»Zwei«, sagte der Regisseur zu der Bildmischerin. Sie nickte, neigte sich über das Pult mit den vielen Reglern, Lämpchen und Schaltern, und sofort darauf begann das Rotlicht auf Kamera 2 zu blinken.
Ross sagte sehr erregt: »Unser armes Vaterland, lieber Herr Woitech, ist deshalb geteilt, weil wir Deutsche unter einem Verbrecherregime, unter den größten Verbrechern der mir bekannten Geschichte, einen verbrecherischen Krieg, den größten der mir bekannten Geschichte, begonnen haben ...«
»Hohoho!« sagte der Regisseur am Pult in der einen Stock höher gelegenen Kabine. Er hieß Kramsky und war einigermaßen betrunken. Das war er häufig. Sehr viele Mitarbeiter des Senders Frankfurt – und anderer Sender – waren sehr häufig einigermaßen betrunken.
»... einen Krieg«, fuhr Ross immer lauter, immer leidenschaftlicher fort, während er das Blut in seinem Körper pochen fühlte und das verfluchte Nobilam verkehrt wirkte, verkehrt, verkehrt, »in dem sechzig Millionen Menschen krepiert sind, darunter allein vier Komma acht Millionen Deutsche und zwanzig Millionen Russen ... einen Krieg ...«
»Einen Moment, bitte«, sagte der Funktionär sehr ruhig. »Jetzt rede ich, Herr Woitech. Ich habe Sie auch reden lassen
... einen Krieg, in dem große, alte und schöne Städte, darunter die unsere, in Schutt und Asche sanken ...«
»Immer gib ihm!« sagte Kramsky erfreut, und in das Mikrofon: »Noch näher ran an Daniel, wenn’s geht, Charley!«
Charley unten im Studio hinter der Kamera 2 nickte. Ross’ Bild wurde übergroß auf dem Monitor. Das Rotlicht der Kamera 2 blinkte, blinkte, blinkte ...
Ross geriet außer sich. »... einen Krieg, in dem blühende Länder, darunter unser armes Vaterland, total verwüstet wurden und wir den unglücklichen Bewohnern all dieser Länder nichts gelassen haben als ihre Augen zum Weinen, einen Krieg, in dem in Konzentrationslagern deutsche Menschen ihre deutschen Menschenbrüder und sechs Millionen Juden ermordeten ... einen Krieg, in dem ...«
Woitech schüttelte den Kopf. »Fangen auch Sie wieder mit diesem empörenden Unsinn an, Herr Ross! Ein deutscher Moderator im deutschen Fernsehen will unbedingt die deutsche Schuld beweisen, tck, tck, tck.«
»Schorsch«, sagte der betrunkene Regisseur Kramsky entzückt, »jetzt du, schnell! Und geh auch ganz groß ran an den Kerl!« Die Bildmischerin, eine hübsche junge Frau in einem blauen Kittel, begann zu zittern. »Aufhören!« rief sie. »Schluß!«
»Scheiße, aufhören«, sagte Kramsky. »Wann passiert schon mal so was?« Er schlug der Bildmischerin, die einen Schalter umdrehen wollte, auf die Hand. »Wirst du das sein lassen, du Luder? Scher dich weg! Weg, habe ich gesagt!« Er stieß sie fort. Sie glitt von ihrem Sitz, kam ins Taumeln, fing sich und landete mit dem Rücken an der Kabinenwand, wo sie stehen blieb, beide Fäuste an den Mund gepreßt.
Unterdessen hatte Woitech – man hörte es in der Kabine über Lautsprecher – leise, fast mahnend, weitergesprochen: »Was reden Sie doch für unverantwortliches Zeug, Herr Ross! Weltbekannte und geachtete amerikanische und englische Historiker wie Toland und Irving haben in ihren Werken festgestellt, daß dieser Krieg uns aufgezwungen worden ist. Und hören Sie bloß auf mit Ihren Juden! Gewiß, es wurden welche getötet. Aber niemals sechs Millionen. Höchstens zwei. Die alte Lüge, damit sich auch noch unsere Urenkel Israel gegenüber schuldig fühlen und zahlen, zahlen, zahlen ...« Er warf eine Hand auf. »Wie viele Deutsche sind von Russen, Polen und Tschechen von Haus und Hof vertrieben worden? Wie vielen hat man die Heimat genommen? Ich will es Ihnen sagen, Herr Ross: Zwölf Millionen! Jawohl, zwölf Millionen Vertriebene! Wie viele Deutsche sind umgekommen auf der Flucht, durch Vertreibung und Verschleppung? Fast drei Millionen! Und wie viele sind nach fünfundvierzig viehisch ermordet worden? Hunderttausende, viele Hunderttausende! Man soll doch endlich aufhören, unser Volk in den Dreck zu ziehen!«
Während Woitech sprach, versuchte die Maskenbildnerin wieder, Daniel Ross’ Gesicht zu restaurieren. Er war nicht im Bild. Sie verteilte mit einer Quaste Pancake und flehte flüsternd:››Bitte, bitte, lieber Herr Ross, lassen Sie das! Hören Sie auf! Sie machen sich unglücklich ...«
Er schüttelte stumm und erbittert den Kopf.
»Der hat doch was!« rief die Bildmischerin oben in der Kabine. »Seht ihr denn nicht, wie elend es dem Daniel geht? Abschalten, abschalten!«
»Finde ich ja auch«, sagte der Produktions-Ingenieur, der in einer Ecke saß. »Kramsky, du kriegst Ärger, sage ich dir.«
»Und die Zeitungen morgen? Und der Skandal, Mensch? Glaubst du, das lass’ ich mir nehmen?«
»Du bist verrückt! Du fliegst! Die feuern dich!« »Ich bin besoffen. Kennst du einen einzigen Schwanz, den sie
schon gefeuert haben, weil er besoffen war? Noch näher ran an den Woitech, eins!«
Woitech hatte weitergesprochen. »Wer waren die wahren Verbrecher? Wer hat die polnischen Offiziere in Katyn ermordet? Wer hat Dresden zerstört, als es von Flüchtlingen verstopft war? Wer hat unsere Frauen und Töchter vergewaltigt? Wer hat Menschen an Scheunentore genagelt? Sie aus dem Fenster gestürzt? In die Flüsse geschmissen, aneinandergebunden? Sie totgeprügelt, totgetreten, totgequält? Diese asiatischen Horden ...«
In der Regiekabine läutete das Telefon. Der Produktions-Ingenieur nahm ab und meldete sich. Eine laute Stimme schlug ihm aus dem Hörer entgegen. Erschrocken richtete er sich auf. »Hier ist Colledo!« rief die Männerstimme. »Wer sind Sie?«
»Zeltler. Produktions-Ingenieur, Herr Colledo.« Aus dem Lautsprecher drang die Stimme von Ross unten im
Studio. »Asiatische Horden ... Da haben wir ja endlich wieder auch den schönen alten Ton! Und Sie wollen eine Wiedervereinigung in Frieden und Freiheit, ein Mann wie Sie?«
»Wer ist Regisseur?«
»Kramsky.«
»Geben Sie ihn mir! Na, los, los, los!«
Der Produktions-Ingenieur reichte dem Regisseur den Hörer »Da hast du jetzt die Scheiße«, sagte er. »Colledo.«
Der Regisseur meldete sich.
»Kramsky!« brüllte Conrad Colledo, Hauptabteilungsleiter für Politik und Zeitgeschehen des Senders. »Was ist los mit Ihnen? Wieder besoffen, was?«
»Ja, Herr Colledo ...«
Währenddessen hatte Ross weitergeschrien. Schminke rann ihm nun mit dem Schweiß vom Gesicht über den Hals auf das Hemd. Von Zeit zu Zeit rang er nach Luft. »Wiedervereinigung! Hören Sie, wir haben drei Kriege in siebzig Jahren angefangen! Ein vereintes Deutschland ist viel zu gefährlich. Es muß geteilt bleiben. Das ist die Meinung der ganzen Welt.«
»Wieso läuft das immer noch?« ertönte Colledos Stimme aus dem Hörer.
»Ich habe ... Wir sind ... völlig außer uns ... Wir ... Entschuldigen Sie, Herr Colledo, entschuldigen Sie, bitte!«
»Abschalten, sage ich!« schrie Colledo.
»Nicht mal Sie, Herr Woitech, nicht mal Sie wollen die Wiedervereinigung, seien Sie doch ehrlich! Wie hoch ist denn Ihr Gehalt als ...«
Ross’ Stimme brach ab. Die Monitoren in der Regiekabine flimmerten schwarz. Kramsky hatte endlich die Sendung unterbrochen. Durch die große Glasscheibe sah er, wie die drei Kameraleute, die Maskenbildnerin und die Studioarbeiter zu den beiden Männern am Tisch in der Dekoration eilten und sie zu beruhigen suchten. Auf den Monitoren erschien eine Schrift: STÖRUNG. Musik setzte ein.
»Gott sei Dank, ein normaler Mensch im Haus«, erklang Colledos Stimme aus dem Hörer. »Wer ist Abendsprecherin?«
»Die Ilse.«
»Ich rufe sie sofort an und sage ihr, was sie sagen soll. Sie kümmern sich um Ross und diesen Woitech. Der darf auf keinen Fall das Haus verlassen. Verstecken Sie ihn in einer Garderobe. Der Mann muß bewacht werden. Geben Sie ihm Sekt, Kaviar,
was weiß ich ... Auf keinen Fall dürfen Journalisten an ihn ran, bevor ich mit ihm gesprochen habe.«
»Alle Tore sind abgeschlossen, Herr Colledo.« »Übers Telefon, meine ich, Sie besoffener Lump! Das haben
Sie absichtlich gemacht, geben Sie es zu!«
»Herr Colledo, ich schwöre ...«
»Jajaja. Keiner von Ihnen geht fort! Ich fahre sofort los. In dreißig Minuten bin ich im Sender.«