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Zur gleichen Zeit hielt der weiße Chevrolet, der Mercedes und Ross vom Flughafen bis zu Oliveras Besitz in Cespedes 1006 gefolgt war, ein großes Stück weiter westlich vor dem Haupteingang des riesenhaften Friedhofs Federico Lacroze im Stadtteil Chacarta. Der junge Mann mit dem grünen Baumwollhemd stieg aus und trat in eine Telefonzelle. Er warf Münzen in den Automaten und wählte. Nach dem ersten Läuten wurde abgehoben.

»Ja?« fragte eine Männerstimme.

»Roberto hier, Die Adresse ist Cespedes tausendsechs.« »Cespedes tausendsechs«, wiederholte der Mann am anderen

Ende der Leitung.

»Stand kein Name am Tor.«

»Macht nichts. Ende.«

Klick. Die Verbindung war unterbrochen.

Der Mann, der sich Roberto nannte, verließ schnell die glühendheiße Zelle und ging zu dem geparkten Chevrolet zurück. Er setzte sich hinter das Steuer und fuhr los.

Noch weiter entfernt, im Nordwesten der Stadt, saß ein Mann, der wegen der irrsinnig hohen Temperatur nur ein Tuch um die Lenden trug, in einem Zimmer seiner kleinen Wohnung an einer Straße mit Namen Husares. Vor dem Fenster lagen die trostlosen Kasernen und Exerzierplätze des »Regimento 3 de Infanteria General Belgrano«. In der sengenden, mörderischen Hitze des frühen Nachmittags war kein Mensch zu sehen. Die Luft kochte über den leeren Plätzen. Der einsame Mann – er war etwa sechzig Jahre alt und völlig kahl – hatte die Füße auf den Tisch gelegt und hielt einen Telefonhörer ans Ohr. Er besaß einen guten Freund im Einwohnermeldeamt. Das Einwohnermeldeamt besaß einen guten Computer.

Es dauerte keine fünf Minuten, dann meldete sich der Freund: »Cristobal?«

»Ja.«

»Cespedes tausendsechs gehört einem gewissen Eduardo Olivera.«

»Ich danke dir, Ruiz«, sagte Cristobal. Er legte auf, drehte einen elektrischen Ventilator so, daß die heiße, bewegte, aber wenigstens bewegte Luft direkt sein Gesicht traf, und nahm die Füße vom Tisch. Dann schaltete er einen Zerhacker neben dem Telefon ein, der seine Stimme für Dritte unverständlich machen würde, hob den Hörer wieder ab und wählte eine lange Nummer. Die Nummer begann mit 00441.

00441 ist auf der ganzen Welt die Vorwahl für London.

Nun schwammen sie alle drei.

Mercedes trug einen sehr kleinen zweiteiligen Badeanzug, der fast ihren ganzen schönen, etwas üppigen Körper sehen ließ. Ross hatte eine der schwarzen Schwimmshorts gewählt, von denen in seiner Kabine mehrere lagen. Er schämte sich ein wenig. Die Haut seines Körpers war weiß, die der beiden anderen tief goldbraun. Ross schwamm mit Mercedes zwei Längen, bekam dann aber Herzschmerzen. Er dachte daran, was

ein Notarzt gesagt hatte vor einem Jahr in einem Hotel in Istanbul. Er hatte ihn rufen lassen, weil er, zur ersten Morgenstunde erwacht, wieder einmal wie so oft geglaubt hatte, sterben zu müssen.

»Ihnen fehlt überhaupt nichts«, hatte jener Arzt gesagt, »nur körperliche Anstrengung. Sie treiben keinen Sport, wie? Nie, was? Nur immer hinter dem Schreibtisch und im Flugzeug und im Auto. Um Himmels willen keinen Schritt gehen! Schön, sehr schön. Wissen Sie, warum Ihnen so mies ist? Weil Sie einen völlig verrotteten Kreislauf haben. Ja, ja, ja, schauen Sie mich nur an! Ich gebe Ihnen eine Spritze. Dann schlafen Sie. Aber damit ist nichts getan, mein Freund, gar nichts. Sechsundvierzig sind Sie? Sechzig viel eher. Sie müssen sofort Ihr Leben ändern!« Das weiß ich selber, Klugscheißer, hatte Ross damals gedacht. Was ahnst du von Nobilam? Könntest du trinken aus dem Kelch, aus dem ich trinke? Wärest du noch am Leben?

Das fiel ihm ein, als er sein Herz spürte. Es stach. Die Blutzufuhr stockte. Ich bin wirklich ein Wrack, dachte er. Dagegen Mercedes. Dagegen mein Vater. Ich bin älter und verbrauchter als er, der verfluchte Hund. Nein! Nicht! Ich habe es Mercedes versprochen.

»Schwimmen wir um die Wette!« rief Olivera. Zum Teufel mit dem Herzstechen, dachte Ross. Klar, wir

zwei, um die Wette, du beschissener Lump. Immer noch wir zwei! Der Vater befand sich seitlich von ihm auf halber Länge des Pools. Plötzlich bekam Ross einen schmerzhaften Schlag vor die Brust und wurde im Wasser zurückgedrängt. Olivera lachte laut. Mercedes kletterte aus dem Bassin und blieb mit unbewegtem Gesicht am Rand stehen. Ihre großen festen Brüste traten oben und unten aus der schmalen Stoffbahn hervor.

Ross begriff: Der Vater hatte einen seitlich angebrachten Hahn des Jet-Stream ganz aufgedreht. Von der Frontseite des Beckens schossen ihnen jetzt unter hohem Druck Wassermassen entgegen.

»Los, Sohn! Wer zuerst da ist!« Der Vater stieß sich von der Seitenwand des Beckens ab und begann mit dem Jet-Stream zu kämpfen. Ross holte tief Atem, dann warf er sich den sprühenden Wogen entgegen. Er ging unter, kam wieder hoch, schluckte Wasser, spie es aus und schwamm, schwamm wie um sein Leben. Der Körper tat ihm weh, jeder einzelne Muskel. Das Herz klopfte im Hals. Vor seinen Augen drehten sich feurige Räder. Aber er gab nicht auf. Nicht immer wieder, »Herrenmensch«, dachte er. Nicht immer wieder und für alle Zeit. Und wenn ich jetzt verrecke mit meinem von der Sucht geschädigten Körper, meinem verrotteten Kreislauf, und wenn du mich tot aus deinem protzigen Pool fischen mußt, Scheißkerl, du darfst nicht gewinnen, du darfst nicht gewinnen!

Er begann zu kraulen. Der Vater auch. Sie waren nun Seite an Seite. Ross dachte: Wenigstens lacht er nicht mehr. Wild schlug Ross die Arme im Kreis. Der Gegendruck des Stream wurde immer größer, je näher er den Düsen kam. Er hatte das Gefühl, daß ihm das plötzlich eiskalte Wasser das Fleisch von den Knochen fetzte. Sein Kopf schmerzte rasend, er hatte einen leichten Krampf im rechten Bein, aber er gab nicht auf. Voller Triumph sah er, wie sein Vater zurückblieb, einen halben Meter, einen Meter. Ross strengte sich noch mehr an. Die reißenden Wellen des Stream peitschten seinen krebsrot gewordenen Körper. Hoch sprühte die Gischt. Ich habe nie etwas Besonderes übrig gehabt für Kämpfer, dachte er, aber manchmal mußt du einfach einer sein. Er tauchte. Er schwamm unter der tosenden Jet-Stream-Flut. Er kam wieder an die Oberfläche, erhielt einen Schlag, tauchte wieder unter, wieder auf, wieder unter. In seinem Kopf dröhnten nun Glocken. Er sah fast nichts mehr, als er plötzlich gegen die Frontwand stieß. Er packte einen Griff und drehte sich um. Während Wassermassen über ihn hereinbrachen, sah er, mindestens sechs Meter abgeschlagen, seinen Vater. Na also, dachte Ross. Er fühlte sich auf einmal großartig.

Sie ruhten in den weißen Korbsesseln. Miguel hatte die Drinks serviert. Die Gläser beschlugen in der Hitze. Nun trugen sie alle drei weiße Frotteemäntel. Mercedes hatte ein rotes Tuch um ihre nassen schwarzen Haare gebunden.

»Auf den Sieger!« sagte Eduardo Olivera. Sie tranken. Der Drink war so kalt, daß Ross die Zähne schmerzten. In

dem großen Glas waren vier Eiswürfel. Oben schwamm die Hälfte einer sehr kleinen und grünen Zitrone. Der Gin-Tonic schmeckte bitter und herrlich nach der Anstrengung. Ross fühlte, wie unter dem Stoff des Bademantels seine Schenkel zitterten.

»Alle Welt liebt den Sieger«, sagte Olivera. Ross sah die Narbe an seiner rechten Schläfe, die helle Spur der alten Narbe. »Kein Mensch mag den Verlierer. Wir fühlen uns schlecht in seiner Gesellschaft. Man erwartet, daß er uns leid tut, daß er unsere Sympathie hat. Mitleid und Trost erwartet man von uns für den Verlierer. Wo ist der Schoß, in den er seinen Kopf legen und weinen kann? Ich habe gehofft, daß du es schaffst, Daniel. Gefühlt habe ich deine Stärke. Sonst hätte ich Mercedes nicht losgeschickt, dich zu holen. Du bist stark, obwohl du wahrhaft elend aussiehst. Du hast es in dir, wenn es darauf ankommt. Ja, das habe ich gefühlt. Schließlich bist du mein Sohn. Ich muß dich jetzt die Arbeit tun lassen. Das Wettschwimmen soeben war ein Test, keine Herausforderung. Du hast es als Herausforderung betrachtet, weil du mich haßt. Du haßt mich doch, nicht wahr?«

Mercedes sah Ross flehend an. Er sagte laut: »Ja.« Olivera lachte dröhnend. Er fragte: »Sehr?«