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»Ich sage die Wahrheit«, log er.

»O Gott, Danny! Diese Schweine ... Diese elenden Schweine ... Das ist eine solche Gemeinheit ...«

»Ja«, sagte Daniel.

»Ich komme nach Frankfurt. Sofort.«

»Nein! Ich ... möchte allein sein. Versteh das, ja?« »Natürlich ... Natürlich verstehe ich ... Wann ist das

Begräbnis?«

»Montag vormittag. Sie haben die Leiche ins Gerichtsmedizinische Institut gebracht. Sie müssen eine Obduktion machen. Obwohl ganz klar ist, was passierte. Sie hat sich vergiftet.«

»Aber Montag komme ich zum Begräbnis.« »Bitte nicht, Sibylle«, sagte er. »Mercedes hat mir einen Brief

geschrieben ... hinterlassen, meine ich ... Sie wollte für den Fall ihres Todes keine Aufbahrung, keine Blumen, keinen Priester, keine Musik und keine Menschen am Grab – nur mich. Ich glaube, das müssen wir respektieren.«

»Freilich, Danny. Freilich. Ich ... ich ...«

»Ja, Sibylle?«

»Ich bin in Gedanken bei dir, mein Armer. Immer, Danny, immer. Ich liebe Werner wirklich. Aber nie kann ich unsere Zeit vergessen. Unsere wunderbare Zeit.«

»Ich auch nicht, Sibylle.«

»Es war eine so große Liebe. Und eine so große Liebe hört doch nie wirklich auf, nicht?«

»Nein, niemals wirklich.«

»Und darum – obwohl ich Werner so bewundere und mit ihm glücklich bin – werde ich ihn doch immer betrügen mit dir, Danny. Betrügen in Gedanken. Das ... das hast du gewußt, nicht wahr? Das hast du gespürt, wie?«

»Ja, Sibylle. Und du, du hast gespürt, daß es bei mir mit Mercedes genauso war, obwohl ich sie auch wirklich geliebt habe. Du wirst einfach niemals aus meinem Leben verschwinden.«

»Und du nicht aus meinem, Danny.«

»Und es ist alles nicht wahr«, sagte er laut.

»Bitte?« Ihre Stimme klang erschrocken. »Was soll das heißen, Danny?«

»Ach, Sibylle ... Du bist so lieb ... so bemüht, mir zu helfen ... Du willst, daß ich wenigstens noch einen Halt habe, wenn ich daran denke, wie das war mit uns beiden.«

»Na, aber es war doch wunderbar!«

»Gewiß, Sibylle ... ganz wunderbar war es ... Und es hat auch etwas gedauert, bis ich Mercedes lieben konnte, ohne immer noch wie in all den vielen Jahren an dich zu denken ... Endlich war es dann soweit ... Ich mußte nicht mehr an uns beide denken, Vergleiche ziehen, mich erinnern ... Ich konnte Mercedes lieben, wirklich und wahrhaftig ... so wie ich dich geliebt habe ... so wie du Werner liebst, sei ehrlich ... Wir dürfen nicht lügen, bloß damit es leichter wird für mich ... Es wird nicht leichter ... Du liebst Werner mit deinem ganzen Herzen, und ich habe Mercedes geliebt mit meinem ganzen Herzen ... Alles andere ist nur noch Erinnerung, Sibylle, nur noch eine Erinnerung, die wir beide haben.«

Sie schwieg lange. Als sie wieder sprach, war ihre Stimme sehr leise. »Sei mir nicht böse, Danny ... Ich ... ich habe tatsächlich gedacht, es hilft dir, wenn ich so rede. Wir müssen bei der Wahrheit bleiben ... Du hast recht ... Wir kennen uns so lange ... Verzeih mir, was ich da versucht habe ... Es war wirklich nur, weil ...«

»Ja, Sibylle, ja ... Und ich danke dir auch ... Wir dürfen uns bloß nichts vormachen ... Es wäre so gemein gegen Mercedes ... und einfach nicht wahr! Ich umarme dich – fest, ganz fest.«

»Und ich dich, Danny.« Ihre Stimme war nur noch ein Flüstern. »Ruf an, ruf bald an, bitte, ja?«

»Ja, bald«, sagte Daniel. Er legte den Hörer auf und ließ noch ein paar Tabletten aus der Packung gleiten. Ich brauche mehr, dachte er.

Am Vormittag des 9. April wurden ein abseits gelegener Sektor des Südfriedhofs und die Zufahrtswege von zwei Hundertschaften Bereitschaftspolizei abgesperrt. Nur drei Wagen des Fernsehsenders Frankfurt erhielten die Erlaubnis zu passieren. Auf ihren Dächern standen Männer mit Kameras, welche die Beisetzung von Mercedes filmten. Diese ging in großer Hast vor sich. Ein Wagen der Städtischen Leichenbestattung mit dem Sarg fuhr dicht an ein frisch geschaufeltes Grab heran. Es gab keine Musik, und es gab keine Blumen. Es wurden keine Reden gehalten und keine Gebete gesprochen. Zwischen zwei Kriminalbeamten stand Daniel am Rand des Grabes. Vier Angestellte des Bestattungsinstituts ließen den Sarg in die Grube gleiten, und Totengräber begannen sofort danach, das Grab zuzuschaufeln. Polizisten mit Maschinenpistolen standen in einem großen Kreis um die Trauerstätte.

Daniels Gesicht war weiß und völlig erstarrt. Die Sonne schien an diesem schönen Frühlingstag, in den Bäumen sangen viele Vögel. Daniel sah den Totengräbern eine Weile zu, dann drehte er sich um und ging, gefolgt von seinen Begleitern, den weiten Weg zu einem Funkstreifenwagen zurück. Er hatte

während der ganzen Zeit kein Wort gesprochen. In der Sandhöfer Allee angekommen, legte Daniel sich auf

das Bett, das nun wieder im Schlafzimmer stand. Die beiden Kriminalbeamten blieben im Arbeitszimmer. Daniel lag reglos und starrte die Decke an. Nach einer Weile war er eingeschlafen. Er erwachte gegen Mitternacht und fühlte sich schwach und benommen. Langsam ging er ins Arbeitszimmer. Die beiden Beschützer der Nachtschicht saßen vor der Bücherwand und spielten Karten. Sie wurden verlegen. Er machte ihnen ein Zeichen, sich nicht stören zu lassen, ging zum Schreibtisch – die Apparaturen für die Fangschaltung waren verschwunden – und rief seinen Vater in Buenos Aires an. Das tat er täglich um diese Zeit. Olivera meldete sich sofort. Seine Stimme bebte: »Hallo, Daniel?«

»Ja.«

»Was ... was ist geschehen?«

»Heute vormittag haben wir sie begraben. Auf dem Südfriedhof. Wie sie es sich gewünscht hat. Wenn auch nicht ganz so.« Olivera schwieg.

»Wann kommst du?« fragte Daniel. Keine Antwort. »Wann du kommst!«

»Überhaupt nicht ...«

»Was?«

»Du mußt mich verstehen, Daniel ... Ich kann nicht. Ich kann einfach nicht kommen ... Es ist ausgeschlossen ... Ich bin viel zu verzweifelt ... und auch zu alt ... Die Reise brächte mich um ... Ich kann mich kaum im Haus bewegen ... Weißt du, es ist so, als

wäre ich gestorben und läge in einem Sarg und könnte ihn nie mehr verlassen ... Verstehst du das? Sag, daß du das verstehst, Daniel!«

»Du Scheißkerl«, sagte Daniel Ross.

Am Sonntag, dem 13. Mai 1984, in allen Fällen zur jeweils besten Abendsendezeit, wurde das erste Drittel des Dokumentarfilms »Die geteilte Welt – Fälschung oder Wahrheit?« in achtundfünfzig Ländern von Fernsehsendern auf fünf Kontinenten ausgestrahlt. Hinzu kamen die verschiedensprachigen Radiofassungen des Deutschlandfunks. Wochen davor war in den Zeitungen, im Rundfunk und im Fernsehen sehr viel über diese Produktion geschrieben und gesprochen worden. Entsprechend groß war das Interesse der Menschen. Einer späteren Untersuchung zufolge saßen zu Beginn der Ausstrahlung fast neunhundert Millionen Menschen vor ihren Geräten: Weiße, Gelbe, Schwarze, Menschen aller Glaubensbekenntnisse, aller nur denkbaren Überzeugungen, Berufe und Einkommensverhältnisse. Vor flimmernden Bildschirmen und Radioapparaten saßen Multimillionäre und Familien, die unter der sogenannten Elendsgrenze lebten. Es saßen da Grubenarbeiter und Börsenmakler, Unternehmer der Schwerindustrie und Arbeitslose, Politiker und Huren, Priester und Mörder, die Krüppel oder Schwerbeschädigten aus einhundertsechsundfünfzig »kleinen Kriegen« nach 1945 und dem großen davor sowie Friedensnobelpreisträger, die nicht den kleinsten dieser Kriege hatten verhindern können. Es saßen da die Hinterbliebenen von Gefallenen und jene der Männer, Frauen und Kinder, welche unter Militär- und anderen Diktaturen zu Tode gefoltert, ertränkt, gehenkt, erschossen, erschlagen, verbrannt oder mittels Gift, elektrischem Strom, dem Beil sowie schweren Medikamenten aus dem Anwendungsgebiet der Psychiatrie hingerichtet worden waren; des weiteren Nonnen und Filmproduzenten, Generäle und Erdnußverkäufer, Atomphysiker und Versicherungsvertreter, Könige und Kanalräumer, Besitzer von Verlagskonzernen und Wasserträger, Rüstungsfabrikanten und Automechaniker, Schauspieler und Computerspezialisten, Süchtige, Olympiasieger, Dachdecker und Nachtclubsängerinnen, Gesunde und Kranke, alte und junge Menschen.