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»Nun ja«, sagte der, »Ribbentrop erklärte, ich – vielmehr mein Dienst natürlich – sei eben in den Besitz eines ungeheuerlichen Films gelangt, und er wolle diesen Film Goebbels und Himmler sofort zeigen ...

»... Ihnen, lieber Doktor, und Ihnen, Reichsführer, denn ich möchte diesen Film dem Führer erst mit einem präzisen Vorschlag von uns vorführen«, sagte Ribbentrop. »Bitte, nehmen Sie Platz!« Goebbels hinkte zu einem Polstersitz in der ersten Reihe des kleinen Vorführraums, Ross und Ribbentrop setzten sich neben ihn, Himmler nahm am anderen Ende der Reihe Platz. Ribbentrop hob eine Hand für den Vorführer in seiner Kabine. Das Licht im Raum erlosch langsam, der Film lief an. Während der nächsten vierunddreißig Minuten sprach keiner der Männer ein einziges Wort. Keiner bewegte sich. Georg Ross betrachtete der Reihe nach ihre Gesichter. Das von Goebbels glich einer Maske. Auf Ribbentrops Lippen lag ein selbstgefälliges, dummes Lächeln. Himmler war überwältigt. Sein Mund stand offen. Einmal fiel ihm der Kneifer auf die Knie. Seine Hand zitterte, als er ihn wieder auf die Nase klemmte. Ross, der den Film schon zum drittenmal sah, fühlte auch dieses Mal große Erregung in sich aufsteigen. Das Atmen fiel ihm schwer, die Hände wurden feucht. Dann war der Film zu Ende, weiß blendete die Leinwand, wurde fahl, die Lichter im Vorführraum gingen wieder an. Noch immer sprach niemand, noch immer bewegte sich niemand. Erst nach Minuten brach der Bann. Goebbels erhob sich und sagte: »Gehen wir zu Ihnen hinauf, Ribbentrop!«

»Gehen wir zu Ihnen hinauf, Ribbentrop!‹« wiederholte Olivera vierzig Jahre später. »Das war alles, was Goebbels zunächst sagte. Himmler begann: ›Wer garantiert uns ...‹, aber Goebbels unterbrach ihn schneidend: ›Nicht hier! Seien Sie ruhig, Reichsführer!‹ Er humpelte schon voraus zum Ausgang. Mit einem Lift fuhren wir empor zu Ribbentrops riesigem, protzigem Arbeitszimmer. Alles in diesem Amt war riesig, protzig und geschmacklos. Ausländische Politiker und Diplomaten sollten von den mächtigen Gängen, den gewaltigen Säulenhallen, den Statuen und Gobelins beeindruckt und zugleich eingeschüchtert werden. Nur bei Hitler sah es noch ungeheuerlicher aus ... Einen Schluck, Mercedes?«

»Bitte.«

»Und du, Daniel?«

»Ja.«

»Wieder pur, nur mit Eis?«

»Wieder pur, nur mit Eis, ja«, sagte Ross. Er sah Olivera zu, der die neuen Drinks machte. »Ich nehme an, alle waren sehr aufgeregt«, sagte er.

»Natürlich«, sagte Olivera und ließ Eiswürfel in ein Glas gleiten. »Goebbels fragte mich ...«

»Wie ist dieser Film in Ihren Besitz gelangt, lieber Herr Ross?« Goebbels wanderte auf einem riesenhaften Teppich zwischen einem Marmorschreibtisch und einer Marmorsäule, die den überlebensgroßen Kopf Hitlers, in Bronze gegossen, trug, hin und her. Schreibtisch und Bronzekopf waren gut dreißig Meter voneinander entfernt. Die drei anderen Männer saßen in mächtigen Lederfauteuils. Ross wollte sich erheben, doch Goebbels winkte ab.

Ross sagte: »Herr Minister wissen, daß ich zuständig bin für den Dienst Mittlerer Osten. Wir ...«

Goebbels unterbrach ihn: »Ihre Männer in Teheran haben den Film in ihren Besitz gebracht, eine Kopie offensichtlich. Ich gratuliere zu solchen Leuten. Hervorragende Leistung. Ich meinte: Wie ist der Film hier in Berlin in Ihren Besitz gelangt?«

»Auf die übliche Weise, Herr Minister. Der Resident in Teheran hat mich – natürlich codiert – über Funk wissen lassen, daß eine Kopie dieses Films erbeutet worden ist. Üblicherweise wird dabei nicht die Arbeitsmethode mitgefunkt.«

»Das wissen wir auch«, sagte Himmler aggressiv. »Weiter, Herr Ross!«

Goebbels sah Himmler an. In seinem Blick lag Verachtung. Er humpelte an ihm vorbei über den großen Teppich.

»Heute ist Freitag«, sagte Georg Ross. »Der Funkspruch kam Montagnacht um drei Uhr vierzig. Angekündigt wurde Agent CX einundzwanzig mit der Filmrolle. Sein genaues Eintreffen war nicht festzulegen. Sobald er in Berlin sei, hieß es in dem Funkspruch, würde er den Film in einem Koffer mit Nummernschlössern bei der Gepäckaufbewahrung des Bahnhofs Zoo deponieren. Den Gepäckschein würde er in ein Kuvert legen und mit einem fingierten Absender an meine Privatadresse in Dahlem schicken. Heute Vormittag traf ein Brief ein. Ich hatte meine Haushälterin gebeten, mich in einem solchen Fall sofort anzurufen. Sie rief an, ich fuhr nach Dahlem, holte den Brief – es lag tatsächlich ein Gepäckschein darin. Ich fuhr zum Bahnhof Zoo und holte den Koffer ab. Dann fuhr ich hierher und öffnete die Schlösser. Ihre Nummern waren über Funk gekommen. Sorgfältig verpackt, lag eine Filmrolle im Koffer. Ferner ein langer Codetext. Meine Abteilung hat ihn sofort dechiffriert. Es war eine Mitteilung von CX einundzwanzig darüber, wie er in den Besitz der Kopie gekommen ist.«

»Und wie?« fragte Himmler. »Auf welche Weise? Durch wen? Nennen Sie Namen, Einzelheiten!«

»Es ist üblich«, schaltete sich Ribbentrop hochmütig ein, »daß ein Dienst seine Agenten schützt, Reichsführer.«

»Das weiß ich ebenfalls«, sagte der wütend. »Ich bin kein Idiot, Ribbentrop. Wenn wir mit dem Zeug etwas anfangen sollen, dann werden wir den Menschen sagen müssen, woher wir es haben und wie es in unseren Besitz kam.«

»Nicht unbedingt«, sagte Goebbels. »Ich meine: Wir müssen den Menschen nicht unbedingt die Wahrheit sagen. Wer tut das schon, Himmler? Seien Sie nicht kindisch!« Er wandte sich an Ross. »Es interessiert mich allerdings, wie Ihre Leute vorgegangen sind.«

Georg Ross sagte: »Schon am neunundzwanzigsten November vergangenen Jahres erhielt ich einen Funkspruch meines Residenten in Teheran. Er deutete an, daß der Agent CX einundzwanzig ... «

»Wer ist das, zum Teufel?« rief Himmler.

»Das weiß ich nicht, Reichsführer. Das weiß niemand – nur der Resident in Teheran. Ein Mitglied eines Netzes kennt nie mehr als ein anderes Mitglied.«

»Wollen Sie mich gefälligst nicht belehren! Das ist mir bekannt.«

»Warum fragen Sie dann, Himmler?« Goebbels sah ihn im Vorübergehen ironisch an, »Ich ... Bitte, nicht in diesem Ton, Doktor, ja?«

Goebbels reagierte überhaupt nicht. Er sagte zu Ross: »Man hat Sie unterbrochen. Entschuldigen Sie!«

Ross verneigte sich im Sitzen.

»Ich wollte sagen: In dem Funkspruch vom neunundzwanzigsten November deutete mein Resident in Teheran an, daß der Agent CX einundzwanzig Verbindung zu einem Amerikaner hergestellt hatte, der mit der Produktion dieses Films beschäftigt war. Nun, jener Amerikaner schien sich in größten finanziellen Schwierigkeiten zu befinden. Er war bereit, CX einundzwanzig eine Kopie des Films zu verschaffen, wenn wir auf ein Konto in der Schweiz fünf Millionen Dollar einzahlten.«

»Wie viel?« Himmler nahm ungläubig seinen Kneifer ab. »Fünf Millionen Dollar«, sagte Goebbels ärgerlich.

»Erscheint Ihnen das etwa zuviel für ein solches Dokument?« Dann fragte er Ross, ohne Himmler weiter zu beachten: »Und?«

»Und ich besprach die Sache mit dem Chef des Dienstes und mit dem Herrn Minister. Wir waren der Meinung, daß wir es riskieren mußten. Der für die Schweiz zuständige Mann veranlaßte das Nötige.«

»Gott sei Dank!« sagte Goebbels. Er sah Himmler an. Der setzte seinen Kneifer wieder auf und machte das Gesicht eines gekränkten Kindes.

»Sie wissen natürlich nicht, wer dieser Amerikaner ist.« »Natürlich nicht«, sagte Ross. »Aber wenn wir es wissen

wollen, wenn wir den Namen – sehr gegen unsere Prinzipien preisgeben müssen, kann ich die Identität des Mannes und seine Position natürlich jederzeit feststellen lassen, Doktor.«