... politische Selbständigkeit erhalten werden. Mercedes drückte wieder auf die Stoptaste des Videogeräts.
»Volle politische Selbständigkeit!« sagte sie. »Indem man sie teilte. Korea! Achtunddreißigster Breitegrad. Nord- und Südkorea. Jedem das Seine. In ›freundschaftlicher Verständigung‹. Vietnam! Nord- und Südvietnam, bis die Amerikaner einfielen. In ›freundschaftlicher Verständigung‹. Teilen! Der brillanteste Einfall der Politiker unserer Zeit. Berlin. Deutschland. Ost und West. Alles in ›freundschaftlicher Verständigung‹!« Sie ließ den Film weiterlaufen.
VI.
Die Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken anerkennt die besondere Verantwortung der Vereinigten Staaten von Amerika hinsichtlich Australiens, Neuseelands und der pazifischen Inseln.
3.
Die Mächte stimmen in der Auffassung überein, daß nach der vollständigen militärischen und politischen Niederwerfung des Deutschen Reiches die Errichtung eines einheitlichen, neuen deutschen Staates erst wird erfolgen können, wenn Sicherheit besteht, daß von diesem Staat keine Bedrohung des internationalen Friedens und der durch diese Übereinkunft geschaffenen Ordnung ausgehen kann.
»Also nie«, sagte Mercedes. »Deutschland muß für immer geteilt bleiben. Gleich zwei Trainingsplätze!«
Die Mächte betrachten die Arktis und die Antarktis als einer besonderen Verantwortung nicht bedürftig. Sie werden sich allen Ansprüchen seitens dritter Staaten widersetzen. Für künftige Aktivitäten auf dem antarktischen Kontinent wird eine internationale Lösung unter Beteiligung dritter interessierter Staaten angestrebt.
5.
Die Freiheit der Meere bleibt unangetastet. Die Mächte behalten sich jedoch vor, die an ihre Küsten angrenzenden Gewässer zu Zonen zu erklären, in denen sie besondere Zuständigkeiten ausüben können. Die Mächte stimmen darin überein, daß der Grundbesitz der Freiheit der Meere insbesondere auch die Ausbeutung der in und unter den Meeren aufgefundenen nutzbaren Vorkommen einschließt.
Die Videokopie des alten Films flimmerte und flackerte ein wenig. Das Bild sah vergilbt aus. Aber die Schreibmaschinenschrift war deutlich zu erkennen. Olivera lehnte sich auf der Couch zurück.
»Hübsch, Daniel, wie?« sagte er. »Ach, und es kommt noch viel hübscher.« Er streckte sich zufrieden.
Seite 5 wird aufgedeckt.
6.
Sollten Meinungsverschiedenheiten über die Ausdehnung der Gebiete besonderer Verantwortung der beiden Mächte entstehen, werden diese unverzüglich in Verhandlungen darüber eintreten und die Frage im Wege einer freundschaftlichen Verständigung lösen.
»Freundschaftlich! Schon wieder dieses Wort!« sagte Mercedes und unterbrach die Projektion. »Verstehen Sie, Daniel? Sie sind Freunde, die beiden Superfeinde, die einander gleich nach dem Krieg und bis heute immer wüster, immer infamer beschimpfen, bedrohen, verfluchen, zum ›Hort alles Bösen‹ erklären, zum ›kapitalistischen Verbrechersumpf, zu Mördern und Banditen‹ die allein auf Macht bedacht seien, zur tödlichen Gefahr für die Menschheit, weshalb man rüsten muß, rüsten, rüsten, um diese Welt vor dem Untergang zu retten. Theater, Daniel, Theater! Kasperletheater. Die ergebnislosen Abrüstungsgespräche: Theater! Hereinspaziert, meine Herrschaften, immer hereinspaziert! Hier sehen Sie das große, das Superwelttheater. Hier zeigen wir Ihnen, wie wir uns hassen. Was für ein gefährlicher, skrupelloser Schwerstkrimineller der andere ist. Wie man ihn deshalb ausmerzen, ausbrennen, vom Antlitz der Erde tilgen muß. Und wir alle, Milliarden, wir leben in diesem Zirkus des Betrugs, wir glauben den Betrügern, wir zittern um unsere Welt. Wir sehen ein, es muß weitergerüstet werden, weiter, weiter, weiter. Nur so haben wir noch eine Chance, den einen Bösen niederzuringen oder den anderen, den einen Bösen in Schach zu halten oder den anderen. Wählen Sie, Herrschaften, immer nur wählen! Es ist ganz gleich, was Sie wählen. Die Großen haben sich verständigt neunzehnhundertdreiundvierzig in Teheran, als sie die Welt aufteilten unter sich. Das Spiel wurde schon damals gemacht. Rien ne va plus!«
»Aber ich verstehe nicht ...«
»Was verstehen Sie nicht, Daniel?«
»Rüsten, rüsten! sagen Sie. Die rüsten ja wirklich, die rüsten so wahnsinnig, die beiden Supermächte, daß ihre Volkswirtschaften dabei draufgehen.«
»Natürlich!«
»Ja, aber warum, verflucht, wenn sie sich die Welt doch geteilt haben und in allem einig sind – menschenverachtend und zynisch?«
»Ah«, sagte Olivera und streckte sich wieder. »Eine sehr gute Frage. Du wirst eine sehr gute Antwort darauf bekommen, Daniel, wenn du Punkt fünfzehn gelesen hast. Dann wirst du alles verstehen, was Mercedes sagt. Punkt fünfzehn. Warte Punkt fünfzehn ab. Weiter, Mercedes, mein Liebling, bitte!«
Sie ließ den Film wieder laufen und sagte: »Punkt sieben und acht, Daniel, passen Sie auf jetzt!«
7.
Sollten in den Gebieten besonderer Verantwortung einer der Mächte Situationen entstehen, die diese veranlassen, ihrer Verantwortung aktiv nachzukommen, wird diese alle Maßnahmen ergreifen, die sie für notwendig erachtet, um gegen jede Verletzung des Friedens und der Sicherheit Vorsorge zu treffen. Die andere Macht wird diese Maßnahmen respektieren und sich ihrerseits bei allen von ihr selbst aus diesem Anlaß zu ergreifenden Maßnahmen der Verpflichtungen aus dieser Übereinkunft bewußt sein und nichts unternehmen, was die Stellung der anderen Macht beeinträchtigen könnte.
»Na, bitte!« Mercedes drückte wieder auf die Stoptaste. Das Bild blieb stehen. »Offener kann man es doch wahrhaftig nicht formulieren! Wo überall sind solche Situationen angeblich schon entstanden? Beim Prager Frühling? Als ihn Sowjetpanzer niederwalzten? Als die Rote Armee die ganze Tschechoslowakei besetzte und den ›Frühling‹ in einem Meer von Blut und Tränen untergehen ließ? Die Amerikaner wußten durch den deutschen Bundesnachrichtendienst schon vorher von dem Überfall. Die Sowjets hatten sie indirekt verständigt. Der Überfall war einfach unumgänglich, um gegen jede Verletzung des Friedens und der Sicherheit Vorsorge zu treffen! Was haben die Amerikaner getan? Sie haben sich an das Protokoll gehalten – genauso wie die Sowjets sich an das Protokoll halten und einsehen, daß die Amerikaner in Nicaragua, Grenada und ganz Mittelamerika ›gegen jede Verletzung des Friedens und der Sicherheit Vorsorge‹ treffen müssen. Die Sowjets betragen sich genauso korrekt wie die Amerikaner. Hut ab! So, wie man es von Gentlemen erwartet.«
Mercedes drückte die Zigarette aus. Ross starrte sie an. »Neunzehnhundertfünfzig, Korea! Nordkoreanische Truppen überschreiten den achtunddreißigsten Breitengrad nach Südkorea. Der Status quo zwischen den vereinbarten Einflußgebieten der beiden Supermächte ist bedroht, militärisch und politisch. Der Sicherheitsrat verurteilt Nordkorea als Aggressor. Aufstellung einer UN-Streitmacht gegen den Aggressor. Die Amerikaner, die ein besonderes Interesse am Status quo in Korea haben, tragen die Hauptlast des Krieges. Die Amerikaner müssen eingreifen. Nach dem Wortlaut des Protokolls! ›Frieden und Sicherheit‹ eines Gebietes ihrer ›besonderen Verantwortung‹ stehen auf dem Spiel! Die Sowjets sehen das ein. Sie unterstützen Nordkorea nicht. Höchstens mit Waffen und Geld. Hunderttausende fallen – für Frieden und Sicherheit.« Mercedes fuhr sich mit einer Hand über die Stirn. »Libanon!« sagte sie, immer in der gleichen übersachlichen, unnatürlich ruhigen Art. »Libanon achtundfünfzig und Libanon heute. Achtundfünfzig müssen die Ledernacken der Amerikaner landen, um einen Bürgerkrieg zu ›befrieden.‹ Heute müssen sie das wieder. Es geht um Frieden und Sicherheit. Die Sowjets sehen es ein. Warum? Weil es doch so vereinbart worden ist in Teheran!«