»Palermo heißt dieses Viertel«, sagte Mercedes. »Hinter uns liegen der Botanische und der Zoologische Garten, rechts befindet sich der Polo-Club, dahinter der Parque Tres de Febrero mit seinen Seen, dem Velodrom und dem Planetarium. Ich glaube, es ist der größte und schönste Park der Stadt. Vom Planetarium aus können Sie schon hinunter auf die Hafenbecken und den Rio de la Plata sehen.« Sie bog nach links in eine lange Straße ein. Zu beiden Seiten standen Palmen.
Endlich hielt Mercedes vor einem schmiedeeisernen Tor mit Blattgoldeinlagen, das sich in einer hohen, ein großes Grundstück umschließenden Steinmauer befand. Seitwärts an der Mauer waren schmiedeeiserne Buchstaben und eine Nummer angebracht. Ross las: CESPEDES 1006.
Mercedes griff nach einem kleinen elektronischen Sendegerät von der Größe einer Zigarettenpackung und drückte auf einen Knopf. Die Torhälften des Eingangs schwangen zur Seite. Mercedes fuhr auf einem breiten Kiesweg in einen Park hinein. Palmen standen auch hier.
Ross drehte sich um. Durch die Rückscheibe sah er, wie sich die Torhälften wieder schlossen. Was er nicht mehr sah, war der weiße Chevrolet, der ihnen bis hierher gefolgt war. Der junge Mann mit dem grünen Baumwollhemd, der am Steuer saß, betrachtete den Eingang einen Augenblick, dann fuhr er rasch weiter.
Der Cadillac rollte gewiß fünf Minuten durch den Park. Dann kam das zweistöckige, weiße Haus mit dem Flachdach und den französischen Fenstern in Sicht, das Ross von der Fotografie her kannte. Ein sehr großer Balkon im ersten Stock, auf den mehrere Fenster hinausgingen, deren Läden geschlossen waren, ruhte auf schweren Marmorsäulen.
Mercedes lenkte den Wagen bis vor den Eingang und hielt. Sie stiegen aus. Ein Mann und zwei Frauen, alle in heller, leichter Kleidung, kamen aus dem Inneren des Hauses. Sie grüßten freundlich. Mercedes sagte ihnen, sie sollten das Gepäck aus dem Kofferraum nehmen.
Ross trat auf den kurzgeschnittenen Rasen neben dem Kiesweg. Er stand nun im Park. Wieder fielen ihm die zahlreichen Arten von Bäumen auf, und in den Blumenbeeten leuchteten weiße, gelbe, rote und dunkelviolette Gladiolen, rote, weiße und lila Geranien und winzige Rosen in den verschiedensten Farben. Viele der mächtigen Baumstämme waren von Efeu umschlungen, von üppigem, weiß blühendem Jasmin, von Bougainvilleen, diesen dornigen, kletternden Pflanzen mit ihren kleinen quirligovalen Blättern und ihren Blüten in allen Schattierungen zwischen Rot, Violett und Orange. Und – es war wie in einem psychedelischen Traum – aus den Bäumen herab hingen große Büschel von Orchideen in solchen Formen und von solcher Schönheit, wie Ross sie noch nie gesehen hatte.
Rechts neben dem Haus befand sich ein Tennisplatz, davor ein großer Swimmingpool, dessen Kacheln das Wasser leuchtendblau erscheinen ließen. Weiße Korbmöbel standen unter Sonnenschirmen an seinem Rand. Ein Mann entstieg gerade dem Bassin. Sein Körper war schlank, muskulös und braungebrannt, das kurzgeschnittene Haar schlohweiß und sehr dicht. Er hatte ein schmales Gesicht und durchdringende, etwas hochmütige Augen. Der Mund war dünnlippig. Die Zähne leuchteten weiß, als er nun lachend, mit erhobenem Arm, auf Ross zukam. Der stand reglos. Er fühlte, wie sein Herz klopfte, schnell und stark. Nach vier Jahrzehnten sah er seinen Vater wieder. Er wollte ihm entgegengehen, aber er konnte sich, wie gelähmt, nicht vom Fleck bewegen. Näher und näher kam sein Vater mit weitausholenden, sicheren Schritten. Sehr aufrecht, sehr souverän war sein Gang. Er hatte den Arm sinken lassen, aber er lächelte noch immer. So eilte er mit fast jugendlichem Elan herbei, den Kopf zurückgeworfen. Und plötzlich fiel Ross das Wort für diese Art von Mann ein, das er gesucht hatte, seit er seinen Vater sah. Plötzlich wußte er es wieder, dieses Wort. Der da auf ihn zukam, lächelnd und scheinbar so stark, so unbesiegbar, das war ein »Herrenmensch«.
»Daniel!«
Ross stand immer noch reglos, unfähig, ein Glied zu rühren. Der Mann, auf dessen weißbehaarter, braungebrannter Brust Wassertropfen glitzerten, ergriff Ross’ Rechte mit beiden weißbehaarten, braungebrannten, sehnigen Händen und schüttelte sie so fest, daß Ross Schmerz empfand.
»Guten Tag«, sagte er und dachte an das, was er Mercedes versprochen hatte. Sie stand neben ihm und sah die beiden Männer lächelnd, aber mit ernsten Augen an. Ich werde mein Wort halten, ich muß mein Wort halten, sagte sich Daniel Ross. Der Mann, der einmal, vor sehr langer Zeit, Georg Ross geheißen hatte und nun seit sehr langer Zeit Eduardo Olivera hieß, packte Ross an den Armen und hielt ihn fest an sich gepreßt. Mit den Fäusten schlug er ihm dann auf den schmalen Rücken. Ross ließ es mit sich geschehen. Das Gesicht unmittelbar vor dem des Sohnes, sagte der Vater im Rhythmus der Schläge: »Junge ... mein Junge ...« Er sah ihm aus nächster Nähe in die Augen, voller Bewegtheit und Liebe, ohne Falsch. »Daß du gekommen bist! Ich danke dir.« Er ließ Ross los und umarmte Mercedes. »Ich danke dir, geliebtes Herz. Du hast ihn mir gebracht.« Er ließ die Arme sinken und sagte (nein, dachte Ross, nein!), die Augen zum Himmel gerichtet: »Und ich danke Ihm. So viele Jahre ... Mein Leben ist fast zu Ende ... Und nun wird es doch noch Wirklichkeit ... Ein Wunder ... ein großes Wunder ...« Er trat einen Schritt zurück. »Verzeiht«, sagte er, »ich bin bewegt.« Er schwieg, und auch Mercedes und Ross schwiegen. Die Angestellten holten die Koffer aus dem Cadillac. Ein Papagei, der auf einer Palme saß, ein großes, zirkusbuntes Tier, schrie lange und aufgeregt. Andere Papageien im Park antworteten.
Eduardo Olivera ergriff die Hände seines Sohnes und seiner Halbtochter. »Meine Kinder!« sagte er.
Das halte ich nicht aus, dachte Ross.
Olivera mußte einen sechsten Sinn haben. Er ließ sofort die Hände los, und seine Stimme war plötzlich fröhlich und normal, als er sich erkundigte, ob der Flug gut gewesen, was sie bejahten, und ob einer von ihnen müde sei, was sie verneinten.
»Habt ihr Hunger?«
»Wir haben noch in der Maschine gegessen, Vater«, sagte Mercedes.
»Also keinen Hunger?«
»Nein.«
»Ich auch nicht«, sagte Olivera. »Ich habe heute sehr spät gefrühstückt. Schön, kein Mittagessen. Aber sicherlich wollt ihr euch erfrischen. Kommt zum Pool! Das Wasser ist herrlich. Ihr müßt schwimmen! Es wird euch gut tun. Danach Siesta. Alles schläft. Und nach dem Tee werden wir reden. Was trinkt ihr?« Er sagte zu Ross: »Keinen Whisky bei dieser Hitze, der bringt dich um. Ich empfehle Gin-Tonic mit viel Eis. Okay?«
»Okay«, sagte Mercedes. Ross nickte stumm. »Miguel!« Olivera wandte sich an den jungen, dunkelhäutigen
Mann beim Wagen. Er bestellte die Drinks. Miguel antwortete kurz und sehr höflich und verneigte sich.
»Kommt«, sagte Olivera und schritt über den Rasen voran zum Pool. Er wies auf eine Reihe von weißgestrichenen Holzkabinen. »Geh in die rechte, Daniel. Es ist alles da, was du brauchst. Mercedes hat ihre Sachen immer hier unten. Die Brausen sind hinter den Kabinen.«
Ross sah, daß im Park menschengroße Marmorfiguren auf hohen Sockeln standen. Sie leuchteten grell in dem unbarmherzigen Sonnenlicht. Auf dem Kopf einer Göttin saß ein Kolibri.
»Daniel!« Ross drehte sich um. Der Vater war schon beim Pool, Mercedes verschwand eben in ihrer Kabine. Der Vater winkte, trat auf das Sprungbrett, streckte die Arme vor, wippte ein paar Mal auf und nieder und sprang dann elegant, sehr elegant, in das aufspritzende Wasser. Er kam wieder an die Oberfläche und schwamm mit kräftigen Stößen entlang der Längsseite des großen Beckens. Ein ohrenbetäubendes Dröhnen erfüllte plötzlich die Stille und ließ die Luft, ließ den Boden, auf dem Ross stand, erbeben. Schatten glitten rasend schnell über ihn hinweg. Eine Formation Düsenjäger der argentinischen Luftwaffe raste im Tiefflug vorbei. Der »Herrenmensch«, dachte Daniel, und die Reiter der Apokalypse. Die Welt soll zittern bei der Germanen Untergang. Untergang? dachte er. Wann geht dieser Typ jemals unter.