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Ross sank in den Fauteuil zurück.

»Ich habe es Ihnen prophezeit«, flüsterte Mercedes. Inzwischen hatte das Bild auf dem Fernsehschirm gewechselt und zeigte die erste gemeinsame Sitzung der Militärvertreter der drei Großmächte am 29. November 1943 – wieder in der Botschaft der UdSSR – Beginn 10 Uhr 30, Ende circa 13 Uhr

30. Es folgten Bilder von der zweiten Unterredung Stalin – Roosevelt am 29. November 1943 in der Sowjetbotschaft, Beginn: 14 Uhr 45. Ende: 5 Uhr 30.

Als nächstes waren Aufnahmen von der zweiten Vollsitzung am 29. November 1943 in der Sowjetbotschaft zu sehen. Beginn: 16 Uhr. Ende: 19 Uhr 30.

Olivera sagte: »Auch diese Treffen werden in dem Werk Ziegers minuziös aufgeführt. Was folgt, natürlich nicht ...«

BLENDE

Der kleine Botschaftsraum, darin Harry Hopkins und General Woroschilow. Ein mit vielen Papieren bedeckter Schreibtisch, an dem die beiden Männer einander gegenübersitzen.

SPRECHER

30. November 1943, 1 Uhr 30 morgens. Zweites geheimes Treffen zwischen Harry Hopkins und General Woroschilow in dem abgelegenen Salon der sowjetischen Botschaft. Anwesend später: die beiden Dolmetscher, ein Stenograf. Zwei absolut zuverlässige Spezialisten der amerikanischen Armee haben diese Aufnahmen und die vom ersten geheimen Treffen gemacht. Es war zwischen Roosevelt und Stalin verabredet, daß diese geheimen Treffen im Bild festgehalten werden sollten. Die Spezialisten standen selbstverständlich unter Schweigepflicht. Zweck des Treffens: endgültige Ausarbeitung des beidseitigen Geheimprotokolls. Ende des Treffens 3 Uhr 45 früh.

SPRECHER

1. Dezember 1943, 6 Uhr früh. Stalin und Roosevelt unterzeichnen das von ihren persönlichen Beratern ausgearbeitete und in englischer und russischer Sprache mit der Maschine geschriebene Geheimprotokoll. Auch diese Aufnahmen wurden auf Wunsch der beiden Staatschefs von den erwähnten amerikanischen Spezialisten gemacht, so wie es der Wunsch Roosevelts und Stalins war, das Protokoll selber abzufilmen, und zwar Seite für Seite so langsam, daß der Text unter allen Umständen leicht zu verfolgen ist. – Hier nun dieser Text.

BLENDE

Die erste Seite des Protokolls, oberer Teil. Sehr klar zu lesen, obwohl diese Partie wie der ganze Film vom Alter mitgenommen und leicht »verregnet« ist, einzelne Risse und Tonsprünge aufweist, dazu Kratzer und Flecken.

BLENDE

»Phantastisch«, sagte Ross. »Warte ab!« sagte Olivera. Es folgten Bilder der Unterredung Stalin-Churchill am 30. November, Beginn 12 Uhr 40, Ende zirka 13 Uhr 30, Ort: britische Gesandtschaft; danach Aufnahmen von einer Unterredung während des Lunch am 30. November 1943 im Speisesaal der Sowjetbotschaft, Beginn: 13 Uhr 30, Ende: 15 Uhr 45; sodann Bilder der dritten Vollsitzung am 30. November 1943, Beginn: 16 Uhr, Ende: 18 Uhr 15. Ort: sowjetische Botschaft; anschließend eine Sitzung am runden Tisch am 30. November 1943 in der Sowjetbotschaft, Beginn: 18 Uhr, Ende: 19 Uhr 40.

»Das alles«, sagte Olivera, »kann man bei Zieger in ›Die Teheran-Konferenz neunzehnhundertdreiundvierzig‹ nachlesen. Daten und Zeiten stimmen präzise überein. Das Folgende wird nicht erwähnt, denn Zieger ahnte nichts davon ...«

Der Bildschirm zeigt den kleinen Salon in der Sowjetbotschaft. Anwesend: Stalin, Roosevelt, Harry Hopkins, Woroschilow, zwei Dolmetscher. Roosevelt und Stalin sitzen nebeneinander an dem Schreibtisch. Jeder signiert ein in einer Ledermappe liegendes dünnes Schriftstück. Sie wechseln die Mappen und signieren noch einmal.

Es ist nun totenstill in der Bibliothek. Ross liest: BEIDSEITIGES PROTOKOLL STRENGST GEHEIM Der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika und der

Vorsitzende des Rates der Volkskommissare der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken haben ihre politischen Berater beauftragt, die langfristigen Perspektiven der Politik ihrer beiden Staaten zu formulieren. Aus Anlaß der Unterzeichnung der Verlautbarung vom 1. Dezember 1943 über Verlauf und Ergebnisse der Konferenz der Hohen Alliierten in Teheran erklären die Regierung der Vereinigten Staaten von Amerika und die Regierung der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken – im folgenden Mächte genannt – diese Grundsätze ihrer zukünftigen Politik:

DIE KAMERA GLEITET SEHR LANGSAM TIEFER VON ZEILE ZU ZEILE

Die Regierungen der Vereinigten Staaten von Amerika und der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken – im Bewußtsein, daß sie die Hauptlast des Kampfes gegen das Deutsche Reich und seine Verbündeten tragen, – vereint in der Entschlossenheit, sich der Verantwortung für den Weltfrieden auch nach der siegreichen Beendigung dieses Kampfes nicht zu entziehen und diese gemeinsam zu tragen, – in der Überzeugung, daß nur zwei starke und unabhängige Mächte für das alleinige Ziel der Aufrechterhaltung von Frieden, Gerechtigkeit und Wohlergehen auf der Welt wirklich eintreten können, – bewußt ihrer Verantwortung, sich selbst und die Völker der Welt von den Bedrohungen einer Angriffspolitik zu befreien, – in der Erkenntnis der Notwendigkeit, einen geordneten Übergang vom Krieg zum Frieden zu sichern und die internationale Sicherheit künftig zu garantieren, erklären gemeinsam:

1.

Die Mächte verpflichten sich, sich in ihren gegenseitigen Beziehungen jedes Gewaltaktes, jeder aggressiven Haltung und jedes Angriffs gegeneinander, und zwar sowohl einzeln als auch gemeinsam mit anderen Mächten, zu enthalten. Falls eine der Mächte Ziel aggressiver Handlungen seitens eines dritten Staates werden sollte, wird die andere Macht in keiner Weise den dritten Staat unterstützen.

Diese Übereinkunft hindert keine der Mächte daran, einem ... Die erste Seite wird weggehoben, die KAMERA fotografiert

den oberen Teil der Seite 2.

... dritten Staat zu Hilfe zu kommen, auch wenn diese Anstrengungen gegen die andere Macht oder eine Gruppe von Mächten, der die andere Macht angehört, gerichtet sind. In einer solchen Situation werden die beiden Mächte jedoch jede direkte und unmittelbare Konfrontation ihrer Truppen und ihres Militärpersonals vermeiden.

2.

Die Mächte erkennen gegenseitig die besondere Verantwortung an, die jede Macht hinsichtlich bestimmter Gebiete innehat.

I.

Die Gebiete besonderer Verantwortung der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken werden in Europa begrenzt durch die Linie, die die sowjetischen Truppen bei Abschluß eines Waffenstillstands mit dem Deutschen Reich erreicht haben werden, bzw. durch eine zwischen den Alliierten und assoziierten Mächten vereinbarte Demarkationslinie. Die Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken strebt eine politische und territoriale Umgestaltung dieser Gebiete an.

»Und bei Gott, die Sowjetunion hat diese Gebiete umgestaltet, politisch und territorial!« sagte Mercedes. Sie war aufgestanden und hatte den Film durch einen Druck auf die Stoptaste des Videogerätes angehalten. Ihre Stimme klang ungemein sachlich. »Ungarn! Riesiger Bevölkerungsaustausch mit der Tschechoslowakei. Großgrundbesitz, Banken und Industrie verstaatlicht. Kirchliche und private Schulen verstaatlicht, Landwirtschaft brutal verstaatlicht. Neunzehnhundertsiebenundvierzig können die Kommunisten, gestützt auf die Rote Armee, die Opposition ausschalten. Um den Widerstand des Klerus zu brechen, wird Kardinal Mindszenty zu lebenslänglicher Haft verurteilt. Unbequeme Politiker werden in grausigen Schauprozessen als ›Titoisten‹ und ›imperialistische Agenten‹ zum Tode verurteilt und hingerichtet. Unter Imre Nagy werden sie dann rehabilitiert – was für ein Hohn, wenn man daran denkt, daß Ende sechsundfünfzig die Truppen der Roten Armee einfallen, Imre Nagy stürzen und er später umgebracht wird. Haben die Amerikaner mit einer Wimper gezuckt bei alldem? Nicht mit einer einzigen! Haben sie den Ungarn geholfen? Nicht mit einer einzigen Handbewegung. Warum nicht? Weil es doch so vereinbart worden ist in Teheran!«

Mercedes zündete sich eine neue Zigarette an. Ross betrachtete sie fasziniert.

»Tschechoslowakei!« sagte Mercedes, immer sachlich. »Ein Teil, die Karpato-Ukraine, geht sechsundvierzig – unter Druck natürlich – an Rußland. Auseinandersetzungen zwischen nichtsozialistischen Parteien ermöglichen den Kommunisten zwei Jahre später den Staatsstreich. Außenminister Jan Masaryk, der Sohn des großen Tomas Masaryk, stürzt unter mysteriösen Umständen aus dem Fenster seines Arbeitszimmers in den Tod. Selbstmord? Mord? Auf Wunsch Stalins wird vielen prominenten Kommunisten der Prozeß wegen nitoistischer und zionistischer Umtriebe gemacht. Alle werden hingerichtet. Viele Tausende werden ermordet. Die Amerikaner? Mit einer Wimper gezuckt? Nicht mit einer. Geholfen? Nicht mit einer Handbewegung. Warum nicht? Weil es doch so vereinbart worden ist in Teheran!«