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»Ja, Senor. Sie heißt Maria Perichole.«

»Schwarz?«

»Blond. Fast golden. Langes, goldenes Haar.« »Der Knabe wechselt die schönsten Mädchen der Stadt wie

seine Hemden. Kunststück, wenn man so aussieht!« Miguel verneigte sich noch einmal und sagte ein paar Worte.

»Er wünscht uns allen einen schönen Abend«, übersetzte Mercedes.

»Sei brav, Junge!« sagte Olivera. »Und wenn du schon nicht brav sein kannst, sei vorsichtig!«

Miguel lachte, zeigte dabei seine schönen Zähne und verschwand.

»Im ganzen Land findest du nicht noch so einen Diener wie Miguel«, sagte Olivera. »Ich muß meinem Freund, dem General Alvarez, wirklich dankbar sein, daß er ihn mir geschickt hat. So etwas von Treue, von Ergebenheit! Hat er nicht perfekt serviert? Genauso perfekt fährt er Auto. Hält den Garten in Ordnung. Repariert einfach alles, was kaputtgeht. Und ist ein phantastischer Masseur, also wirklich.« Zu Ross sagte er: »Er soll dich auch massieren, Daniel. Dein Körper braucht es dringend.«

»Ja, ja«, sagte Ross.

»Nein, nein! Du bist nicht mehr so jung. Dein Herz, dein Kreislauf. Schau mich an! Es gibt keinen Tag, an dem ich nicht mindestens zwei Stunden etwas für meine Gesundheit tue. Das mußt du einfach auch machen. Versprich mir das, ja?«

»Ja«, sagte Ross. »Ja, verflucht.« Olivera lachte. »Schau nicht so erschreckt, Mercedes! Daniel will jetzt mit

dem gehaßten Vater zusammenarbeiten. Das ist schon arg. Nein, wirklich, ich kann mich in deine Lage versetzen, Daniel.« Olivera lachte wieder schallend.

Miguel Morales hörte ihn. Er war gerade in die Bibliothek getreten und hatte das Licht angeknipst. Nun kroch er unter den niedrigen Marmortisch, der beim Kamin stand, legte sich auf den Rücken und suchte kurze Zeit. Dann nahm er von der Unterseite der Marmorplatte einen halbkugelförmigen Gegenstand ab. Der Gegenstand war aus Metall und hatte die Größe eines Zweimarkstückes. Es war eine sogenannte Wanze, ein winzig kleines elektronisches Instrument, das ein hochempfindliches Mikrofon und einen starken Transmitter hatte. Die Wanze – japanisches Erzeugnis – konnte Gespräche, welche das Mikrofon aufnahm, bis zu dreihundert Meter weit senden, selbst durch Betonwände und Betondecken. Miguel hatte sie an die Unterseite des Marmortisches geklebt, als er am Nachmittag die Teetassen forträumte. Er hatte dabei einen Löffel fallen lassen, um einen Vorwand dafür zu haben, sich tief bücken und unter dem Tisch suchen zu müssen. Niemandem war etwas aufgefallen. Olivera hatte recht: Miguel war in der Tat ungemein geschickt.

Der junge Mann mit der glatten, dunkelgetönten Haut und den großen schwarzen Mandelaugen steckte die Wanze in eine Tasche seines weißen Anzugs. Aus einer anderen Tasche nahm er eine neue, noch ungebrauchte. Gleich darauf hatte er sie anstelle der alten unten an der Marmortischplatte befestigt.

Nun verließ er die Bibliothek und ging in den zweiten Stock des Hauses hinauf. Dort hatten die Angestellten ihre Zimmer. Miguel sperrte das seine auf, trat ein und verschloß die Tür hinter sich wieder. Der Raum war groß, nebenan gab es ein Bad. Die Wände des Zimmers hatte Miguel mit Fotografien und Plakaten von berühmten Filmstars und den beliebtesten argentinischen Schlagersängern vollgeklebt. In einer Ecke befand sich ein Tischchen mit einer sehr bunten Madonna aus bemaltem Ton. Eine Vase voll Blumen stand daneben; Miguel sorgte immer für frische. Oft kniete er vor dem Tischchen. Miguel war fromm.

Er ging ins Bad und dort zum Klosett. Wieder kauerte er auf dem Boden. Hinter der Muschel zog er einen elektronischen Empfänger vom Ausmaß einer Zigarillopackung sowie einen etwas größeren Recorder hervor. Empfänger und Recorder waren durch ein dünnes Kabel miteinander verbunden und ebenfalls in Japan hergestellt. Es handelte sich um Spezialanfertigungen, zu denen größere Kassetten gehörten. Eine Seite konnte bis zu drei Stunden aufnehmen, und die Kassette mußte, wenn diese Zeit abgelaufen war, nicht umgedreht werden. Ohne Wenden nahm der Recorder auf der zweiten Kassettenseite weitere drei Stunden auf. Ferner schaltete sich das Gerät selbständig ein, sobald es vom Empfänger Geräusche, Gespräche oder Einzelstimmen übermittelt bekam, welche die Wanze sendete. Der Recorder schaltete sich aus, falls er länger als fünf Minuten keine Impulse erhielt, und er schaltete sich sofort neuerlich ein, wenn der Empfänger von der Wanze neue Angebote zur Registrierung bekam.

Miguel öffnete den Recorder und nahm die große Kassette. Er ging in sein Zimmer zurück, das mit Möbeln eingerichtet war, die ihm gehörten und die er mitgebracht hatte, wie seinen Kleiderschrank mit zwei Schubladen für Unterwäsche und Strümpfe. Die linke Lade zog Miguel heraus. Dreimal schlug er mit dem Handballen kräftig auf eine Ecke des Sperrholzbodens, der sich danach öffnete. Die Platte schwang nach oben, ein etwa zehn Zentimeter tiefes Fach von der Größe der Schublade wurde sichtbar. In dem Fach lagen zahlreiche Kassetten gleich jener, die Miguel dem Recorder entnommen hatte, sowie mehrere Wanzen. In einer kleinen weißen Plastiktüte, die Miguel aus dem Fach hob, befanden sich zwei Kassetten – offenbar bespielt, denn er steckte jetzt die aus dem Gerät zu ihnen. Danach riß er den Folienschutz von einer neuen Kassette, ging wieder ins Bad und legte sie aufnahmebereit in den Recorder ein. Wenn Olivera, wie er angekündigt hatte, in die Bibliothek zurückkehrte und sich mit seiner Tochter und dem Mann, der angeblich sein Sohn war – das hatte er Miguel gesagt, aber der hatte es keinen Moment geglaubt; ein Mensch von der anderen Seite der Erde, mit dem Olivera sich stundenlang bei herabgelassenen Eisenjalousien einschloß! –, wenn die drei sich nun weiter unterhielten, dann würde ihre Konversation auf der neuen Kassette festgehalten werden.

Miguel stellte den Recorder wieder hinter die Klomuschel, ging in sein Zimmer und verschloß das Versteck, indem er die Sperrholzplatte niederdrückte und die Schublade in den Schrank schob.

Er nahm ein blaurot gestreiftes Hemd und eine blaue Hose aus dem Schrank, dazu blaue Socken und blaue Stoffslipper. Er duschte und zog die ausgewählten Stücke an. Mit größter Sorgfalt hängte er den weißen Anzug auf Kleiderbügel. Bevor er sein Zimmer verließ, kniete er vor der bunten Madonna nieder und sprach murmelnd, die Hände gefaltet, ein Gebet als Dank für bislang geleistete Hilfe und Fürsorge, dem er eines mit der Bitte um weiter währenden Schutz und niemals endende Gnade folgen ließ.

Dann erhob er sich, nahm die Plastiktüte mit den Kassetten und eine Handtasche aus Leder, wie sie hier alle Männer trugen und in der sich Geld, seine Papiere und Autoschlüssel befanden. Er sperrte die Tür auf und hinter sich wieder zu. Wenige Minuten später fuhr er in seinem Volkswagen durch den großen Park zum Eingangstor.

»Au!« sagte der große Mann, der nackt auf dem Bauch lag. »Nicht so fest, Kleiner! Du tust mir weh.«

»Ich bitte um Vergebung, mein General«, sagte Miguel Morales. »Aber ich muß fester zupacken. Ihre Nackenmuskeln sind wieder völlig verkrampft.«

Der nackte, zu Fettleibigkeit neigende Mann lag auf einer hohen Massagebank, deren Schaumgummibelag von Laken verborgen wurde. Miguel, in weißer Hose, weißen Sandalen und kurzärmeligem weißem Hemd, stand neben dem Tisch im großen Badezimmer des Generals Carlo Maria Alvarez und massierte ihn. Dies geschah fast vier Monate zuvor, am Vormittag des 25. Oktober 1983, einem Dienstag.

Miguel schüttelte Talkumpuder auf die Handflächen und fuhr fort, die Nackenmuskeln des Generals zu bearbeiten.

»Höre mir jetzt gut zu«, sagte Alvarez. »Es ist sehr wichtig. Du bist mir doch wirklich und ehrlich ergeben, Kleiner, wie?«

»Ja, mein General.«

»Du tust bedingungslos alles, was ich von dir verlange.« »Alles bedingungslos, mein General.«

»Ich liebe dich auch. Noch nie ist mir ein Bursche mit so gutem Charakter, so großer Treue begegnet. Du vergißt nicht, daß ich dich aus dem Elend geholt habe.«

»Nie, mein General, werde ich das vergessen.« »Gut, gut. Du kennst Senor Olivera, Kleiner? Meinen guten

Freund Eduardo Olivera?«