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»Ich verlasse mich auf Sie, Cristobal. Wir müssen endlich wissen, was hier vorgeht.«

In London wurde der Hörer aufgelegt. Cristobal tat dasselbe. Er hätte gute Nacht sagen können, dieser Mr. Morley, dachte er, während er den Zerhacker ausschaltete. Wie ich das alles hasse. Aber man muß leben. Ich werde Garcia um fünf Uhr früh wecken. Ich kann doch nicht schlafen. Seit Jahren kann ich nicht mehr richtig schlafen. Höchstens ein oder zwei Stunden manchmal, wenn ich Glück habe. Um fünf Uhr werde ich Garcia wecken und ihm sagen, daß er zu mir kommen muß, um die Kassetten abzuholen. Und um sofort nach London zu fliegen. Laß ihm jetzt noch ein wenig Zeit für die Liebe, sagte der alte Mann zu sich selbst. Ein wenig Zeit nur.

DER REICHSFÜHRER SS UND

CHEF DER DEUTSCHEN POLIZEI

Berlin, 31. März 1944 SS-Oberf. Prof. Dr. Walther Wüst, Kurator des Ahnenerbes und Chef Amt Ahnenerbe / Pers.Stab RFSS und

SS-Staf. Wolfram Sievers, Reichsgeschäftsführer des Ahnenerbes

Bei der künftigen Wettererforschung, die wir ja nach dem Krieg systematisch durch die Organisation ungezählter Einzelbeobachtungen aufbauen wollen, bitte ich, auf folgende Tatsache das Augenmerk zu richten:

Die Wurzeln bzw. die Zwiebel der Herbstzeitlose sind in den verschiedenen Jahren in unterschiedlicher Tiefe im Boden. Je tiefer sie wachsen, desto stärker der Winter; je näher sie der Oberfläche sind, um so milder der Winter.

Auf diese Tatsache machte mich der Führer aufmerksam. gez. H. Himmler

Eduardo Olivera, der diesen Brief vorgelesen hatte, ließ ein Taschenbuch sinken und nahm die horngefaßte Brille ab. »Was soll das?« fragte Daniel Ross. Er, Olivera und Mercedes saßen wieder in den Korbsesseln am Rande des Pools, auf dessen Grund hinter dickem Glas starke Lampen angebracht waren, die jetzt brannten und das Wasser des Bassins blau aufleuchten ließen. Licht fiel auch auf die drei Menschen. Sie hatten zuerst in die Bibliothek zurückkehren wollen, doch dann schlug Olivera vor, noch an die Luft zu gehen. Eine Bar auf Rädern stand neben ihnen. Sie tranken Whisky. Die Bibliothek lag verlassen. Der Recorder hinter der Klosettmuschel in Miguels Badezimmer hatte sich noch kein einziges Mal eingeschaltet. Es war kurz vor halb zehn.

Zu dieser Zeit verfolgten die beiden jungen Männer in dem blauen Lincoln den Diener in seinem Volkswagen die Avenida Santa Fe hinunter zum Retiro, dem Hauptbahnhof.

»Das soll dir zeigen, weshalb Himmler mich warten ließ, als ich ihn am einunddreißigsten März vierundvierzig abholte, um ihn ins Auswärtige Amt zu bringen und was für Sorgen er vierundvierzig, Ende März, hatte. Er begrüßte mich in seinem Arbeitszimmer, entschuldigte sich und diktierte einer Sekretärin, mit der er vor meiner Ankunft gearbeitet hatte, noch diesen Idiotenvermerk für das ›Ahnenerbe‹, dessen Chef er war. Ribbentrop hatte ihm am Telefon gesagt, daß er ihn und Goebbels in einer Angelegenheit von größter Bedeutung sprechen müsse. Himmler wollte mir auf diese Weise natürlich auch vorführen, was er von Ribbentrop hielt. Ich habe diese Herbstzeitlosen-Notiz nie vergessen, weil ich äußerst wütend über Himmlers Verhalten war. Später fand ich den genauen Wortlaut des Vermerks dann in diesem Taschenbuch mit fast vierhundert Briefen an und von Himmler. Unter Nummer dreihundertfünf steht tatsächlich der so ungeheuer wichtige Beitrag Hitlers zur Wetterforschung, um den zu diktieren Himmler mich stehend warten ließ.« Olivera legte das Buch auf den Gartentisch. »Ich sollte Himmler um vier Uhr nachmittags abholen. Nachdem er mit dem Unfug fertig war, verlangte er noch eine dicke Mappe und unterzeichnete Briefe. Gegen halb fünf verließen wir endlich die Reichsführung in der Prinz-Albrecht-Straße acht. Nummer neun war der Hauptsitz der Gestapo. Wir fuhren mit einem Wagen, den ein SS-Mann steuerte, neben dem ein zweiter saß, zum Auswärtigen Amt in der Wilhelmsstraße vierundsiebzig bis sechsundsiebzig. Auch Himmler trug die schwarze Uniform mit dem silbernen Totenkopf auf der Tellerkappe. Das Wetter war schön, und darum hatte es den mittäglichen Angriff der Amerikaner gegeben. Die Amerikaner kamen nur bei schönem Wetter und immer am Tage, die Engländer kamen bei jedem Wetter nachts, manchmal zweimal. Ich erinnere mich, daß viele Brände noch nicht unter Kontrolle gebracht waren. Eine riesige Rauchwolke stand über der Stadt. Übrigens – es ist unfaßbar in der Rückschau – waren die Amtssitze von Ribbentrop, Goebbels und Himmler trotz der ununterbrochenen Luftangriffe, bei denen nach und nach die ganze riesige Millionenstadt in Trümmer fiel und viele Tausende ihr Leben verloren, noch immer – von häufig brechenden Fensterscheiben, die sofort ersetzt wurden, abgesehen – völlig intakt, und es wurde ungestört in ihnen gearbeitet. Nur das Propagandaministerium hatte Ende Januar vierundvierzig einige leichte Bombentreffer erhalten. Die Schäden waren beseitigt worden. Unfaßbar – ja, wirklich. Als hätte Gott selber darauf geachtet, daß die Herren nicht daran gehindert wurden, das Volk in den höllischen Abgrund zu führen, in dem es dann bei Kriegsende landete ...«

Olivera, der Demokrat, trank einen Schluck – sozusagen in memoriam Germaniae patriae.

Er fuhr fort: »Im Auswärtigen Amt führte ich Himmler in den Keller. Dort hatten wir mehrere Filmvorführräume. Ribbentrop und Goebbels warteten schon, beide wie ich in Zivil. Frostige Begrüßung. Goebbels und Ribbentrop waren über Himmlers Verspätung verärgert, der wiederum zeigte seine Verachtung für Ribbentrop und seine Furcht vor Goebbels, den er bewunderte und beneidete, weil er das Vertrauen Hitlers hatte, auf die für ihn typische Weise: indem er besonders forsch auftrat. Vor Hitler bekam er regelmäßig weiche Knie und keinen zusammenhängenden Satz heraus.«

»Ein vielgesichtiger Mensch, dieser Himmler«, sagte Daniel Ross.

Olivera setzte die Brille auf, blätterte in dem Taschenbuch und nickte.

»Als ›Schulmeister‹ und ›Schreibtischmörder, in dessen Gesamtbilanz nicht allzu viel an zehn Millionen Menschenleben fehlt‹, wird er hier bezeichnet, ein ›Subalterner‹ und doch ›Oberbefehlshaber‹, ein ›Okkultist‹, ›Kräutergärtner‹ und ›Besessener‹.«

Olivera ließ das Buch sinken. Er trank. »Ja«, sagte er, »und hundert andere Gesichter hatte er auch noch.«

»Ein blutsaufender Kleinstbürger«, sagte Ross. »Mein Gott, waren deine Kollegen Psychopathen, verkrachte Existenzen, Spinner und Schwerstkriminelle!« Er wandte sich an Mercedes: »Sie haben Politologie studiert. Wissen Sie, daß eines der wichtigsten Hochschulfächer nicht existiert? Ich meine Politpsychologie. Müßte an jeder Universität gelehrt werden! Die psychologischen Hintergründe historischer Ereignisse. Was ist die psychologische Erklärung dafür, daß ein obdachloser Asozialer vom deutschen Volk zum Führer gewählt wurde, und daß dieses Volk dann die ganze Welt unglücklich machte? Entschuldige!« wandte er sich an Olivera, »ich habe dich unterbrochen.«

»Aber bitte, Daniel, sprich weiter! Das ist hochinteressant. Also!«

»Ja, also«, sagte Ross, »mit Politpsychologie meine ich die psychologische Betrachtung der Menschheitsgeschichte. In ihr gibt es immer wieder dieselben Konflikte, immer wieder den gleichen Ausgang, immer wieder dieselben Persönlichkeiten, die gleichen nichtigen Anlässe, die ins Verderben führen und die genau untersucht werden müßten. Wir können – ein Beispiel – die Wiederkehr des Faschismus nur verhindern, wenn wir uns psychologisch genau mit der Ausgangssituation und den Menschen beschäftigen.«

»Weiß Gott, das stimmt«, sagte Mercedes.

»Es gibt Historiker, und es gibt Psychologen – aber es gibt keine Geschichtspsychologen. Und das ist verblüffend, weil die Menschheit ja bekanntlich nicht imstande ist, aus der Geschichte zu lernen, aber auch gar keine Bemühungen unternimmt, etwas zu lernen. Dabei wäre Geschichtspsychologie die einzige Chance, welche wir noch besitzen, um prospektiv, also auf die Zukunft gerichtet, Übel zu verhindern. Und diese Chance nimmt die Menschheit auf der ganzen Welt – ausnahmslos – nicht wahr. Unfaßbar, nicht? Das Interessante an der Geschichte sind doch nicht die Ereignisse, sondern die psychologischen Zusammenhänge, die zu den Ereignissen geführt haben! Das wäre das einzig Lehrreiche für uns. Das einzig Rettende. Aber kein Mensch denkt daran, eine solche Wissenschaft zu etablieren.« Eine lange Pause trat ein. Mercedes sah Ross unverwandt an. Der bemerkte den Blick und sagte leicht verlegen zu Olivera: »Was geschah also in Berlin?«