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Der erste Teil der Dokumentation enthielt die Aussage Oliveras über die Herkunft des Streifens, das Statement von Mercedes sowie den alten Film mit dem Geheimprotokoll. Am nächsten und übernächsten Tag sollten zur gleichen Sendezeit der zweite und dritte Teil ausgestrahlt werden. Die Fortsetzungen bestanden aus den einander so widersprechenden Aussagen der Zeugen, der Aussage Daniel Ross’, Berichten über die Telefongespräche des Intendanten mit den amerikanischen und sowjetischen Diplomaten und über die Entlarvung des Intendanten, ferner aus Reportagen über die Ermordeten sowie die Entführung und das Ende Mercedes Oliveras samt den Bildern von der gespenstischen Beisetzung auf dem Frankfurter Südfriedhof – das alles mit verbindenden Kommentaren und gewissenhaften Erläuterungen in journalistisch einwandfreier Form, informativ und völlig wertfrei. Hier sind nur einige Aussprüche oder Reaktionen anläßlich der Ausstrahlung des ersten Teils festgehalten ...

In Kairo, Ägypten, sagt der Optiker Abdu Amarna zu seiner Frau Isis: »Man müßte die führenden Politiker der Vereinigten Staaten und der Sowjetunion vor ein internationales Tribunal stellen und hinrichten lassen. Sie sind schuld an allem Unglück in der Welt.«

Seine Frau Isis erwidert: »Rede keinen Unsinn, Abdu! So etwas wird niemals geschehen, und du weißt es. Sie sind so stark, und wir sind so schwach.«

In weiten Teilen Afrikas, besonders in Äthiopien, herrscht die größte Hungerkatastrophe der Geschichte. Hunderttausende sind schon gestorben, Millionen sollen folgen. Äthiopien besitzt fast keine Straßen. Ein Konvoi aus Zehn-Tonnen-Lastern fährt, vom Flugplatz der Hauptstadt Addis Abeba kommend, langsam über hartgetrocknete Erde von Schlagloch zu Schlagloch in Richtung Lalibela im Norden des Landes. Die Riesenwagen haben Mehl, Milchpulver und Medikamente für das Hungergebiet dort geladen. Sie sind seit vier Tagen unterwegs. In der Kanzel eines Lasters lauschen zwei Fahrer der Sendung, die, von einer Relaisstation des Deutschlandfunks in Afrika weitergegeben, unter krachenden Nebengeräuschen aus dem Autoradio kommt.

Der Mann am Steuer, Kalo Negesti, sagt: »Teilt euch die Welt! Werdet glücklich mit eueren Teilen! Hier interessiert das keinen. Hier werden bald alle verreckt sein. Dann könnt ihr uns gemeinsam verscharren! Ihr könnt uns auch liegen lassen!«

»Und was mich angeht, so könnt ihr verrecken wie die Menschen hier«, sagt der zweite Fahrer, der Ko Yahuma heißt.

In Mampawah, einer Hafenstadt des südchinesischen Meeres an der Westküste von Borneo, sagt Romang Timor, ehemals Kochlehrling, zu seiner Mutter Banda: »Wir haben nie einen Amerikaner oder einen Russen gesehen. Meinetwegen sollen die Banditen mit dieser Welt machen, was sie wollen. Man hat mich in Pontianak aus dem Hospital heimgeschickt, weil die Metastasen jetzt auch schon im Kehlkopf sind. In einem Monat bin ich tot.«

Romang Timor ist gerade einundzwanzig Jahre alt geworden. In Santiago de Chile sagt Taipal Chuzco, Detektiv in einem Supermarkt, zu seinen Brüdern: »Na und! Das ist ja eine Sendung für die Kinderstunde! Meine lieben Kleinen, stellt euch vor, da haben sich zwei die Welt geteilt! Wer dreht einen Film über die Verbrechen General Pinochets?«

In den Gebirgszügen des Hindukusch, der sich im Nordosten von Afghanistan fast achttausend Meter in den Himmel erhebt, hören Aufständische in ihrem fast unzugänglichen Felslager die Funkversion der Sendung aus einem erbeuteten sowjetischen Militärradio. Einer sagt: »Versteht ihr jetzt, warum die Amerikaner es hingenommen haben, daß wir von den Russen überfallen worden sind?«

»Die amerikanischen Politiker sind empört«, sagt ein anderer. »Die ganze Welt ist empört«, sagt der erste. »Helfen tut uns auch nicht ein einziger Mensch.«

In Eisenach, Deutsche Demokratische Republik, sagt der Dreher Karl Zschinschke, der mit seiner Frau unbotmäßigerweise das Westfernsehen eingeschaltet hat: »Darum haben die Scheiß-Amis keinen Finger gerührt, als sie die Mauer bauten, Emma.

Und sie haben uns nicht geholfen damals, als die Arbeiter aufstanden und die sowjetischen Panzer kamen am siebzehnten Juni dreiundfünfzig. Da ist dein Bruder erschossen worden in Berlin, vor dem Brandenburger Tor. Elf Jahre war er alt. Verflucht sollen sie sein, alle beide!«

»Dreh ab, Karl!« sagt seine Frau. »Und wenn es so ist! Es macht meinen Bruder nicht mehr lebendig.«

In Bielefeld in der Bundesrepublik Deutschland sagt der Chefbuchhalter Hermann Eipel zu Frau und drei Kindern: »Dieser Film ist eine alte Nazifälschung, ganz klar. Und ganz klar, wer diesen Hundedreck jetzt ausstrahlen läßt.«

»Wer?« fragt seine Frau.

»Die Grünen und die Friedensbewegung. Sie haben ihre Leute überall. Auch in den Sendern! Glaubt mir das!«

In Hamburg sagt der arbeitslose Werftarbeiter Kuddel Heinke zu seiner Frau Elfie: »Fälschung oder Wahrheit – da scheiß ich drauf. Es ist so. Und es wird sehr bald losgehen. Und dann geht unser Land als erstes in Klump mit all den Raketen, die in den Wäldern stehen.«

»Was willst du machen dagegen, Kuddel?« fragt seine Frau Elfie, die schwanger ist.

In Düsseldorf sagt die Frau des Reinigungsmittel-Herstellers Kort zu ihrem Mann: »Das ist ja unerträglich, Karl-Heinz! Was gibt es im ZDF?«

»›Willi wird das Kind schon schaukeln‹ mit Heinz Erhardt«, sagt ihr Millionärsgatte.

»Dann schalte um! Ich muß über Heinz Erhardt immer so furchtbar lachen.«

In Lille, Frankreich, sagt der alte Vater des Rechtsanwalts JeanPierre Quemard: »Ich traue es ihnen zu, Jean-Pierre. Ich traue es ihnen zu. Ich traue ihnen alles zu. Auch daß sie in Europa Atombomben werfen und Krieg führen. Es wäre dann der dritte Krieg in meinem Leben.«

»Wir brauchen keine Atombomben mehr, Vater«, sagt JeanPierre. »Wir erledigen uns jetzt sehr schnell selber.«

In Lewes in der Grafschaft Kent in England sagt der Lokomotivführer Jack Tompkins zu Frau und Kindern: »Natürlich sind die Amerikaner und Russen Verbrecher. Aber sie wären niemals solche Verbrecher ohne Hitler. Hitler war der größte Verbrecher, den es je gab. Durch ihn ist die Welt so geworden, wie sie heute ist. Ach, Orwell war ein Optimist.«

In Saint Georges, der Hauptstadt von Grenada, dem sehr kleinen südlichsten Inselstaat der Antillen, sagt der Zitrusfrüchte-Exporteur Pai Owan zu seiner Frau: »Ist dir jetzt klar, warum die Sowjets nur herumgequatscht haben, als die Amerikaner hier landeten?«

»Leise, Pai«, sagt seine Frau, »leise! Du bist aufgeregt. Und dann sprichst du immer so laut. Du weißt, wie dünn die Wände sind und wer nebenan wohnt.«

In Athen, Griechenland, sagt der Besitzer einer Sauna, Joannis Pagniatopulos, zu seiner Frau Melina: »Und wir sind Mitgliedstaat der NATO!«

Seine Frau antwortet: »Und wenn wir Mitgliedstaat des Warschauer Pakts wären – was würde das ändern? Die einen werden uns töten, und die andern werden uns töten. Gib mir noch Wein, Joannis!«

»Du bist schon betrunken.«

»Ja, und?« sagt Melina. »Ich will mich sinnlos betrinken. Absolut sinnlos.«

In Amsterdam, Holland, sagt die Witwe Marie de Vries zu ihrem Hund, dem einzigen Wesen, das noch zu ihr gehört: »Nein, ich kann es nicht glauben. So schlecht sind Menschen nicht! Aber ich habe Angst. Wenn sie es doch sind?«

In Sorano, einer sehr kleinen Stadt in Italien, sagt Andreo Furno zu seiner Familie: »Und wenn es so ist, ich sage bravo! Solange sie beide nur gleich stark bleiben, wird es niemals den Atomkrieg geben. Darum müssen beide natürlich immer weiter aufrüsten. Aber selbst wenn einer schwächer wird und der andere losschlägt- auf unser winziges Sorano sind keine Raketen gerichtet. Wäre doch schade um das viele Geld. Sorano – lächerlich! Und falls es die Deutschen erwischt – ihr Pech! Sie haben uns in den Krieg hineingezogen. Papa und Onkel Marco sind gefallen.«

»Und was passiert mit uns bei Nordwind?« fragt seine Frau. In Haifa, Israel, sagt Bob Bernstein zu seiner Frau Ruth: »Selbstverständlich ist das eine infame Fälschung. Und woher kommt sie natürlich? Aus Deutschland kommt sie natürlich. Sie haben alle deine Verwandten umgebracht, Ruth. Sie haben alle meine Verwandten umgebracht. Und nach wie vor ist das ein Naziland. Du siehst, welche Macht die Nazis noch haben.«