschuldige! Diese Leitung hängt an einer Fangschaltung.«
»Mein Gott ... Danny, mein armer Danny, ich habe erst vor ein paar Minuten erfahren, was geschehen ist. Ich war in Belgrad auf einem Kongreß und bin eben zurückgekommen. Das ist ja furchtbar! Ich habe es im Radio gehört, aber nur ganz kurz ... Die arme Mercedes ...«
»Ja«, sagte Daniel. »Die arme Mercedes.« Vor ihm stand eine Tasse Tee. Während er sprach, holte er die Amadam-Packung, die er jetzt ständig bei sich trug, aus der Jackentasche und öffnete sie.
»Wann habt ihr sie gefunden?«
»Heute vormittag.« Er ließ die Tabletten auf die Schreibtischplatte gleiten. Die Angst war wieder in ihm hochgeschossen, die grauenvolle Angst.
»Wo? Kannst du es mir erzählen, Danny, bitte! Erzähle mir alles! Alles!«
Er erzählte ihr alles. Zwischen zwei Sätzen machte er eine längere Pause, als er neun Tabletten vom Schreibtisch nahm, in den Mund warf und mit Tee hinunterschluckte. Er bemerkte, daß seine Hände zitterten. Ihm war schwindlig und übel. Das kam
nun oft vor. Amadam half.
»Danny ...« Sibylles Stimme versagte. »Das ... das tut mir so leid für dich ... so schrecklich leid ...«
»Mir tut es auch leid.«
»Was ist los? Hast du zu viel Amadam genommen?« »Nein«, log er. »Wieso?«
»Du sprichst ein bißchen lallend. Du hast doch Amadam genommen, sag die Wahrheit!«