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»Was heißt Kopie? Neunzehnhundertdreiundvierzig gab es doch noch keine Videoaufzeichnungen! Filme wurden damals auf Fünfunddreißig-Millimeter-Film gedreht.«

»Das ist richtig, Daniel. Ich habe zuerst auch die Kopie auf Fünfunddreißig-Millimeter-Kodak-Film besessen. Erst später ließ ich diesen Film auf Videokassette überspielen.«

»Warum?«

»Aus zwei Gründen: Das Kodak-Material hielt natürlich nicht ewig. Neunzehnhundertdreiundvierzig – das ist einundvierzig Jahre her! So lange bleibt das beste Material nicht intakt. Ich mußte den Film auf Video umkopieren. Ich bin sicher, daß man das im Kreml und im Weißen Haus auch getan hat. Der Urfilm war etwa sechshundert Meter lang, wog an die sechs Kilo und befand sich in einer großen Aluminiumtrommel. Damit wäre kein Mensch jemals auch nur durch eine einzige Zollkontrolle gekommen. Ich habe übrigens drei Videokopien anfertigen lassen bei einem Deutschen hier in einem Werk. Der Mann starb vor fünf Jahren. Klein hieß er. Paulo Klein. Ein vertrauenswürdiger Freund.«

»Warum wolltest du Kopien deiner Kopie?« »Zu meinem Schutz. Die zweite Kassette liegt in einem

Banksafe. Wenn mir etwas zustößt, wenn ich eines plötzlichen oder unnatürlichen Todes sterbe, hat mein Anwalt Vollmacht, diese Kopie aus dem Safe zu holen und auf einer internationalen Pressekonferenz vorzuführen. Dasselbe gilt«, fuhr Olivera fort, »wenn ich länger als zwei Wochen verschollen bin oder mich nicht melde. Ich habe die Kassette seinerzeit sehr auffällig deponiert. Man kann nicht vorsichtig genug sein. Du wirst es ebenfalls sein müssen, Daniel, wenn du den Film jetzt bekommst.«

»Wie soll ich das anstellen?« fragte Ross.

»Genau wie ich«, sagte Olivera. »Die dritte Kopie liegt hier im Tresor. Du bekommst also zwei Kopien und deponierst auch sofort eine mit entsprechenden Anweisungen, die du publik machst.«

»Wie ist der Film überhaupt in deinen Besitz gelangt?« Olivera lehnte sich gegen die Bücherwand und steckte die Hände in die Taschen der Leinenhose. »Der Außenminister Joachim von Ribbentrop«, sagte er, »war ein Idiot. Er verfügte über ein einziges Talent: hervorragende Mitarbeiter zu verpflichten. So besaß er den bei weitem am besten funktionierenden hausinternen Geheimdienst – er war sogar besser als der von Canaris. Ribbentrops Dienst hatte erstklassige Leute an allen wichtigen Punkten der Erde. Ende fünfundvierzig war dieser Apparat noch vollkommen intakt. In der Bundesrepublik gibt es doch mehrere miteinander konkurrierende Dienste, nicht wahr? Nun, im Dritten Reich lief das genauso. Auch im Kaiserreich Iran hatte man seit langem ein Spionagenetz aufgebaut als Teil eines viel größeren Systems, das den ganzen Mittleren Osten überzog. Und ein Mann hatte dieses gewaltige Netzwerk geschaffen.«

»Du?« fragte Ross.

»Ja, ich«, sagte Eduardo Olivera, der vor langer Zeit einmal Georg Ross geheißen hatte.

»Du warst also nie Soldat?«

»Nie.« Olivera schüttelte den Kopf. »In allen wichtigen Städten des Mittleren Ostens und in allen Stützpunkten hatte ich absolut zuverlässige Residenten eingesetzt. Das waren stets Einheimische. In Teheran residierte ein Mann namens Chan Ragai, jung, sehr dynamisch, sehr erfolgreich. Seine Agenten kannte ich nicht – einem alten Gesetz aller Dienste der Welt zufolge. Man kennt immer nur einen anderen Mann des jeweiligen Netzes.«

»Wie hast du mit diesem Chan Ragai verkehrt?« »Über Funk oder durch Kuriere. Ribbentrops

Außenministerium befand sich in der Berliner Wilhelmstraße. Dort hatte auch ich mein Büro. Dort waren große Sende- und Empfangsstationen installiert. Chan Ragai erhielt von mir den Auftrag, alles, was bei dieser Konferenz der Großen Drei geschah, auf das genaueste zu verfolgen. Seine Männer leisteten hervorragende Arbeit. Besonders ein Agent, der mir bis heute nur unter dem Kürzel CX einundzwanzig bekannt ist. CX einundzwanzig brachte es fertig, in den Besitz einer Kopie des Films zu gelangen, den ich dir jetzt zeigen will, Daniel.«

Olivera ließ sich auf eine Couch vor dem Kamin fallen und drückte auf die Taste eines kleinen Fernbedienungsgeräts, das er nun in der Hand hielt. Über den Fernsehschirm lief leicht schlissiger Schwarzfilm.

Zu kurzen Pfeiftönen erscheinen die Ziffern 3, 2 und 1. Danach – es handelt sich um einen Schwarzweißfilm – sieht man das Signet der Vereinigten Staaten: einen stilisierten Adler mit einem stilisierten Friedenszweig in der rechten und einem ebenso stilisierten Liktorenbündel in der linken Kralle, vor der Brust, viereckig und stilisiert, die amerikanische Flagge, über dem Kopf des Adlers ein auf beiden Seiten hochflatterndes Band mit den Worten E PLURIBUS UNUM. Um den Adler läuft ein geschlossener Kreis. Man liest: SEAL OF THE PRESIDENT OF THE UNITED STATES. Das Signet bleibt eine Weile stehen. Es folgen, in großen Buchstaben, die Worte Top SECRET und danach in englischer Sprache die Worte:

VON DIESEM FILM EXISTIERT NUR EINE EINZIGE WEITERE ANFERTIGUNG MIT RUSSISCHEM TEXT UND KOMMENTAR IN RUSSISCHER SPRACHE. DIE ENGLISCHE VERSION IST BESTIMMT FÜR DAS GEHEIMARCHIV DES PRÄSIDENTEN DER VEREINIGTEN STAATEN VON AMERIKA IM WEISSEN HAUS, WASHINGTON, D. C. DIE RUSSISCHE VERSION IST BESTIMMT FÜR DAS GEHEIMARCHIV DES GENERALSEKRETÄRS DES ZENTRALKOMITEES DER KOMMUNISTISCHEN PARTEI DER SOWJETUNION BEZIEHUNGSWEISE DES STAATSCHEFS DER UNION DER SOZIALISTISCHEN SOWJETREPUBLIKEN IM KREML ZU MOSKAU. NACH BESCHWORENER SCHWEIGEPFLICHT DÜRFEN DIE ENGSTEN MITARBEITER DER BEIDEN GEGENWÄRTIGEN STAATENLENKER SOWIE DIE ENGSTEN MITARBEITER DER DEN GEGENWÄRTIGEN FOLGENDEN BEIDEN STAATENLENKER KENNTNIS VON DIESEM FILM UND SEINEM INHALT ERLANGEN. KEIN ANDERER MENSCH DARF DIESES FILMDOKUMENT JEMALS SEHEN ODER VON SEINER EXISTENZ KENNTNIS ERHALTEN. DIE BEIDEN EXEMPLARE DES FILMS SIND AUFZUBEWAHREN FÜR ALLE ZEIT.

ABBLENDEN

AUFBLENDEN

Eine Totale der Stadt Teheran. Es ertönt das amerikanische Englisch eines SPRECHERS:

Dies ist die Stadt Teheran, Hauptstadt des Kaiserreichs Iran, aufgenommen am Vormittag der 27. November 1943. Morgen, am 28. November 1943, beginnt hier die Konferenz der Großen Drei: des Premierministers der Vereinigten Königreiche Großbritannien und Nordirland, Winston Churchill, des Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika, Franklin Delano Roosevelt, und des Vorsitzenden des Rates der Volkskommissare der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken, Marschall Josef Wissarionowitsch Stalin.

Militärflughafen vor der Stadt. Im Hintergrund, mächtig und unheimlich, die hohe Bergkette des schneebedeckten Elbrus-Gebirges. Eine große viermotorige Maschine vom Typ »Liberator« landet soeben und rollt aus. Die Gangway wird herangefahren. Es scheint sehr kalt zu sein, die wenigen Männer, die zum Empfang erschienen sind, Zivilisten und Militärs, tragen dicke Mäntel und Kopfbedeckungen, die meisten Pelzmützen. Man sieht eine sehr große Zahl von sowjetischen Armeefahrzeugen und Soldaten mit Maschinenpistolen rund um das Flughafengelände. Schwerste Sicherheitsvorkehrungen wurden getroffen. Die Luke der Maschine öffnet sich. Es erscheint auf der obersten Treppe der Gangway in Uniformmantel und mit Schirmmütze Winston Churchill. Er hält eine dicke Zigarre im Mund, lächelt breit und hebt den Zeigefinger und den Mittelfinger der rechten Hand zu dem berühmt gewordenen V-Zeichen, das für »Victory« (Sieg) steht. Die sowjetischen Sicherheitskräfte in höchster Alarmbereitschaft. Hektische und nervöse Atmosphäre. Die kleine Gruppe von Männern begrüßt Churchill, der die Gangway herabgeschritten ist. Etwa ein Dutzend anderer Personen verläßt die gelandete Maschine.

SPRECHER

14 Uhr 35 Ortszeit. Zu diesem geheimgehaltenen Zeitpunkt landet die Maschine mit Premierminister Churchill – aus Sicherheitsgründen – nicht auf dem zivilen Flughafen Mehrabad, sondern auf dem sowjetischen Militärflughafen. Der Premier ist mit einem kleinen Stab von Mitarbeitern gekommen. Hier begrüßt ihn der britische Gesandte in Teheran. Premierminister Churchill wird in seinem Wagen zur britischen Gesandtschaft gebracht.