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Ross stand auf, trat zu ihr, drückte sie an sich und strich ihr über den Rücken.

»Hier muß sogar der Teufel weinen«, sagte Mercedes, »und sich abwenden in Grausen vor solchem Menschenfrevel. Die beiden Supermächte arbeiten fieberhaft daran, ihre Länder vollkommen zu sichern. Sie werden es schaffen. Sie werden es schaffen, natürlich! Die Möglichkeit besteht. Es dauert nicht mehr lange. Es dauert nicht mehr lange, dann haben sie es geschafft. Dann schlägt der erste los. Dann kommt die Apokalypse. Und weil das so ist, müssen wir schnell handeln. Schnell. Schnell. Verstehen Sie jetzt, warum die Zeit so drängt? Die Zeit, sie jagt uns wirklich. «

»Ich verstehe«, sagte Ross.

»Dann lesen Sie auch noch den Schluß«, sagte Mercedes und ließ den Film weiterlaufen.

16. Diese Übereinkunft wird in zwei Exemplaren unterfertigt, dessen eines in englischer und dessen anderes in russischer Sprache abgefaßt ist. Die Sprachfassungen sind identisch. Diese Übereinkunft tritt mit der Unterzeichnung in Kraft. Sie wird jetzt und für alle Zeit als strengst geheim behandelt. Zur Sicherung dessen werden beide Exemplare der Übereinkunft nach ihrer Unterzeichnung abgefilmt und in Gegenwart der Unterzeichner vernichtet. Jede Macht erhält ihr Exemplar des Films. Beide Mächte werden das Dokument so behandeln, daß es auf alle Zeiten gegen eine Veröffentlichung, insbesondere durch die Öffnung der normalen Staatsarchive, gesichert ist.

Gegeben zu Teheran am ersten Dezember eintausendneunhundertdreiundvierzig

Der Präsident der In Vollmacht des Rates

Vereinigten Staaten der Volkskommissare der von Amerika Union der Sozialistischen

Sowjetrepubliken

Unterschrift (Franklin D. Roosevelt) (J. W. Stalin)

Das Bild der Seite 8 unten bleibt noch eine Weile stehen, dann BLENDET es aus.

Olivera erhob sich und schaltete den Videorecorder und den Fernseher ab. Er schaltete das Licht von zwei großen Lüstern an. Niemand sprach, als er die Kassette wieder in den Tresor einschloß. Niemand sprach, als er danach von Fenster zu Fenster wanderte und die schweren Eisenrolläden hochgleiten ließ. Er öffnete eines der Fenster. Dann setzte er sich auf die Couch und blickte in den dunklen Kamin.

Mercedes sagte: »Sie fragen sich, warum dieses Protokoll abgefilmt worden ist, Daniel, nicht wahr?«

»Ja«, sagte dieser. »Das frage ich mich allerdings. Die Niederschrift hätte doch genügt.«

»Eben nicht«, sagte Mercedes. »Verstehe ich nicht.« »Die Amerikaner haben den Sowjets schon damals nicht

getraut. Die Amerikaner hatten Angst, daß die Sowjets die Existenz dieses Protokolls, wenn es nur schriftlich vorlag, einfach ableugnen würden, falls es ihnen einmal nicht mehr in den Kram paßte. Dieses Protokoll haben wir nie unterzeichnet, dieses Protokoll hat es nie gegeben, hätten die Sowjets sagen können. Das ist eine Erfindung der Amerikaner, und die Unterschriften sind nicht echt. Ohne Film hätten aber auch die Amerikaner leicht leugnen können, daß es das Abkommen gibt. Darum, verstehen Sie, Daniel, wurde der Film gedreht. Der ganze Film! Die Treffen zwischen Hopkins und Woroschilow. Die Unterzeichnung des Protokolls durch Roosevelt und Stalin. Der Film zeigt die wichtigsten Personen. Was der Film zeigt, kann man nicht einfach ableugnen. Man kann nicht sagen, daß man sich niemals getroffen hatte, um das Protokoll zu unterzeichnen. Auch nicht, daß es das gefilmte Protokoll nie gegeben hat.«

»Nein, das nicht«, sagte Ross. »Aber die Sowjets oder die Amerikaner oder beide hätten trotzdem zumindest sagen können – und das können sie im übrigen noch heute: ›Der ganze Film mitsamt dem Protokoll ist eine Fälschung.‹ Eine Fälschung der Nazis in erster Linie.«

»Das werden sie auf jeden Fall sagen, wenn die Öffentlichkeit nun von dem Film erfährt«, schaltete sich Olivera ein. »Vollkommen richtig überlegt, Daniel. Sie werden es sagen müssen, es bleibt ihnen gar nichts anderes übrig. Und wenn der Film tausendmal echt ist.«

»Auch wenn der Film tausendmal gefälscht ist«, sagte Ross. »Er ist echt, Daniel«, sagte Olivera. »Die Bilder sind nun einmal nicht aus der Welt zu schaffen. Die Männer wurden gefilmt. Die Amerikaner, die den Film ja drehten, wollten, wie gesagt, verhindern, daß die Russen die Existenz des Protokolls einfach bestritten. Darum kein schriftlicher Vertrag. Darum ein gefilmter Vertrag mit dem Film seiner Vorgeschichte.«

Ross ging zu dem offenen Fenster. Der abendliche Park und seine wunderbaren Bäume, Sträucher und Blumen lagen vor ihm. Die Luft war süß und schwer vom Duft des blühenden Jasmins. Ross atmete tief.

Dann bemerkte er, daß Mercedes neben ihn getreten war. Ihre Hand ergriff die seine und hielt sie fest. So standen sie stumm, lange Zeit.

Sie aßen schon um acht Uhr zu Abend. Die Lichtbahnen der sinkenden Sonne durchfluteten noch den Park und drangen in das dunkelgetäfelte Eßzimmer mit seinen Gobelins, dem großen Tisch und den Stühlen, die hohe, geschnitzte Lehnen aus schwarzem Ebenholz besaßen. Die lange, viereckige Tafel bot Platz für sechzehn Personen. Miguel hatte nur an einem Ende gedeckt. Mercedes saß zwischen Ross und Olivera. Sie hatten sich umgezogen.

Der so gut aussehende Diener Miguel – er trug noch die weißen Hosen und die weiße, am Hals geschlossene Jacke vom Nachmittag – servierte geschickt und diskret wie der Maitre eines Luxusrestaurants. Schwere Teppiche machten seine Schritte unhörbar. Die Speisen kamen mit einem Aufzug aus der Küche herauf und wurden auf einer ebenfalls geschnitzten Anrichte abgestellt. Der Diener war von größter Höflichkeit. Daniel Ross erfuhr, warum so früh gegessen wurde: Von Freitag abends bis Sonntag früh hatte Miguel frei. Olivera, der immer wieder von seinem Angestellten schwärmte, erklärte, er achte sehr darauf, daß dieser seinen Dienst nicht verspätet beende. Zu besonderen Anlässen, beispielsweise wenn Olivera just am Freitag eine Einladung gab und Miguel Morales benötigt wurde, verschob der Diener natürlich seine Freizeit.

Miguel offerierte den zweiten Gang. Mercedes nahm sehr wenig, desgleichen Ross. Olivera hatte guten Appetit.

»So geht das aber nicht«, sagte er. »Ihr müßt ordentlich essen, meine Kinder!«

»Mir ist immer wieder elend, wenn ich den Film sehe«, sagte Mercedes. Sie trug jetzt ein dunkelgrünes Kleid.

Ross schaute Miguel nach, der mit einer schweren Silberplatte zur Anrichte zurückging, dann sah er Olivera an. »Versteht er wirklich nicht Deutsch?«

»Kein Wort, Daniel. Köstlich, der Fisch. Ganz köstlich.« Olivera sprach spanisch mit Miguel, welcher erfreut lächelte und sich verneigte. Der Diener sagte etwas. »Er ist sehr betrübt darüber, daß ihr so wenig eßt«, übersetzte Olivera. Und wieder spanisch zu dem Diener: »Der weite Flug, weißt du. Der Klimawechsel.«

»O natürlich, Senor. Wie dumm von mir, daran nicht zu denken.«

Der dritte Gang kam: Fleisch. Olivera nahm ein großes Stück. Er schien bester Laune zu sein. Mercedes und Ross lehnten ab. Mercedes sagte zu Migueclass="underline" »Morgen ist wieder alles in Ordnung.«

»Ich hoffe es von Herzen, Senorita«, sagte der Diener ernst. Auch vom Käse und vom Dessert aß nur Olivera. Mokka tranken sie dann alle. Miguel hatte zuvor Teller und Bestecke fortgeräumt und sie wie die Servierplatten mit dem Aufzug hinunter in die Küche geschickt.

Olivera sah auf die Uhr. Es war Viertel vor neun. »So«, sagte er, »Schluß für dich, Miguel. Wir werden nachher

wieder in die Bibliothek gehen. Drinks kann ich selber machen. Also hopp, verschwinde!«

»Ich danke, Senor.«

»Was hast du vor heute Abend?«

»In Chacarta gibt es eine neue Diskothek.«

Olivera übersetzte für Ross. Er sagte: »Das ist ein Stadtteil weiter westlich.« Und wieder spanisch zu Migueclass="underline" »Hast du noch immer die niedliche Rothaarige?«

»Carmelita? Nein, Senor.« Miguel wurde verlegen. »Ich habe Schluß gemacht mit ihr.«

»Warum?«

»Sie war zu eifersüchtig.«

»Natürlich hast du schon eine andere.«