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»Na schön«, sagte Roberto, »wenn Sie das also bezahlen wollen.« Er nahm Block und Bleistift aus einer Gesäßtasche. »Zeigen Sie mal, Herr ...«

»Miguel Morales, bitte.«

»Sie sind ja verrückt!« schrie eine Frau. »Sie bezahlen, und der da ist schuld.«

Zustimmung von allen Seiten.

»Das ist meine Sache. Ich habe doch gesagt, der Wagen ist geliehen.«

Inzwischen hatte Roberto, auf die Kühlerhaube des Lincoln gestützt, Miguels Anschrift und die Nummer seiner Versicherung notiert.

»Also okay, Sie kriegen die Rechnung. Passen Sie das nächste Mal besser auf! Gute Nacht.«

»Gute Nacht ... und vielen Dank für Ihr Verständnis«, stammelte Miguel.

Die Zuschauer gingen debattierend auseinander. Sie waren mit dieser Lösung nicht einverstanden.

»Der Scheißkerl in dem protzigen Lincoln«, sagte eine Frau zu dem Mann an ihrer Seite. »Der Kleine in seinem VW hat vor so was natürlich in die Hosen gemacht. Sich nur nicht mit Großkopferten anlegen! So sind wir alle. Darum bringen wir es auch nie zu was.«

»Hör schon auf, Evita!« sagte ihr Begleiter. »Jetzt kommen wir zu spät ins Kino. Aber nein, du hast dir das ja unbedingt ansehen müssen.«

In Cristobals Wohnung im zweiten Stock des Hauses fünfundzwanzig an der Straße mit Namen Husares im Westen der Stadt schrillte das Telefon. Der etwa sechzigjährige, kahlköpfige Mann, mit dem Roberto am Mittag telefoniert hatte, um bekanntzugeben, daß der Wagen, den er vom Flughafen an verfolgte, in den Park der Villa an der Straße Cespedes tausendsechs eingebogen war, saß in einem zerschlissenen Lehnstuhl des tristen Wohnzimmers unter einer Stehlampe vor einem alten Radio und hörte das Ende einer Dramatisierung der »Brücke von San Luis Rey« von Thornton Wilder.

Das Telefon schrillte und schrillte. Cristobal stand auf und eilte in das Nebenzimmer, dessen Fenster auf das riesige Areal des »Regimento 3 de Infanteria General Belgrano« mit seinen Exerzierplätzen und Kasernen hinausging. Das Gelände war nun von zahlreichen Scheinwerfern, die an hohen Masten angebracht waren, strahlend erhellt. Der alte Mann trug ein Handtuch um die Lenden. Er hatte alle Fenster geöffnet, um ein wenig Zugwind abzubekommen. Nun hob er den Hörer ab.

»Ja?«

»Hier ist Roberto«, kam eine Stimme, die er kannte. »Wir haben etwas, das Sie sofort kriegen müssen.«

»Was ist es?« Cristobal war nur telefonisch zu erreichen. Techniker der Organisation hatten die Leitung so präpariert, daß Gespräche nicht abgehört werden konnten. Funkverkehr mit Cristobal wäre zu riskant gewesen.

Roberto berichtete, was geschehen war.

Cristobal wurde lebhaft. »Bringt die Kassetten sofort her! Ich komme runter. Wie lange braucht ihr bis zu mir?«

»Etwa dreißig Minuten. Viel Verkehr.«

»Gut. Ich stehe dann im Schatten des Tores. Ihr fahrt langsam vorbei und reicht mir die Plastiktüte aus dem Wagen.«

»Okay, Cristobal. Ende.«

Der alte Mann legte auf, ging in das Wohnzimmer mit den schadhaften Möbeln zurück und setzte sich wieder. Er hörte eine Sprecherstimme aus dem Radio, welche die Übertragung der »Brücke von San Luis Rey« beendete.

»Bald aber werden wir alle sterben, und alles Angedenken jener fünf wird dann von der Erde geschwunden sein, und wir selbst werden für eine kleine Weile geliebt und dann vergessen werden.

Doch die Liebe wird genug gewesen sein; alle diese Regungen von Liebe kehren zurück zu der einen, die sie entstehen ließ. Nicht einmal eines Erinnerns bedarf die Liebe. Da ist ein Land der Lebenden und ein Land der Toten, und die Brücke zwischen ihnen ist die Liebe – das einzig Bleibende, der einzige Sinn.« Cristobal stellte den Apparat ab. Seine Lippen bewegten sich lautlos. Er wiederholte den letzten Satz und sah ins Leere. Er war ein sehr trauriger alter Mann und sehr einsam.

Als der blaue Lincoln fünfunddreißig Minuten später mit Abblendlicht langsam durch die Straße Husares glitt, stand Cristobal im Dunkel des Hauseingangs. Eine Hand streckte sich ihm aus einem Fenster des Wagens entgegen. Geschickt nahm der alte Mann die kleine weiße Plastiktüte. Der Lincoln fuhr weiter und bog um die nächste Ecke.

Cristobal versperrte das Haustor und ging in seine Wohnung zurück. In seinem Arbeitszimmer sah er sich die drei Kassetten an. Er besaß Recorder der verschiedensten Typen, doch die Kassetten paßten in keinen. Das hatte Cristobal auch nicht erwartet. Sobald er sie sah, war ihm klar gewesen, daß diese Kassetten für einen besonderen Zweck und ein besonderes Gerät angefertigt worden waren. Im Handel war so ein Gerät gewiß nicht zu kaufen.

Er stand auf und schloß alle Fenster. Nun setzte er sich, schaltete den Zerhacker ein und wählte 00441, die Vorwahl von London, und danach eine siebenstellige Nummer.

Das Signal ertönte, sodann eine sanfte Männerstimme: »Hallo.« Cristobal sprach jetzt Englisch. Er nannte seinen Namen und entschuldigte sich für die späte Störung.

»Keine Ursache!« Die Stimme aus London klang freundlich. »Einen Moment!« Es knackte in der Verbindung. »So, Zerhacker eingeschaltet. Was ist los?«

»Es tut mir wirklich leid, Mister Morley. Hier ist es halb zwölf. Da ist es bei Ihnen schon halb drei. Sie haben sicher schon geschlafen.«

»Das macht nichts. Ich habe Ihnen doch erklärt, daß Sie mich Tag und Nacht sofort anrufen müssen, wenn etwas geschieht.

Sie sagen, Sie haben den Namen des Mannes, der die Kassetten in das Schließfach gelegt hat?«

»Ja. Aus seinem Führerschein und seinem Meldezettel. Miguel Morales heißt er. Geboren am fünfzehnten Mai neunzehnhundertsechzig in Buenos Aires. Meine Leute sind sehr zuverlässig. Auf dem Meldezettel standen auch die vorherige Adresse und der letzte Arbeitgeber. General Carlo Maria Alvarez, Dorrego achthundertsiebzig, Stadtteil Palermo. Das ist ganz in der Nähe von Oliveras Villa.«

Mr. Morley in London pfiff. »Alvarez – der Juntageneral?« »Ja, Sir. Ich habe im Telefonbuch nachgesehen. Das ist seine

Adresse. Besser: sie war. Er ist seit Wochen verhaftet. Am zwanzigsten Dezember hat man ihn abgeholt. Am einundzwanzigsten ist Morales zu Olivera übersiedelt.«

»Sieht fast so aus, als hätte er einen Auftrag gehabt, wie, Cristobal?«

»Sieht so aus, Sir, ja.«

»Eine Abhöranlage zu installieren und die Gespräche seines neuen Arbeitgebers mitzuschneiden. Von wem kann er eine so komplizierte Spezialanfertigung bekommen haben? Doch nur von Alvarez und dessen Freunden. Wurde bei Olivera eingeschleust – so sieht es aus, wie?«

»So sieht es aus, Sir.«

»Sagen Sie, Cristobal, diese Kassette ... haben die auf dem Etikett links oben drei kleine ineinanderhängende Ringe – wie die olympischen Ringe, nur zwei weniger?«

Der alte Mann sah nach.

»Ja, Sir. Und unter den Ringen stehen die Buchstaben E und X.«

»Scheiße. Habe ich vermutet. Eine Privatanfertigung. Kann niemand abspielen. Nur Techniker in einem Speziallabor. Hören Sie, weiß Gott, was auf den Kassetten drauf ist – ich muß sie sofort haben. Schnellstens, haben Sie verstanden?«

»Ja, Sir«, sagte Cristobal. Seine Stimme klang müde und demütig.

»Schicken Sie sie mir mit Ihrem besten Mann, den, der Alain Delon so ähnlich sieht. Wie heißt er?«

»Garcia, Sir. Garcia Lopez.«

»Wo steckt der?«

»In der Stadt, Sir. Er ist mit den beiden von Frankfurt herübergeflogen. Hat sich vor ein paar Stunden gemeldet – zur vorgeschriebenen Zeit. Er lebt bei seiner Freundin. Ich habe die Telefonnummer. Aber vor morgen früh geht keine Maschine mehr.«

»Es ist mir egal, wie er fliegt und wie oft er die Maschine wechseln muß, wenn es nicht sofort einen Direktflug gibt. Er fliegt am Morgen los, ist das klar?«

»Vollkommen klar, Sir«, sagte Cristobal ergeben. »Er nimmt die erste mögliche Maschine. Und wenn er noch so oft umsteigen muß. Er bringt Ihnen die Kassetten unverzüglich, sobald er in London ankommt, Sir.«