Die zwei Männer nickten. Sie trugen Basthüte. »Ihr wißt, was ihr zu tun habt?«
»Natürlich«, sagte der mit dem roten Hemd. »Der Teufel holt euch, wenn ihr sie verliert. Ich habe sie bis
hierher begleitet. Jetzt gehören sie euch.«
Der Mann im Tropenanzug setzte seinen Weg zum laufenden Band der Gepäckausgabe fort, hinter der zahlreiche Zöllner warteten.
Gegen 13 Uhr 15 – eineinhalb Stunden später – fuhr ein maronenfarbener Cadillac Seville im Metalliclook von Ezeiza über eine hypermoderne Autobahn in Richtung Buenos Aires. Sie hieß Autopista Tte. General Riccheri, Ross hatte es auf
mehreren großen Tafeln gelesen.
Die Autopista war belebt. In großem Abstand folgte dem Cadillac ein roter Ferrari. Am Steuer saß der junge Mann im roten Hemd, der mit seinem Kollegen in der Halle gestanden hatte. In gebührendem Abstand dahinter fuhr ein weißer Chevrolet. An seinem Steuer saß der junge Mann mit dem grünen Hemd.
Zu beiden Seiten der breiten Autobahn erstreckten sich dichte Wälder. Ross sah Haine von Zedern, Zypressen, Palmen, Pinien, Eukalyptus und Kakteen, hoch wie Eichen. Mercedes fuhr schnell und sicher. Sie trug jetzt eine dunkelgetönte Brille. Im Wagen war es kühl. Das Airconditioning rauschte leise.
»Daniel?«
»Ja?«
»Daniel, ich möchte Sie um etwas bitten. Aber werden Sie nicht gleich böse!«
»Bestimmt nicht. Was ist es?«
Sie sah auf das blendende Band der Autobahn hinaus, das ihnen entgegenflog, und von Zeit zu Zeit in den Rückspiegel.
»Ich weiß, Sie hassen Ihren Vater. Ich weiß, wie sehr und warum. Ich bitte Sie von Herzen – im Interesse der Sache –, attackieren Sie ihn nicht sofort, fallen Sie nicht gleich über ihn her mit Anklagen und Beschimpfungen! Ich verstehe Sie sehr gut, wirklich. Sie müssen Ihren Vater hassen. Aber wollen Sie sich beherrschen, so gut Sie können? Betrachten Sie ihn als Partner bei einem großen Geschäft! Sie sollen ihn ja nicht lieben. Sie sollen mit ihm arbeiten. Dazu ist ein Minimum an Entgegenkommen und Verständnis von beiden Seiten nötig. Glauben Sie, dieses Minimum aufbringen zu können?«
Er legte eine Hand auf ihre Rechte, die das Lenkrad hielt. »Ich verspreche, mich normal zu betragen, Mercedes.«
»Ich danke Ihnen«, sagte sie.
»Ach, und ... Mercedes?«
»Ja?«
»Ich habe auch eine Bitte. Wir erzählen nichts von meiner Sucht und meinem Selbstmordversuch, nein?«
»Kein Wort. Das bleibt ein Geheimnis zwischen uns beiden.« »Auch ich danke Ihnen«, sagte Ross.
Der Cadillac erreichte die Vororte von Buenos Aires. Je länger sie fuhren, um so überwältigter fühlte sich Ross. Er hatte oft Nordamerika besucht, Südamerika noch nie. Buenos Aires war eine riesenhafte, alle Vorstellungen sprengende, unvorstellbar große Stadt. Die Autopista fiel nun leicht ab. Ross sah über ein unendliches Häusermeer. Er wußte aus einem Informationsheft im Flugzeug, daß hier zehn Millionen Menschen wohnten. Die Stadt hatte sich explosionsartig vergrößert, man mußte sie zu Beginn dieses Jahrhunderts buchstäblich neu bauen, vollkommen neu. Nur die Altstadt war einigermaßen unberührt geblieben. Beinahe alle Straßen verliefen in endlos langen, parallelen Geraden, die von anderen parallelen Geraden geschnitten wurden. Trotz dieser fast mathematischen Anordnung der Avenidas und Häuserblocks war Buenos Aires eine der schönsten Städte der Welt. Sie erstickte nicht in Beton, Hochhäusern und verstopften Hauptverkehrsadern. Überall, so hatte Ross gelesen, lockerten Parks das Stadtbild auf, und jetzt, da sie von Südwesten her im Buenos Aires einfuhren, sah er den ersten davon, sah er wieder Palmen, das tiefe Grün von Zypressen, Korkeichen, Banyanbäume, rote, weiße, blaue, gelbe, ja goldene Blumen in größten Mengen – und einen See, auf dem Schwäne schwammen. »Der See!« sagte er verblüfft.
»Davon gibt es Hunderte, große und kleine.« Mercedes fuhr mit der Sicherheit eines Taxichauffeurs.
Die Autopista Tte. General Riccheri zog sich ein weites Stück nach Osten in die Metropole hinein, rechts und links umgeben von Bäumen, Sträuchern, Blumen und Rasen. Sie kamen an eine riesige Kleeblattkreuzung mit Über- und Unterführungen. Direkt nach Norden hinauf und nach Süden hinunter lief die Stadtautobahn Avenida General Paz, auch sie eingebettet in leuchten des Grün. Mercedes fuhr weiter ostwärts. Die Autopista wechselte nun ihren Namen in Avenida Tte. General Dellepiane und diente als weitere Stadtautobahn. Ihre Seiten säumten Palmen, Zypressen und blühende Blumenbeete.
»Bißchen viel Generäle«, sagte Ross.
»Wir hatten acht Jahre auch jede Menge davon«, antwortete Mercedes. »Aber die, nach denen die Straßen und Autobahnen benannt sind, das waren die Gründerväter des Staates Argentinien.« Sie sah wieder in den Rückspiegel.
»Ist was?«
»Hoffentlich nicht. Ein roter Ferrari folgt uns seit dem Flughafen. Ich habe ihn die ganze Zeit beobachtet. Warten Sie einmal ...« Mercedes trat auf die Bremse und fuhr langsamer. Der rote Ferrari kam schnell näher. Der junge Mann mit dem roten Hemd hob eine Hand und lachte Mercedes freundlich zu, als die Wagen sich auf gleicher Höhe befanden. Sie winkte zurück. Der rote Ferrari schoß vorbei und war gleich darauf im Verkehr verschwunden. »Netter Kerl«, sagte Mercedes.
»Wunderschöne Dame«, sagte Ross. »Ich hätte an seiner Stelle auch gewinkt.«
Sie sah ihn lächelnd an und strich mit der rechten Hand über sein weißes Haar. »Danke, Daniel«, sagte sie.
»Aber bitte, gnädige Frau«, sagte er.
»Ich habe mich geirrt, Gott sei Dank«, sagte Mercedes. »Wir sind beide nervös«, sagte Ross.
Keiner von ihnen bemerkte den weißen Chevrolet, der jetzt anstelle des Ferraris folgte.
Die Avenida Tte. General Dellepiane endete in einem Verkehrskreisel. Nun fuhr Mercedes ein weites Stück die Avenida San Pedrito in nördlicher Richtung empor, um dann wieder nach Osten, in die schier endlos lange Avenida J. B. Justo einzubiegen. Der weiße Chevrolet folgte.
Weit im Osten, das wußte Ross, wurde die Stadt vom breiten Rio de la Plata begrenzt. Er sah wieder Palmen einer Größe und eines Alters, die ihn phantastisch anmuteten. Alles ist phantastisch, dachte er. Diese Gigantenstadt. Die vielen Blumen. Die Parks und die Seen. Der wahnwitzige Verkehr. Die ruhige, besonnene Frau an meiner Seite. Es ist noch keine Woche her, da schluckte ich Nembutal, um zu sterben. Jetzt bin ich hier, auf der anderen Seite der Erde und erwarte die größte Sensation meines Lebens. Alle Untersuchungsergebnisse waren halbwegs gut. Sibylle sagte, ich könne den Flug ohne Risiko wagen. Ich werde einen Mann wiedersehen, den ich neununddreißig Jahre lang für tot gehalten habe. Einen Mann mit einem Geheimnis, das die Welt erschüttern soll. Leise rauschte die kühle Luft des Airconditionings. Phantastisch, dachte er. Total phantastisch.
Der Cadillac fuhr noch immer die Avenida J. B. Justo entlang. Der weiße Chevrolet folgte.
»Daniel?«
»Ja?«
Sie sah nach vorne, während sie sprach: »Wir werden nun zusammen arbeiten. Zusammen werden wir nach Europa zurückkehren. Wir werden zusammen leben – wer weiß, wie lange. Ich wollte Ihnen nur sagen: Ich bin sehr glücklich, mit Ihnen arbeiten zu dürfen. Sie sind so klug. So sympathisch.«
Er antwortete: »Danke. Das ist sehr freundlich von Ihnen, Mercedes. Mir geht es genauso. Ich habe Sie vom ersten Augenblick an bewundert. Ich bin froh, Sie kennengelernt zu haben – ohne Sie wäre ich tot.«
»Nicht mehr daran denken! Zusammen werden wir es schaffen. Es gibt nichts, was wir nicht zusammen schaffen werden, ich weiß es.« Sie sah ihn durch ihre dunklen Gläser an und lächelte. Gleich darauf bog sie nach links, wieder in nördliche Richtung, in die Avenida Cabildo ein. Er sah pompöse Villen, große Gärten, die in allen Farben glühten, kleine Wäldchen, dann wieder zwei Parks mit Seen darin, deren Wasseroberfläche in der Sonne blendete. Der Verkehrslärm blieb zurück. Summend glitt der Wagen durch schmälere Straßen.