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Mercedes sagte. »Wenn Sie einen Termin für morgen bekommen, geht alles noch perfekt.«

»Was meinen Sie?«

»Morgen ist Dienstag. Am Mittwoch hat ihre Freundin die Resultate. Die nächste Direktmaschine von Frankfurt nach Buenos Aires fliegt erst am Donnerstag. LUFTHANSA. Freitags und sonntags fliegen Maschinen der AEROLINEAS ARGENTINAS. Samstags LUFTHANSA.«

»Sie haben sich schon informiert?«

»Wie Sie sehen.«

»Wann?«

»Bevor ich in Buenos Aires abgeflogen bin.« Er sah sie stumm an.

»Ich bin auch großartig«, sagte sie. »Passen Sie nur auf, wie großartig ich noch sein werde!« Er setzte sich. »Daniel?«

»Ja?«

»Ihre Mutter, Thea Ross, ist doch schon neunzehnhundertneunundsechzig gestorben.«

»Das stimmt. Warum?«

»Und trotzdem ...« Sie verstummte. »Was ›und trotzdem‹?« Sie schüttelte den Kopf.

»Nein, ich will es wissen!« rief er. Das Telefon läutete. »Heben Sie ab!« sagte Mercedes. Er ergriff den Hörer und

vernahm die Männerstimme von zuvor: »Grüß Gott! Sanatorium Kingston. Herr Ross in Frankfurt?«

»Ja.«

»Einen Moment, ich verbinde mit der Frau Primaria.« Es klickte in der Leitung. Dann hörte er Sibylles Stimme:

»Danny?«

»Ja.«

»Also, ich habe mit Reinstein gesprochen. Alles okay. Morgen um halb acht Uhr früh, nüchtern. Ich gebe dir seine Durchwahlnummer in der Klinik.« Sie tat es. Er notierte. »Wenn ich aufgelegt habe, rufe ihn sofort an! Er wird dir alles Nötige sagen – wo du hinkommen sollst, was untersucht wird.«

»Prima!«

»Allerdings wird es Mittwoch nachmittag werden, bis er alle Werte hat.«

»Das macht nichts, Sibylle. Die Direktmaschine geht erst am Donnerstag.«

Der große, blasse Arzt lächelte wieder. Auf den Block schrieb er: DONNERSTAG Und darunter: DAS GENÜGT

Dann riß er das oberste Blatt ab und steckte es ein. »Wenn du morgen abend fertig bist, rufe mich bitte unbedingt

an!«

»Warum unbedingt?«

»Ich muß wissen, wie du dich fühlst, damit ich mit Reinstein besprechen kann, was wir dir auf die Reise mitgeben. Und am Mittwoch nachmittag bleib’ ich zu Hause. Sobald ich alle Befunde kenne und Bescheid weiß, rufe ich dich an.«

»Ich danke dir, ich danke dir, Sibylle. Ach ...« »Ja?«

»Fast vergessen. Sag maclass="underline" Was um alles in der Welt machst du da bei Heiligenblut?«

»Heiligenkreuz.«

»Kreuz. Egal. Was machst du da? Wieso bist du nicht mehr am Allgemeinen Krankenhaus?«

»Weißt du, ich habe ein großartiges Angebot bekommen. Das mußte ich einfach akzeptieren.«

»Aber du wolltest doch nie vom Allgemeinen Krankenhaus weg!«

»Das war etwas anderes. Ich erzähle es dir, wenn du kommst. Und diese Frau muß mitkommen! Sie muß jetzt immer bei dir sein. Falls dir übel wird. Und du kommst so schnell wie möglich! Du hast es versprochen. Denk an die Liebe, die wir hatten. Bei dieser Liebe, Danny! Du schwörst, daß du sofort danach herkommst?«

»Ich schwöre es, Sibylle.«

»Also, bis später! Leb wohl, Danny!«

»Leb wohl, Sibylle! Ich umarme dich.« Er legte auf und blickte Mercedes an. »Bitte, beten Sie, daß die Befunde gut sind! Dann wird es klappen.«

»Es muß klappen«, sagte Mercedes. »Ich bete schon die ganze Zeit.«

»Jetzt dieser Reinstein ...«

Ross sah nach der Nummer, die er notiert hatte, dann begann er zu wählen.

Zur gleichen Zeit eilte der große, schwarzhaarige und sehr bleiche Arzt über einen Gang im ersten Stock des Sanatoriums. Er erreichte sein Dienstzimmer und sperrte auf. Die Tür fiel hinter ihm zu. Ein Schild war an ihr angebracht. Mit Druckbuchstaben stand darauf: DR. GERD HERDEGEN. Der Mann, der Herdegen hieß, trat an seinen Schreibtisch. Auch hier war alles in Weiß gehalten. Der Mann, der Herdegen hieß, setzte sich und zog das Telefon heran, nachdem er ein kleines, mit dem Apparat verbundenes Gerät, einen sogenannten Zerhacker, eingeschaltet hatte. Was er nun sagte, war für jeden, der mitzuhören versuchte, unverständliches Gestammel. Nur ein Mensch, dessen Apparat mit einem Gegenstück des Zerhackers verbunden war, verstand Herdegen.

Umgekehrt verstand außer Herdegen auch niemand, was der Mensch am Telefon sagte, dessen Nummer er nun in größter Eile wählte. Die Nummer begann mit 00441. 00441 war die Vorwahl für London.

In ihrem Zimmer saß Sibylle vor der Fotografie des lachenden jungen Mannes und weinte. Mit einem Taschentuch wischte sie die Tränen fort. Es kamen immer neue. Die Dozentin Sibylle Mannholz weinte, als würde sie niemals wieder aufhören können zu weinen.

»Achtung, bitte!« ertönte eine Mädchenstimme aus vielen Lautsprechern. Sie redete spanisch. »LUFTHANSA gibt Ankunft ihres Fluges neunhundertsiebzehn aus Frankfurt über Rio de Janeiro und Sao Paulo bekannt.« Die Stimme wiederholte die Ansage in Englisch und Portugiesisch.

Ein riesenhafter Jumbo des Typs Boeing 747 E schoß weit draußen über eine der Landebahnen, wurde langsamer, rollte aus und bog in einen Taxiway ein. Es war Freitag, der 17. Februar 1984, 11 Uhr 45, und es war wahnwitzig heiß in Ezeiza, dem größten Flughafen Südamerikas, dreiunddreißig Kilometer von Buenos Aires entfernt. Das Thermometer zeigte zweiundvierzig Grad Celsius im Schatten. Die Luft kochte. Der Asphalt weichte auf. Zubringerbusse rollten an den gelandeten Jumbo heran. Er war fast bis auf den letzten Platz ausgebucht gewesen und brachte zweihunderteinundsiebzig Passagiere.

Als Daniel Ross aus der Kühle des Flugzeugs auf die oberste Treppe der Gangway trat, traf ihn die Glut der Sonne wie ein Hammer auf den Schädel. Er stöhnte und schwankte leicht. »Sehr schlimm?« Mercedes, dicht hinter ihm, legte besorgt eine Hand auf seine Schulter.

»Es geht«, sagte er.

Beide trugen ganz leichte Kleidung und weiße Leinenhüte. Mercedes hatte einen solchen Hut für Daniel nach Frankfurt

mitgebracht. Er müsse ihn haben, sagte sie. Alle Menschen trügen eine Kopfbedeckung bei dieser Hitze. Es sei lebensgefährlich, auch nur kurze Zeit barhäuptig zu gehen.

Das Geländer der Gangway glühte. Sie war nun voller Passagiere. Vier Stufen hinter Ross ging ein junger Mann in einem beigefarbenen Tropenanzug. Er trug eine beige Stoffkappe mit Schirm und sah aus wie der Schauspieler Alain Delon.

In den Zubringerbussen herrschte eine Temperatur von gewiß weit über fünfzig Grad. Die eben angekommenen Passagiere hatten ausnahmslos bleiche, erschöpfte Gesichter. Ross fühlte sich schwindlig. Der Bus, in dem er stand, schlingerte. Ross fluchte leise.

»Es ist bald vorüber«, sagte Mercedes. »Ich habe meinen Wagen hier.«

Aber es dauerte natürlich noch eine ganze Weile, bis sie die Paß- und Zollkontrollen hinter sich hatten. Ross trug seinen Wintermantel über dem Arm, Mercedes einen Nerz. Dort, wo die Mäntel auflagen, waren ihre Ärmel durchtränkt von Schweiß. Die riesige Halle des Flughafens hatte man klimatisiert, alle Kühlmaschinen arbeiteten auf Hochtouren, aber sie kamen nicht gegen die Hitze an. Die Luft war feucht und schwül.

Am Vorabend, am Donnerstag um 22 Uhr, war die Maschine im winterlichen Frankfurt auf einer eben wieder frisch geräumten Bahn zwischen Schneebergen gestartet. Der Zeitunterschied zwischen Frankfurt und Buenos Aires betrug vier Stunden, die Flugdauer also siebzehn Stunden und fünfundvierzig Minuten, einschließlich der Zwischenlandungen.

Viele Beamte fertigten die Fluggäste an zahlreichen Schaltern ab. Der junge Mann in dem beigefarbenen Tropenanzug mit der beigen Kappe, der aussah wie Alain Delon, brachte die Paßkontrolle geschickt vor Mercedes und Ross hinter sich. Er ging zu dem großen rundumlaufenden Metallband der Gepäckausgabe. Auf halbem Weg kam er an zwei anderen jungen Männern vorbei, die weiße Leinenhosen und darüberhängende bunte Baumwollhemden trugen, die Ärmel aufgekrempelt; einer ein grünes Hemd, einer ein rotes. Der Mann, der aussah wie Alain Delon, blieb stehen und drehte sich einen Moment um. »Schalter acht«, sagte er. »Die beiden, mit denen der Beamte gerade spricht. Sie trägt ein fliederfarbenes Kleid, er ein weißes Hemd und eine blaue Hose. Beide weiße Leinenhüte. Sie haben ihre Mäntel über dem Arm. Seht ihr sie?«