Выбрать главу

Ross starrte Mercedes immer noch an.

»Ungarn neunzehnhundertsechsundfünfzig!« fuhr sie fort. »Aufstand gegen die kommunistischen Machthaber. Sowjetpanzer und Sowjettruppen schlagen den Aufstand blutig nieder. Zehntausende werden getötet. Hunderttausende fliehen ins Ausland. Was tut Amerika? Nichts tut Amerika. Es respektiert das sowjetische Vorgehen. Die Sowjets halten sich genau an Punkt sieben des Geheimprotokolls. ›Frieden und Sicherheit‹ eines Gebiets ihrer ›besonderen Verantwortung!‹ Und Frieden und Sicherheit kehren ein in Ungarn – wie in Korea, wie in der Tschechoslowakei ...«

»Und Afghanistan«, sagte Olivera. »Nach der Vertreibung des Königs gibt es verschiedene kommunistische Parteien, die nichts von Moskau wissen wollen. Die Moskautreuen Kommunisten aber geraten immer mehr ins Hintertreffen und laufen Gefahr, aus dem Land gejagt zu werden. Es handelt sich nur um eine kleine Splittergruppe. Aber bitte: Anruf genügt, schon fallen die Freunde in Afghanistan ein.« Olivera räusperte sich. »Spekulationen im Westen unterstellen den Sowjets freilich, daß sie den Zugang zum Indischen Ozean wollen. Der ›Weg zum warmen Meer‹ gehörte schon zur zaristischen Politik. Wir alle müssen der Sowjetunion danken, daß sie Afghanistan Frieden und Sicherheit gebracht hat.«

»Nicht ohne – wie immer – zuvor die Amerikaner davon verständigt und deren Zustimmung eingeholt zu haben«, sagte Mercedes. »Was tun die Amerikaner? In ihren Medien protestieren sie empört, genauso wie die sowjetischen Medien jedes Mal empört reagieren. Tun? Was tun die Amerikaner? Nichts. Wirklich, sie sind ehrbare Vertragspartner. Jedem seine halbe Welt!« Sie holte Atem. »Siebzehnter Juni dreiundfünfzig: Aufstand in der DDR gegen das SED-Regime. Sowjetische Soldaten mit Panzern schlagen ihn blutig nieder.« Mercedes wurde immer eisiger. »Was tun die Amerikaner? Nichts.«

»Dreizehnter August einundsechzig. Die Berliner Mauer wird gebaut. Was tun die Amerikaner?« fragte Olivera. »Nichts. Ein Dutzend Panzer, ein halbes Dutzend hätte genügt, um die Mauer niederzuwalzen. Taucht ein einziger Panzer auf? Natürlich nicht. Wieder haben die Sowjets ihre Vertragspartner zuvor verständigt und auf das Protokoll verwiesen. Die Amerikaner sehen ein, daß die Mauer für die Sowjets notwendig ist wie für sie Südkorea. Aber bitte sehr, sagen die Amerikaner, bedient euch, baut die Mauer! Ihr habt da einen schweren Krisenherd. Schafft ›Frieden und Sicherheit‹! Wir wünschen euch alles Gute.«

Er hatte immer schneller gesprochen, noch schneller fiel jetzt Mercedes ein: »Vietnam! Wieder eine Situation, die Amerika veranlaßt, seiner Verpflichtung nachzukommen. Ein langer, langer Krieg! Viele Hunderttausende Tote, Verstümmelte, von Napalm verbrannte, von abgesprühtem Gift getötete Menschen! Kleine Menschen, unwichtige Menschen. Auch Amerikaner. Ein Land zerstört. Eine uralte Kultur zerstört. Unwichtig! Amerika muß seiner Verpflichtung nachkommen, ›Frieden und Sicherheit‹ in einem ›Gebiet seiner besonderen Verantwortung‹ herzustellen. Mit einem bestialischen Krieg. Die Sowjets sehen es ein. Die Sowjets liefern dem Norden Waffen, aber sie greifen nicht aktiv ein. Die Sowjets können ganz ruhig sein. Alles wurde in Teheran festgelegt. Jeder hat das Seine. Jeder achtet das, was dem anderen gehört. Sollen Menschen doch verrecken zu Millionen, wenn es sein muß, Amerika und die Sowjetunion sind die Besitzer der Welt! Die Welt gehört ihnen, jedem die Hälfte. Aber muß das Schlachtvieh Menschheit das wissen? Darf es das wissen? Niemals! Nie!«

»September dreiundachtzig«, sagte Olivera. »Sowjetische Jäger schießen einen Jumbo der südkoreanischen Gesellschaft KAL mit zweihundertneunundsechzig Menschen an Bord ab, weil er südwestlich von Sachalin in den sowjetischen Luftraum eingedrungen ist. Zuerst ungeheuere Empörung. Der amerikanische Präsident droht mit dem Ärgsten. Dann ist es sehr schnell wieder still, ganz still um diesen Massenmord. Flog da nicht im Schatten des Jumbos ein amerikanisches Spionageflugzeug? Reden wir nicht mehr darüber! Sarajewo, der angeblich polnische Überfall auf den Sender Gleiwitz – sie haben den Ersten und den Zweiten Weltkrieg ausgelöst. Und diesmal? Nichts geschieht. Überhaupt nichts. Welch ein Segen für die Menschheit ist doch das beidseitige Geheimprotokoll von Teheran!«

Der Film läuft weiter.

8.

Die Mächte gehen davon aus, daß die Staaten Europas versuchen werden, ihre durch Ereignisse des gegenwärtigen Krieges verlorene politische Bedeutung wiederzuerlangen.

»Jetzt paß auf, Daniel!« sagt Olivera.

Sollten sich daraus Situationen ergeben, welche die durch diese Übereinkunft errichtete Ordnung der Sicherheit und des Friedens gefährden könnten – beispielsweise in dem ständigen Unruheherd Deutschland –, wird sich jede Macht gegenüber den zu ergreifenden Maßnahmen der anderen Macht verständnisvoll verhalten, und die Mächte werden notwendigerweise gemeinsam gegen diese Bedrohung von Frieden und Sicherheit vorgehen.

»Notwendigerweise gemeinsam!« rief Mercedes. »Und tun die Mächte das nicht? Tun sie das nicht mit allem, was in ihren Kräften steht? Hat die Nachrüstung nicht noch einmal Hunderte von Atomwaffen nach Deutschland gebracht, in diesen ständigen Unruheherd, der Frieden und Sicherheit gefährdet? Pershings-Zwei und Cruise Missiles? In dieses Deutschland, in dem schon fünftausend Atomsprengköpfe lagerten – mehr als in irgendeinem anderen Land Europas? Und haben die Sowjets daraufhin nicht in der DDR neue Abschußrampen für ihre SS-Zwanzig errichtet? Ist nicht ganz Deutschland eine einzige Atomrampe? Niemand weiß wirklich, was geschieht, wenn eine Atombombe der heutigen Stärke – Hiroshima war nur ein Witz dagegen – explodiert. Niemand! Niemand weiß, was geschieht, wenn fünfzig, hundert, zweihundert Wasserstoffbomben explodieren. Keine Ahnung haben die Wissenschaftler. Die Militärs erst recht nicht. Aber man muß es doch wissen! Man muß doch informiert sein! Es gibt begrenzte Atomkriege, sagt Reagan.

Man kann sie sogar gewinnen. Na, also dann los! Lassen wir den ständigen Unruheherd Deutschland, lassen wir das ganze verdammte Europa hochgehen! Gehen damit sechshundert Millionen Menschen hops! Na und! Die Erde ist ohnedies unerträglich übervölkert. Zeit, daß etwas geschieht. Sechshundert Millionen. Was ist das schon? Tropfen auf einen heißen Stein. Also vorwärts! Hoch die Pershings-Zwo! Hoch die SS-Zwanzig! Hoch die Cruise Missiles! Dann werden wir wissen, was passiert.« Mercedes hielt sich am Fernsehapparat fest und unterdrückte ein Beben ihres Körpers. Ross fiel ihr Ausbruch in Frankfurt ein. Sie war eine Fanatikerin.

»Für den Frieden, ja. Für den Frieden alles. Mein Leben sofort! wenn das den Frieden erhalten hilft.« Das hatte sie gerufen, er erinnerte sich genau. Staunend sah er sie an. Was für eine Frau! »Aber ich verstehe nicht ...« Ross blickte zu Olivera. »Wieso Atomkrieg in Deutschland? ... In Europa? Die beiden Supermächte wollen doch keinen Atomkrieg, in den sie selbst hineingezogen werden! Konventionelle Kriege, ja! Vietnam, okay! Aber doch keinen Atomkrieg, der sie selber treffen muß!«

»Natürlich wollen sie das nicht, Daniel«, sagte Olivera. »Aber Mercedes ...«

»... hat die Nerven verloren. Sieht alles zu nah. Nah genug ist es. Aber noch nicht ganz so nah. Noch ist keiner der beiden Großen sicher, ob er den anderen auch wirklich schaffen kann. Sie bereiten sich vor, gewiß, sie stopfen die Welt voll mit Atomraketen, besonders Europa. Aber sie wollen absolut geschützt sein vor einem Atomangriff auf das eigene Land. Warte Punkt fünfzehn ab, Daniel, dann wirst du verstehen. Bitte, Mercedes, Laß den Film weiterlaufen! Und beruhige dich, du mußt dich beruhigen ...«

»Ich muß mich nicht beruhigen, ich muß mich aufregen!« rief sie.

Der Film läuft weiter.

9.

In Situationen, in denen es sich als notwendig erweisen sollte, daß eine der Mächte Maßnahmen in Wahrnehmung ihrer besonderen Verantwortung ergreift, wird sie zuvor die andere Macht in ...

Seite 6 ist jetzt auf dem Fernsehschirm zu sehen. ... geeigneter Weise unterrichten.