»So ist es! Weil diese beiden Mächte eine Atempause brauchten und das wußten.« Mercedes war nun sehr erregt.
Er dachte: Wenn ein Mensch auf der Welt ahnt, was wir drei hier wissen, was wir als Beweis haben. Wenn ein Mensch einer der beiden Mächte das auch nur als Vermutung mitteilt ... Mercedes rief: »Deutschland war noch nicht besiegt! Die Amerikaner wußten, daß die Invasion für sie eine ungeheuere militärische Anstrengung – die größte der Geschichte – sein würde. Die Sowjets hatten vom Osten her noch gegen Deutschland zu kämpfen. Der sowjetische Geheimdienst meldete – das steht heute fest –, daß die Amerikaner bereits eine Atombombe bauten. Die sowjetische Forschung lag weit, viel zu weit, zurück. Die Sowjets mußten aufholen, sie mußten ebenfalls die Atombombe haben, bevor es ein Gleichgewicht der Mächte gab. Rußland war zerstört bis zum Kaukasus. Zwanzig Millionen Menschen waren getötet worden. Das Land stand nahe am Kollaps, das wußten die Sowjets, und sie wußten, daß die Amerikaner das wußten. Und die Amerikaner wiederum wußten, daß die Sowjets wußten, daß die Amerikaner nach der deutschen Kapitulation beinahe ihr ganzes Volksvermögen in das zerstörte Europa würden stecken müssen, jedenfalls in den westlichen Teil, um die verwüsteten Länder wieder aufbauen zu helfen, um die Menschen in diesen Ländern zu Feinden des Kommunismus zu machen, um neue europäische Armeen zu schaffen, auch eine deutsche, die mit ihnen gegen die Sowjets kämpfen würden. Und die Russen wußten dasselbe von den Ländern, die nun unter ihre Herrschaft fielen bei der Teilung der Welt. Auch sie brauchten neue Armeen in diesen Ländern, die mit ihnen gegen die Amerikaner kämpften, darunter eine deutsche Armee. Deutsche Armeen brauchte es zwei! Die Sowjets wußten, daß sie ihre Bevölkerung am Leben halten mußten. Und die Amerikaner befürchteten nach den irrsinnigen Ausgaben für die Rüstung Arbeitslosigkeit für viele Millionen Menschen und den Zusammenbruch der Wirtschaft. Ja, eine Atempause brauchten sie. So lange, bis sie wieder oben waren. Stark. Bis an die Zähne gerüstet. Bis an die Grenzen der Möglichkeit in ihrem Territorium – alle anderen waren ihnen egal – unverwundbar.«
»Glauben Sie das wirklich?« fragte Ross erschüttert. »Ich meine: Glauben Sie wirklich, Hopkins und Woroschilow gingen schon in Teheran davon aus, daß ihre beiden Riesenländer sich den nächsten Riesenkrieg liefern würden? Ist das nicht zu phantastisch? Schlimm genug, wenn sie sich daranmachten, die Welt zu teilen, aber das kann ich mir eben noch vorstellen. Dafür sprach bei Roosevelt und bei Stalin vielleicht wirklich der – ebenfalls schwer erträgliche – Gedanke, auf diese Weise mit vielen Millionen Menschen zwar selbstherrlich und willkürlich zu verfahren, aber so doch eine Katastrophe vom Ausmaß der letzten zu verhindern. Sie brauchten eine Atempause, sagte ich – aus heutiger Sicht. Damals ... vielleicht wollten Roosevelt und Stalin damals wirklich den Frieden sicherer machen, indem sie ihre Interessen – die Interessen der beiden Supermächte – gleich von vornherein festlegten. Kann es nicht auch so gewesen sein?« Stockend sagte Mercedes: »Vielleicht, Daniel. Zugegeben, das ist eine Möglichkeit. Ich glaube nicht an sie, aber es ist eine Möglichkeit. Die beiden Großen wollten sich ein für allemal arrangieren auf Kosten des Rests der Welt – und dann sollte es Frieden geben oder nur kleine, begrenzte Kriege. Lassen Sie uns unterstellen, daß die Verfasser dieses Protokolls wenigstens noch solcher – auch schon dubioser – menschlicher Gefühle fähig waren. Eines ist sicher: Sie mißtrauten einander bereits damals zutiefst! Ganz gewiß wußte kein Mensch auf beiden Seiten auch nur mit einiger Sicherheit vorauszusagen, ob zwei so unterschiedliche Gesellschaftssysteme auf Dauer in Koexistenz leben können würden. Sie können es nicht, wir sehen es. Schon neunzehnhundertachtundvierzig kam es zur Blockade Berlins. Da prallten die beiden Mächte bereits zum erstenmal zusammen. Nach drei Jahren Ruhe nur, nur nach drei Jahren Ruhe! Sie wissen, was Churchill, den sie nicht mitspielen ließen – sie ließen niemanden mitspielen –, gesagt hat. Er hat gesagt: ›Ich fürchte, wir haben das falsche Schwein geschlachtet.‹ Sehr, sehr verzweifelt, sein Zynismus. Was geschah achtundvierzig? Nichts. Jeder der beiden Riesen war noch viel zu schwach, um dem andern den Todesstoß versetzen zu können. Spätestens von da ab muß aber selbst der Blauäugigste das Protokoll so auffassen, wie Sie, Daniel, es sofort instinktiv aufgefaßt haben.«
»Aus heutiger Sicht!« wiederholte der laut. »Und weil ich mich zu glauben weigere ...« Er stockte.
»Weil Sie sich zu glauben weigern, der Mensch könne ein derartiger Abgrund sein. Daniel, lieber Daniel, ich fürchte, der Mensch ist ein derartig grauenvoller Abgrund. Wenn die Verfasser und Unterzeichner dieses Protokolls wirklich nicht an die ›Atempause‹ dachten – in ihrem Unterbewußtsein, in the back of their minds, war er da, dieser Gedanke. Davon bin ich überzeugt. Ich kann mir vorstellen, daß alle Beteiligten tiefste Trauer erfüllt hat über die Zukunft der menschlichen Rasse. Ehrliche Trauer. Verzweifelte Trauer. Das Fazit aber war Verantwortung nur der eigenen Nation gegenüber. Und grenzenlose Naivität: Soll doch der Rest der Welt zum Teufel gehen – unsere beiden Nationen müssen überleben! Und dazu brauchten die beiden Mächte eine Zeit der Ruhe, die nicht gestört wurde durch Gezänk in der restlichen Welt, durch – Alptraum im Zeitalter der Atomwaffen – einen zu früh ausgebrochenen neuen Krieg, in den sie hineingezogen wurden, obwohl sie noch nicht perfekt unverwundbar und superstark waren. Diese Gefahr sollte das Protokoll verhindern, unter allen Umständen. Und darum hielten beide Seiten sich so lange Zeit auch so genau daran.«
››Und die Raumfahrt sollte sie dann perfekt unverwundbar und superstark machen«, sagte Ross.
»Ja, Daniel, ja! Die friedliche, allein wissenschaftlichen Zwecken dienende Raumfahrt, die allein mörderischen, militärischen Zwecken diente. Wann wären für friedliche, vernünftige, der Menschheit dienliche Zwecke jemals solch aberwitzige Geldsummen investiert worden? Wissenschaft? Fortschritt? Lächerlich! Krieg! Krieg! Krieg! Dafür war natürlich Geld da, war schon immer Geld da!«
»Und so wetteiferten sie also und wetteifern noch immer bis zu dieser Stunde«, sagte Daniel, und er hatte das Gefühl, wie in einem Traum zu sprechen. »Sowjets und Amerikaner – um Überlegenheit im Weltall. «
»So ist es, Daniel.« Mercedes nickte. »Die Bombe haben sie beide. Die Raketen auch. Aber die Weltraum-Verteidigungssysteme, die Killersatelliten und sämtliche anderen phantastischen Instrumente, die heute im All kreisen und so etwas wie einen Zaun, eine Mauer gegen anfliegende Raketen bilden sollen, sie genügen noch nicht. Der Zaun ist noch durchlässig. Die Killersatelliten sind nicht die Lösung. Es gibt schon Killersatelliten-Killer! Oh, man wird den Zaun undurchlässig machen. Keine Angst! Es dauert nicht mehr lange. Sehen Sie, deshalb wird bereits alles vorbereitet für einen Atomkrieg, deshalb starren Europa und insbesondere Deutschland- die beiden Deutschland – vor Raketen mit Atomsprengköpfen, deshalb wird die politische Lage immer mehr und mehr verschärft.« Mercedes wurde wieder leidenschaftlich und rief: »Damit in dem Moment, im gleichen Moment, in dem eine der beiden Mächte den totalen Schutz für ihr Territorium gefunden hat, damit dann sofort, in der nächsten Minute, der atomare Angriff gegen die andere Macht geführt werden kann! Erster Januar zweitausend! Einen Dreck werden die beiden Supermächte sich an die Laufdauer des Vertrages und an den ersten Januar fünfundneunzig, die letzte Frist für seine Aufkündigung, halten. Noch ein Jahr. Noch zwei Jahre. Es dauert auf keinen Fall mehr lange. Dann ist eine der beiden Mächte der anderen voraus beim Schutz ihres Landes. Dann ist dieses Protokoll vergessen. Dann schlägt diese Macht zu. Und beide wissen das. Und vier Milliarden Menschen wissen es nicht und beten um Frieden, hoffen auf Frieden, kämpfen für den Frieden. Weil sie die Wahrheit nicht kennen. Weil sie die Wahrheit nicht kennen ...« Ihr Körper bebte wieder.