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In dem schwarzen Buick antwortete ein Mann über Mikrofon: »Hier Peru. Was ist los, Cuba? Fahrt ihr dem VW nach?«

»Ja. Wenn da noch jemand rauskommt, folgt ihr ihm. Wir bleiben in Funkkontakt.«

»Okay, Cuba, viel Glück! Ende.«

Der blaue Lincoln glitt aus der Parklücke. Sein Fahrer, der sich bei einem Telefongespräch mit dem alten Mann namens Cristobal Roberto genannt hatte, trug noch immer das grüne Hemd vom Vormittag und die weißen Hosen. Neben ihm saß

jetzt der junge Mann im roten Hemd. Als sie Mercedes und Daniel Ross vom Flughafen in die Stadt hinein verfolgten, hatte er am Steuer des roten Ferrari gesessen. Die Organisation verfügte über eine Menge Wagen. Es war noch immer hell und sehr heiß, aber die Sonne sank. Bald würde es dunkel sein.

An der Avenida Cabildo bog Miguel nach rechts ab. Er fuhr die breite Straße hinab südwärts. Der blaue Lincoln folgte. Miguel erreichte den Polo-Club, der zu seiner Linken lag, und die Kreuzung mit der Avenida J. B. Justo. Hier wechselte die Avenida Cabildo ihren Namen in Avenida Santa Fe und führte weiter südwärts vorbei am Zoologischen und Botanischen Garten und vielen Parks mit kleinen Seen. Sie verlief dann leicht nach Südosten.

»Rufe Peru«, sagte Roberto ins Mikrofon. »Rufe Peru. Hier ist Cuba.«

»Hier ist Peru. Was gibt’s?«

»Der VW fährt die ganze Avenida Santa Fe hinunter. Wenn er so weitermacht, ist er bald bei den Docks und am Hafenbecken. Bleibt auf Empfang! Irgendwas ist da komisch.«

»Bleiben auf Empfang, Cuba. Ende.«

»Was will der am Hafen, Esteban?« fragte Roberto den jungen Mann mit dem roten Hemd, der den Ferrari gefahren hatte. »Keine Ahnung«, sagte Esteban. Er war verärgert. »Der alte Cristobal hätte uns längst ablösen müssen. Mensch, seit vormittag geht das nun! Jetzt ist es halb zehn. Ich bin müde. Das ist ein Scheißjob.«

»Zum Retiro fährt der Kerl, Esteban! Zum Retiro!« Tatsächlich bog Miguel jetzt oberhalb der Plaza General San Martin und der Plaza Britania, hinter denen wieder große Parks lagen, nach links ein und erreichte den riesigen Parkplatz vor dem massigen Gebäude des Kopfbahnhofs von Buenos Aires. Von den sechs verschiedenen Eisenbahnnetzen in Argentinien tragen fünf die Namen von Generälen mitsamt ihren Titeln, drei laufen im Retiro zusammen, die anderen haben eigene Stationen in Constitucion, Once und Lacroze. Der Parkplatz vor dem Retiro war fast besetzt. Hier drängten sich sehr viele eilige Menschen. Roberto fand in der Nähe des VW eine Lücke. Er manövrierte den großen Wagen geschickt hinein, während Esteban das Mikrofon nahm.

»Rufe Peru, hier ist Cuba.«

»Hier ist Peru.«

»Wir sind jetzt auf dem Parkplatz des Retiro. Der VW hat gehalten. Ein junger Mann steigt aus. Er trägt eine Handtasche und eine weiße Plastiktüte. Er geht zum Retiro. Wir hängen uns ran ...«

Miguel bahnte sich einen Weg durch die vielen Autos. In einiger Entfernung folgten ihm Esteban und Roberto. Miguel erreichte den gewaltigen Block des Kopfbahnhofs und die Bahnsteige vor der großen Halle mit ihren vielen Geschäften, die alle noch geöffnet waren. Er ging an Zeitungsläden, fliegenden Händlern, Reiseproviantständen vorbei bis zu einer großen Wand von Schließfächern. Seine Verfolger hinter den ausgehängten Pornomagazinen eines Zeitungsstandes beobachteten ihn genau. Miguel holte einen bizarr gezackten Schlüssel aus der kleinen Ledertasche und sperrte Fach zweihundertvierzehn auf. Das tat er jeden Freitag um diese Zeit, seit er bei Olivera arbeitete. Die weiße Plastiktüte legte er in das Schließfach. Er hatte schon viele Kassetten in solchen Tüten hier deponiert. Sie wurden von einem Vertrauensmann des Generals Alvarez, dem man gerade den Prozeß machte, abgeholt. Miguel kannte diesen Mann nicht. Der Plan war noch mit Alvarez besprochen worden, und Miguel hatte von ihm, den er so verehrte und liebte, den Schlüssel und eine Erklärung erhalten.

»Dieses Fach zweihundertvierzehn muß wie alle anderen mit Münzen gespeist werden, damit es abgeschlossen werden kann. Spätestens alle zweiundsiebzig Stunden müssen neue Münzen eingeworfen werden, sonst läuft die Uhr ab, und nur noch die Aufsicht kann öffnen. Darum hast du dich aber nicht zu kümmern, Kleiner. Darum kümmern sich andere. Allerdings: Jedes Mal, wenn man das Fach aufschließt, wird die Uhr unterbrochen. Du mußt also, sooft du Kassetten deponierst, vor dem Absperren Münzen in den Schlitz stecken. Die Leute, die die Kassetten abholen, müssen das natürlich ebenfalls tun, Liebster ...«

Miguel drückte die Tür des Schließfachs zu, warf Münzen ein und sperrte ab. Den Schlüssel steckte er in seine kleine Ledertasche zurück. Er trug die eingehämmerten Buchstaben RETIRO und die Zahl 214. Wenige Minuten später war Miguel wieder auf dem überfüllten Parkplatz und setzte sich hinter das Steuer des Volkswagens. Er startete und lenkte den Wagen aus der Parklücke. Im nächsten Moment stieß er mit einem großen, blauen Lincoln zusammen, der plötzlich vor ihm auftauchte. Miguel hatte ihn nicht gesehen. Die beiden Wagen krachten an den vorderen Kotflügeln zusammen. Metall kreischte. Miguel würgte vor Schreck den Motor ab. Aus dem Lincoln war ein Mann in einem grünen Hemd gestiegen und kam auf ihn zu.

»Sie sind besoffen, was?« schrie er.

»Sie haben es notwendig!« schrie Miguel. »Das ist keine Rennbahn hier! Sie hatten mindestens vierzig Meilen drauf!«

»Machen Sie sich nicht lächerlich!«

»Doch, der Senor hat recht!« rief eine Frau und attackierte Roberto. »Viel zu schnell sind Sie gefahren!«

»Das stimmt. Ich bin Zeuge.«

»Ich auch!«

Plötzlich waren da viele Menschen. Die Hitze, die auch abends nicht erträglicher wurde, machte alle nervös und gereizt.

In diesem Durcheinander hatte sich Esteban dem Volkswagen genähert, dessen linke Vordertür offenstand. Auf dem rechten Sitz lag die Ledertasche. Ihr Außenfach besaß einen Reißverschluß. Esteban war ein genauer Beobachter. Er wußte, daß der junge Mann mit der dunklen Bronzehaut den Schließfachschlüssel in das Außenfach gesteckt hatte. Er griff nach der Tasche, öffnete den Reißverschluß, während hinter ihm das Geschrei immer heftiger wurde.

Da – der Schlüssel! Esteban machte, daß er fortkam. Er rannte zu den Bahnsteigen, stieß mit Menschen zusammen, wurde verflucht, rannte weiter, erreichte die Wand der Schließfächer. Gleich darauf hatte er zweihundertvierzehn geöffnet und die Plastiktüte herausgenommen. Er warf Münzen ein, schloß das Fach ab und rannte, so schnell er konnte, zum Parkplatz zurück. Erleichtert hörte er zorniges Stimmendurcheinander. Sie stritten also noch immer, und noch mehr Menschen waren versammelt. Miguels VW hatte den rechten vorderen Kotflügel des Lincoln ziemlich weit eingedrückt. Er und Roberto untersuchten zum wiederholten Mal den Schaden. Die Umstehenden gaben Kommentare ab. Esteban drängte sich vor, erreichte den VW mit der offenen Fronttür und ließ unbemerkt den Schlüssel in das Außenfach der Handtasche fallen, dessen Reißverschluß er zuzog. Die Plastiktüte hielt er unter dem Hemd versteckt.

Inzwischen hatte ein Mann vorgeschlagen, die Polizei zu rufen. Scheiße, dachte Esteban, und Roberto dachte dasselbe, da rief Miguel erschrocken: »Nein, nicht die Polizei!«

»Warum nicht? Der Lincoln war doch eindeutig schuld!« »Trotzdem ...« Miguel stotterte vor Aufregung. Nur keine

Polizei, dachte er. Wenn die fragen, was ich hier gemacht habe. Er sagte mühsam: »Das ist nicht mein Wagen ... Ich ... ich habe ihn mir ausgeborgt ... Jetzt will ich keinen Arger mit meinem Freund ... Ich gebe Ihnen meine Adresse ... Sie lassen den Wagen richten und schicken mir die Rechnung, bitte, ja?« Er sah Roberto flehend an.

»Falsche Adresse, wie?« sagte der.

»Nein, nein! Ich zeige Ihnen meine Papiere.« Miguel fuhr herum, neigte sich in den Volkswagen, holte die Ledertasche und präsentierte Führerschein und andere Dokumente. »Bitte, sehen Sie ... Ich wohne Cespedes eintausendsechs ... bei Senor Olivera ... da arbeite ich ... Hier, der Meldezettel ... Ich bin erst seit ein paar Wochen dort ...« O verflucht, dachte er, daß mir das passieren muß. O Mutter Maria, hilf!