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»Sehr, ja«, sagte Ross. »Tut mir leid, Mercedes.« »Du mußt dich nicht entschuldigen, Sohn«, sagte der Vater.

»Ich weiß es doch. Wie könnte es anders sein? Du haßt mich über alle Maßen. Richtig?«

»Richtig«, sagte Ross. »Über alle Maßen.«

»Darum hast du im Pool auch gedacht: Er darf nicht siegen! Und wenn ich verrecke dabei. Das hast du doch gedacht, Sohn?«

»Ja.«

»Und darum hast du mich besiegt. Haß macht stark. Wer haßt, ist zu allem fähig, auch zum Schwersten. Trinken wir auf den Haß, Sohn?«

»Gerne«, sagte Ross.

»Bitte ...«, begann Mercedes unglücklich.

»Du nicht! Das ist eine Sache zwischen Männern. Eine Sache zwischen Vater und Sohn. Verlorenem Vater und Sohn, sollte ich sagen. Wiedergefundenem Vater und Sohn. A tu salud, Sohn, auf den Haß!«

»Auf den Haß!« sagte Ross und trank sein Glas aus. Olivera nahm ein Sprechfunkgerät, das auf dem Tisch stand,

und rief Miguels Namen. Der meldete sich. Olivera bestellte neue Drinks, das verstand Ross.

»Si, Senor«, kam die Stimme des Dieners. »Was hast du zuletzt gesagt?« fragte Ross. »Mit etwas mehr Gin, bitte. Ausgezeichnet, die Drinks, aber sie können noch ein wenig mehr Gin vertragen, finde ich. Mercedes, du bist die schönste Frau Argentiniens. Sei ruhig! Man widerspricht dem Vater nicht. Ist sie nicht wunderschön, Daniel?«

»Ganz wunderschön«, sagte dieser. »Wieso lebst du?« »Sie haben mir doch versprochen ...«, begann Mercedes. »Ich

halte mein Versprechen«, sagte Ross. »Ich bin ganz freundlich und gar nicht aggressiv. Er weiß, daß ich ihn hasse.

Meine Antwort war keine Überraschung für ihn. Im Gegenteil. Sie hat ihn erfreut. Er sieht, daß ich nicht lüge. Seien Sie ganz beruhigt, Mercedes. Es gibt keinen Streit, nicht wahr?«

»Streit?« sagte Olivera. »Was ist das?«

In den Bäumen sangen viele Vögel. Ross blickte hoch. Die Vögel saßen auf den Wedeln der uralten Palmen, in den Zypressen und Pinien, in den Eukalyptusbäumen und in den Kakteen, die so hoch waren wie Eichen. Die Vögel hatten Federn in allen Farben. »Also«, sagte Ross. »Wieso lebst du? Du hast einmal Georg Ross geheißen und warst Leiter einer Filiale der Österreichischen Sparkasse in Wien. Im Krieg warst du Major. Der Major Georg Ross ist gefallen in treuer Pflichterfüllung für Führer, Volk und Vaterland bei schweren Abwehrkämpfen am zweiten März neunzehnhundertfünfundvierzig im Großraum Küstrin. Das hat man Mutter geschrieben, und sie hat sehr geweint.«

»Tatsächlich?« Olivera hob die Brauen. »Was ist ihm Hekuba, was ist er ihr, daß sie um ihn soll weinen? Hamlet, ein wenig verändert. Sie hat geweint? Und sogar sehr?«

»Als ich älter wurde und verstand, was Mutter mir über dich erzählte, konnte ich ihre Tränen auch nicht verstehen.« Ross sah Mercedes an. »Das ist eine freundliche Konversation zwischen uns beiden.«

Miguel kam über den Rasen. Er brachte die neuen Drinks auf einem Silbertablett, stellte sie geschickt ab und nahm die leeren Gläser mit.

»Ich danke dir, Miguel«, sagte Olivera.

»Stets zu Ihren Diensten, Senor«, sagte Miguel und eilte zum Haus zurück.

Olivera sah im nach. »Ein guter Mann«, sagte er. »Chauffeur, Gärtner, kann perfekt servieren. Versteht etwas von Technik. Erstklassiger Masseur. Würde sich für mich in Stücke reißen lassen. Noch gar nicht lange bei mir. Ich habe ihn von Carlo Alvarez übernommen.«

»Wer ist das?«

»General Alvarez war einer der Chefs der Militärjunta. Alter Freund von mir. Er steht jetzt vor Gericht. Du weißt doch, dies ist seit neuestem eine Demokratie.«

»Und du hältst nichts von Demokratie.«

Olivera sah Ross erstaunt an. »Was soll das heißen, Daniel? Ich halte die Demokratie für die beste aller möglichen Staatsformen.«

»Ausgerechnet du?« Ross lachte.

»Ja, ich«, sagte Olivera sehr ernst.

»Aber du warst doch ein skrupelloser Nazi!« »Wann? Vor fast vierzig Jahren! Ich bin seit vielen Jahren

kein Nazi mehr. Was ich erlebt, was ich gehört, was ich gesehen und gelesen habe, das hat mir die Augen geöffnet für die unsagbaren Verbrechen der Nazis. Ich bin ein anderer geworden. Das war ein sehr dummes Lachen, Daniel. Nur ein Idiot behält sein Leben lang die gleiche Überzeugung.«

Ross starrte Olivera lange an. »Also, du bist ein Demokrat«, sagte er schließlich überwältigt.

»Gewiß«, sagte Olivera.

»Meinst du, wir würden uns sonst so wunderbar verstehen?« fragte Mercedes.

»Ach, Mercedes«, sagte Ross.

»Was soll das bedeuten? Wenn jemand Vater kennt, dann bin das ich. Als ich drei Jahre alt war, lernte ich ihn kennen. Seither hat er sich um mich gekümmert. Als ich größer wurde, um meine Erziehung, um meine Ansichten. Er hat mich nie bevormundet. Er gab mir Bücher. Er führte mich zu Vorträgen, ins Theater, ins Kino. Er wollte, daß ich mir eine eigene Meinung bilde. Er hat mich in demokratischer Weise erzogen. Er hat bereut, er hat gebüßt. Er ist ein anderer geworden! Sehen Sie mich an! Ich bin doch eine überzeugte Anhängerin der Demokratie. Glauben Sie das?«

»Ich glaube es, Mercedes.«

»Dann muß Vater das aber auch sein!« rief sie. Ross schwieg. »Ich bin es wirklich. Übrigens. Präsident Alfonsin hat äußerst

fähige Leute. Ich bin oft eingeladen bei den wichtigsten von ihnen, und noch häufiger kommen sie hierher, um mir von ihren Schwierigkeiten und Plänen zu erzählen und mich um Rat zu bitten.«

»Dich?« fragte Ross. »Mit deinem Freund, dem General?« »Sie wissen genau, daß er mein Freund ist, obwohl er General

war. Ich bin als wirklicher Demokrat bekannt, Daniel. Natürlich versuche ich nun, Alfonsins Leuten zu helfen, wo ich kann. In Argentinien halte ich eine Demokratie allerdings für ungeeignet«, sagte Olivera.

»Warum?«

»Das sind wilde Leute hier. Sie brauchen eine starke Hand.« »Eine Diktatur meinst du.«

Olivera zuckte mit den Achseln. »Wir werden ja sehen, wie lang diese Demokratie hält.«

Plop, machte die imaginäre Luftblase in Ross’ Brust. Plop, plop. »Was ist los mit dir? Du siehst blaß aus. Erregt dich meine Ehrlichkeit so sehr?«

»Das wird’s wohl sein. Ehrlichkeit bei dir!« sagte Ross. »Daniel!« rief Mercedes.

Olivera lachte. »Mein Sohn«, sagte er. »Wir trinken auf deinen Verstand – und auf deine Schönheit, Tochter.«

Sie tranken.

»A tu salud«, sagte Olivera wieder. »Nun aber zurück zu dir!« sagte Ross. »Hast du schon einmal so winzig kleine Zitronen gesehen? Wachsen nur hier. Zurück zu mir. Bitte. Am zweiten März neunzehnhundertfünfundvierzig ist Georg Ross, Major und Filialleiter der Österreichischen Sparkasse, bei schweren Abwehrkämpfen im Großraum Küstrin gefallen – in treuer Pflichterfüllung für Führer, Volk und Vaterland. Nun, er ist auferstanden. Auch Lazarus ist auferstanden.«

»Du bist auferstanden als Eduardo Olivera«, sagte Ross. »Und als Bankier«, sagte sein Vater.

»Neunzehnhundertfünfundvierzig gab es viele Lazarusse.« »O ja«, sagte Ross.

»Du verstehst jetzt, wie?«

»Ich verstehe jetzt«, sagte Ross.

»Zuerst war ich ein kleiner Bankier. Da wohnte ich noch nicht hier. Dann wurde ich ein großer Bankier. Und übersiedelte.« Wieder erfüllte jäh donnerndes Toben die Luft. Wieder bebte die Erde. Eine neue Staffel von Düsenjägern raste im Tiefflug über den Park. Die Gläser klirrten.

»Diese Jäger«, sagte Olivera, »sind auch manchmal über das Haus geflogen, als General Alvarez, mein Freund, Miguel noch brauchte. Sie fliegen auch jetzt, da er ihn nicht mehr braucht und Miguel bei mir und dieses Land eine Demokratie ist. Dieselben Maschinen. Mit denselben Piloten. Sie müssen bereit sein, unser Land zu schützen. Das Land ist immer dasselbe geblieben.« Olivera breitete weit die Arme aus. »Meine Kinder! Bin ich glücklich, euch bei mir zu haben, beide! Kommt, gehen wir noch einmal in den Pool!«

»Ich möchte dich fragen ...«

»Nein«, sagte Eduardo Olivera, erhob sich und streifte den weißen Frotteemantel ab. »Keine Fragen mehr jetzt, Daniel. Nach der Siesta werde ich dir dieses Dokument zeigen. Dann beantworte ich jede Frage. Hast du die Orchideen in den Bäumen gesehen? Die braungelben mit den violetten Lippen? Sind sie nicht wunderbar? Vanda tricolor heißen sie. Ich liebe Orchideen ...«