Am Nachmittag des 18. Mai, einem Freitag, saßen Daniel Ross und Conrad Colledo in dessen Dienstzimmer im Verwaltungsgebäude des Senders Frankfurt.
Colledo hatte dem Freund gerade einen Bericht über die Aufnahme des Films und die so radikal sinkende Sehbeteiligung gegeben. »Es ist also danebengegangen«, sagte Daniel. Er sprach mit etwas schwerer Zunge, denn er hatte viel Amadam genommen, wie er das seit der Entführung täglich tat.
»Total«, sagte Colledo. »Hätte ich nicht gedacht.« »Ich auch nicht.«
»Ich meine: Ich habe gedacht, er wird eine sehr geteilte Aufnahme finden, unser Film, das schon. Aber er wird auf sehr großes Interesse stoßen und eine riesige Diskussion auslösen. Das habe ich fest geglaubt. Ich habe mich geirrt.«
»Und wie!« sagte Colledo.
»Man kann also sagen, daß unsere ganze Arbeit umsonst gewesen ist.«
»Das kann man ohne Übertreibung sagen«, antwortete Colledo, stand auf und trat an eines der vier Statussymbol-Fenster seines Büros. Er blickte hinüber auf die in der Ferne im Sonnenschein blitzenden Millionen Fenster der großen Stadt Frankfurt am Main. Es war ein besonders schöner Tag.
»Mercedes ist ohne jeden Sinn gestorben«, sagte Daniel. »Ohne jeden Sinn«, sagte Colledo und sah auf die gleißende Riesenstadt zu seinen Füßen.
»Arme Mercedes«, sagte Daniel.
»Glückliche Mercedes«, sagte Colledo. »Stell dir vor, sie hätte diese Reaktion noch erlebt! Gerade sie. Es hätte ihr das Herz gebrochen.«
»Ja«, sagte Daniel, »das stimmt.«
»Sie starb, als es noch Hoffnung gab«, sagte Colledo. »Ja«, sagte sein Freund. »Mein Gott, was hat Mercedes für
ein großes Glück gehabt!«
Gleich darauf fuhr Colledo entsetzt herum, denn Daniel war plötzlich aufgesprungen und schrie wie ein Wahnsinniger: »Ohne Sinn gestorben ist also auch Herbert Kramer, der Bibliothekar in Koblenz! Ohne Sinn gestorben ist also auch Professor Kant in Berlin! Ohne Sinn! Ohne irgendeinen Sinn!«
»Danny, bitte ...« begann Colledo, doch Daniel ließ sich nicht unterbrechen. Er sprach weiter, nicht mehr so laut, aber voll Empörung und Leidenschaft, er ging mit großen Schritten im Zimmer hin und her dabei.
»Umsonst! Alles umsonst! Die Arbeit von so vielen, die ihr Leben riskiert haben. Umsonst! Verflucht noch mal, in was für einer Welt leben wir denn? Nichts und nichts als die Wahrheit haben wir den Menschen zeigen wollen. Warnen wollten wir sie. Die Menschen in der ganzen Welt. Die Politiker in der ganzen Welt. Sie sollten begreifen, daß es eins vor zwölf ist. Eins nach zwölf! daß ihr Geschwätz aufhören muß! daß ihre faulen Kompromisse aufhören müssen! Und die Feigheit und Dummheit und Gewissenlosigkeit! Und diese verbrecherische Lehre vom Gleichgewicht des Schreckens! Und dieses schwachsinnige Gelalle, daß es keinen Atomkrieg geben wird, weil es keinen Atomkrieg geben darf!«
»Herrgott, Danny! Das hilft doch alles nichts! Wir haben die Menschen falsch eingeschätzt.«
»Die Menschen!« schrie Daniel. Er schrie wieder. »Menschen sagst du? Viereinhalb Milliarden Arschlöcher, sage ich. Zu dämlich, um zu sehen! Zu dämlich, um zu hören! Lassen sich wieder und wieder und wieder abschlachten, seit es sie gibt. Lieber verrecken, als einmal denken, als einmal sich wehren. Zum Wahnsinnigwerden ist das!« Daniel blieb stehen. »Okay, können wir ihnen also nicht helfen. Kann ihnen keiner helfen. Diese beschissene Welt ist eben einfach nicht zu retten. Muß sie eben in die Luft fliegen. Und wenn schon! Was ist sie denn? Ein Staubkorn im All! Ein mieser Witz! Ein Furz in der Unendlichkeit!« Er sah Colledo an und sagte plötzlich ganz ruhig: »Und wir? Was sind wir alle miteinander, die gedacht haben, wir können etwas ändern? Die größten Idioten sind wir! Tote Idioten! Auf Abruf lebende Idioten! Egal! Idioten! Mit fünf Groschen Verstand, ach was, mit einem Groschen hätte jeder von uns von vornherein wissen müssen, daß alles vergebens und umsonst und sinnlos ist, und hätte um Himmels willen diesen Scheißfilm auch nicht mit der Feuerzange angerührt.« Er streckte einen Arm aus. »Idiot«, sagte er, »nimm eines Idioten Hand!«
Colledo zögerte.
»Nun nimm schon!« brüllte Daniel. »Ich muß gehen.« »Wohin?«
»Weiß ich nicht, wohin. Irgendwohin. Ich krieg’ hier keine Luft mehr. Idiot gibt einem Idioten also nicht die Hand. Kann man auch nichts machen. Überhaupt nichts kann man mehr machen. Jetzt wissen wir es wenigstens endlich.« Er stürzte aus dem Zimmer.
Colledo sah ihm einen Augenblick erstarrt nach, dann rannte er hinter dem Freund her auf den Gang hinaus. Der Gang war leer. An den Zahlen, die über der Lifttür aufleuchteten, konnte Conrad Colledo erkennen, daß der Aufzug nach unten glitt. Am Samstag, dem 19. Mai 1984, gegen 19 Uhr 30, ging Daniel Ross daran, sich in seiner Wohnung zu ebener Erde eines Hauses an
der stillen Sandhöfer Allee in Frankfurt am Main das Leben zu nehmen.
Auf dem Schreibtisch unter der Lampe mit dem grünen Schirm hatte er alles zusammengetragen, was er brauchte: ein Glas, eine Flasche Whisky, Eiswürfel in einem kleinen silbernen Kübel, mehrere belegte Brote auf einem Teller, vier Packungen Nembutal, die Schraubdeckelgläser geöffnet.
Das Schlafmittel hatte er sich in den Wochen zwischen der Beisetzung von Mercedes und der Ausstrahlung des Films auf die gleiche Weise wie schon einmal besorgt.
Dieser Samstag war schon sehr warm, im Garten blühten viele Blumen. Die Sonne versank gerade im Westen und färbte den Himmel leuchtend rot.
Daniel Ross spülte eine weitere Handvoll Nembutal-Kapseln – er hatte den Inhalt aller vier Gläser auf die Tischplatte geschüttet – mit einem großen Schluck Whisky hinunter und aß wieder ein paar Bissen Schinkenbrot, denn er mußte verhindern, daß ihm schlecht wurde und er das Nembutal erbrach. Er dachte an viele Menschen und Ereignisse der letzten drei Monate, aber nur sehr flüchtig und verwirrt, denn er war schon sehr betrunken, und das Nembutal begann bereits zu wirken. Schemenhaft glitt die Gestalt seines ältesten Freundes Fritz vorüber, der im Dezember des vergangenen Jahres im Berliner Martin-Luther-Krankenhaus gestorben war und gesagt hatte: »Zeit, daß ich abhau’.« Danach hatte sein Freund Fritz die Augen geschlossen und war tot gewesen.
Wieder schluckte Daniel Ross eine Handvoll Kapseln, trank Whisky nach und aß Schinkenbrot. Zeit, daß auch ich abhau’, dachte er. Und: Diesmal gibt es niemanden, der mich stören wird. Mercedes ist begraben, Conny und seine Frau machen Urlaub auf Capri, Kleinhals ist zu seiner Schwester nach Hamburg geflogen.
Daniel Ross war sehr ruhig und erfüllt von Frieden. Als er alle Kapseln geschluckt und alle Brote gegessen hatte, erhob er sich unsicher. Nun war er sehr betrunken. Er ging in Pantoffeln und Pyjama noch einmal zur Wohnungstür und sah nach dem Sicherheitsschloß und der Vorhängekette. Frau Glanzer, seine Haushälterin, kam erst Montag früh um neun Uhr. Daniel ging durch das Arbeitszimmer in das Schlafzimmer und legte sich ins Bett. Jetzt wirst du sterben, dachte er, und niemand wird dich dabei stören. Freude überkam ihn nach langer Zeit endlich wieder. Jetzt wirst du schlafen, sagte er zu sich selbst, schlafen und nie mehr erwachen müssen. Er lächelte. Es gibt kein Leben nach dem Tod, dachte er, und es gibt keinen Gott. Nach meinem Tod, wenn mein Körper zerfallen ist, werde ich in jedem Baum und in jedem Blatt, in jeder Blume, im Wind und im Regen sein. Ebenso in den Bergen und in der Luft und in allen Flüssen und Meeren. Ich werde ein Teil des Weltalls sein, das immer da war, das niemals begonnen hat, das es nicht nötig hat, jemals zu beginnen, jemals zu enden, in aller Ewigkeit nicht. Ja, auch ein winziger Teil der Ewigkeit werde ich sein. Er hörte, verweht und leise, eine Frauenstimme, die sang, was wäre, wenn sie sich was wünschen dürfte. Er erinnerte sich an die Wärme, das goldene Licht und die Stille zu dem Zeitpunkt, an dem er das erste Mal fast gestorben war. Er entsann sich, daß es da keine Sorge mehr gab und keine Mühsal, keine Eile, keine Traurigkeit und keine Angst, nein, keine Angst. Und dann fielen ihm die Wolken ein, die er gesehen hatte, silbern und phantastisch geformt. Später sah er noch einmal eine von ihnen. Sie schwamm in einem leuchtendblauen Himmel, und er dachte: Auch diese Wolke bin ich nun, auch diese Wolke. Er betrachtete sie lange Zeit, und plötzlich erblickte er eine zweite Wolke, majestätisch und wunderbar, die langsam über unendliche Weiten schwamm, und eine große Glückseligkeit überkam ihn, als er die Wahrheit erkannte. Näher und näher glitten die beiden weißen Gebirge aneinander heran, und zuletzt wurde Daniel eins mit der Wolke, die Mercedes war.